Dora Russell, geboren als Dora Winifred Black am 3. April 1894 in Thornton Heath bei London, gestorben mit 92 Jahren am 31. Mai 1986 in Porthcurno/Cornwall, UK – war nicht nur von 1921 bis 1935 die Ehefrau und Coautorin von Bertrand Russell (1872–1970), sondern auch bekannt als originäre Autorin philosophischer, pädagogischer und feministischer Schriften, als kämpferische Feministin, Politikerin und Friedensaktivistin im Kalten Krieg, Schulleiterin einer progressiven weltlichen Schule, Mitglied und Aktivistin der freidenkerischen, säkularistischen und humanistischen Bewegung.
Dora wurde in eine Familie der oberen Mittelklasse geboren. Ihre Eltern vertraten progressive Ansichten und ermöglichten ihren Mädchen die gleichen Bildungschancen, wie sie damals meist nur begüterte Jungen erlangen konnten. Dora besuchte eine private Grundschule und die Highschool. Nach einem Jahr in einem Mädcheninternat in Deutschland erhielt sie ein Stipendium für das Girton College in Cambridge, wo sie Französisch und Deutsch studierte, und das sie 1915 mit einer First Class Honours-Auszeichnung abschloss. Schon während ihres Studiums wurde sie zur Feministin und Religionskritikerin und schloss sich gemeinsam mit Kommilitoninnen der freidenkerischen Gesellschaft Heretics Society an, die unter der Leitung des Cambridger Philosophen, Sprachwissenschaftlers und Schriftstellers Charles Kay Ogden (1889–1957) stand. Nach ihrem Studium in Cambridge begann Dora ein weiteres Studium der Französischen Sprache am University College in London.
Im Jahr 1916 lernte sie in der Friedensbewegung den damals schon bekannten Bertrand Russell kennen, den sie aktiv in seinem Kampf gegen die Wehrpflicht unterstützte. Daraus entwickelte sich eine sehr lange gemeinsame politische und publizistische Zusammenarbeit. U.a. unternahmen sie auch gemeinsame Reisen in die junge Sowjetunion, das postrevolutionäre China und nach Japan. Dora leistete viele Beiträge zu Bertrands Büchern The Practice and Theory of Bolshevism (1920) und The Problem of China (1923) und verfasste gemeinsam mit ihm das Buch The Prospects of Industrial Civilization (1923). Deren politische Übereinstimmung und Zusammenarbeit sollte trotz des Altersunterschieds nicht als ein Verhältnis von Lehrer und Schülerin gesehen werden. Dora war eine durchaus eigenständige und unabhängige Denkerin, die von den Einschätzungen Bertrands in nicht wenigen Punkten abwichen. Bei der anfänglichen Begeisterung für die politischen Verhältnisse in der jungen Sowjetunion war Bertrand deutlich skeptischer und blieb als Anhänger der Labour-Party immer Antikommunist. Dora war zwar nie Anhängerin des Kommunismus, noch nicht einmal klassische Marxistin, trat aber für Verständigung, Entspannung und gegen den militärischen und politischen Kalten Krieg auf. Einig waren die beiden sich jedoch in ihrer Religionskritik und dem Bekenntnis und Aktivitäten für die humanistische Bewegung. Bertrand trat öffentlich hervor in einem Vortrag 1927, veröffentlicht als Buchtitel Why I Am Not a Christian, sowie in anderen religionskritischen Büchern, worin er die zahlreichen Schwächen der Argumente für die Existenz Gottes entlarvte, das Jesus-Bild entmystifizierte und die Vorstellung widerlegte, Moral sei in irgendeiner Weise von Religion abhängig oder auf ihr begründet. Demnach gingen „Grausamkeit und Religion Hand in Hand“, da sie in Angst und Unwissenheit wurzeln. Bertrand war langjähriges Mitglied der British Humanist Association (heute Humanists UK), Mitglied in deren Beirat und bis zu seinem Tod Präsident der Cardiff Humanists. Hierin stimmte Dora mit Bertrand überein. Es gab und gibt in England verschiedene humanistische und Freethinker-Organisationen, seit 1881 um die Zeitschrift The Freethinker, ab 1866 die Secular Society und ab 1896 die British Humanist Association (heute Humanists UK).
Eine Eheschließung mit Bertrand lehnte Dora zunächst ab, da sie die Institution der Ehe als eine Beschränkung der sexuellen Freiheit und als Mittel der weiblichen Unterwerfung sah. Da Dora aber nach ihrer Rückkehr aus Asien schwanger war, heirateten sie 1921 nach erfolgter Scheidung von Bertrands erster Ehefrau. Es kamen zwei Kinder zur Welt. Die Ehe wurde nicht monogam geführt. Dora hatte noch in den Ehejahren zwei weitere Kinder mit einem anderen Mann. 1932 trennten sich Dora und Bertrand, blieben aber wissenschaftlich und politisch weiter verbunden.
Aus Ablehnung des konservativen und klerikalen britischen Schulsystems – und um ihren und anderen gleichgesinnten Kindern eine moderne libertäre und weltliche schulische Bildung zu ermöglichen, gründeten Dora und Bertrand 1927 die reformpädagogische Schule Beacon Hill School in West Sussex, die von Dora von 1927 bis 1943 geleitet wurde. Selbstverständlich fand hier kein Religionsunterricht statt, dafür fanden im Lehrplan vermehrt Naturwissenschaften, Geschichte und fortschrittliche Politik ihren Raum. Doras Konzept und Erfahrungen aus der Beacon Hill School beschrieb sie bereits 1932 in ihrem Buch In Defence of Children sowie im Band 2 ihrer dreibändigen Autobiografie The Tamarisk Tree: My School and the Years of War (1981). Dora Russell setzte sich als überzeugte Säkularistin für das Recht der Kinder auf Glück und Freiheit von religiösen Dogmen ein. In der Beacon Hill School sollte deshalb kritisches Denken, Zusammenarbeit und wissenschaftliche Neugierde gefördert werden, anstatt Gehorsam und Angst. Die Kernaspekte hiervon waren, dass die traditionellen Religionen als Quelle von Aberglauben und Irrationalität zu betrachten sind, die die rationale Bildung und persönliche Befreiung behindern. Kinder sollten von den „alten, strengen Lehren von Sünde und Strafe“ befreit werden. In Defence of Children schrieb Dora, dass „Kinder, wie Frauen und das Proletariat, eine unterdrückte Klasse sind“. Sie setzte sich für das Recht der Kinder ein, glücklich zu sein, zu entdecken und in einer liebevollen, nicht-autoritären Umgebung aufzuwachsen, anstatt als Eigentum behandelt zu werden. Die Beacon Hill School setzte ihre Ansichten um, indem sie eine säkulare, demokratische und unkonventionelle Bildung anbot, die Koedukation, Kreativität und unabhängiges Denken in den Vordergrund stellte, sowie Empathie und Humanismus. Anstelle religiöser Doktrinen sollten Empathie, Liebe und die Konzentration auf das Wohlergehen der Menschen – insbesondere das Wohlergehen von Kindern – die Grundlage für eine bessere Gesellschaft, Frieden und Bildung bilden.
Frauenwahlrecht, Emanzipation und Geburtenkontrolle waren in den 1920er Jahren hochaktuelle Themen und wurden emotional diskutiert. England war das Stammland der Suffragetten-Bewegung gewesen, angeführt von Emmeline Pankhurst (1858–1928). Ab Februar 1918 gab es in Großbritannien ein eingeschränktes Frauenwahlrecht und erst 1928 erhielten alle Frauen über 21 Jahre das volle Wahlrecht unter den gleichen Bedingungen wie die Männer. Gleiche juristische und Arbeiterrechte, ganz zu schweigen von sexueller Selbstbestimmung, Empfängnisverhütung oder Schwangerschaftsabbruch, waren erst noch gegen härteste Widerstände zu erkämpfen. Dora kämpfte hierbei an der Seite aller namhaften Frauenverbände und war eine vehemente Verfechterin der Geburtenkontrolle und des Rechts der Frauen auf Lust und Selbstbestimmung. 1929 organisierte Dora gemeinsam mit dem australischen Arzt und Sexualreformer Norman Haire (1892–1952) den aufsehenerregenden Londoner Kongress der World League for Sexual Reform, der auch von führenden Intellektuellen wie George Bernard Shaw, Margaret Sanger und Sigmund Freud besucht wurde.
Die Frage der Frauenemanzipation mit all ihren Facetten verband Dora mit philosophischer Aufklärung und dem Kampf für soziale Befreiung. Die beiden Frühwerke, ihre Bücher Hypatia: or, Woman and Knowledge (1924) und The right to be Happy (1927), dürften hierbei ihre noch heute bedeutsamen Grundlagentexte bilden. Das Buch Hypatia war Doras bedeutender feministischer Text, der den Kampf um Frauenrechte, Wissen und Gleichberechtigung unterstützte und sich dabei auf die historische Figur der Hypatia, Philosophin und Mathematikerin aus dem antiken Alexandria, stützte, einen philosophischen Diskurs über das Wesen von Männern und Frauen in der Gesellschaft führte und sich gegen die traditionellen Geschlechterrollen aussprach sowie die patriarchalischen Strukturen kritisierte, die den Fortschritt der Frauen behindern. Das wesentlich umfangreichere Buch The Right to be Happy (1927) ist, durchaus im Geist der Philosophie Epikurs, ein Plädoyer der Lebensbejahung und Glück als ein Recht für alle. Dabei betonte sie, dass das Streben nach Glück nicht nur ein individuelles Ziel, sondern die grundlegende Basis für den Aufbau einer funktionierenden Gesellschaft sein sollte, die die Interessen der Arbeiterklasse vertritt, deren Recht auf Nahrung, Arbeit, Wissen sowie sexuelle Erfüllung und Elternschaft beinhaltet. Dazu gehörte die Forderung nach einer neuen Philosophie, die auf modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Rationalismus basiere, anstatt auf traditionellen religiösen oder asketischen Werten. Ein ausführliches Kapitel des Buches befasst sich zudem mit den Kinderrechten und der Rolle der Erziehung bei der Befreiung des menschlichen Geistes. Wesentliche Ideen aus diesem Buch fanden auch Eingang in Bertrand Russells Werk The Conquest of Happiness (1930).
Dora Russell legte in diesen Frühwerken – wie auch in ihrem Spätwerk The Religion of the Machine Age (1983) – ihre konsequenten philosophischen Theorien dar, das „Recht auf Glück“ durch die untrennbaren Bestandteile und die Verbindung von Frauenemanzipation, Sozialreform mit sozialistischer Befreiung und freiem Denken, mit Religionskritik und Politik. The Religion of the Machine Age erweiterte und aktualisierte diese Themen aus der Sicht der 1970er/1980er Jahre darauf, dass die Gesellschaft nunmehr den traditionellen religiösen Glauben durch eine gefährliche, industrialisierte worship („Verehrung“) von Technologie, Geld und wissenschaftlicher Berechnung ersetzt habe, wodurch wiederum die menschlichen Werte und das Überleben bedroht seien, und warnt daher vor den technologischen Verirrungen wie Umweltvernichtung, male consciousness („männlichem Bewusstsein“), Kriege und eine neue „Religion der Maschinen“.
Dora war weiterhin vielseitig gesellschaftlich und politisch engagiert. Neben dem Einsatz für Frauenrechte, Gleichstellung und sexuelle Befreiung, trat sie vor allem für wissenschaftliche Aufklärung und für den Frieden ein. Im Jahr 1924 hatte sie ohne Erfolg bei Wahlen für die Labour Party kandidiert. Nach Spaltung der Partei 1932 blieb sie Mitglied der unabhängigen Independent Labour Party. Sie war 1932 Gründungsmitglied einer Vereinigung fortschrittlicher Organisationen und Individuen, der Federation of Progressive Societies and Individuals (FPSI) und 1934 eines Rates für bürgerliche Freiheiten, dem National Council for Civil Liberties (NCCL), sowie zahlreicher weiterer Initiativen und Organisationen. Im Gegensatz zu Bertrand Russell, der ein äußerst kritisches Verhältnis zur Sowjetunion einnahm, trat Dora für Abrüstung, Solidarität und Dialog ein, besonders in den Jahren des Kalten Krieges. Sie wurde nach dem 2. Weltkrieg zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten der britischen Friedensbewegung, war Gründungsmitglied der Campaign for Nuclear Disarmament, in der sie sich mit vielen anderen Prominenten für atomare Abrüstung einsetzte. 1958 organisierte Dora eine vielbeachtete Frauen-Friedenskarawane der Women’s Caravan of Peace durch 14 europäische Länder (die osteuropäischen Länder galten damals als „hinter dem Eisernen Vorhang“) bis nach Moskau und zurück. Ohne Unterstützung von Regierungsorganisationen unternahmen die friedensbewegten Frauen vom Permanent International Committee of Mothers (PICM), dessen Vorsitzende Dora Russell war, mit nur zwei Fahrzeugen diese abenteuerliche Rundreise. Der Reisebus trug ein mehrsprachiges Transparent mit der Inschrift in mehreren Sprachen: „Frauen aller Länder wollen Frieden“. In einem alten Armeelaster wurden Zelte, Kochutensilien und Lebensmittel transportiert. An allen Orten fanden lebhafte Begegnungen statt und es wurden Flugblätter mit den Aufrufen verteilt. Es wurde zu einer wirklichen Frauen-Friedenskarawane für Abrüstung und Verständigung zwischen Ost und West.
In den 1970er Jahren nahm Dora wieder vermehrt ihre früheren Aktivitäten für die Humanistische und Freethinker-Bewegung auf. Sie hielt Vorträge auf deren Treffen und schrieb Beiträge für die Zeitschriften The New Humanist und The Freethinker und wurde Ehrenmitglied des Rationalist Press Committee (spätere Rationalist Press Association), hervorgegangen aus einer Londoner Druckerei von Charles Albert Watts (1858–1946) und einer Gruppe von Freethinker-Persönlichkeiten, die säkulare und atheistische Schriften verbreiteten und den intellektuellen Reichtum der säkularen Bewegung hervorheben wollten. Diese veröffentlichte neben Watts’ Literary Guide (heute The New Humanist) ein breites Spektrum an wissenschaftlichen, philosophischen und freidenkerisch-humanistischen Werken. 1974 hielt Dora Russell die Eröffnungsrede auf deren Jahreskonferenz. Noch im Alter von 89 Jahren leitete Dora eine Kundgebung der Kampagne für nukleare Abrüstung in London und setzte sich bis zu ihrem Tod aktiv für den Frieden ein. Dora Russell starb am 31. Mai 1986 im Alter von 92 Jahren in Porthcurno, Cornwall. Ihre Asche wurde dort im Garten verstreut.



