Vor 200 Jahren wurde Marie Kurz als Eva Maria Freiin von Brunnow am 6. August 1826 in Ulm geboren. Die junge Adelige lebte in Esslingen und wurde bekannt als junge revolutionäre Dichterin in der Zeit 1848/1849 und als Freidenkerin. Sie heiratete den Schriftsteller, revolutionären Publizisten und Übersetzer Hermann Kurz (1813–1873). Ihre Kinder waren der Arzt, Dichter und frühe radikale Sozialist Edgar Conrad Kurz (1853–1904), der Arzt Alfred Kurz (1855–1905), der Bildhauer Erwin Kurz (1857–1931), die berühmt gewordene Schriftstellerin Isolde Kurz (1853–1944) und der jung verstorbene Garibaldi „Balde“ Kurz (1860–1882). Marie selbst war im beschaulichen Königreich Württemberg eine bekannte frühe Sozialistin (genannt „Rote Marie“), Pazifistin und Freidenkerin. Ihr 13 Jahre älterer Mann Hermann gehörte mit seinen Romanen „Schillers Heimatjahre“ (1843), „Der Sonnenwirt“ (1856) u.a. zu den Begründern des historischen, realistischen und sozialen Erzählens im deutschen Vormärz und war in der Revolutionszeit 1848/49 bereits bekannt als Dichter, Schriftsteller und revolutionärer Redakteur. Marie teilte seine Ideen und blieb immer etwas konsequenter und radikaler als er.
Aus niederem Adel stammend, wuchs Marie in Stuttgart, Ludwigsburg und auf dem Landgut der Eltern in Oberesslingen auf. Sie erhielt eine umfangreiche Bildung und wurde eine belesene Kennerin der Literatur und Verehrerin der Antike. Schon früh war sie rebellisch, pazifistisch und trat für soziale Gerechtigkeit ein. Aus Protest gegen die konventionellen Kleidervorschriften trug sie demonstrativ eine bäuerliche Tracht.
Eva Walter beschrieb in ihrer Familien-Biografie über die Jugend von Marie: „Sie hat keinen Respekt vor Autoritäten und spricht immer und überall aus, was sie denkt. Äußerlichkeiten sind ihr gleichgültig, sie hat keinen Sinn für die weibliche Kunst, sich zu schmücken. Handarbeiten sind ihr ein Gräuel. Das einfache, natürliche ist ihr wesensgemäß und sie fühlt, ganz Kind einer vorausgegangenen Epoche, ‚den Rousseauschen Drang nach Rückkehr zur allereinfachsten Natur‘ in sich. Etikette und Konventionen lehnt sie ab – wie der Vater. Trotz aller Mühen gelingt es den Erzieherinnen nicht, ihr den Drang zur körperlichen Freiheit zu nehmen. Sobald sie sich unbeobachtet fühlt, wirft sie die einengende Kleidung ab und geht in leichtem Sommerkleid umher.“
„Ihre Freigiebigkeit ist schon als Kind sehr ausgeprägt und immer versteht sie dies als Möglichkeit, ‚Gedrückten beizustehen‘ und empfindet dabei eine ‚rebellische Freude‘. Die Tochter Isolde beschreibt dies als ‚angeborenen kommunistischen Zug‘ und schon im Kindesalter aufkeimende ‚sozialistische Regungen‘.“
Marie befasste sich mit Literatur und Poesie: „Mit der Poesie gibt sich die Rastlose aber nicht zufrieden. Der Sinn des Lebens tut sich hier nicht auf. Die Frage nach dem letzten Grund der Dinge beschäftigt die Suchende. Die christliche Religion bietet ihr keine Nahrung und wird ‚unter heftigem inneren Ringen‘ verlassen. Sie nimmt sich die Philosophen vor, was ihre ‚brennende Gier‘ nicht löscht. Erst die Ideale der Achtundvierziger Revolution lösen die innere Spannung. Ein Standpunkt, von dem aus die Welt betrachtet werden kann, ist gefunden und bleibt ihr lebenslang.“
Die Revolutionszeit 1848/1849: „Sie besucht Volksversammlungen, verteilt Manifeste und Wahlzettel, unterstützt die Propaganda finanziell, schreibt Gedichte und hält Reden. Um sie herum bildet sich ein Kreis gleichgesinnter Jugend. Das gehört sich nicht für eine Adelige und gleich gar nicht für eine Frau!“
(Zit. nach Eva Walter: Isolde Kurz und ihre Familie. Biographie, Mühlacker 1996)
Hermann Kurz, den sie in Esslingen im Februar 1848 kennengelernt hatte, sollte sie 1851 heiraten. Schon vor der Hochzeit legte sie ihren Adelstitel ab und verband sich mit Hermann in seiner politischen und literarischen Tätigkeit, während und nach der Revolution.
Noch als unverheiratetes 22-jähriges „Fräulein von Brunnow“ schrieb sie Gedichte anlässlich der revolutionären Ereignisse („An Deutschland“, „An die Ungarn“, „Dresden“, „An Hecker“, „Totengedenken“, „Hermann, Hutten und Blum“), bekannte sich zum Freien Denken und trug anlässlich einer Feier der Freireligiösen Gemeinde Esslingen am 28.12.1848 ein selbstgedichtetes freidenkerisches Gedicht vor. Die Eßlinger Schnellpost vom 30.12.1848 berichtete über diesen aufsehenerregenden Auftritt mitsamt dem kompletten zwölfstrophigen Gedicht „Prolog“:
Die Zeit der Kämpfe ist herangebrochen.
Es ringt der neue Geist zum neuen Licht.
Schon manche Fessel hat er kühn zerbrochen,
Den Kranz der Freiheit er der Erde flicht.
Drum lasst uns froh die Geistersonne grüßen,
Die mit dem Segen bringend neuen Glut;
Die Knospe Freiheit soll zur Blüt‘ erschließen,
Auf der als Thau glänzt das vergossene Blut.
Zeit war es, dass das Dunkel sich gelichtet,
In Sturmeslaut die Völkertuba tönt,
Und dass der Willkür Größen stehe gerichtet,
Die Menschenwürde, Menschen recht verhöhnt.
Wohl ist nicht ganz gesunken noch die Hyder,
Wohl da und dort erwächst ein Haupt ihr noch;
Der Zeitgeist naht als Herkules, und nieder
Vor d i e s e m Göttersohne sinkt sie doch!
Doch sag, was nützen dir der Freiheit Güter,
Was frommt es dir, dass sank der Fürsten Macht?
Es drohen neue Fesseln dir ja wieder,
Des Wahns, des Aberglaubens finstre Macht.
Solang der Ausfluss jener Weltenseele –
Der Menschengeist sich selber denkt, – und glaubt,
Dass wenn Vernunft er sich zum Leitstern wähle,
Der Hölle Blitze zucken auf sein Haupt.
So lang er sich an Glaubensformeln schließet,
Das starre Dogma auf den Thron sich hebt,
Dem ew’gen Lichtstrom seine Augen schließet,
Hat er den Sieg der Freiheit noch nicht erstrebt.
Dem Adler gleich soll er mit Flammenschwingen,
Zur Wahrheitssonne schweben kühn und frei,
Der Isis Schleier suchen zu durchdringen,
Und stürzen kühn der Priester Tyrannei.
Ja, dann erst hat er jenen Kranz gefunden,
Der sich um Huß, der sich um Hutten wand,
Der Galileis edle Stirn umwunden,
Der Gott und Menschheit an einander band.
Die Erde lag von Dunkelheit umflossen,
Im Sklavendienste feiler Hierarchie,
Vom Himmel ward ein Lichtstrahl ausgegossen:
‚Neigt der Tiara [Papstkrone] nimmermehr das Knie.‘ …
Viele Freigeister, die sich in der Revolution engagiert hatten, mussten nach deren Niederschlagung Gefangenschaft, Repressionen und Exil ertragen. Auch die im Land Gebliebenen litten unter Berufsverboten. Ein Mitrevolutionär und ehemaliger Jugendfreund Maries, der Schriftsteller und Germanist Adolf Bacmeister (1827–1873), der in Bruchsal und auf dem Hohenasperg eingesperrt wurde, widmete Marie 1849 sein selbst illustriertes „Rothes Album“, in dessen Federzeichnungen die kämpfende Marie sich als Kämpfende wiederfinden konnte:
„Das ist der Tag des Herrn. O! läg‘ er nicht mehr fern.“
Marie und Hermann lebten nach der verlorenen Revolution unter äußerst bescheidenen Bedingungen. In Tübingen lebte die kinderreiche Familie, die Hermann als angestellter Hilfsbibliothekar bescheiden ernährte. Aber Literaten und Revolutionäre, die nach Tübingen zu Besuch kamen, pflegen regen Kontakt zur Familie Kurz. Häufige Besucher waren der Gründer der ersten deutschen Freidenker-Gemeinde in Stuttgart, der Schriftsteller Albert Dulk (1817–1884), der revolutionäre Dichter und Politiker Ludwig Pfau (1821–1894) und die Schriftstellerin und als Freidenker-Rednerin auftretende Hedwig Henrich-Wilhelmi (1833–1910). Mit ihr arbeitete Marie literarisch eng zusammen, auch durch eine umfangreiche Korrespondenz und Austausch von Manuskripten.
Marie Kurz blieb ihren revolutionären Überzeugungen treu und lehnte 1871 die Politik der Reichseinigung unter Preußen ab. Als der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck, der schon 1848 eine konterrevolutionäre Rolle gespielt hatte, 1866 einen Krieg gegen Österreich anzettelte, um die Vorherrschaft Preußens zu befestigen, verübte der Student Ferdinand Blind ein erfolgloses Attentat auf ihn. Marie Kurz widmete dem tragischen Helden Blind ein Gedicht, verbunden mit einem Aufruf an das deutsche Volk, „die ganze Tyrannei zu fällen“.
Die Kinder von Marie und Hermann, verschrien in Tübingen als „Heidenkinder“, wurden später sozial engagierte Ärzte und Künstler. Die Tochter Isolde Kurz (1853–1944) überlebte alle, wurde im Alter aber immer unpolitischer und konservativer und war deswegen nicht unumstritten. In ihren biographischen Werken berichtete sie auch immer wieder gehässig über manche Genossen der Eltern. Als Schriftstellerin war Isolde dennoch sehr erfolgreich. Ihre Erinnerungsbücher über ihre Mutter Marie „Meine Mutter“ (1926) und über ihren Vater „Das Leben meines Vaters“ (1929) sind literarisch und auch aus historischer Sicht sehr informativ. In Isoldes autobiographischem Werk „Aus meinem Jugendland“ (1918) wird über Begegnungen mit vielen bekannten Persönlichkeiten im Elternhaus und auch über Hedwig Henrich-Wilhelmi berichtet, die seit 1852 bis an Maries Lebensende eng mit Familie Kurz befreundet war.
Nach dem frühen Tod Hermanns, der wohl als erster in Tübingen überhaupt ohne einen Pfarrer bestattet wurde, zog die Familie Kurz nach Italien. 1910 kehrte Marie nach München zurück und starb dort 1911.
Literatur: Marie Kurz: Märchen (Stuttgart 1867, teilweise wiedergegeben, sowie Gedichte in: Isolde Kurz: Meine Mutter (Tübingen 1926); Hella Mohr: Die Tagebücher der Marie Kurz geb. von Brunnow; 220 Briefe von Marie Kurz an Marie Caspart; Die rot’ MARIE und ihre FINA: https://kilchb.de/hella_mohr; Stadt Reutlingen (Hrsg.): „Ich bin zwischen die Zeiten gefallen“ – Hermann Kurz, Schriftsteller des Realismus, Redakteur der Revolution, Übersetzer und Literaturhistoriker zum 175. Geburtstag. Ausstellungskatalog (Reutlingen 1988); Eva Walter: Isolde Kurz und ihre Familie. Biographie (Mühlacker 1996); Matthias Slunitschek: Eva Maria Kurz, geb. Freiin von Brunnow (1826–1911), genannt die rote Marie. Revolutionserlebnis und Lebensentwurf einer poetischen Aktivistin in: Walter Schmidt (Hrsg.): Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49 (Berlin 2016, S. 181–232); Heiner Jestrabek: Marie Kurz in: Freidenkerin und Frauenrechtlerin Maria Vérone. Biographische Porträts von 70 Freidenkerinnen Vorkämpferinnen für Frauenrechte und Freies Denken. (Heidenheim-Reutlingen 2024, S. 128–132).



