Käte Frankenthal (30. Januar 1889 – 21. April 1976)

Sexualreformerin, Ärztin, Kämpferin gegen § 218 und Dissidentin

| von
Evelin Frerk
Vor 50 Jahren, am 21. April 1976, starb Käte Frankenthal. Ihr Kampf galt dem frauenverachtenden Abtreibungsparagrafen 218 StGB. Sie kannte keine Kompromisse: „§ 218 streichen – nicht ändern“ war der Titel ihrer Broschüre. Er setzte ein klares Signal und war zugleich die Antwort auf die bürgerlichen Reformistinnen.

Käte Fran­ken­thal wuchs in Kiel in einer gut bür­ger­li­chen Fami­lie auf und wur­de nach streng jüdisch-reli­giö­sen Regeln erzo­gen. Gegen den Wil­len ihrer Eltern leg­te sie 1909 das Abitur ab und stu­dier­te Medi­zin. Aus Pro­test gegen­über den bür­ger­li­chen Kom­mi­li­to­nin­nen ließ sie sich die Haa­re kurz schnei­den, rauch­te, trank und lern­te Kampf­sport­ar­ten. Sie trat nach dem Stu­di­um in die SPD ein, die damals eine sozia­lis­ti­sche Par­tei war, aber mehr­heit­lich den Ers­ten Welt­krieg unter­stütz­te. Käte Fran­ken­thal lehn­te den Krieg ab und wur­de den­noch 1915 als ein­zi­ge Frau Mili­tär­ärz­tin bei der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Armee, weil sie den Sol­da­ten medi­zi­nisch zur Sei­te ste­hen woll­te. Die deut­sche Wehr­macht nahm kei­ne Frau­en auf. Von 1915 bis 1918 arbei­te­te sie an der Front auf dem Bal­kan.

Noch vor dem Ende des Ers­ten Welt­krie­ges kehr­te sie nach Ber­lin zurück. Wäh­rend der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on leis­te­te sie den Auf­stän­di­schen auf den Stra­ßen Ber­lins ers­te ärzt­li­che Hil­fe. 1923, nach­dem ihre Eltern gestor­ben waren, trat sie aus der jüdi­schen Gemein­de aus. Die damals größ­ten­teils kon­ser­va­ti­ve Uni­ver­si­täts­kli­nik der Ber­li­ner Cha­ri­té, wo sie seit 1918 als Assis­tenz­ärz­tin beschäf­tigt war, kün­dig­te ihr 1924. Sie berief sich dar­auf, dass Frau­en auf­grund der Demo­bil­ma­chungs­ver­ord­nung von 1918 ihre Arbeits­plät­ze den Kriegs­teil­neh­mern frei­zu­ma­chen hat­ten. Ein inter­es­san­tes Ange­bot in der For­schungs­ab­tei­lung der Cha­ri­té schlug sie aus, weil der ihr vor­ge­setz­te Mann sexu­el­le Gegen­leis­tun­gen erwar­te­te. Der Kun­den­an­drang in ihrer Pri­vat­pra­xis, die sie 1925 eröff­ne­te, war groß, weil sich vie­le Frau­en lie­ber von einer Ärz­tin behan­deln las­sen woll­ten. Zudem sie auch Ehe- und Sexu­al­be­ra­tun­gen durch­führ­te, kos­ten­los Ver­hü­tungs­mit­tel ver­teil­te und ihren vor­wie­gend armen Kli­en­tin­nen bei der Beschaf­fung von Woh­nung, Nah­rung und Klei­dung half.

Auch ihre poli­ti­sche Tätig­keit inten­si­vier­te sie: Zwi­schen 1920 und 1925 war sie haupt­amt­li­che Stadt­ver­ord­ne­te im Bezirk Tier­gar­ten, wur­de 1925 in die Ber­li­ner Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung gewählt und zog 1930 als Nach­rü­cke­rin in den Preu­ßi­schen Land­tag ein. Sie setz­te sich vehe­ment für die Strei­chung des § 218 aus dem Straf­ge­setz­buch ein und erreich­te, dass in Sexu­al­be­ra­tungs­stel­len kos­ten­los Ver­hü­tungs­mit­tel abge­ge­ben wur­den, und zwar auch an ledi­ge Frau­en und an Pro­sti­tu­ier­te. Ihre For­de­rung „§ 218 strei­chen – nicht ändern“ geht auch heu­te noch (oder wie­der) über die For­de­run­gen der bür­ger­li­chen Frau­en hin­aus. 1928 wur­de sie zur Schul­ärz­tin im Stadt­teil Ber­lin-Neu­kölln gewählt und war dort auch für die Zwangs­un­ter­su­chun­gen der Pro­sti­tu­ier­ten zustän­dig. Die sonst dis­kri­mi­nier­ten Frau­en waren ihr dank­bar, dass sie von ihr – wie die ande­ren Pati­en­tin­nen auch – wür­de­voll behan­delt wur­den. 1931 trat sie wegen der Tole­rie­rungs­po­li­tik aus der SPD aus und in die Sozia­lis­ti­sche Arbei­ter­par­tei Deutsch­lands (SAP) ein.

 Nach der Macht­über­ga­be an die Nazi-Faschis­ten wur­de sie am 15. März 1933 – noch bevor das „Gesetz zur Wie­der­her­stel­lung des Berufs­be­am­ten­tums“ in Kraft trat – aus dem öffent­li­chen Dienst ent­las­sen. Die Pro­sti­tu­ier­ten hal­fen ihr dabei, sich vor den Ver­fol­gern zu ver­ste­cken, bevor sie aus Deutsch­land flie­hen konn­te. Wie vie­le ande­re Antifaschist*innen floh sie über Prag und Zürich nach Paris und von da aus nach New York, wo sie 1936 ent­kräf­tet ankam. Dort schrieb sie Arti­kel für anti­fa­schis­ti­sche Zei­tun­gen und half ande­ren Flücht­lin­gen. Lei­der wur­de ihre Appro­ba­ti­on, die sie als eine der ers­ten Frau­en in Deutsch­land erhal­ten hat­te, in den USA nicht aner­kannt. Des­halb begann sie 1943 im Alter von 54 Jah­ren ein Psy­cho­lo­gie­stu­di­um und arbei­te­te ab 1947 als Fami­li­en­the­ra­peu­tin bei der jüdi­schen Wohl­fahrts­or­ga­ni­sa­ti­on Jewish Fami­ly Ser­vice. Nach Deutsch­land woll­te sie nur noch zu Besuch kom­men. Sie starb am 21. April 1976 in New York. In Ber­lin-Rudow wur­de ein Weg nach ihr benannt.

Lite­ra­tur:
Clau­dia von Gélieu: Käte Fran­ken­thal (1889–1976), in: Gise­la Notz (Hrsg.): Weg­be­rei­te­rin­nen. Berühm­te, bekann­te und zu Unrecht ver­ges­se­ne Frau­en aus der Geschich­te, Neu-Ulm 2020, S. 222–223.

Käte Fran­ken­thal (1889–1976), in: Man­fred Ise­mey­er: Das säku­la­re Ber­lin, Ber­lin 2021, S. 54 f.

Kath­le­en M. Pear­le (Hrsg.): Käte Fran­ken­thal. Der drei­fa­che Fluch: Jüdin, Intel­lek­tu­el­le, Sozia­lis­tin. Lebens­er­in­ne­run­gen einer Ärz­tin in Deutsch­land und im Exil, Frankfurt/New York 1981.

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