Weibliche Solidarität

Von Krabbenkörben und Räuberleitern

| von
Foto: Markus Aatz

Beitragsbild: Dineslav Roydev/unsplash

Was wäre, wenn weibliche Solidarität zur gelebten Praxis würde – im Büro, in der Politik, im Alltag? Würden sich die Machtverhältnisse verschieben? Nicht durch Kampf gegen andere, sondern durch Stärke füreinander.

Frau­en sind nicht nur die Hälf­te der Mensch­heit – sie sind evo­lu­tio­när betrach­tet die tra­gen­de Säu­le der Art. Und den­noch spie­gelt sich die­se Bedeu­tung kaum in den Macht­ver­hält­nis­sen unse­rer Gesell­schaft wider. War­um ist das so? Ein Teil der Ant­wort liegt in sozia­len Mus­tern, die tief in unse­re Erzie­hung und unser Selbst­bild ein­ge­schrie­ben sind – und die wir erst ver­ste­hen müs­sen, bevor wir sie ver­än­dern kön­nen.

Der Krabbenkorb-Effekt – und sein Gegenmittel

Wirft man meh­re­re Krab­ben in einen Korb, schafft es kei­ne, zu ent­kom­men. Nicht, weil der Korb zu hoch wäre, son­dern weil die ande­ren sie immer wie­der her­un­ter­zie­hen. Die­ses Bild beschreibt ein sozia­les Phä­no­men, das Ver­hal­tens­for­schung und femi­nis­ti­sche Theo­rie glei­cher­ma­ßen ken­nen: Frau­en, die sich gegen­sei­tig klein­hal­ten, statt sich zu stüt­zen. Aber die­ses Mus­ter ist kein Cha­rak­ter­merk­mal – es ist das Ergeb­nis von Struk­tu­ren, die Frau­en über Jahr­hun­der­te in Kon­kur­renz zuein­an­der gebracht haben: um Aner­ken­nung, um Res­sour­cen, um die „bes­se­ren Par­tien“, um die weni­gen Plät­ze an der Spit­ze, die für sie vor­ge­se­hen waren.

Män­ner hin­ge­gen bedie­nen sich seit jeher der Räu­ber­lei­ter: Sie stüt­zen ein­an­der, bau­en Netz­wer­ke, schie­ben sich gegen­sei­tig nach oben – nicht aus purer Nächs­ten­lie­be, son­dern weil sie ver­stan­den haben, dass kol­lek­ti­ver Auf­stieg auch dem Ein­zel­nen nützt. Was wäre, wenn Frau­en die­se Logik kon­se­quent auf sich selbst anwen­den wür­den? Wenn weib­li­che Soli­da­ri­tät zur geleb­ten Pra­xis wür­de – im Büro, in der Poli­tik, im All­tag? Wür­den sich die Macht­ver­hält­nis­se ver­schie­ben? Nicht durch Kampf gegen ande­re, son­dern durch Stär­ke für­ein­an­der.

Wer hat uns beigebracht, so zu denken?

Wenn wir fra­gen, war­um Gleich­stel­lung so lang­sam vor­an­kommt, rich­ten wir den Blick oft nach außen: auf Geset­ze, Struk­tu­ren, Unter­neh­men. Aber es lohnt sich, auch nach innen zu schau­en – in die Fami­li­en, in die Erzie­hung, in die Wer­te, die wir still­schwei­gend wei­ter­ge­ben. Frau­en über­neh­men seit jeher männ­li­che Moral­vor­stel­lun­gen und ver­tei­di­gen sie oft enga­gier­ter als Män­ner selbst. Wer in einem Sys­tem auf­wächst, das bestimm­te Rol­len als natür­lich oder erstre­bens­wert dar­stellt, inter­na­li­siert die­se Wer­te: Sie füh­len sich nicht wie Mei­nun­gen an, son­dern wie Tat­sa­chen.

Sicht­bar wird das beim Phä­no­men der „Trad­wi­ves“: jun­ge Frau­en, die öffent­lich für eine Rück­kehr in die Haus­frau- und Mut­ter­rol­le ein­tre­ten. Was auf den ers­ten Blick wie freie Ent­schei­dung wirkt, ist häu­fig das Ergeb­nis eines tief ver­an­ker­ten Nar­ra­tivs: dass eine Frau ihren Wert über Für­sor­ge und Unter­ord­nung defi­niert. Selbst­be­stim­mung bedeu­tet das Recht, jede Lebens­form zu wäh­len, auch eine tra­di­tio­nel­le. Aber sie setzt vor­aus, dass man die Alter­na­ti­ven über­haupt kennt. Es setzt auch vor­aus, dass Frau­en sich der Fol­gen ihrer Wahl bewusst sind, dass bei­spiels­wei­se das unge­si­cher­te Schei­tern einer solch tra­di­tio­nel­len Ver­bin­dung Alters­ar­mut bedeu­ten kann. Und das beginnt in der Erzie­hung.

Solidarität im Alltag – und eine neue Vorstellung von Familie

Weib­li­che Soli­da­ri­tät bedeu­tet auch: Frau­en ent­las­ten ein­an­der – prak­tisch, all­täg­lich, ohne Auf­he­bens. Das Modell der Klein­fa­mi­lie, in der Müt­ter die allei­ni­ge emo­tio­na­le und logis­ti­sche Last tra­gen, ist his­to­risch ein Son­der­fall. „It takes a vil­la­ge to rai­se a child” (Es braucht ein gan­zes Dorf, um ein Kind groß­zu­zie­hen.) – die­ser Satz ent­hält eine tie­fe Wahr­heit: Gemein­schaft und geteil­te Ver­ant­wor­tung sind kei­ne nost­al­gi­schen Uto­pien, son­dern das, was funk­tio­niert. Wer auf eige­nen Bei­nen steht und sich nicht in Kon­kur­renz um Res­sour­cen befin­det, kann koope­rie­ren statt riva­li­sie­ren.

Wandel beginnt zu Hause

Wan­del beginnt nicht in Par­la­men­ten oder Unter­neh­men, Wan­del beginnt am Küchen­tisch, im Kin­der­zim­mer, in den Gesprä­chen mit unse­ren Kin­dern. Müt­ter, die ihre Töch­ter zu einem selbst­be­stimm­ten Leben anlei­ten, geben ihnen das wich­tigs­te Werk­zeug mit: das Bewusst­sein, dass ihr Leben ihnen gehört. Dass sie nicht auf Erlaub­nis war­ten müs­sen. Dass ihre Ambi­tio­nen, Mei­nun­gen und Gren­zen gül­tig sind – unab­hän­gig von den Erwar­tun­gen ande­rer.

Gleich­zei­tig erzie­hen Müt­ter auch Söh­ne. Sie haben es in der Hand, ihre Söh­ne zu freund­li­chen und respekt­vol­len Män­nern zu erzie­hen. Und Väter tra­gen eine eben­so unver­zicht­ba­re Ver­ant­wor­tung: Kin­der beob­ach­ten genau, wie ihr Vater mit ihrer Mut­ter umgeht. Begeg­net er ihr auf Augen­hö­he? Teilt er Haus­ar­beit und Für­sor­ge als Selbst­ver­ständ­lich­keit? Hört er zu? Kann er Gefüh­le zei­gen und regu­lie­ren? All­täg­li­che Ges­ten prä­gen das Bild von Bezie­hun­gen nach­hal­ti­ger als jeder Schul­un­ter­richt, jeder Vor­trag.

Solidarität ist keine Schwäche

Soli­da­ri­tät ist die wir­kungs­volls­te Ant­wort auf ein Sys­tem, das Frau­en seit jeher gegen­ein­an­der aus­ge­spielt hat. Es liegt an uns, den Krab­ben­korb hin­ter uns zu las­sen und gemein­sam die Lei­ter zu bau­en. Das ist kei­ne klei­ne Auf­ga­be. Aber es ist eine, bei der jede und jeder von uns anfan­gen kann – und muss. Auch die anstän­di­gen Män­ner, die uns schon immer selbst­ver­ständ­lich und part­ner­schaft­lich unter­stützt haben, ohne eine gro­ße Sache dar­aus zu machen, brau­chen wir heut­zu­ta­ge beson­ders.

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Ähnliche Beiträge

Cover des Beiheftes zur Ausstellung „Humanismus. Geschichte und Gegenwart. Der lange Weg zu Toleranz und Gleichberechtigung“ des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Landesverband Berlin, 2006
Eine Kritik am „säkularen Humanismus“
Humanismus noch immer in der Aufklärung
Humanismus wird als historisch gewachsene Kulturauffassung von Barmherzigkeit, Bildung und Menschlichkeit verstanden, die sich in unterschiedlichen Traditionen und Formen praktischer Humanität zeigt und nicht auf Religionskritik oder Säkularisierung verkürzt werden kann. Die Rede vom „säkularen Humanismus“ führt dagegen zu einer Engführung auf Aufklärung und Freidenkerei und verdeckt die Breite seiner kulturellen und sozialen Praxis – so die Kritik von Horst Groschopp.
Beitrag lesen »
Liebknecht 200
200. Geburtstag von Wilhelm Liebknecht
Vertrauen in die Gestaltungskraft des Menschen
Bildung als Grundrecht, die Trennung von Staat und Kirche und der Glaube an die Gestaltungskraft des Menschen: Wilhelm Liebknechts Denken verbindet zentrale Prinzipien des modernen Humanismus. Wir dokumentieren die Rede von Dr. Felicitas Tesch, stellvertretende Präsidentin des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg, aus Anlass des 200. Geburtstags Liebknechts am 29. März 2026 auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde.
Beitrag lesen »
Berlin,_Berliner_Dom_Spitze_NIK_4370
Eine Einordnung von Erwin Kress
Staatsleistungen an Kirchen und Kirchensteuer – ein humanistisches Thema?
Die sogenannten althistorischen Staatsleistungen an die Kirchen und der Kirchensteuereinzug durch den Staat beschäftigen seit Jahren gesellschaftliche Akteure, politische Parteien und den Bundestag. Auch für den Humanistischen Verband Deutschlands bleibt die Frage relevant: Welche politischen und rechtlichen Prinzipien liegen diesen Zahlungen zugrunde, und welche Lösungsansätze sind für Staat, Kirche und Gesellschaft denkbar?
Beitrag lesen »
Nach oben scrollen