Es gibt Morgen, an denen der erste Blick aufs Handy schon genügt. Bevor der erste Tropfen Kaffee in der Tasse ist, überschwemmen uns verheerende Nachrichten: Kriege, Krisen, soziale Spannungen, entmutigende Prognosen. Vieles, was lange fern schien, ist erschreckend nah gerückt – nicht nur in die politischen Debatten, sondern an den Küchentisch, in alltägliche Gespräche und schlaflose Gedanken. Unsicherheit ist längst nicht mehr nur eine private Erfahrung. Sie ist zu einer Signatur der Gegenwart geworden.
Gerade in dieser Zeit ist das Wort „Resilienz“ so beliebt, weil es Halt verspricht. Das klingt vernünftig. Wäre da nicht dieser manchmal mitschwingende Verdacht gegen alles, was zu weich ist: gegen Erschöpfung, Zweifel und Verwundbarkeit. Gelobt sei, was uns hart macht. Oder doch zumindest flexibel genug, um weiter zu funktionieren.
Der Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio hält diesem Denken eine andere Sicht auf den Menschen entgegen. Im Zentrum seiner Überlegungen steht die These, dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist, sondern ein Grundmerkmal des Menschseins. Menschen sind nicht vollständig autonom und unabhängig. Sie sind immer auch auf andere angewiesen. Genau dieses Angewiesensein ist für Maio kein Defizit, sondern die Grundlage für Beziehung, Mitgefühl und menschliche Würde.
Die Menschlichkeit des Angewiesenseins
Hier liegt das Missverständnis unserer Zeit. Verletzlichkeit erscheint vielen immer noch als Mangel, als peinlicher Rest, den man möglichst schnell loswerden sollte. Dabei gehört sie schon immer zum Menschsein selbst.
Wir kommen nicht stark zur Welt, sondern bedürftig. Wir lernen sprechen, weil andere mit uns sprechen. Wir lernen Vertrauen, weil uns jemand fürsorglich in den Armen hält. Und auch später bleiben wir auf Kontakt und Resonanz angewiesen: auf Zuwendung, auf Schutz, auf Menschen, die uns nicht sofort verurteilen, wenn wir an etwas scheitern.
Maio kritisiert deshalb auch einen missverstandenen Autonomiebegriff. Er stellt die verbreitete Vorstellung infrage, ein gelingendes Leben bestehe vor allem darin, möglichst unabhängig, stark und souverän zu sein. Wer Autonomie mit Unabhängigkeit verwechselt, wertet aus seiner Sicht verletzliches oder angewiesenes Leben ab. Gerade weil der Mensch ein auf andere bezogenes Wesen ist, lässt sich Autonomie für Maio nur in Beziehungen wirklich realisieren. Deshalb setzt er auf ein Menschenbild, das Zerbrechlichkeit, Bedürftigkeit und gegenseitige Sorge ernst nimmt. Gerade weil Menschen verwundbar sind, brauchen sie Respekt, Achtung und echte Zuwendung.
Verletzlichkeit, die füreinander öffnet
Verletzlichkeit ist nicht nur das, was uns bedroht. Sie macht Nähe erst möglich. Liebe und Freundschaft sind ohne Offenheit und Berührbarkeit kaum vorstellbar. Und wirkliches Mitgefühl entsteht nicht aus Stärke, sondern aus der Ahnung: Der andere ist aus dem gleichen Stoff wie ich. Und keinem härteren.
Das Konzept der Resilienz komplett über Bord zu werfen, empfiehlt sich nicht. Wohl aber, jene Interpretation kritisch zu hinterfragen, die diesen Begriff mit der Verpflichtung zur Selbstoptimierung gleichsetzt. Stattdessen bezeichnet Resilienz dann nicht die Aufhebung menschlicher Vulnerabilität, sondern die Fähigkeit, inmitten von Verletzlichkeit, Erschütterung und konkretem Verletztsein so zu leben und zu handeln, dass ein gelingendes Leben offenbleibt. Die Fähigkeit, berührbar zu bleiben, ohne daran zu zerbrechen. Die Bereitschaft, bei aller Suche nach eigener Widerstandsfähigkeit die eigene Angewiesenheit nicht zu verstecken – und die der anderen nicht gering zu schätzen.
Kein Mensch ist eine Insel, heißt es. Darin steckt die tiefe Einsicht, dass niemand sich selbst genügt. Was uns antastbar macht, trennt uns nicht voneinander. Es verbindet uns. Gerade darin liegt, leise und unspektakulär, unsere eigentliche Würde.




1 Kommentar zu „Die Würde des Menschen ist Antastbarkeit“
Schöner Beitrag, absolut richtig.
Als pflegende Angehörige ist das für mich gelebte Realität.
Ich erlebe oft, dass unser achtsamer Umgang miteinander als etwas Besonderes wahrgenommen wird. Dabei zeigt sich gerade im Angewiesensein, was Menschlichkeit ausmacht.