Mensch sein

Die Würde des Menschen ist Antastbarkeit

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Die Hoffotografen

Beitragsbild: Lilia Maria/unsplash

Wir leben in einer Zeit, die Stärke bewundert und Selbstoptimierung zum Allheilmittel erklärt. Doch Menschlichkeit beginnt dort, wo wir aufhören, Verwundbarkeit für einen Makel zu halten.

Es gibt Mor­gen, an denen der ers­te Blick aufs Han­dy schon genügt. Bevor der ers­te Trop­fen Kaf­fee in der Tas­se ist, über­schwem­men uns ver­hee­ren­de Nach­rich­ten: Krie­ge, Kri­sen, sozia­le Span­nun­gen, ent­mu­ti­gen­de Pro­gno­sen. Vie­les, was lan­ge fern schien, ist erschre­ckend nah gerückt – nicht nur in die poli­ti­schen Debat­ten, son­dern an den Küchen­tisch, in all­täg­li­che Gesprä­che und schlaf­lo­se Gedan­ken. Unsi­cher­heit ist längst nicht mehr nur eine pri­va­te Erfah­rung. Sie ist zu einer Signa­tur der Gegen­wart gewor­den.

Gera­de in die­ser Zeit ist das Wort „Resi­li­enz“ so beliebt, weil es Halt ver­spricht. Das klingt ver­nünf­tig. Wäre da nicht die­ser manch­mal mit­schwin­gen­de Ver­dacht gegen alles, was zu weich ist: gegen Erschöp­fung, Zwei­fel und Ver­wund­bar­keit. Gelobt sei, was uns hart macht. Oder doch zumin­dest fle­xi­bel genug, um wei­ter zu funk­tio­nie­ren.

Der Medi­zin­ethi­ker Prof. Dr. Gio­van­ni Maio hält die­sem Den­ken eine ande­re Sicht auf den Men­schen ent­ge­gen. Im Zen­trum sei­ner Über­le­gun­gen steht die The­se, dass Ver­letz­lich­keit kei­ne Schwä­che ist, son­dern ein Grund­merk­mal des Mensch­seins. Men­schen sind nicht voll­stän­dig auto­nom und unab­hän­gig. Sie sind immer auch auf ande­re ange­wie­sen. Genau die­ses Ange­wie­sen­sein ist für Maio kein Defi­zit, son­dern die Grund­la­ge für Bezie­hung, Mit­ge­fühl und mensch­li­che Wür­de.

Die Menschlichkeit des Angewiesenseins

Hier liegt das Miss­ver­ständ­nis unse­rer Zeit. Ver­letz­lich­keit erscheint vie­len immer noch als Man­gel, als pein­li­cher Rest, den man mög­lichst schnell los­wer­den soll­te. Dabei gehört sie schon immer zum Mensch­sein selbst.

Wir kom­men nicht stark zur Welt, son­dern bedürf­tig. Wir ler­nen spre­chen, weil ande­re mit uns spre­chen. Wir ler­nen Ver­trau­en, weil uns jemand für­sorg­lich in den Armen hält. Und auch spä­ter blei­ben wir auf Kon­takt und Reso­nanz ange­wie­sen: auf Zuwen­dung, auf Schutz, auf Men­schen, die uns nicht sofort ver­ur­tei­len, wenn wir an etwas schei­tern.

Maio kri­ti­siert des­halb auch einen miss­ver­stan­de­nen Auto­no­mie­be­griff. Er stellt die ver­brei­te­te Vor­stel­lung infra­ge, ein gelin­gen­des Leben bestehe vor allem dar­in, mög­lichst unab­hän­gig, stark und sou­ve­rän zu sein. Wer Auto­no­mie mit Unab­hän­gig­keit ver­wech­selt, wer­tet aus sei­ner Sicht ver­letz­li­ches oder ange­wie­se­nes Leben ab. Gera­de weil der Mensch ein auf ande­re bezo­ge­nes Wesen ist, lässt sich Auto­no­mie für Maio nur in Bezie­hun­gen wirk­lich rea­li­sie­ren. Des­halb setzt er auf ein Men­schen­bild, das Zer­brech­lich­keit, Bedürf­tig­keit und gegen­sei­ti­ge Sor­ge ernst nimmt. Gera­de weil Men­schen ver­wund­bar sind, brau­chen sie Respekt, Ach­tung und ech­te Zuwen­dung.

Verletzlichkeit, die füreinander öffnet

Ver­letz­lich­keit ist nicht nur das, was uns bedroht. Sie macht Nähe erst mög­lich. Lie­be und Freund­schaft sind ohne Offen­heit und Berühr­bar­keit kaum vor­stell­bar. Und wirk­li­ches Mit­ge­fühl ent­steht nicht aus Stär­ke, son­dern aus der Ahnung: Der ande­re ist aus dem glei­chen Stoff wie ich. Und kei­nem här­te­ren.

Das Kon­zept der Resi­li­enz kom­plett über Bord zu wer­fen, emp­fiehlt sich nicht. Wohl aber, jene Inter­pre­ta­ti­on kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, die die­sen Begriff mit der Ver­pflich­tung zur Selbst­op­ti­mie­rung gleich­setzt. Statt­des­sen bezeich­net Resi­li­enz dann nicht die Auf­he­bung mensch­li­cher Vul­nerabi­li­tät, son­dern die Fähig­keit, inmit­ten von Ver­letz­lich­keit, Erschüt­te­rung und kon­kre­tem Ver­letzt­sein so zu leben und zu han­deln, dass ein gelin­gen­des Leben offen­bleibt. Die Fähig­keit, berühr­bar zu blei­ben, ohne dar­an zu zer­bre­chen. Die Bereit­schaft, bei aller Suche nach eige­ner Wider­stands­fä­hig­keit die eige­ne Ange­wie­sen­heit nicht zu ver­ste­cken – und die der ande­ren nicht gering zu schät­zen.

Kein Mensch ist eine Insel, heißt es. Dar­in steckt die tie­fe Ein­sicht, dass nie­mand sich selbst genügt. Was uns antast­bar macht, trennt uns nicht von­ein­an­der. Es ver­bin­det uns. Gera­de dar­in liegt, lei­se und unspek­ta­ku­lär, unse­re eigent­li­che Wür­de.

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1 Kommentar zu „Die Würde des Menschen ist Antastbarkeit“

  1. Schö­ner Bei­trag, abso­lut rich­tig.

    Als pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge ist das für mich geleb­te Rea­li­tät.

    Ich erle­be oft, dass unser acht­sa­mer Umgang mit­ein­an­der als etwas Beson­de­res wahr­ge­nom­men wird. Dabei zeigt sich gera­de im Ange­wie­sen­sein, was Mensch­lich­keit aus­macht.

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