Gleich zwei Ereignisse zum Thema Humanismus und Säkularität gab es in der SPD im Januar dieses Jahres. Zum einen hatte die neu gewählte erste Sprecherin für Säkularität und Humanismus der SPD-Bundestagsfraktion, Kathrin Michel, zu einem entsprechenden Empfang am Freitag, den 16. Januar 2026 in den Marie-Juchacz-Saal im Reichstagsgebäude eingeladen. Und am darauffolgenden Wochenende fand im Berliner Willy-Brandt-Haus die Jahrestagung des Arbeitskreises Säkularität und Humanismus mit den Neuwahlen des Vorstandes statt.
Säkularitätspolitischer Empfang
Bereits in ihrem Einladungsschreiben hatte Kathrin Michel die Linie vorgegeben: „Säkular bezieht sich hier vor allem auf den säkularen Staat – solidarisch wollen wir gemeinsam mit den Religionsgemeinschaften den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und den Frieden sichern und dazu müssen und wollen wir dialogbereit sein und auch strittige Themen miteinander diskutieren.“ Zwei Themen standen im Zentrum:
- Ablösung der althistorischen Staatsleistungen an die Kirchen
- Einbeziehung von säkularen/humanistischen Organisationen in das Format der bisher interreligiösen Gespräche.
Über 60 Interessierte waren aus vielen Teilen des Bundesgebietes gekommen.
Die erste Diskussionsrunde zur Ablösung der Staatsleistungen wurde moderiert von der bisherigen Sprecherin des SPD-Arbeitskreises für Säkularität und Humanismus, der Bundestagsabgeordneten und Juristin Carmen Wegge aus München. Sie verwies gleich zu Beginn darauf, dass ein entsprechender Gesetzentwurf der alten Ampelkoalition bereits gescheitert war. Der Journalist Carsten Frerk von der „Forschungsgruppe Weltanschauung in Deutschland“ der Giordano-Bruno-Stiftung gab einen profunden Überblick über den Anachronismus, dass nach über 200 Jahren die Kirchen noch immer für säkularisierte Besitztümer unter Napoleon entschädigt würden: Jährlich in Deutschland aktuell mit etwa 660 Millionen Euro. Dabei sah bereits die Weimarer Reichsverfassung eine entsprechende „Ablösung“ vor, wortgleich auch das Grundgesetz. Geschehen aber sei bis heute nichts. Juristisch interessant: Diese Ablösung kann nur auf der Ebene der Bundesländer geschehen. Und diese blockierten bisher. Nötig wäre daher ein Bundesgesetz, das die Länder hierzu ermächtigt. Ähnlich argumentierte auch Hannes Haupt vom entsprechenden SPD-Arbeitskreis.
Der rechtspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, Dr. Konstantin von Notz, wiederum konstatierte, dass sich bei allem Verständnis in der Sache die „Freunde von der SPD“ damit gleich „das steilste Thema“ vorgenommen hätten. Und er warb für eine wertschätzende Grundhaltung gegenüber dem sozialpolitischen und demokratieerhaltenden Engagement der Kirchen, das man in dieser Debatte „antizipieren“ müsse, zumal auch Teile der AfD diese Ablösung forderten, wie etwa in Sachsen-Anhalt.
Das zweite Panel wurde von der Co-Sprecherin des genannten SPD-Arbeitskreises und ehemaligen Staatssekretärin in Berlin, Sabine Smentek, moderiert. Sie knüpfte direkt an die Aussagen des Grünen-Abgeordneten von Notz an und betonte ebenfalls, bei allem Dissens die Kirchen „als Bündnispartner zur Rettung der Demokratie“ anzusehen.
Hier wurde die Debatte geprägt vom sehr engagierten Auftritt des ehemaligen Lehrers und Autors sowie Sprechers des Zentralrates der Konfessionsfreien, Philipp Möller. Er warnte eindringlich vor dem anwachsenden patriarchalischen Islamismus vor allem an Brennpunktschulen und bezog sich dabei auch auf eigene Erfahrungen im Zusammenhang mit Vorurteilen gegenüber Frauen bzw. Lehrerinnen. „Hier kann es weder Dialog noch Toleranz geben“, betonte Möller. Der SPD warf er einen gewissen Kulturrelativismus vor.
Im Unterschied dazu konnte der Berliner Polizist mit palästinensischen Wurzeln, SPD-Mitglied und „gläubiger Moslem“, Yasin Khalife, solche Erfahrungen nicht bestätigen, obwohl auch er an einer sehr schwierigen Schule gewesen sei. Für ihn gehe es vor allem um genau diese Dialogfähigkeit der verschiedenen Kulturen und Ethnien. Jenseits aller religiösen Narrative müssten auf der Basis der Menschenrechte genau solche Dialogräume überhaupt erst geschaffen werden.
Ähnlich argumentierte auch der Vertreter des Humanistischen Verbandes, Bundesvorstand und Geschäftsführer des Verbandes in Stuttgart, Andrée Gerland, der das bekannte Zitat der Holocaustüberlebenden Margot Friedländer in den Mittelpunkt stellte: „Seid ein Mensch“. Für Gerland sei eine „Kultur der Ähnlichkeit“ wichtiger als eine „Kultur der Differenz“. Es gehe darum, das Eigene mit dem Fremden in Kontakt zu bringen. Humanismus sei Demokratiearbeit. Auf dieser Grundlage biete sein Verband auch die breite Palette humanistischer Praxis an: von den Jugendfeiern bis zu weltlichen Bestattungen, von Humanistischen Kitas, dem Unterricht in Lebenskunde bis zur Humanistischen Hochschule in Berlin.
Jahrestagung des Arbeitskreises Säkularität und Humanismus
Am darauf folgenden Samstag, den 17. Januar 2026, schloss sich die Jahrestagung des Bundesarbeitskreises Säkularität und Humanismus der SPD an. In einem Grußwort der stellvertretenden Präsidentin des Europaparlamentes, Katarina Barley, die per Video zugeschaltet war, betonte diese, dass die Gründung dieses Arbeitskreises im Jahr 2022 einen historischen Durchbruch in der SPD-Geschichte nach dem 2. Weltkrieg darstelle. Erstmals hätten damit auch die säkulare und humanistische Strömung eine Stimme in ihrer Partei. Als Mitglied des Parteivorstandes fühle sie sich diesem Arbeitskreis engstens verbunden.
In 6 Workshops diskutierten die etwa 50 Angereisten folgende Themen: Ethik-Unterricht in den Schulen, weltliche Lebensbegleitung in Institutionen, Suizidhilfe, Staatsleistungen an die Kirchen, politischer Islam und regionale Vernetzung. Im Workshop zur weltlichen Lebensbegleitung konnte der Vertreter der Humanistischen Militärseelsorge aus den Niederlanden, Gerjos Hengelaar, begrüßt werden, der über die jahrzehntelangen Erfahrungen in diesem Bereich berichtete. Vor allem verwies er darauf, dass es ein solches Angebot auch schon in den Armeen Belgiens, Norwegens und in Großbritannien gebe und die Einführung in der Deutschen Bundeswehr überfällig sei.
Der zweite Teil der Tagung wurde als offizielle Mitgliederversammlung organisiert. Hier standen die Wahlen zum neuen Vorstand im Mittelpunkt. Als Sprecherin wurde Sabine Smentek aus Berlin erneut bestätigt. Für Carmen Wegge wurde der Hamburger Gerhard Lein, der viele Jahre Mitglied der Hamburger Bürgerschaft war, als Co-Sprecher gewählt. Im 16-köpfigen Gesamtvorstand sind fast alle Bundesländer vertreten. Darüber hinaus beschloss die Versammlung zwei Anträge. Zum einen als Unterstützung des Bund-Länder-Aktionsplanes zur Bekämpfung von Islamismus und Extremismus. Zum anderen ein Gesetzentwurf für die SPD-Bundestagsfraktion für ein „Grundsätzegesetz zur Ablösung der Staatsleistungen“ an die Kirchen. Am darauffolgenden Sonntag referierte der Religions- und Kultursoziologe Dr. Detlef Pollack über internationale Entwicklungslinien von Religiosität in der Gesellschaft.
Dr. Bruno Osuch ist Bundesbeauftragter für politische Kommunikation des Humanistischen Verbandes Deutschlands – Bundesverband und wurde erneut in den Vorstand des SPD-Arbeitskreises Säkularität und Humanismus gewählt.



