„Von der Freidenkerei zur Volksbildung“

Akademie des Freien Gedankens als Grundgerüst einer humanistischen Hochschule

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Wie entstand die Idee einer konfessionsfreien humanistischen Akademie? In „Von der Freidenkerei zur Volksbildung“ vertieft Horst Groschopp die Analyse der vielfältigen Aktivitäten Arthur Pfungsts. Der hier vorgestellte Abschnitt dokumentiert den historischen Richtungsstreit um sein Erbe: Akademie des freien Gedankens oder Volksbildung?

Vorbemerkung

Die Huma­nis­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin (heu­te Ber­lin-Bran­den­burg) ent­stand im Mai 1997. Par­al­lel erschien mein Buch „Dis­si­den­ten, Frei­den­ke­rei und Kul­tur in Deutsch­land“, dar­in die ers­te Beschäf­ti­gung mit Arthur Pfungst. Er war es auch, von dem die Idee einer sol­chen Aka­de­mie stamm­te. Des­halb ent­hielt die öffent­lich vor­ge­stell­te Begrün­dung, eine sol­che Aka­de­mie zu grün­den, meh­re­re Bezü­ge zu Arthur Pfungst, die noch heu­te im Netz zu fin­den sind.[1] Die „dies­seits“ berich­te­te aus­führ­lich.[2]

Drei Auf­ga­ben wur­den der Aka­de­mie gestellt: Ers­tens Her­aus­ga­be einer Zeit­schrift und wei­te­rer Schrif­ten über Huma­nis­mus; zwei­tens Her­stel­len von Arbeits­kon­tak­ten zwi­schen Wis­sen­schaft­lern und HVD; drit­tens Orga­ni­sa­ti­on von Kon­fe­ren­zen über huma­nis­ti­sche The­men, die stra­te­gi­sche Fra­gen der HVD-Tätig­keit betref­fen.

Die nun vor­lie­gen­de Publi­ka­ti­on „Von der Frei­den­ke­rei zur Volks­bil­dung“ ver­tief­te die Ana­ly­se der viel­fäl­ti­gen Akti­vi­tä­ten von Arthur Pfungst. Dazu gehör­te auch ein his­to­ri­sches Bild sei­nes Nach­den­kens über eine (konfessions)freie huma­nis­ti­sche Aka­de­mie. Die­ser Abschnitt (im Buch, S. 113–124) wird hier im Fol­gen­den vor­ge­stellt.

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Die Idee einer rein ethisch ori­en­tier­ten Stif­tung gehör­te zum Fami­li­en­er­be. „Bereits Juli­us und sei­ne Frau Rosette reg­ten 1894 in ihrem Tes­ta­ment die ‘Grün­dung einer im Geist der huma­nen Ethik gelei­te­ten Stif­tung’ an. ‘Die­se Stif­tung soll den Namen Pfungst-Stif­tung füh­ren. Es bleibt unse­ren Kin­dern vor­be­hal­ten, ihre Art zu bestim­men’.“[3] Über den Cha­rak­ter die­ser Stif­tung scheint es, wie dann die tat­säch­li­che Aus­rich­tung nach der Grün­dung 1918 zeig­te, kei­ne Einig­keit in den Vor­stel­lun­gen der bei­den Geschwis­ter Marie und Arthur Pfungst bestan­den zu haben. Nach­dem Arthur 1912 ver­stor­ben war, wand­ten sich Rosette und Marie Pfungst von der Idee einer frei­den­ke­risch-dis­si­den­ti­schen Hoch­schu­le als dem gro­ßen Ziel ab.

Marie Pfungst setz­te sich, seit 1909 Vor­stands­vor­sit­zen­de, bis zum Tod der Mut­ter 1922 mit die­ser gemein­sam für ein Kon­zept der damals auf­kom­men­den Volks­hoch­schul­bil­dung ein, deren Ver­tre­ter sich selbst die „Neue Rich­tung“ nann­ten. Dar­auf wird zurück­zu­kom­men sein. Sich die­ser Bil­dungs­för­de­rung zu wid­men, ent­sprach der prag­ma­ti­schen, unmit­tel­bar sozi­al ein­grei­fen­den Fami­li­en­tra­di­ti­on.[4] Das hoch­flie­gen­de, das höhe­re Bil­dungs­we­sen spren­gen­de Pro­gramm einer pri­va­ten und staats­fer­nen „Frei­den­ker-Hoch­schu­le“ war den bei­den Frau­en weit­ge­hend fremd, zudem eine bis dahin voll­stän­di­ge Män­ner­sa­che, vor allem aber hät­te es dafür der Umwand­lung der Fabrik in einen rei­nen Zweck­be­trieb bedurft. Wer soll­te sich für die­sen Weg erwär­men, von den prak­ti­schen und recht­li­chen Hin­der­nis­sen ganz abge­se­hen?

Seit 1892 bestimm­te ein Gesetz die Bedin­gun­gen zur Grün­dung von „Gesell­schaf­ten mit beschränk­ter Haf­tung“ (GmbH). Das waren Wirt­schafts­be­trie­be und die Aka­de­mie-GmbH als sol­che gedacht. Die Gemein­nüt­zi­ge GmbH war noch nicht erfun­den. Sie gibt es erst seit dem 29. März 2013.

Marie Pfungst enga­gier­te sich in der bür­ger­li­chen Frau­en­be­we­gung. Zum 70. Geburts­tag von Hen­ri­et­te Fürth beton­te sie 1931 rück­bli­ckend in der Ethi­schen Kul­tur: „In all ihren Schrif­ten tre­ten immer wie­der die kul­tu­rel­len und wirt­schaft­li­chen Fra­gen in den Vor­der­grund, sie beschäf­ti­gen sie in allen Lebens­la­gen… Kei­ne ideo­lo­gi­schen For­de­run­gen, kei­ne Ansprü­che, die sich nicht ver­wirk­li­chen lie­ßen, bil­den die Aus­gangs­punk­te ihrer Betrach­tun­gen“ – und auch die von Marie Pfungst.[5]

Die end­gül­ti­ge Abkehr von der das Bil­dungs­sys­tem umwäl­zen­den Kon­zep­ti­on ihres Bru­ders, kann auf das Jahr 1916 datiert wer­den, in dem die Anhän­ger­schaft der Arthur Pfungst-Aka­de­mie, wie wir sehen wer­den, ohne Dis­kus­si­ons­teil­nah­me von Rosette und Marie Pfungst, noch ein­mal ihre zuerst 1914 ver­öf­fent­lich­ten Vor­stel­lun­gen gebün­delt in einer Bro­schü­re des NFV vor­trug.

Die Tren­nung voll­zog die Stif­tung dann vier Jah­re spä­ter, als sie zwei Jah­re bestand, im Früh­som­mer 1920. Hier ent­zog sie dem Frei­en Wort end­gül­tig­die Geld­mit­tel, falls über­haupt noch wel­che flos­sen, aber vor allem die Erlaub­nis, wei­ter im Namen des NFV zu agie­ren.[6] Als Haupt­ge­sell­schaf­te­rin der GmbH besaß sie dazu das Recht. Sie begann in die­sem Jahr, ihre eige­nen Pro­jek­te zu finan­zie­ren. Wir kön­nen mit eini­ger Plau­si­bi­li­tät ver­mu­ten, dass sich Marie Pfungst auch aus der Abtei­lung Frank­furt a.M. der DGEK schon frü­her zurück­zog, die eine Ver­samm­lung all der­je­ni­gen war, die stand­haft am gro­ßen Pro­jekt ihres Bru­ders fest­hielt.

Die Abtei­lung Frank­furt a.M. hat­te sich im Dezem­ber 1892 gegrün­det, knapp zwei Mona­te nach dem Zen­tral­ver­band DGEK in Ber­lin. Am 10. Janu­ar 1893 zähl­te der ört­li­che ethi­sche Ver­ein auf sei­ner ers­ten Mit­glie­der­ver­samm­lung fünf­zig Mit­glie­der. Die­se wähl­ten, das sei hier wie­der­holt, Arthur Pfungst zu ihrem I. und Pfar­rer Carl Saen­ger zu ihrem II. Vor­sit­zen­den. Carl Peters war Kas­sie­rer, Dr. Phil­ipp Pau­li Bei­sit­zer und Dr. Eugen Elkan Schrift­füh­rer. Kas­sen­prü­fer wur­den der Redak­teur Otto Hörth und der Stadt­ver­ord­ne­te Eli­as Hené.[7] Der Vor­stand in Frank­furt a.M. war in den fol­gen­den fast zwei Jahr­zehn­ten der Dreh- und Angel­punkt aller Akti­vi­tä­ten, die von der ethi­schen Gemein­schaft unter Arthur Pfungsts Lei­tung statt­fan­den, dar­un­ter die Lese­hal­len­be­we­gung.

Pfungst selbst, der intel­lek­tu­ell und finan­zi­ell in der Lage war, meh­re­re Pro­jek­te gleich­zei­tig zu betrei­ben, abge­se­hen von sei­ner eigent­li­chen Tätig­keit, der Lei­tung einer Fabrik, initi­ier­te um die Jahr­hun­dert­wen­de, wie wir gese­hen haben, über die­sen Vor­stand den Neu­en Frank­fur­ter Ver­lag und des­sen Publi­ka­tio­nen, steu­er­te sei­ne Inter­es­sen bei der Eini­gung der frei­den­ke­ri­schen Ver­bän­de zum Wei­ma­rer Kar­tell, über­nahm dort den Vor­sitz. Von hier ging auch das Pro­jekt der frei­en Aka­de­mie sei­ne ers­ten Schrit­te. Immer wie­der berich­te­te die Ethi­sche Kul­tur vom Ein­gang grö­ße­rer Geld­spen­den. Dar­aus und aus den Mit­teln von Pfungsts Naxos-Uni­on kamen hier üppi­ge Sum­men zusam­men, die die Hoff­nung weck­ten, ein noch grö­ße­res Werk kön­ne star­ten. Doch dann starb Arthur Pfungst plötz­lich am 3. Okto­ber 1912.

Wie meist in sol­chen Fäl­len, ver­such­ten alle Betei­lig­ten zunächst Kon­ti­nui­tät zu wah­ren, wäh­rend sie zugleich Über­le­gun­gen anstell­ten, wie es wei­ter geht. So dau­er­te es etwa ein hal­bes Jahr, bis die Ethi­sche Kul­tur am 1. August 1913 eine kur­ze Notiz über eine zwei­tä­gi­ge Gene­ral­ver­samm­lung der Abtei­lung Frank­furt a.M. ver­öf­fent­lich­te. Sie wur­de inte­ri­mis­tisch gelei­tet von Max Hen­ning, der auch den Rechen­schafts- und den Kas­sen­be­richt erstat­te­te. Das war inso­fern logisch, als er in den Jah­ren zuvor in allen Ver­lags- und Ver­eins­sa­chen die rech­te Hand von Pfungst war. Die Vor­stands­wah­len erga­ben: „ers­ter Vor­sit­zen­der Stadt­ver­ord­ne­ter Eli­as Hené, zwei­ter Vor­sit­zen­der Redak­teur Max Hen­ning, Schrift­füh­rer Juli­us Weigold[8] und Marie Pfungst, Kas­sen­füh­rer Emil Doc­tor.“[9]

Drei Num­mern spä­ter war die Notiz ein klein wenig umfäng­li­cher. Die ers­te Gene­ral­ver­samm­lung der Abtei­lung Frank­furt a.M. habe nach dem Tod von Arthur Pfungst im Juni 1913 statt­ge­fun­den. Es wur­de Eli­as Hené sein Nach­fol­ger als I. Vor­sit­zen­der und Max Hen­ning als II., 1. Schrift­füh­rer wur­de Juli­us Weigold. „Fräu­lein Marie Pfungst“ trat als 2. Schrift­füh­rer [sic] in den Vor­stand ein. Max Hen­ning hielt eine Gedenk­re­de.[10]

Die Mit­glie­der des Vor­stan­des kann­ten sich teils seit zwan­zig Jah­ren. Marie Pfungst war neu in die­sem män­ner­do­mi­nier­ten Kreis. Man woll­te sie gewin­nen, aber sicher auch erst ein­mal prü­fen. Es steht zu ver­mu­ten, dass ihr der gan­ze Vor­gang, als Erbin und Mit­be­sit­ze­rin der Fabrik, der Naxos-Uni­on, nur zum 2. Schrift­füh­rer beru­fen zu wer­den, miss­hag­te. Es muss ihr als eine Beleh­rung und Ver­ein­nah­mung erschie­nen sein. Die nächs­te Gene­ral­ver­samm­lung hät­te 1915 statt­ge­fun­den und ist wohl wegen des Krie­ges aus­ge­fal­len.

Ihre Ver­hand­lun­gen zur Ein­rich­tung einer Stif­tung began­nen bereits 1913,[11] also im zeit­li­chen Rah­men der Wahl von Marie Pfungst. Es kann ver­mu­tet wer­den, dass die vom ethi­schen Huma­nis­ten Ernst Abbe 1889 initi­ier­te Carl-Zeiss-Stif­tung in Jena als Vor­bild galt, die auch sozia­le und kul­tu­rel­le Pro­jek­te durch­führ­te. In sei­nen Erin­ne­run­gen schrieb Rein­hard Buch­wald, der im Thü­rin­gen der Wei­ma­rer Repu­blik im Minis­te­ri­um auch für Volks­hoch­schu­len zustän­dig war, bedau­ernd, dass „kei­ne ande­ren Unter­neh­mer dem Bei­spiel Abbes gefolgt sind, abge­se­hen von dem Frank­fur­ter Fabri­kan­ten Arthur Pfungst, des­sen Schwes­ter und Erbin ich noch in den zwan­zi­ger Jah­ren ken­nen­lern­te, als sie mich zur Durch­füh­rung ihrer Volks­bil­dungs­plä­ne enga­gie­ren woll­te.“[12]

Die Aus­sa­ge von Buch­wald bezog sich auf Stif­tun­gen, nicht auf das Enga­ge­ment von Indus­tri­el­len gene­rell. So war Robert Bosch in Würt­tem­berg von 1918 bis 1936 Ers­ter Vor­sit­zen­der des Ver­eins zur För­de­rung der Volks­bil­dung.[13] Das Pro­fil der dor­ti­gen Volks­hoch­schu­len unter­schied sich wesent­lich von den Ideen Edu­ard Weit­schs, die im Fol­gen­den vor­ran­gig betrach­tet wer­den.[14]

Es ist anzu­neh­men, dass ihre ers­ten Schrit­te hin zu einer Stif­tung ohne Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem ethi­schen Ver­ein statt­fan­den. Dafür spricht auch, dass die­ser gan­ze Vor­gang nur mit fach­li­chem Rat der Geschäfts­füh­rung zu bewerk­stel­li­gen war. Der Pro­ku­rist Rudolf Herbst stand die­ser gan­zen Frei­den­ke­rei wahr­schein­lich sehr fremd gegen­über, wie ihm sicher die Indienst­nah­me der gesam­ten Naxos-Uni­on für das phan­tas­ti­sche Aka­de­mie­pro­jekt suspekt erschien. Er wird Marie Pfungst ent­spre­chend bera­ten haben.[15]

Arthur Pfungst ver­folg­te in sei­nem letz­ten Lebens­jahr­zehnt die Idee einer Aka­de­mie des frei­en Gedan­kens. Eine Quel­le die­ser Idee bil­de­ten die Ver­hand­lun­gen der Eisen­acher Zusam­men­kunft der DGEK 1893. Dort trug Leo­pold von Löwen­heim erst­mals die Idee einer Aka­de­mie für ethi­sche Kul­tur vor.[16] Es war dies ein über­di­men­sio­nal gedach­tes, gera­de­zu uto­pi­sches Pro­jekt mit eige­ner Hoch­schu­le, Semi­nar­an­stal­ten (Leh­rer­bil­dungs­ein­rich­tun­gen), Schu­len, Gale­rien und Muse­en, beson­ders für das Volk – und selbst­ver­ständ­lich unent­gelt­lich. Das Pro­jekt, dann redu­zier­ter gedacht, wur­de in der DGEK und dann im Wei­ma­rer Kar­tell kon­ti­nu­ier­lich dis­ku­tiert.

Jeden­falls wur­de die Hoch­schul­idee zu einem fes­ten Bestand­teil von Pfungsts Vor­stel­lun­gen einer Aka­de­mie des frei­en Gedan­kens, die er in sei­nem Tes­ta­ment 1908 skiz­zier­te. In die Öffent­lich­keit ging er damit nicht, sie wird aber inner­fa­mi­li­är bekannt gewe­sen sein. Viel­leicht stell­te die­se Aka­de­mie auch den Haupt­grund für Arthur Pfungst dar, das Pro­jekt einer Frank­fur­ter Bür­ger­uni­ver­si­tät grund­sätz­lich zu ver­wer­fen. Er schrieb dazu in Das freie Wort: Man „ver­zich­te auf alle Zuschüs­se sei­tens der Stadt und errich­te mit den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln aus den Stif­tun­gen eine Uni­ver­si­tät Frank­furt – auf hes­si­schem Gebie­te. Nur sechs Kilo­me­ter von Frank­furt ent­fernt liegt Isen­burg.“[17]

Anger­mann gab in sei­ner Bio­gra­phie die Pfungst‘schen Absich­ten durch­aus adäquat wie­der, aller­dings ohne auf die detail­lier­ten Hin­wei­se im Tes­ta­ment ein­zu­ge­hen, wenn er es denn kann­te.[18] Die­se Aka­de­mie habe sei­ne letz­ten Lebens­jah­re erfüllt. Im Zusam­men­schluss aller frei­geis­ti­gen Ver­ei­ni­gun­gen sah er „die Orga­ni­sa­tio­nen, denen er sei­nen Geist ein­zu­flö­ßen und zu ver­er­ben wünsch­te“.

Ihre Grün­dung sah Pfungst ange­sichts der Per­so­nal­la­ge, beson­ders der geis­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen in den ver­schie­de­nen Zwei­gen der frei­heit­li­chen kon­fes­si­ons­frei­en Bewe­gun­gen, als eine Not­wen­dig­keit an. Er kam zu die­ser Erkennt­nis, obwohl er in den Ver­bän­den, in denen er ehren­amt­lich tätig war, durch­aus auf zahl­rei­che Aka­de­mi­ker traf, dar­un­ter Fried­rich Jodl, der, wie Anger­mann schreibt, „schon als Lei­ter für die geplan­te Aka­de­mie des frei­en Gedan­kens aus­er­se­hen war“ – wofür es bis­her kei­ne Bele­ge bei Pfungst selbst gibt oder bei Jodl, damals noch Pro­fes­sor in Prag. Jodl schied 1895 aus dem Haupt­vor­stand der DGEK aus und enga­gier­te sich in Wien, wo Wil­helm Bör­ner zu sei­nen Schü­lern gehör­te und alle orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­ga­ben über­nahm.[19]

1903 trat Pfungst als Bei­sit­zer in den Haupt­vor­stand ein, nach­dem Saen­ger 1901 ver­stor­ben war. Er gehör­te ihm bis zu sei­nem Tode an. In die­sem Gre­mi­um kam es zu einem Arbeits­kon­takt mit Rudolph Pen­zig. Pfungst begann, eini­ge Per­so­nen ins Ver­trau­en zu zie­hen und war in min­des­tens fünf der ange­schlos­se­nen Ver­ei­ne Mit­glied und in füh­ren­der Posi­ti­on.

Aus den in den Gesam­mel­ten Wer­ken ver­öf­fent­lich­ten Brie­fen an und von Pfungst geht dazu nichts her­vor, was zum einen an der Aus­wahl liegt, zum ande­ren, dass wohl alle dar­auf bezo­ge­ne Kor­re­spon­denz über Max Hen­ning lief. Zudem kam es der Her­aus­ge­be­rin Marie Pfungst, wie das Vor­wort offen­legt,[20] mehr dar­auf an, über die Viel­heit der Kon­tak­te von Arthur Pfungst Aus­kunft zu geben, weni­ger über die Inhal­te. Sie wird Mit­te der 1920er Jah­re kein Inter­es­se dar­an gehabt haben, über die­sen Aka­de­mie­plan im Nach­hin­ein genau­er Aus­kunft zu geben, nach­dem die Stif­tung selbst eine ande­re Rich­tung ein­ge­schla­gen hat­te. Es kam viel­mehr dar­auf an, wie noch gezeigt wird, die Tätig­keit der Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung als Umset­zung von des­sen Ideen dar­zu­stel­len.

In sei­nem Tes­ta­ment ging Pfungst nicht auf die beab­sich­tig­ten Grund­la­gen, den geplan­ten Kapi­tal­be­stand und die Struk­tu­ren die­ser GmbH ein. Er kam gleich zu deren Funk­tio­nie­ren als Wis­sen­schafts- und Lehr­be­trieb. Die Aka­de­mie soll­te gebil­det wer­den aus ange­stell­ten und frei­en, ledig­lich Vor­le­sun­gen hal­ten­den, jeden­falls her­vor­ra­gen­den geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Leh­rern.

Wahr­schein­lich infor­mier­te Marie Pfungst 1913 den Vor­stand der Abtei­lung Frank­furt a.M., was sehr unsi­cher ist, dass sie begon­nen hat, eine Stif­tung zu grün­den. Das ver­setz­te die Anhän­ger­schaft des Aka­de­mie­ge­dan­kens im Früh­jahr 1914 in eine gewis­se Unru­he und erzwang eine Situa­ti­on, in der sie sich öffent­lich bemerk­bar machen woll­te, um an die Ideen von Pfungst zu erin­nern und den alten Plan zu beför­dern.

Kurz vor Kriegs­aus­bruch ver­öf­fent­lich­te das Das freie Wort neun Stel­lung­nah­men zum ursprüng­li­chen Aka­de­mie-Gedan­ken, wobei wich­tig ist, dass Jodl bereits im Janu­ar 1914 ver­stor­ben war, aber Wil­helm Bör­ner in Wien sei­nen Nach­lass und die dor­ti­ge Ethi­sche Gemein­de ver­wal­te­te. Sowohl Bör­ner wie auch Hen­ning besa­ßen Pfungsts unein­ge­schränk­tes Ver­trau­en. Bör­ner eröff­ne­te den Befür­wor­tungs­rei­gen mit einem detail­lier­ten Plan für die­se Aka­de­mie. Die Ver­öf­fent­li­chung die­ser Kon­zep­ti­on und von neun wei­te­ren Tex­ten aus den Rei­hen ange­se­he­ner Per­so­nen aus dem frei­geist­li­chen Milieu soll­te der Vor­be­rei­tung eines Beschlus­ses die­nen, den die Tagung des Wei­ma­rer Kar­tells im Sep­tem­ber 1914 fas­sen woll­te.

Die Ver­fas­ser die­ser neun Tex­te waren Wil­helm Bör­ner, Max Hen­ning, Emil Dosen­hei­mer, Franz Mül­ler-Lyer, Wil­helm Ost­wald, Lud­wig Wahr­mund, Ernst Hoch­staed­ter, Fer­di­nand Tön­nies und Hein­rich Röss­ler.[21] Doch die Kon­fe­renz fiel wegen des Kriegs­be­ginns aus. Sie wur­de am 25. Febru­ar 1916 in Jena nach­ge­holt. Es gab hier­zu kei­nen Bericht in der Ethi­schen Kul­tur, aber nach wie vor Infor­ma­tio­nen aus der Abtei­lung Frank­furt a.M., die das The­ma mie­den. Das kann auch dar­an lie­gen, dass die DGEK als Gan­zes hier kein beson­de­res Inter­es­se zeig­te, weil es in Ber­lin seit 1878 die Hum­boldt-Aka­de­mie als Freie Hoch­schu­le gab, die regel­mä­ßig „volks­tüm­li­che Hoch­schul­kur­se“ abhielt.

Das ver­weist auf Dif­fe­ren­zen zwi­schen der Zen­tra­le in Ber­lin, mit der dor­ti­gen noch immer (ver­hält­nis­mä­ßig gese­hen) mit­glie­der­star­ken Abtei­lung Ber­lin, auf Kon­kur­ren­zen zwi­schen der Ethi­schen Kul­tur und Das freie Wort, auch zwi­schen Pen­zig und Pfungst in die­ser Fra­ge. Als letz­te­rer 1911 den Vor­sitz im Wei­me­rer Kar­tell über­nahm, hat­te Pen­zig zunächst selbst Ambi­tio­nen, das Amt zu beset­zen.

Die Haupt­un­ter­schie­de lagen jedoch auf öko­no­mi­schem Gebiet. Ber­lin hat­te viel weni­ger Spen­der, wäh­rend sie Pfungst für sei­ne Abtei­lung gera­de­zu anzog. Er konn­te, auch wegen sei­nes eige­nen Reich­tums, dar­auf hof­fen, die Aka­de­mie des frei­en Gedan­kens völ­lig staats­fern ein­zu­rich­ten und aus pri­va­ten Mit­teln zu unter­hal­ten. Ber­lin sah das anders, wie ein Rich­tungs­streit 1899 im DGEK-Haupt­vor­stand offen­leg­te. Die Abtei­lung Ber­lin war bereit, für ihre Sozi­al- und Bil­dungs­pro­jek­te (Zen­tra­le für pri­va­te Für­sor­ge, Lese­hal­le) öffent­li­che Mit­tel anzu­neh­men, Frank­furt a.M. nicht.[22]

Die Febru­ar­kon­fe­renz 1916 beschloss, mit dem Auf­bau die­ser Aka­de­mie bei Frie­dens­schluss sofort zu begin­nen. Als Sitz war Frank­furt a.M. vor­ge­se­hen (nicht Isen­burg). Wegen wahr­schein­lich zunächst nur gerin­ger finan­zi­el­ler Mit­tel soll­ten erst ein­mal jähr­li­che Kur­se ein­ge­rich­tet wer­den. Wahr­schein­lich wur­de an Ver­an­stal­tun­gen gedacht, wie die 1896/1897 in Zürich durch­ge­führ­ten Vor­trags­rei­hen des Inter­na­tio­na­len Ethi­schen Bun­des, die als Bro­schü­ren erschie­nen.[23]

Ein wis­sen­schaft­li­cher Aus­schuss soll­te die­se Ver­an­stal­tun­gen pla­nen mit Hil­fe der Geschäfts­füh­rung des Wei­ma­rer Kar­tells. Das war Max Hen­ning. Die­ser ver­kün­de­te die Beschlüs­se vom Febru­ar 1916 in einer Bro­schü­re zusam­men mit einem Spen­den­auf­ruf und der Ver­öf­fent­li­chung der neun Tex­te von 1914,[24] ergänzt durch einen Nach­trag des Nürn­ber­ger frei­re­li­giö­sen Rechts­an­walts Her­mann Hei­me­rich, geschrie­ben Anfang 1910, und einem Geleit­wort, das die Beschlüs­se zusam­men­fass­te.[25]

Die Geschich­te zwi­schen dem Tes­ta­ment von 1908 und der Grün­dung der Stif­tung zehn Jah­re spä­ter wird schwer zu erhel­len sein, beson­ders die Debat­ten im Umfeld von Marie Pfungst. Mit der Bro­schü­re von 1916 woll­te Hen­ning die Ideen von Pfungst, wie sie im Wei­ma­rer Kar­tell dis­ku­tiert wur­den, in Erin­ne­rung rufen – und wohl Marie Pfungst, die er sicher­lich unter­schätz­te, unter Druck set­zen. Eben wegen der kon­zep­tio­nel­len Distanz zur spä­te­ren Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung ist die letz­te öffent­li­che Dar­stel­lung der „Pfungst’sche[n] Aka­de­mie des Frei­en Gedan­kens“ (Tes­ta­ment) kurz vor­zu­stel­len. Dabei geht es vor allem um Text­stel­len, die sie sich direkt auf Pfungst bezie­hen.

Bör­ner dach­te sich die Aka­de­mie als deutsch-schwei­ze­risch-öster­rei­chi­sche Ver­an­stal­tung und ein „leben­di­ges Denk­mal … für zwei der bes­ten Män­ner unse­res Krei­ses: für Arthur Pfungst und Fried­rich Jodl“.[26] Eine kon­kre­te Orga­ni­sa­ti­ons­form favo­ri­sier­te er nicht, aber die Finan­zie­rung soll­te vier Quel­len haben: „Stif­tun­gen für die Zwe­cke der Aka­de­mie“, Jah­res­bei­trä­ge inter­es­sier­ter Ver­ei­ne,[27] Jah­res­sub­ven­tio­nen von Ein­zel­per­so­nen und Hörer­bei­trä­ge.[28] Bör­ner hat­te eine prak­tisch ori­en­tier­te „Fach­schu­le“ vor Augen, kei­ne Hoch­schu­le, gar Uni­ver­si­tät. Es soll­ten welt­li­che „Pre­di­ger“ aus­ge­bil­det wer­den nach dem Mus­ter der Frei­re­li­giö­sen.

Hin­sicht­lich der vor­ge­se­he­nen Fächer gab es Über­schnei­dun­gen mit Pfungst, aber des­sen Spe­zia­li­tä­ten Indo­lo­gie, Sans­krit, Assy­ro­lo­gie, Juris­pru­denz und Kri­mi­nal­an­thro­po­lo­gie, aber auch Ent­wick­lungs­leh­re kamen in Weg­fall. Dafür schlug Bör­ner Fächer vor, die sich aus der prak­ti­schen Huma­ni­tät, dem vor­ge­se­he­nen Moral­un­ter­richt und der lebens­hel­fen­den Sozi­al­ar­beit erga­ben, wie Psy­cho­pa­tho­lo­gie, Moral­päd­ago­gik, welt­li­che Seel­sor­ge, Sozi­al­hy­gie­ne, Jugend­für­sor­ge und Kran­ken­pfle­ge.[29]

Die Dozen­ten­schaft soll­te aus fest­an­ge­stell­ten „Beam­ten“ bestehen. Da eine Uni­ver­si­täts­stadt der Sitz oder in der Nähe einer sol­chen sein soll­te, ergä­be sich zum einen die Mög­lich­keit von Gast­do­zen­ten und zum ande­ren der Besuch von Vor­le­sun­gen in Fächern, die die Aka­de­mie selbst nicht anbie­ten kön­ne wie Bibel­kri­tik, Hebrä­isch, Kunst­wis­sen­schaft, Eth­no­lo­gie, Spra­chen und Psych­ia­trie.

Gelei­tet wer­den soll­te die Aka­de­mie von einem Rek­tor und einem Kura­to­ri­um aus fünf Per­so­nen. Die Hörer­schaft soll­te sich zusam­men­set­zen aus Män­nern (ab 20 Jah­re) und Frau­en (ab 18 Jah­re) und In- und Aus­län­dern sowie ohne Alters­be­gren­zung nach oben. Vor­aus­set­zun­gen sei­en eine All­ge­mein­bil­dung in deut­scher Spra­che, Phy­sik, Natur­ge­schich­te, Geo­gra­phie und Geschich­te, die „der Berech­ti­gung zum Ein­jäh­rig-Frei­wil­li­gen-Dienst ent­spricht“; gege­be­nen­falls sol­le eine Auf­nah­me­prü­fung statt­fin­den. Zu unter­schei­den wäre zwi­schen ordent­li­chen und außer­or­dent­li­chen Hörern. Ein Lehr­gang sol­le vier Semes­ter dau­ern und mit einer Schluss­prü­fung und einem Zeug­nis enden.

Selbst­re­dend war die Finan­zie­rung idea­lisch gedacht und ohne Zuschüs­se öffent­li­cher Mit­tel. Mit der Ableh­nung staat­li­cher För­de­run­gen stand Bör­ner in Tra­di­ti­on zu Pfungst und war hier nicht allein die­ser Ansicht.[30] Das heu­ti­ge Sys­tem der För­de­rung frei­er Bil­dungs­trä­ger aus meh­re­ren Quel­len war damals eben­so wenig vor­stell­bar wie der dras­ti­sche Rück­gang des Mäze­na­ten­tums in der Wei­ma­rer Repu­blik, vor allem durch Geld­ver­lus­te in der Infla­ti­on.

Als das Pro­jekt Aka­de­mie des frei­en Gedan­kens in Frank­furt a.M. vom dor­ti­gen aka­de­mi­schen Kern der ethi­schen Bewe­gung gemein­sam mit Wie­ner Schü­lern von Fried­rich Jodl in Angriff genom­men wur­de, war das Andenken an Arthur Pfungst noch frisch und auch sehr per­sön­lich. Sie began­nen das Pro­jekt, weil sie sich erin­ner­ten, dass er selbst vor­hat­te, die Aka­de­mie zu sei­nem 50. Geburts­tag ein­zu­rich­ten, wie Bör­ner zu Beginn sei­ner Aus­füh­run­gen mit­teil­te. Das wäre im März 1914 gewe­sen. „Lei­der ist von die­sem [„über­aus groß­zü­gi­gen Plan“, ebd.] … nichts auf­ge­zeich­net wor­den und mei­ne Kennt­nis davon beruht nur auf Mit­tei­lun­gen, die mir Fried­rich Jodl mach­te. Die­ser war einer der weni­gen, die Pfungst in sei­nen Plan ein­weih­te, weil er zum Rek­tor die­ser Aka­de­mie aus­er­ko­ren war.“[31]

Als ers­te von vier Ein­nah­me­quel­len nann­te Bör­ner „Stif­tun­gen für die Zwe­cke der Aka­de­mie“ und füg­te an: „Eine sol­che Stif­tung … woll­te Pfungst allein machen.“ (S. 16) Er war es (so Hen­ning), „der einst den Neu­en Frank­fur­ter Ver­lag begrün­det, … der zuerst den Plan einer Aka­de­mie des frei­en Gedan­kens gefaßt und die Errich­tung der­sel­ben aus sei­nen eige­nen rei­chen Mit­teln als sei­ne Lebens­auf­ga­be betrach­tet hat­te.“ (S. 17) Nun gehe es um die Bil­dung einer beschei­de­ne­ren „Keim­zel­le“, um einen Anfang, „den bereits der Schöp­fer die­ses Gedan­kens ins Auge gefaßt hat­te, näm­lich den Aus­gangs­punkt zunächst von einer im Sin­ne einer Aka­de­mie des frei­en Gedan­kens wir­ken­den, beschei­de­ne­ren ‘Kul­tur­ge­sell­schaft’ zu neh­men“, für deren Anspruch, wie Bör­ner errech­net habe, 40.000 Mark jähr­lich nötig sei­en. (S. 18)[32]

Dosen­hei­mer schlug vor, die Frei­mau­rer­lo­gen für die­se Sache zu inter­es­sie­ren. „Nament­lich der Ver­ein der deut­schen Frei­mau­rer hat sich nach die­ser Rich­tung man­cher­lei Ver­dienst erwor­ben.[33] Ich erin­ne­re dar­an, wie sehr Arthur Pfungst das Preis­aus­schrei­ben des Ver­eins über die sozia­le Bedeu­tung der Käu­fer­sit­ten gewür­digt hat.“ (S. 22)

Nobel­preis­trä­ger Wil­helm Ost­wald unter­stütz­te den Plan und sah bereits in den Jena­er Feri­en­kur­sen des Monis­ten­bun­des, immer zu Pfings­ten, eine Mög­lich­keit der Erwei­te­rung.

Lud­wig Wahr­mund (bereits vorn vor­ge­stellt) teil­te mit, zu denen zu gehö­ren, die Pfungst in sei­nen Plan ein­ge­weiht habe, „des­sen Aus­füh­rung er mir gegen­über einst als ‘die Krö­nung sei­nes Lebens­wer­kes’ bezeich­ne­te“. (S. 29) Pfungst dach­te dabei „an eine durch­aus selb­stän­di­ge und unab­hän­gi­ge Aka­de­mie, deren mate­ri­el­le Exis­tenz er mit sei­nem gan­zen ver­füg­ba­ren Ver­mö­gen sichern, an deren geis­ti­gem Aus­bau er im Ver­ein mit gleich­ge­sinn­ten Freun­den sein Leben lang arbei­ten woll­te. Und er stell­te sich dies Leben so schön und dan­kens­wert vor. ‘Ja, dann erst wol­len wir das Dasein voll genie­ßen!’ rief er leuch­ten­den Auges aus. … Ich glau­be aber, daß er eine sehr gro­ße Stif­tung sei­ner­seits im Sin­ne hat­te, deren Kapi­ta­li­en, von klei­ne­ren regel­mä­ßi­gen Zuflüs­sen (wie etwa Bei­trä­ge von Inter­es­sen­ten, Kol­le­gi­en­gel­der der Hörer­schaft etc.) abge­se­hen, ins­be­son­de­re durch ansehn­li­che Schen­kun­gen und Lega­te ver­mö­gen­der Per­sön­lich­kei­ten – so hoff­te er – fort­lau­fend ver­mehrt, am Ende ein uner­schüt­ter­li­ches Fun­da­ment der Aka­de­mie bil­den soll­ten.“ (S. 30)

Ernst Hoch­städ­ter mein­te, die Tex­te von Bör­ner und Hen­ning in Das freie Wort hät­ten in ihm „in vol­ler Anschau­lich­keit die unver­geß­li­chen Stun­den wie­der wach wer­den las­sen, da auf dem schlich­ten Bureau des ‘Neu­en Frank­fur­ter Ver­lags’ Arthur Pfungst dem Freun­de Hen­ning und mir sei­ne welt­an­schau­li­chen Plä­ne ent­wi­ckel­te, durch die er Frank­furt zum Zen­trum der frei­geis­ti­gen Bewe­gung Deutsch­lands for­men woll­te“. (S. 32)

Der End­fünf­zi­ger Max Hen­ning betei­lig­te sich nicht an der Stif­tungs­grün­dung, der wir uns nun zuwen­den, oder war, was wahr­schein­li­cher ist, davon aus­ge­schlos­sen. Er könn­te bei der Auf­lö­sung der Redak­ti­on der Zeit­schrift Das freie Wort alle Unter­la­gen mit­ge­nom­men haben, aber das ist nur eine Ver­mu­tung. So waren bereits bei der Abfas­sung der Gesam­mel­ten Wer­ke von Pfungst von dem umfang­rei­chen Schrift­wech­sel zwi­schen ihm und Hen­ning nach den Anga­ben der Her­aus­ge­ber nur noch zwei kur­ze Arbeits­no­ti­zen auf­find­bar.[34]

Recher­chen zu Hen­ning besa­gen, dass er ver­mut­lich nach 1920 und der Schlie­ßung des Ver­la­ges nach Neu­hal­dens­le­ben ins Anhal­ti­ni­sche ver­zog, wo er im Sep­tem­ber 1927 im 65. Lebens­jahr ver­starb. Ob er ab 1920 eige­ne Ein­künf­te hat­te, ist unbe­kannt. Über eine Abfin­dung oder Ren­te der Stif­tung ist eben­falls nichts bekannt. Wahr­schein­lich ver­such­te er sein Glück 1920/1921 noch ein­mal mit einer reli­gi­ons­wis­sen­schaft­li­chen Arbeit bei einem ande­ren Ver­lag (P. Har­tung Ham­burg) über den Teu­fel.[35] Die­ses Buch erleb­te 1925 eine zwei­te Auf­la­ge. Ob ihm das Buch einen Ertrag brach­te, bleibt wohl für immer unbe­kannt. Ab 2015 geben vie­le Ver­la­ge das Buch als Reprints, „Books on demand“ oder mit eige­nem Satz erfolg­reich neu her­aus. Es ist ein Best­sel­ler gewor­den.


[1] Vgl. traditionslinien_und_selbstverstaendnis (1).pdf

[2] Vgl. Gro­schopp: dies­seits in dies­seits, Text 1, 1997–2000.

[3] Petra Mate­rn: Die Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung von 1918–1945. Hrsg. von der Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung. Frank­furt a. M. 2024, S. 5. – Zitat im Zitat: Hans Wer­ner: Der Arbeits­kreis für freie Volks­bil­dung der Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung. In: Die freie Volks­bil­dung, 3. Jg., 1928, S. 132. – Die For­mu­lie­rung „unse­ren Kin­dern“ zeigt, dass bei­de Eltern wohl nicht mehr erwar­te­ten, dass sie jemals Enkel erwar­ten könn­ten.

[4] Juli­us Pfungst inves­tier­te 1896 anläss­lich des 25. Fir­men­ju­bi­lä­ums 100.000 Mark in den Grund­stock einer Betriebs­ren­te, spä­ter einen wei­te­ren Betrag für eine Wit­wen­ver­sor­gung.

[5] Marie Pfungst: Hen­ri­et­te Fürth.

[6] Dafür spre­chen nur begründ­ba­re Ver­mu­tun­gen.

[7] Vgl. EK 1893, Nr. 8, S. 64.

[8] Weigold war Kauf­mann und Haupt­ei­gen­tü­mer der Leder­hand­lung und Schäf­te­fa­brik Weigold & Ganns.

[9] Vgl. EK 1913, Nr. 15, S. 118.

[10] Vgl. EK 1913, Nr. 18, S. 143. – Wahr­schein­lich war es die­se Anspra­che: Hen­ning: Arthur Pfungst. Gedenk­re­de. – Da er hier vor allem den Dich­ter und Indi­en­for­scher Pfungst wür­dig­te, erge­ben sich aller­dings Zwei­fel, die­se Rede auch in der DGEK gehal­ten zu haben.

[11] Vgl. Mate­rn: Die Pfungst-Stif­tung, S. 7. – Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung [Bro­schü­re, 12 S., o.O., o.J. (1931/1932), S. 3.

[12] Buch­wald: Mit­er­leb­te Geschich­te, S. 264, vgl. S. 275. – Marie Pfungst hät­te hier einen guten Griff getan, auch für den Ver­lag, denn Buch­wald hat­te sowohl im „Insel“- Ver­lag als auch bei Diede­richs ver­ant­wor­tungs­vol­le Posi­tio­nen inne.

[13] Vgl. Pache: Theo­dor Bäu­er­les Bei­trag, S. 151.

[14] Vgl. Pache: Theo­dor Bäu­er­les Bei­trag, S. 152–156.

[15] Da die­se Akten nach Aus­kunft von Gun­ter Stemm­ler ver­lo­ren sind, bleibt Genaue­res im Dun­keln.

[16] Vgl. Ethi­sche Hoff­nun­gen und Aus­bli­cke. Die Eisen­acher Zusam­men­kunft zur För­de­rung und Aus­brei­tung der ethi­schen Bewe­gung vom 5.–15. August 1893. Abdruck sämt­li­cher 14 Vor­trä­ge und Bespre­chun­gen, zusam­men­ge­stellt von Gus­tav Mai­er. Ber­lin 1893. – Die Iden­ti­tät des Refe­ren­ten konn­te noch nicht gelüf­tet wer­den.

[17] Pfungst: Die Uni­ver­si­tät Frank­furt.

[18] Vgl. Anger­mann: Pfungst, S. CXXIII f., das Fol­gen­de S. CXXIII.

[19] Anger­mann: Pfungst, S. CXXIV. – Pfungst nahm den Fall Jodl als eine sei­ner umfäng­li­chen Begrün­dun­gen der Ableh­nung einer Frank­fur­ter Uni­ver­si­tät auf preu­ßi­schem Ter­ri­to­ri­um.

[20] Vgl. GW III‑2, S. V f.

[21] Zu den Per­so­nen vgl. Gro­schopp: Dis­si­den­ten.

[22] Vgl. Groschopp/Müller: Aus der Ethik, S. 137 ff.

[23] Vgl. Züri­cher Reden.

[24] Zeich­nun­gen nah­men ent­ge­gen: Hein­rich Röss­ler, Max Hen­ning, Ernst Hoch­städ­ter; Aus­künf­te erteil­ten: Robert Hart­mann-Kempf, Wil­helm Klau­ke; alle Frank­furt a. M.; es wur­den die Pri­vat­adres­sen genannt.

[25] Vgl. Hen­ning: Aka­de­mie, S. 3–6. – Zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung war Hei­me­rich Mit­glied der SPD.

[26] Hen­ning: Aka­de­mie, S. 17.

[27] Für Bör­ner kamen 17 Ver­ei­ne mit 64.000 Mit­glie­dern infra­ge, die in Hen­nings „Hand­buch“ auf­ge­führt sei­en. Von ihnen errech­ne­te er 6.400 Mark jähr­lich.

[28] Es wür­den sich doch wohl 200 Men­schen fin­den las­sen, die jähr­lich 50 Mark ent­rich­ten, das ergä­be 10.000 Mark. 50 Mark betrü­ge auch die Höhe der Kos­ten pro Semes­ter je Hörer, wobei es Frei­plät­ze geben müs­se.

[29] Bör­ner folg­te hier sei­nem Pro­gramm psy­cho­so­zia­ler Lebens­hil­fe. Vgl. Bör­ner: Welt­li­che Seel­sor­ge. – Eine aus­führ­li­che Dar­le­gung fin­det sich bei Groschopp/Müller: Aus der Ethik, S. 177 ff.

[30] Der Haupt­grund war, dass der Staat, hier der preu­ßi­sche, von sei­nen ange­stell­ten Wis­sen­schaft­lern einen Dienst­eid ver­lang­te, der ein Bekennt­nis zum Chris­ten­tum ein­schloss.

[31] Hen­ning: Aka­de­mie, S. 9. – Alle fol­gen­den Zita­te und Hin­wei­se bezie­hen sich auf die­se Bro­schü­re.

[32] 40.000 Mark umfass­te dann 1918 das gesam­te Stif­tungs­ka­pi­tal der Pfungst-Stif­tung.

[33] Gemeint sein könn­te der frei­den­ke­ri­sche FZAS, in dem Rudolph Pen­zig und ande­re Ethi­ker wirk­ten.

[34] Vgl. GW III‑2, S. 216 f.

[35] Vgl. Max Hen­ning: Der Teu­fel.

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