Vorbemerkung
Die Humanistische Akademie Berlin (heute Berlin-Brandenburg) entstand im Mai 1997. Parallel erschien mein Buch „Dissidenten, Freidenkerei und Kultur in Deutschland“, darin die erste Beschäftigung mit Arthur Pfungst. Er war es auch, von dem die Idee einer solchen Akademie stammte. Deshalb enthielt die öffentlich vorgestellte Begründung, eine solche Akademie zu gründen, mehrere Bezüge zu Arthur Pfungst, die noch heute im Netz zu finden sind.[1] Die „diesseits“ berichtete ausführlich.[2]
Drei Aufgaben wurden der Akademie gestellt: Erstens Herausgabe einer Zeitschrift und weiterer Schriften über Humanismus; zweitens Herstellen von Arbeitskontakten zwischen Wissenschaftlern und HVD; drittens Organisation von Konferenzen über humanistische Themen, die strategische Fragen der HVD-Tätigkeit betreffen.
Die nun vorliegende Publikation „Von der Freidenkerei zur Volksbildung“ vertiefte die Analyse der vielfältigen Aktivitäten von Arthur Pfungst. Dazu gehörte auch ein historisches Bild seines Nachdenkens über eine (konfessions)freie humanistische Akademie. Dieser Abschnitt (im Buch, S. 113–124) wird hier im Folgenden vorgestellt.
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Die Idee einer rein ethisch orientierten Stiftung gehörte zum Familienerbe. „Bereits Julius und seine Frau Rosette regten 1894 in ihrem Testament die ‘Gründung einer im Geist der humanen Ethik geleiteten Stiftung’ an. ‘Diese Stiftung soll den Namen Pfungst-Stiftung führen. Es bleibt unseren Kindern vorbehalten, ihre Art zu bestimmen’.“[3] Über den Charakter dieser Stiftung scheint es, wie dann die tatsächliche Ausrichtung nach der Gründung 1918 zeigte, keine Einigkeit in den Vorstellungen der beiden Geschwister Marie und Arthur Pfungst bestanden zu haben. Nachdem Arthur 1912 verstorben war, wandten sich Rosette und Marie Pfungst von der Idee einer freidenkerisch-dissidentischen Hochschule als dem großen Ziel ab.
Marie Pfungst setzte sich, seit 1909 Vorstandsvorsitzende, bis zum Tod der Mutter 1922 mit dieser gemeinsam für ein Konzept der damals aufkommenden Volkshochschulbildung ein, deren Vertreter sich selbst die „Neue Richtung“ nannten. Darauf wird zurückzukommen sein. Sich dieser Bildungsförderung zu widmen, entsprach der pragmatischen, unmittelbar sozial eingreifenden Familientradition.[4] Das hochfliegende, das höhere Bildungswesen sprengende Programm einer privaten und staatsfernen „Freidenker-Hochschule“ war den beiden Frauen weitgehend fremd, zudem eine bis dahin vollständige Männersache, vor allem aber hätte es dafür der Umwandlung der Fabrik in einen reinen Zweckbetrieb bedurft. Wer sollte sich für diesen Weg erwärmen, von den praktischen und rechtlichen Hindernissen ganz abgesehen?
Seit 1892 bestimmte ein Gesetz die Bedingungen zur Gründung von „Gesellschaften mit beschränkter Haftung“ (GmbH). Das waren Wirtschaftsbetriebe und die Akademie-GmbH als solche gedacht. Die Gemeinnützige GmbH war noch nicht erfunden. Sie gibt es erst seit dem 29. März 2013.
Marie Pfungst engagierte sich in der bürgerlichen Frauenbewegung. Zum 70. Geburtstag von Henriette Fürth betonte sie 1931 rückblickend in der Ethischen Kultur: „In all ihren Schriften treten immer wieder die kulturellen und wirtschaftlichen Fragen in den Vordergrund, sie beschäftigen sie in allen Lebenslagen… Keine ideologischen Forderungen, keine Ansprüche, die sich nicht verwirklichen ließen, bilden die Ausgangspunkte ihrer Betrachtungen“ – und auch die von Marie Pfungst.[5]
Die endgültige Abkehr von der das Bildungssystem umwälzenden Konzeption ihres Bruders, kann auf das Jahr 1916 datiert werden, in dem die Anhängerschaft der Arthur Pfungst-Akademie, wie wir sehen werden, ohne Diskussionsteilnahme von Rosette und Marie Pfungst, noch einmal ihre zuerst 1914 veröffentlichten Vorstellungen gebündelt in einer Broschüre des NFV vortrug.
Die Trennung vollzog die Stiftung dann vier Jahre später, als sie zwei Jahre bestand, im Frühsommer 1920. Hier entzog sie dem Freien Wort endgültigdie Geldmittel, falls überhaupt noch welche flossen, aber vor allem die Erlaubnis, weiter im Namen des NFV zu agieren.[6] Als Hauptgesellschafterin der GmbH besaß sie dazu das Recht. Sie begann in diesem Jahr, ihre eigenen Projekte zu finanzieren. Wir können mit einiger Plausibilität vermuten, dass sich Marie Pfungst auch aus der Abteilung Frankfurt a.M. der DGEK schon früher zurückzog, die eine Versammlung all derjenigen war, die standhaft am großen Projekt ihres Bruders festhielt.
Die Abteilung Frankfurt a.M. hatte sich im Dezember 1892 gegründet, knapp zwei Monate nach dem Zentralverband DGEK in Berlin. Am 10. Januar 1893 zählte der örtliche ethische Verein auf seiner ersten Mitgliederversammlung fünfzig Mitglieder. Diese wählten, das sei hier wiederholt, Arthur Pfungst zu ihrem I. und Pfarrer Carl Saenger zu ihrem II. Vorsitzenden. Carl Peters war Kassierer, Dr. Philipp Pauli Beisitzer und Dr. Eugen Elkan Schriftführer. Kassenprüfer wurden der Redakteur Otto Hörth und der Stadtverordnete Elias Hené.[7] Der Vorstand in Frankfurt a.M. war in den folgenden fast zwei Jahrzehnten der Dreh- und Angelpunkt aller Aktivitäten, die von der ethischen Gemeinschaft unter Arthur Pfungsts Leitung stattfanden, darunter die Lesehallenbewegung.
Pfungst selbst, der intellektuell und finanziell in der Lage war, mehrere Projekte gleichzeitig zu betreiben, abgesehen von seiner eigentlichen Tätigkeit, der Leitung einer Fabrik, initiierte um die Jahrhundertwende, wie wir gesehen haben, über diesen Vorstand den Neuen Frankfurter Verlag und dessen Publikationen, steuerte seine Interessen bei der Einigung der freidenkerischen Verbände zum Weimarer Kartell, übernahm dort den Vorsitz. Von hier ging auch das Projekt der freien Akademie seine ersten Schritte. Immer wieder berichtete die Ethische Kultur vom Eingang größerer Geldspenden. Daraus und aus den Mitteln von Pfungsts Naxos-Union kamen hier üppige Summen zusammen, die die Hoffnung weckten, ein noch größeres Werk könne starten. Doch dann starb Arthur Pfungst plötzlich am 3. Oktober 1912.
Wie meist in solchen Fällen, versuchten alle Beteiligten zunächst Kontinuität zu wahren, während sie zugleich Überlegungen anstellten, wie es weiter geht. So dauerte es etwa ein halbes Jahr, bis die Ethische Kultur am 1. August 1913 eine kurze Notiz über eine zweitägige Generalversammlung der Abteilung Frankfurt a.M. veröffentlichte. Sie wurde interimistisch geleitet von Max Henning, der auch den Rechenschafts- und den Kassenbericht erstattete. Das war insofern logisch, als er in den Jahren zuvor in allen Verlags- und Vereinssachen die rechte Hand von Pfungst war. Die Vorstandswahlen ergaben: „erster Vorsitzender Stadtverordneter Elias Hené, zweiter Vorsitzender Redakteur Max Henning, Schriftführer Julius Weigold[8] und Marie Pfungst, Kassenführer Emil Doctor.“[9]
Drei Nummern später war die Notiz ein klein wenig umfänglicher. Die erste Generalversammlung der Abteilung Frankfurt a.M. habe nach dem Tod von Arthur Pfungst im Juni 1913 stattgefunden. Es wurde Elias Hené sein Nachfolger als I. Vorsitzender und Max Henning als II., 1. Schriftführer wurde Julius Weigold. „Fräulein Marie Pfungst“ trat als 2. Schriftführer [sic] in den Vorstand ein. Max Henning hielt eine Gedenkrede.[10]
Die Mitglieder des Vorstandes kannten sich teils seit zwanzig Jahren. Marie Pfungst war neu in diesem männerdominierten Kreis. Man wollte sie gewinnen, aber sicher auch erst einmal prüfen. Es steht zu vermuten, dass ihr der ganze Vorgang, als Erbin und Mitbesitzerin der Fabrik, der Naxos-Union, nur zum 2. Schriftführer berufen zu werden, misshagte. Es muss ihr als eine Belehrung und Vereinnahmung erschienen sein. Die nächste Generalversammlung hätte 1915 stattgefunden und ist wohl wegen des Krieges ausgefallen.
Ihre Verhandlungen zur Einrichtung einer Stiftung begannen bereits 1913,[11] also im zeitlichen Rahmen der Wahl von Marie Pfungst. Es kann vermutet werden, dass die vom ethischen Humanisten Ernst Abbe 1889 initiierte Carl-Zeiss-Stiftung in Jena als Vorbild galt, die auch soziale und kulturelle Projekte durchführte. In seinen Erinnerungen schrieb Reinhard Buchwald, der im Thüringen der Weimarer Republik im Ministerium auch für Volkshochschulen zuständig war, bedauernd, dass „keine anderen Unternehmer dem Beispiel Abbes gefolgt sind, abgesehen von dem Frankfurter Fabrikanten Arthur Pfungst, dessen Schwester und Erbin ich noch in den zwanziger Jahren kennenlernte, als sie mich zur Durchführung ihrer Volksbildungspläne engagieren wollte.“[12]
Die Aussage von Buchwald bezog sich auf Stiftungen, nicht auf das Engagement von Industriellen generell. So war Robert Bosch in Württemberg von 1918 bis 1936 Erster Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Volksbildung.[13] Das Profil der dortigen Volkshochschulen unterschied sich wesentlich von den Ideen Eduard Weitschs, die im Folgenden vorrangig betrachtet werden.[14]
Es ist anzunehmen, dass ihre ersten Schritte hin zu einer Stiftung ohne Kommunikation mit dem ethischen Verein stattfanden. Dafür spricht auch, dass dieser ganze Vorgang nur mit fachlichem Rat der Geschäftsführung zu bewerkstelligen war. Der Prokurist Rudolf Herbst stand dieser ganzen Freidenkerei wahrscheinlich sehr fremd gegenüber, wie ihm sicher die Indienstnahme der gesamten Naxos-Union für das phantastische Akademieprojekt suspekt erschien. Er wird Marie Pfungst entsprechend beraten haben.[15]
Arthur Pfungst verfolgte in seinem letzten Lebensjahrzehnt die Idee einer Akademie des freien Gedankens. Eine Quelle dieser Idee bildeten die Verhandlungen der Eisenacher Zusammenkunft der DGEK 1893. Dort trug Leopold von Löwenheim erstmals die Idee einer Akademie für ethische Kultur vor.[16] Es war dies ein überdimensional gedachtes, geradezu utopisches Projekt mit eigener Hochschule, Seminaranstalten (Lehrerbildungseinrichtungen), Schulen, Galerien und Museen, besonders für das Volk – und selbstverständlich unentgeltlich. Das Projekt, dann reduzierter gedacht, wurde in der DGEK und dann im Weimarer Kartell kontinuierlich diskutiert.
Jedenfalls wurde die Hochschulidee zu einem festen Bestandteil von Pfungsts Vorstellungen einer Akademie des freien Gedankens, die er in seinem Testament 1908 skizzierte. In die Öffentlichkeit ging er damit nicht, sie wird aber innerfamiliär bekannt gewesen sein. Vielleicht stellte diese Akademie auch den Hauptgrund für Arthur Pfungst dar, das Projekt einer Frankfurter Bürgeruniversität grundsätzlich zu verwerfen. Er schrieb dazu in Das freie Wort: Man „verzichte auf alle Zuschüsse seitens der Stadt und errichte mit den zur Verfügung stehenden Mitteln aus den Stiftungen eine Universität Frankfurt – auf hessischem Gebiete. Nur sechs Kilometer von Frankfurt entfernt liegt Isenburg.“[17]
Angermann gab in seiner Biographie die Pfungst‘schen Absichten durchaus adäquat wieder, allerdings ohne auf die detaillierten Hinweise im Testament einzugehen, wenn er es denn kannte.[18] Diese Akademie habe seine letzten Lebensjahre erfüllt. Im Zusammenschluss aller freigeistigen Vereinigungen sah er „die Organisationen, denen er seinen Geist einzuflößen und zu vererben wünschte“.
Ihre Gründung sah Pfungst angesichts der Personallage, besonders der geistigen Voraussetzungen in den verschiedenen Zweigen der freiheitlichen konfessionsfreien Bewegungen, als eine Notwendigkeit an. Er kam zu dieser Erkenntnis, obwohl er in den Verbänden, in denen er ehrenamtlich tätig war, durchaus auf zahlreiche Akademiker traf, darunter Friedrich Jodl, der, wie Angermann schreibt, „schon als Leiter für die geplante Akademie des freien Gedankens ausersehen war“ – wofür es bisher keine Belege bei Pfungst selbst gibt oder bei Jodl, damals noch Professor in Prag. Jodl schied 1895 aus dem Hauptvorstand der DGEK aus und engagierte sich in Wien, wo Wilhelm Börner zu seinen Schülern gehörte und alle organisatorischen Aufgaben übernahm.[19]
1903 trat Pfungst als Beisitzer in den Hauptvorstand ein, nachdem Saenger 1901 verstorben war. Er gehörte ihm bis zu seinem Tode an. In diesem Gremium kam es zu einem Arbeitskontakt mit Rudolph Penzig. Pfungst begann, einige Personen ins Vertrauen zu ziehen und war in mindestens fünf der angeschlossenen Vereine Mitglied und in führender Position.
Aus den in den Gesammelten Werken veröffentlichten Briefen an und von Pfungst geht dazu nichts hervor, was zum einen an der Auswahl liegt, zum anderen, dass wohl alle darauf bezogene Korrespondenz über Max Henning lief. Zudem kam es der Herausgeberin Marie Pfungst, wie das Vorwort offenlegt,[20] mehr darauf an, über die Vielheit der Kontakte von Arthur Pfungst Auskunft zu geben, weniger über die Inhalte. Sie wird Mitte der 1920er Jahre kein Interesse daran gehabt haben, über diesen Akademieplan im Nachhinein genauer Auskunft zu geben, nachdem die Stiftung selbst eine andere Richtung eingeschlagen hatte. Es kam vielmehr darauf an, wie noch gezeigt wird, die Tätigkeit der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung als Umsetzung von dessen Ideen darzustellen.
In seinem Testament ging Pfungst nicht auf die beabsichtigten Grundlagen, den geplanten Kapitalbestand und die Strukturen dieser GmbH ein. Er kam gleich zu deren Funktionieren als Wissenschafts- und Lehrbetrieb. Die Akademie sollte gebildet werden aus angestellten und freien, lediglich Vorlesungen haltenden, jedenfalls hervorragenden geisteswissenschaftlichen Lehrern.
Wahrscheinlich informierte Marie Pfungst 1913 den Vorstand der Abteilung Frankfurt a.M., was sehr unsicher ist, dass sie begonnen hat, eine Stiftung zu gründen. Das versetzte die Anhängerschaft des Akademiegedankens im Frühjahr 1914 in eine gewisse Unruhe und erzwang eine Situation, in der sie sich öffentlich bemerkbar machen wollte, um an die Ideen von Pfungst zu erinnern und den alten Plan zu befördern.
Kurz vor Kriegsausbruch veröffentlichte das Das freie Wort neun Stellungnahmen zum ursprünglichen Akademie-Gedanken, wobei wichtig ist, dass Jodl bereits im Januar 1914 verstorben war, aber Wilhelm Börner in Wien seinen Nachlass und die dortige Ethische Gemeinde verwaltete. Sowohl Börner wie auch Henning besaßen Pfungsts uneingeschränktes Vertrauen. Börner eröffnete den Befürwortungsreigen mit einem detaillierten Plan für diese Akademie. Die Veröffentlichung dieser Konzeption und von neun weiteren Texten aus den Reihen angesehener Personen aus dem freigeistlichen Milieu sollte der Vorbereitung eines Beschlusses dienen, den die Tagung des Weimarer Kartells im September 1914 fassen wollte.
Die Verfasser dieser neun Texte waren Wilhelm Börner, Max Henning, Emil Dosenheimer, Franz Müller-Lyer, Wilhelm Ostwald, Ludwig Wahrmund, Ernst Hochstaedter, Ferdinand Tönnies und Heinrich Rössler.[21] Doch die Konferenz fiel wegen des Kriegsbeginns aus. Sie wurde am 25. Februar 1916 in Jena nachgeholt. Es gab hierzu keinen Bericht in der Ethischen Kultur, aber nach wie vor Informationen aus der Abteilung Frankfurt a.M., die das Thema mieden. Das kann auch daran liegen, dass die DGEK als Ganzes hier kein besonderes Interesse zeigte, weil es in Berlin seit 1878 die Humboldt-Akademie als Freie Hochschule gab, die regelmäßig „volkstümliche Hochschulkurse“ abhielt.
Das verweist auf Differenzen zwischen der Zentrale in Berlin, mit der dortigen noch immer (verhältnismäßig gesehen) mitgliederstarken Abteilung Berlin, auf Konkurrenzen zwischen der Ethischen Kultur und Das freie Wort, auch zwischen Penzig und Pfungst in dieser Frage. Als letzterer 1911 den Vorsitz im Weimerer Kartell übernahm, hatte Penzig zunächst selbst Ambitionen, das Amt zu besetzen.
Die Hauptunterschiede lagen jedoch auf ökonomischem Gebiet. Berlin hatte viel weniger Spender, während sie Pfungst für seine Abteilung geradezu anzog. Er konnte, auch wegen seines eigenen Reichtums, darauf hoffen, die Akademie des freien Gedankens völlig staatsfern einzurichten und aus privaten Mitteln zu unterhalten. Berlin sah das anders, wie ein Richtungsstreit 1899 im DGEK-Hauptvorstand offenlegte. Die Abteilung Berlin war bereit, für ihre Sozial- und Bildungsprojekte (Zentrale für private Fürsorge, Lesehalle) öffentliche Mittel anzunehmen, Frankfurt a.M. nicht.[22]
Die Februarkonferenz 1916 beschloss, mit dem Aufbau dieser Akademie bei Friedensschluss sofort zu beginnen. Als Sitz war Frankfurt a.M. vorgesehen (nicht Isenburg). Wegen wahrscheinlich zunächst nur geringer finanzieller Mittel sollten erst einmal jährliche Kurse eingerichtet werden. Wahrscheinlich wurde an Veranstaltungen gedacht, wie die 1896/1897 in Zürich durchgeführten Vortragsreihen des Internationalen Ethischen Bundes, die als Broschüren erschienen.[23]
Ein wissenschaftlicher Ausschuss sollte diese Veranstaltungen planen mit Hilfe der Geschäftsführung des Weimarer Kartells. Das war Max Henning. Dieser verkündete die Beschlüsse vom Februar 1916 in einer Broschüre zusammen mit einem Spendenaufruf und der Veröffentlichung der neun Texte von 1914,[24] ergänzt durch einen Nachtrag des Nürnberger freireligiösen Rechtsanwalts Hermann Heimerich, geschrieben Anfang 1910, und einem Geleitwort, das die Beschlüsse zusammenfasste.[25]
Die Geschichte zwischen dem Testament von 1908 und der Gründung der Stiftung zehn Jahre später wird schwer zu erhellen sein, besonders die Debatten im Umfeld von Marie Pfungst. Mit der Broschüre von 1916 wollte Henning die Ideen von Pfungst, wie sie im Weimarer Kartell diskutiert wurden, in Erinnerung rufen – und wohl Marie Pfungst, die er sicherlich unterschätzte, unter Druck setzen. Eben wegen der konzeptionellen Distanz zur späteren Dr. Arthur Pfungst-Stiftung ist die letzte öffentliche Darstellung der „Pfungst’sche[n] Akademie des Freien Gedankens“ (Testament) kurz vorzustellen. Dabei geht es vor allem um Textstellen, die sie sich direkt auf Pfungst beziehen.
Börner dachte sich die Akademie als deutsch-schweizerisch-österreichische Veranstaltung und ein „lebendiges Denkmal … für zwei der besten Männer unseres Kreises: für Arthur Pfungst und Friedrich Jodl“.[26] Eine konkrete Organisationsform favorisierte er nicht, aber die Finanzierung sollte vier Quellen haben: „Stiftungen für die Zwecke der Akademie“, Jahresbeiträge interessierter Vereine,[27] Jahressubventionen von Einzelpersonen und Hörerbeiträge.[28] Börner hatte eine praktisch orientierte „Fachschule“ vor Augen, keine Hochschule, gar Universität. Es sollten weltliche „Prediger“ ausgebildet werden nach dem Muster der Freireligiösen.
Hinsichtlich der vorgesehenen Fächer gab es Überschneidungen mit Pfungst, aber dessen Spezialitäten Indologie, Sanskrit, Assyrologie, Jurisprudenz und Kriminalanthropologie, aber auch Entwicklungslehre kamen in Wegfall. Dafür schlug Börner Fächer vor, die sich aus der praktischen Humanität, dem vorgesehenen Moralunterricht und der lebenshelfenden Sozialarbeit ergaben, wie Psychopathologie, Moralpädagogik, weltliche Seelsorge, Sozialhygiene, Jugendfürsorge und Krankenpflege.[29]
Die Dozentenschaft sollte aus festangestellten „Beamten“ bestehen. Da eine Universitätsstadt der Sitz oder in der Nähe einer solchen sein sollte, ergäbe sich zum einen die Möglichkeit von Gastdozenten und zum anderen der Besuch von Vorlesungen in Fächern, die die Akademie selbst nicht anbieten könne wie Bibelkritik, Hebräisch, Kunstwissenschaft, Ethnologie, Sprachen und Psychiatrie.
Geleitet werden sollte die Akademie von einem Rektor und einem Kuratorium aus fünf Personen. Die Hörerschaft sollte sich zusammensetzen aus Männern (ab 20 Jahre) und Frauen (ab 18 Jahre) und In- und Ausländern sowie ohne Altersbegrenzung nach oben. Voraussetzungen seien eine Allgemeinbildung in deutscher Sprache, Physik, Naturgeschichte, Geographie und Geschichte, die „der Berechtigung zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst entspricht“; gegebenenfalls solle eine Aufnahmeprüfung stattfinden. Zu unterscheiden wäre zwischen ordentlichen und außerordentlichen Hörern. Ein Lehrgang solle vier Semester dauern und mit einer Schlussprüfung und einem Zeugnis enden.
Selbstredend war die Finanzierung idealisch gedacht und ohne Zuschüsse öffentlicher Mittel. Mit der Ablehnung staatlicher Förderungen stand Börner in Tradition zu Pfungst und war hier nicht allein dieser Ansicht.[30] Das heutige System der Förderung freier Bildungsträger aus mehreren Quellen war damals ebenso wenig vorstellbar wie der drastische Rückgang des Mäzenatentums in der Weimarer Republik, vor allem durch Geldverluste in der Inflation.
Als das Projekt Akademie des freien Gedankens in Frankfurt a.M. vom dortigen akademischen Kern der ethischen Bewegung gemeinsam mit Wiener Schülern von Friedrich Jodl in Angriff genommen wurde, war das Andenken an Arthur Pfungst noch frisch und auch sehr persönlich. Sie begannen das Projekt, weil sie sich erinnerten, dass er selbst vorhatte, die Akademie zu seinem 50. Geburtstag einzurichten, wie Börner zu Beginn seiner Ausführungen mitteilte. Das wäre im März 1914 gewesen. „Leider ist von diesem [„überaus großzügigen Plan“, ebd.] … nichts aufgezeichnet worden und meine Kenntnis davon beruht nur auf Mitteilungen, die mir Friedrich Jodl machte. Dieser war einer der wenigen, die Pfungst in seinen Plan einweihte, weil er zum Rektor dieser Akademie auserkoren war.“[31]
Als erste von vier Einnahmequellen nannte Börner „Stiftungen für die Zwecke der Akademie“ und fügte an: „Eine solche Stiftung … wollte Pfungst allein machen.“ (S. 16) Er war es (so Henning), „der einst den Neuen Frankfurter Verlag begründet, … der zuerst den Plan einer Akademie des freien Gedankens gefaßt und die Errichtung derselben aus seinen eigenen reichen Mitteln als seine Lebensaufgabe betrachtet hatte.“ (S. 17) Nun gehe es um die Bildung einer bescheideneren „Keimzelle“, um einen Anfang, „den bereits der Schöpfer dieses Gedankens ins Auge gefaßt hatte, nämlich den Ausgangspunkt zunächst von einer im Sinne einer Akademie des freien Gedankens wirkenden, bescheideneren ‘Kulturgesellschaft’ zu nehmen“, für deren Anspruch, wie Börner errechnet habe, 40.000 Mark jährlich nötig seien. (S. 18)[32]
Dosenheimer schlug vor, die Freimaurerlogen für diese Sache zu interessieren. „Namentlich der Verein der deutschen Freimaurer hat sich nach dieser Richtung mancherlei Verdienst erworben.[33] Ich erinnere daran, wie sehr Arthur Pfungst das Preisausschreiben des Vereins über die soziale Bedeutung der Käufersitten gewürdigt hat.“ (S. 22)
Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald unterstützte den Plan und sah bereits in den Jenaer Ferienkursen des Monistenbundes, immer zu Pfingsten, eine Möglichkeit der Erweiterung.
Ludwig Wahrmund (bereits vorn vorgestellt) teilte mit, zu denen zu gehören, die Pfungst in seinen Plan eingeweiht habe, „dessen Ausführung er mir gegenüber einst als ‘die Krönung seines Lebenswerkes’ bezeichnete“. (S. 29) Pfungst dachte dabei „an eine durchaus selbständige und unabhängige Akademie, deren materielle Existenz er mit seinem ganzen verfügbaren Vermögen sichern, an deren geistigem Ausbau er im Verein mit gleichgesinnten Freunden sein Leben lang arbeiten wollte. Und er stellte sich dies Leben so schön und dankenswert vor. ‘Ja, dann erst wollen wir das Dasein voll genießen!’ rief er leuchtenden Auges aus. … Ich glaube aber, daß er eine sehr große Stiftung seinerseits im Sinne hatte, deren Kapitalien, von kleineren regelmäßigen Zuflüssen (wie etwa Beiträge von Interessenten, Kollegiengelder der Hörerschaft etc.) abgesehen, insbesondere durch ansehnliche Schenkungen und Legate vermögender Persönlichkeiten – so hoffte er – fortlaufend vermehrt, am Ende ein unerschütterliches Fundament der Akademie bilden sollten.“ (S. 30)
Ernst Hochstädter meinte, die Texte von Börner und Henning in Das freie Wort hätten in ihm „in voller Anschaulichkeit die unvergeßlichen Stunden wieder wach werden lassen, da auf dem schlichten Bureau des ‘Neuen Frankfurter Verlags’ Arthur Pfungst dem Freunde Henning und mir seine weltanschaulichen Pläne entwickelte, durch die er Frankfurt zum Zentrum der freigeistigen Bewegung Deutschlands formen wollte“. (S. 32)
Der Endfünfziger Max Henning beteiligte sich nicht an der Stiftungsgründung, der wir uns nun zuwenden, oder war, was wahrscheinlicher ist, davon ausgeschlossen. Er könnte bei der Auflösung der Redaktion der Zeitschrift Das freie Wort alle Unterlagen mitgenommen haben, aber das ist nur eine Vermutung. So waren bereits bei der Abfassung der Gesammelten Werke von Pfungst von dem umfangreichen Schriftwechsel zwischen ihm und Henning nach den Angaben der Herausgeber nur noch zwei kurze Arbeitsnotizen auffindbar.[34]
Recherchen zu Henning besagen, dass er vermutlich nach 1920 und der Schließung des Verlages nach Neuhaldensleben ins Anhaltinische verzog, wo er im September 1927 im 65. Lebensjahr verstarb. Ob er ab 1920 eigene Einkünfte hatte, ist unbekannt. Über eine Abfindung oder Rente der Stiftung ist ebenfalls nichts bekannt. Wahrscheinlich versuchte er sein Glück 1920/1921 noch einmal mit einer religionswissenschaftlichen Arbeit bei einem anderen Verlag (P. Hartung Hamburg) über den Teufel.[35] Dieses Buch erlebte 1925 eine zweite Auflage. Ob ihm das Buch einen Ertrag brachte, bleibt wohl für immer unbekannt. Ab 2015 geben viele Verlage das Buch als Reprints, „Books on demand“ oder mit eigenem Satz erfolgreich neu heraus. Es ist ein Bestseller geworden.
[1] Vgl. traditionslinien_und_selbstverstaendnis (1).pdf
[2] Vgl. Groschopp: diesseits in diesseits, Text 1, 1997–2000.
[3] Petra Matern: Die Dr. Arthur Pfungst-Stiftung von 1918–1945. Hrsg. von der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung. Frankfurt a. M. 2024, S. 5. – Zitat im Zitat: Hans Werner: Der Arbeitskreis für freie Volksbildung der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung. In: Die freie Volksbildung, 3. Jg., 1928, S. 132. – Die Formulierung „unseren Kindern“ zeigt, dass beide Eltern wohl nicht mehr erwarteten, dass sie jemals Enkel erwarten könnten.
[4] Julius Pfungst investierte 1896 anlässlich des 25. Firmenjubiläums 100.000 Mark in den Grundstock einer Betriebsrente, später einen weiteren Betrag für eine Witwenversorgung.
[5] Marie Pfungst: Henriette Fürth.
[6] Dafür sprechen nur begründbare Vermutungen.
[7] Vgl. EK 1893, Nr. 8, S. 64.
[8] Weigold war Kaufmann und Haupteigentümer der Lederhandlung und Schäftefabrik Weigold & Ganns.
[9] Vgl. EK 1913, Nr. 15, S. 118.
[10] Vgl. EK 1913, Nr. 18, S. 143. – Wahrscheinlich war es diese Ansprache: Henning: Arthur Pfungst. Gedenkrede. – Da er hier vor allem den Dichter und Indienforscher Pfungst würdigte, ergeben sich allerdings Zweifel, diese Rede auch in der DGEK gehalten zu haben.
[11] Vgl. Matern: Die Pfungst-Stiftung, S. 7. – Dr. Arthur Pfungst-Stiftung [Broschüre, 12 S., o.O., o.J. (1931/1932), S. 3.
[12] Buchwald: Miterlebte Geschichte, S. 264, vgl. S. 275. – Marie Pfungst hätte hier einen guten Griff getan, auch für den Verlag, denn Buchwald hatte sowohl im „Insel“- Verlag als auch bei Diederichs verantwortungsvolle Positionen inne.
[13] Vgl. Pache: Theodor Bäuerles Beitrag, S. 151.
[14] Vgl. Pache: Theodor Bäuerles Beitrag, S. 152–156.
[15] Da diese Akten nach Auskunft von Gunter Stemmler verloren sind, bleibt Genaueres im Dunkeln.
[16] Vgl. Ethische Hoffnungen und Ausblicke. Die Eisenacher Zusammenkunft zur Förderung und Ausbreitung der ethischen Bewegung vom 5.–15. August 1893. Abdruck sämtlicher 14 Vorträge und Besprechungen, zusammengestellt von Gustav Maier. Berlin 1893. – Die Identität des Referenten konnte noch nicht gelüftet werden.
[17] Pfungst: Die Universität Frankfurt.
[18] Vgl. Angermann: Pfungst, S. CXXIII f., das Folgende S. CXXIII.
[19] Angermann: Pfungst, S. CXXIV. – Pfungst nahm den Fall Jodl als eine seiner umfänglichen Begründungen der Ablehnung einer Frankfurter Universität auf preußischem Territorium.
[20] Vgl. GW III‑2, S. V f.
[21] Zu den Personen vgl. Groschopp: Dissidenten.
[22] Vgl. Groschopp/Müller: Aus der Ethik, S. 137 ff.
[23] Vgl. Züricher Reden.
[24] Zeichnungen nahmen entgegen: Heinrich Rössler, Max Henning, Ernst Hochstädter; Auskünfte erteilten: Robert Hartmann-Kempf, Wilhelm Klauke; alle Frankfurt a. M.; es wurden die Privatadressen genannt.
[25] Vgl. Henning: Akademie, S. 3–6. – Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Heimerich Mitglied der SPD.
[26] Henning: Akademie, S. 17.
[27] Für Börner kamen 17 Vereine mit 64.000 Mitgliedern infrage, die in Hennings „Handbuch“ aufgeführt seien. Von ihnen errechnete er 6.400 Mark jährlich.
[28] Es würden sich doch wohl 200 Menschen finden lassen, die jährlich 50 Mark entrichten, das ergäbe 10.000 Mark. 50 Mark betrüge auch die Höhe der Kosten pro Semester je Hörer, wobei es Freiplätze geben müsse.
[29] Börner folgte hier seinem Programm psychosozialer Lebenshilfe. Vgl. Börner: Weltliche Seelsorge. – Eine ausführliche Darlegung findet sich bei Groschopp/Müller: Aus der Ethik, S. 177 ff.
[30] Der Hauptgrund war, dass der Staat, hier der preußische, von seinen angestellten Wissenschaftlern einen Diensteid verlangte, der ein Bekenntnis zum Christentum einschloss.
[31] Henning: Akademie, S. 9. – Alle folgenden Zitate und Hinweise beziehen sich auf diese Broschüre.
[32] 40.000 Mark umfasste dann 1918 das gesamte Stiftungskapital der Pfungst-Stiftung.
[33] Gemeint sein könnte der freidenkerische FZAS, in dem Rudolph Penzig und andere Ethiker wirkten.
[34] Vgl. GW III‑2, S. 216 f.
[35] Vgl. Max Henning: Der Teufel.



