Das Inventuren- und Bilanzbuch des Neuen Frankfurter Verlags wurde wiederentdeckt! Diese Meldung wäre von rein buchhalterischem Interesse, wenn es sich beim Neuen Frankfurter Verlag nicht um einen der wichtigsten Verleger freidenkerischer (oder, wie es zeitgenössisch hieß: dissidentischer) Literatur im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts gehandelt hätte. Horst Groschopp nahm den Fund zum Anlass, eine neue Geschichte dieses Verlages zu schreiben. Seinem Buch gab er unter Verweis auf die Entwicklung der verlegten Werke den Titel „Von der Freidenkerei zur Volksbildung“ (S. 11 f.) – und überzeugt mit dieser Einschätzung.
In der ersten Phase wurde der Verlag von Arthur Pfungst geprägt. Pfungst wurde in eine jüdische Familie geboren und später religionsloser Buddhist; vor allem aber war er ein Kind des katholischen, nicht des protestantischen Deutschlands. Entsprechend wandten sich die von ihm verlegten Werke vor allem gegen die katholische Kirche – was ihn in einen Gegensatz zu den sozialistischen Freidenkern brachte, die vor allem die protestantischen Landeskirchen als Gegner erlebten. Entsprechend war der Neue Frankfurter Verlag kein atheistischer Verlag, sondern „eine sowohl geistige, linksliberale Abwehr als auch eine Diskussionsbühne“ und wurde „im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zu einer Zentrale freigeistiger Literatur in Deutschland“ (S. 14).
Groschopps These, dass der Neuen Frankfurter Verlag die unterschiedlichen dissidentischen, d. h. außerhalb der offiziellen Kirchen agierenden, oft auch gegen sie gerichteten geistigen Strömungen im deutschsprachigen Raum bündeln sollte, legt er überzeugend dar. Das Prädikat „linksliberal“ allerdings trifft zwar für die Familie Pfungst selbst zu, ist für das Verlagsprofil aber zu optimistisch. Die Spannbreite derer, welche sich in Deutschland zwischen 1850 und 1950 gegen die großen Kirchen wandten, reichte schließlich vom Atheisten August Bebel bis zum Kriegsverbrecher Heinrich Himmler; nur ein Teil dieser Leute war linksliberal, und gerade in West- und Süddeutschland waren die Gegner katholischer Kirchenherrlichkeit eher national- als linksliberal orientiert.
Pfungst, dem es vor allem darum ging, dass die Leute sich überhaupt frei von amtskirchlicher Bevormundung äußern durften (S. 49 f.), öffnete seine Spalten allen diesen Gruppen. Entsprechend unterstützten linksliberale Politiker den Verein zwar intensiv (so finanziell bei der Vereinsgründung, S. 45); Groschopp übersieht aber die Konsequenzen dieser extrem offenen Praxis nicht, denn „der Aufklärungsgedanke und die Rom-Kritik verführte ihn [= den Verlag] dazu, auch Werke zu veröffentlichen, denen man heute zurecht rechtsorientierten Populismus vorwerfen würde.“ (S. 86)
Die Veröffentlichungen erfolgten unter Arthur Pfungst in fünf Schwerpunkten: die Zeitschrift „Das freie Wort“ (1901–1920) mit der als „Zentralorgan für die Interessen aller Dissidenten“ konzipierten Beilage „Der Dissident“ (1907–1914), Flugschriften, die „Bibliothek der Aufklärung“ sowie Sonstige (S. 17–19). Während die Zeitschriften in einer weiteren Publikation behandelt werden sollen, stehen die Bücher und Flugschriften im Zentrum des vorliegenden Werkes. Groschopp stellt die wichtigsten Publikationen des Verlags und ihre Autoren kurz vor, womit der Intention Pfungsts entsprochen wird: Die Leser erhalten einen Überblick über die Bandbreite der dissidentischen Literatur im deutschsprachigen Raum zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ihre Einordnung in die zeitgenössischen Strömungen. Die übrigen Bücher, die nachweislich im Neuen Frankfurter Verlag veröffentlicht wurden, enthält eine Übersicht am Buchende.
Mit der Wiederaufnahme der Verlagstätigkeit 1925 änderte sich das Profil, so Groschopp, gründlich (und auch das Führungspersonal, welches fast völlig ausgetauscht wurde). Das betraf bei genauerem Hinsehen aber eher den organisatorischen Teil: Mit der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung wurde 1918 (noch vor der Revolution) statt der von Arthur und Teilen der Dissidentenbewegung geplanten „Akademie des Freien Geistes“ eine klassische Bildungsstiftung gegründet; der Autor rekonstruiert diese Entwicklung detailliert, obgleich vieles mangels Quellen Vermutung bleiben muss. Sicher ist jedoch, dass Marie Pfungst den Neuen Frankfurter Verlag in den Dienst der Volksbildung stellte.
Ansonsten blieb sie dem Verlagsprofil ihres Bruders treu: Wie einst „Das freie Wort“ die Ansichten der Dissidenten bündeln sollte, informierte nun eine neue Zeitschrift, „Die freie Volksbildung“, über die Bandbreite der Volksbildungsbewegung. Damit rückten Marie und ihre Dr. Arthur Pfungst-Stiftung den Verlag sogar ein Stück weit nach links, denn statt der Monisten wurde nun der unter anderem von den sozialistischen Regierungen in Thüringen und Sachsen unterstützte Eduard Weitsch zum Hauptautor des Verlagsprogramms. Dieser Verbindung räumt Groschopp viel Raum ein (zwei Kapitel, S. 143–156 und 174–182), ohne deshalb die übrigen vom Neuen Frankfurter Verlag verlegten bildungspolitischen Akteure und ihre Thesen und Aktivitäten zu vernachlässigen. Die Leser erhalten auf diese Weise nicht nur einen Einblick in das Profil des Verlags, sondern auch eine Einführung in die Volksbildungsbewegung der Weimarer Republik, deren Erbe heute vor allem in Form der Volkshochschulen lebendig ist.
Insgesamt liefert Groschopp eine nachvollziehbare Neubewertung nicht nur eines wichtigen Dissidentenverlags des frühen 20. Jahrhunderts, sondern auch der Frühgeschichte der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung. Daneben führt er in das Leben und Wirken zweier wichtiger Förderer der von amtskirchlicher Bevormundung befreiten Bildung in Deutschland ein (nämlich Arthur und Marie Pfungst) und gibt eine Einführung sowohl in die Bandbreite der damaligen dissidentischen Strömungen als auch der weimarzeitlichen Volksbildungsbewegung.
Die Dr. Arthur Pfungst-Stiftung hat dabei selbst ein Lob verdient. Sie übernahm die Herausgabe des Bandes – obwohl Groschopp ihre bisherige Selbstdarstellung infrage stellt, wonach die damaligen Verantwortlichen bei der Arisierung das geistige Erbe der Familie Pfungst zu erhalten versucht hätten, statt Marie auszuplündern (S. 228–240). Hier scheinen weitere Forschung und weitere Quellen nötig.

Horst Groschopp: Von der Freidenkerei zur Volksbildung. Der Neue Frankfurter Verlag und seine Geschichte
Alibri Verlag, Aschaffenburg 2025
34,- Euro
ISBN: 978–3‑86569–445‑4



