1. Erinnerung an den Anfang
„Wenn uns die Menschen nicht als tätige Humanisten erleben, können sie unsere Weltanschauung gar nicht erfahren.“ Dieser Spruch wurde mir 2006 im Ausstellungskatalog „Humanismus. Geschichte und Gegenwart“ (Tafel 17) des HVD, Landesverband Berlin, zugeschrieben. Damals war ich Bundesvorsitzender und ein bedeutungsschwangerer Satz des Amtsträgers musste sein. So sehr ich die Aussage nach wie vor für richtig halte, das Original fand ich nicht.
Die Suche ergab aber zwei gedruckte Texte, jeweils Nachworte, einmal in dem besagten Katalog mit der Überschrift „Humanismus in der Renaissance“ und eine überarbeitete Fassung dieses Textes in der 2014 von „Die Humanisten“ in Stuttgart aufbereiteten Ausstellung von 2006. Im Nachwort des Stuttgarter Beiheftes wurde von mir „Renaissance“ durch „Aufklärung“ ersetzt, was gleich erklärt wird.
Die Lektüre dieser älteren Texte und ein Vergleich mit öffentlichen Äußerungen von Verantwortungsträgern im Verband ergab, das in ihm nach wie vor viele der damaligen Fragen relevant sind, es sogar Rückschritte im Verständnis von Humanismus gibt, weil er wieder stärker mit „Säkularität“ und „Säkularisierung“ in eine Verbindung gebracht wird, die ihn in seiner Eigenständigkeit und Bedeutung einschränkt, abhängig macht von Religionskritik und Kirchenkampf und daraus eine Politik formuliert wird, die suggeriert, dass mit mehr Säkularität in der Gesellschaft Humanismus Fortschritte macht.
Die 2006er Überschrift „Humanismus in der Renaissance“ prognostizierte einen großen bundesweiten Aufschwung des Verbandes und thematisierte die Hoffnung auf eine Konjunktur des erweiterten Begriffs und einer pluralistischen Programmatik der Gleichbehandlung von vorhandenen Religionen mit humanistischen Weltanschauungen durch den Staat. Das Wort „Renaissance“ – so die Absicht des damaligen Nachworts – sollte „Wiedergeburt“ bzw. „Wiederwachsen“ signalisieren. Denn die Kategorie ist, wie jeder Begriff, selbst historisch und 2016 im Handbuch „Humanismus: Grundbegriffe“ im Zusammenhang mit anderen Kategorien erläutert worden.[1]
„Renaissance“ bezeichnet gewöhnlich die 300 Jahre zwischen Petrarcas Geburt 1304 und der öffentlichen Verbrennung von Giordano Bruno 1600. Als Epochenbegriff fest etabliert wurde „Renaissance“ bezeichnenderweise erst viel später in einer Schrift des Kunsthistorikers Jacob Burckhardt, in der er 1860 die „Cultur der Renaissance in Italien“ entdeckte.[2] Fünf Jahre zuvor hatte der Rechtswissenschaftler und Philosophiehistoriker Carl Ludwig Michelet, ein Schüler von Hegel, dem wir die gesellschaftspolitische Anwendung des Begriffes „Säkularisierung“ verdanken (noch als „Verweltlichung des Christentums“), ähnliche Ausführungen gemacht.
Der Anlass zu der besagten Berliner Ausstellung ergab sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts, weil der HVD damals etwas mehr als ein Dutzend Jahre existierte und er das Bedürfnis hatte, auf das Herkommen aus einer langen Freidenkerbewegung zu verweisen, aus der er meinte, herauszuwachsen. Doch diese Traditionsbindung ist bis heute sein Verortungsproblem, auch wenn in einigen neueren Publikationen das geschichtliche Erbe weiter gefasst wird.[3]
Ein Rückblick auf 120 Jahre bezieht sich auf den „Verein der Freidenker für Feuerbestattung“, eine Ausgründung aus der „Berliner Freireligiösen Gemeinde“, aus dem 1930 der „Deutsche Freidenkerverband“ wurde, aus dem wiederum in den frühen 1990ern der HVD formaljuristisch entstand. Es ist aber das Problem jeder Traditionsbildung, dass organisatorische Kontinuität nicht nur immer quer zur Kultur- und Ideengeschichte steht, sondern auch mit der neuen Praxis kollidiert, die durchaus eine Aneignung des Erbes anderer Organisationen mit sich bringt, etwa Konzeptionen der Sozialarbeit oder der Lebenskunde aus der ethischen Kulturbewegung.
Nicht alle Verbände im HVD haben dieses Berlin-Brandenburger Erbe-Problem. Die westdeutschen Landesverbände können es, wenn so will, nur „theoretisch“ verstehen, weil ihnen eine entsprechende Praxis fehlt. Hinzu kommt, der bei der Gründung des HVD so maßgebliche ostdeutsche Verband in Sachsen-Anhalt existiert nicht mehr, wie sich überhaupt die aktuelle Mitgliedschaft (auch der angeschlossenen Verbände) stark verändert hat gegenüber derjenigen zur Zeit der Gründung 1993.[4] Und Berlin-Brandenburg hat nicht aufgearbeitet, was aus Ostberlin, dem Humanismus des DDR-Freidenkerverbandes 1990 ff., an Einrichtungen und Thesen übernommen wurde, einfach, weil engagierte Menschen nun unter einem anderen Dach arbeiteten.[5]
Für die Einschätzung der aktuellen Lage und des Geschichtsbewusstseins des Verbandes wesentlich scheint mir die Erinnerung an zwei Vorgänge. Erstens das Andenken daran, was für ein Verständnis von Humanismus nach 1990 in die hiesige Freidenkerei einzog und dann im HVD Aufnahme fand, weil seine Gründerorganisationen in ihm einen „Rettungsanker“ sahen, als das mitteleuropäische Ländergefüge und sein Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus ebenso zerbrachen wie die deutsche Teilung.
Humanismus kam als freidenkerische Konzeption der Säkularisierung in den Verband und geriet von Beginn an in Konflikt mit einem praktischen Humanismus, dessen Arbeitsfelder über das hinausgingen, was bisherige Praxis war. Das alte Konzept erlebte in den letzten dreißig Jahren immer mal wieder eine Renaissance und neue Annäherungen an Programme des „säkularen (oder „weltlichen“) Humanismus“.[6]
Beim zweiten Vorgang ist an eine solidarische Absichtserklärung zu erinnern, die eine breite Basis im Verband schaffen sollte für eine Reform der Vorstellungen vom Humanismus. Es handelt sich hier um einen tatsächlich „vergessenen“ gemeinsamen Beschluss, den der Bundeshauptausschuss 1994 als Teil III des ersten „Humanistischen Selbstverständnisses“ unter der Überschrift „Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe“ verabschiedete, denn die Gründungsveranstaltung selbst beschloss noch keine geschlossene Programmatik. Als gemeinsames Wollen galt:
„- Lebenskundeunterricht,
- Kinder- und Jugendgruppen,
- Jugendfeiern,
- Kultur- und Bildungsangebote,
- Schwangerschaftsberatung,
- Beratung und Hilfe in kritischen Lebenssituationen,
- Unterstützung älterer und behinderter Menschen,
- Patientenbetreuung,
- Sterbebeistand,
- Bestattungsfeiern, Beratung beim Todesfall und Hilfen bei der Verarbeitung von Trauer und Verlust.“[7]
Kindertagesstätten waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht im gemeinsamen Blick, aber z.B. in Sachsen-Anhalt Praxis.
Der Verband verstand sich an seinem Anfang noch als „Interessenvereinigung für Deutschlands Konfessionslose“. Dies ist ein Beleg dafür, dass der Ausdruck „Konfessionsfreie“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingeführt war. Der Begriff konnotiert zwei Grundbedeutungen: Erstens frei sein von einer oder mehreren Konfessionen, aber zweitens zugleich frei sein in der Wahl einer anders religiösen oder nichtreligiösen Glaubensrichtung, eines entsprechenden Bekenntnisses oder einer sinngebenden Überzeugung. Der Ausdruck ist angelehnt an den Begriff „freireligiös“, der bedeutet sowohl frei in der Religion als auch frei von Religion, wofür auch das Adjektiv „freidenkerisch“ verwendet wird.
Es ist das Problem der Bezeichnung „konfessionsfrei“, dass hier eine Person „konfessionslos“ sein, aber eben auch eine Konfession (ein Bekenntnis, eine Bezeugung, eine Rückbindung, Grundsätze …) haben kann. Diese Doppelbedeutung ist selbst ein historisches Produkt, denn der Begriff „Konfession“ (abgeleitet aus dem Lateinischen confessio = Glaubensbekenntnis, Bekenntnisschrift) entstand in seiner heutigen, viel umfassenderen und kulturell aufgeladenen Bedeutung erst im 19. Jahrhundert, sozusagen parallel zu dem der Konfessionslosigkeit.
Es gibt gegenwärtig in Deutschland einen „Zentralrat der Konfessionsfreien“, der eigentlich die Konfessionslosen anspricht, Freireligiöse mit großer Traditionspflege und einen „Humanistischen Verband“ und eine „Humanistische Vereinigung“, die sich an Konfessionsfreie wendet, die, wenn sie ihm dann als Mitglied angehören, konfessionell werden, weil der HVD und die HV entsprechend Grundgesetz als „Weltanschauungsgemeinschaft“ agieren.[8]
2. Historische Befunde
Alle Verbände, die heute zum HVD gehören und sich, soweit sie „Körperschaften des öffentlichen Rechts“ sind, 2025 eine neue Verfassung gegeben haben, besitzen zwar ihre je eigene Vergangenheit, aber alle stehen in gewisser Hinsicht in der freigeistigen, freireligiösen bzw. freidenkerischen Geschichte. Sie alle sind auf dem Weg zum Humanismus und dabei, diesen zu gestalten. Es versteht sich von selbst, dass sie sich ihm immer wieder auf eine Weise nähern, sich ihn aneignen in den Lesarten, die sich in ihrer eigenen Geschichte überliefert haben, die sie und die die jeweils neu beigetretenen Mitglieder mitbringen, verstehen und lernen.
Deshalb spielt der Begriff „säkularer Humanismus“ eine große Rolle. Noch immer ist der Beitritt vor allem im Westen eine Entscheidung gegen die Kirchenmitgliedschaft, oft noch in der ersten Generation. Sie suchen sich aus dem umfänglichen Reservoir des Humanismus logischerweise zuerst dasjenige heraus, was zu ihnen passt, was sie leichter verstehen als diejenigen Seiten des Humanismus, die für sie erst „übersetzt“ werden müssen. Alles Freidenkerische steht ihnen nahe, zumal sie noch immer in die religions- und kirchenkritische Ecke gestellt werden, aus der sie sich nun mühsam herausarbeiten in die Mitte der Gesellschaft hinein.
Es entspricht ihrer Lebensführung und oft der realen Praxis des Verbandes, dem sie beitreten, dass sie aus dem breiten Humanismus zuerst dessen religionskritischen Elemente, Ereignisse und Positionen nehmen. In ihrem Gesichtskreis bewegen sich medial die oft viel spannenderen und unterhaltsameren Mitteilungen und Veranstaltungen der „Giordano Bruno-Stiftung“ und des „Zentralrates der Konfessionsfreien“, inklusive eines Satireprogramms genannt „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“.
Dabei geraten zwei Fragen gar nicht in den Blick, erstens, was ein praktischer Humanismus unbesehen von dieser Art der Freidenkerei übernehmen kann; und zweitens, was im modernen Humanismus denn wovon „säkularisiert“ worden sein soll.
Das hat historische Ursachen. Die Freidenkerbewegung stand seit den 1870er Jahren zunehmend der Arbeiterbewegung nahe. Diese hatte mit dem konservativen zeitgenössischen Humanismus, wie er sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa an Gymnasien und Universitäten zeigte, berechtigterweise wenig im Sinn. Deshalb stand sie auch den „Humanistengemeinden“ von 1892–1936 (der „Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur““) – in den USA bekannt geworden als „Humanismus der Juden“ und abgetan als „religiöser Humanismus“ – ablehnend gegenüber.[9]
Aber von diesen bürgerlichen Kulturchristen und ‑juden und den mit ihnen verbundenen rein ethisch orientierten Reformpädagogen kamen gerade die Ideen etwa eines Lebenskundeunterrichts und einer „weltlichen Seelsorge,[10] die der HVD teils widerwillig aufnahm, ohne selbst die Herkunft zu kennen oder zu würdigen. Wir wissen auch heute noch viel zu wenig darüber,[11] weil die Losung vom „säkularen Humanismus“,[12] der ein Gegenprogramm dazu ist, uns den Zugang versperrt hat.
Von August Bebel stammt das Wort von der „Humanitätsduselei“,[13] das die sozialistischen Freidenker als klassenbewusste Arbeiterorganisation übernahmen, um gegen den bürgerlichen Humanismus Position zu beziehen. Diese Ablehnung betraf sogar den Begriff Humanismus, den wir in der Arbeiterbewegung bis 1933 wenig finden. Dies wirkte sich bis in die Volksfrontzeit gegen den Nationalsozialismus 1934–1939 hinein aus, als ein offener „sozialistischer Humanismus“ ein parteiübergreifendes Programm werden sollte, dem sich aber die sozialdemokratische Führung verweigerte.[14] Das setzte sich nach 1948 in der bundesrepublikanischen Freidenkerei fort, weil die DDR diese Parole vom „sozialistischer Humanismus“ monopolisierte und einseitig agitatorisch gegen den „Westen“ anwandte.
Für die Humanismus-Aneignung hatte dies eine tragische Folge, weil auch die Humanismus-Überlegungen von Karl Marx in seinen Frühschriften, sowieso erst seit den späten 1930er publiziert und den deutschen linken Emigranten also im Exil bekanntgeworden,[15] nicht historisch einzuordnen waren als politische Abwendung von den religionskritischen Junghegelianern, denen Humanismus „lediglich“ ein Bildungsprogramm war, während Marx und Engels auf eine Revolution zielten. Linke Junghegelianer tingelten damals durch die freireligiösen Gemeinden,[16] die deren Religionskritik begierig aufsogen, was wiederum Distanzen zu ihnen belebte, als es in den 1860ern um die Gründung einer politischen Arbeiterpartei ging. Darauf basiert noch, es wurde schon erwähnt, Bebels verbannendes Wort der „Humanitätsduselei“, ergänzt durch die Abwehr einer selbstbewussten Freidenkerei durch die politische Sozialdemokratie bis zur Revolution 1918/1919.
So war es immer die Priorität von Religionskritik, von den späten 1840ern bis in den aktuellen „säkularen Humanismus“, die Annäherungen an den Humanismus in seiner ganzen Breite verhinderten oder engführend orientierten. Wenn in der Freidenkerei auf das Erbe der Aufklärung berechtigt Bezug genommen wird, wird vor allem deren Beitrag zur Entlarvung der Kirchenherrschaft mittels Religionsanwendung durch den Staat gewürdigt. Weniger in den Fokus gerät, dass die historische Aufklärung sich an die Oberen wandte, die Fürsten, diese „erziehen“ wollte, so dass demzufolge geringer beachtet wird, welche aristokratischen Gesellschaftsmodelle damit favorisiert wurden. Demokraten gingen daraus nicht direkt hervor, schon gar nicht aus dem zeitgenössischen Humanismus des 19. Jahrhunderts.
3. Aufklärung über Humanismus
Die Ersetzung des Wortes Renaissance durch Aufklärung sollte 2014 verdeutlichen, dass sich Humanismus im HVD nach wie vor in der Aufklärung befindet. Diese war in erster Linie eine philosophische Position, wie auch der Atheismus keine Weltanschauung ist, sondern ein philosophisches Herangehen zeigt, die Welt ohne einen Gott zu erklären.
Freidenker waren bestrebt, ihre religionskritischen Philosophien darzulegen, zu beweisen und in eine bestimmte Praxis der Betrachtung umzusetzen. Das führte dazu, auch Humanismus vor allem als eine Philosophie zu sehen und weniger als eine kulturelle Bewegung. Religion wiederum geriet in dieser Sicht zu einer Sammlung falscher Annahmen, die man in einem Vorgang der Wahrheitsverbreitung meinte, einfach widerlegen zu können. Der „neue Atheismus“ hat daraus sogar einen Naturalismus gemacht oder gar einen krankhaften „Gotteswahn“ abgeleitet.[17]
Erst eine neuere, noch sehr junge, eigene humanistische Praxis führte „erfahrungstheoretisch“ vor Augen, dass es dabei um mehr geht als um den geistigen Gegenbeweis einer falschen Erkenntnis oder um ungenügende Quellenkritik, etwa bei einer „Widerlegung“ der Bibel oder des Koran. Humanismus bewegt sich auf einer anderen Ebene des Denkens und Lebens.
Das lässt sich an einem einfachen Beispiel belegen. Für Freidenker war immer klar, dass es keine „Seele“ gibt und „Spiritualität“ eine Religionsangelegenheit ist.[18] Doch schon in den Humanistengemeinden um 1900 erkannten die eher praktisch veranlagten Protagonisten, dass Menschen „seelische“ Probleme haben können, und dass Menschen wissen, was ihnen dabei weh tut, nämlich: Es liegt ihnen etwas schwer auf der Seele. Sie begannen über praktische Hilfe, ethische Konflikte, über eine „weltliche Seelsorge“ nachzudenken.[19] Dass vor paar Jahren von den Verteidigern freidenkerischen Grundwissens noch jedem Verbandsmitglied Revisionismus unterstellt worden wäre, wenn er oder sie gar von einer „humanistischen Seelsorge“ gesprochen hätte, ergibt sich aus dem Gesagten.
Heute wissen wir, dass „Seelsorge“ eine in der Antike ausgeübte „humanitas“ war (auch kein philosophischer Begriff), Menschen in ihrer seelischen Not zu helfen. Erst das Christentum hat daraus relativ spät eine Hinführung von zweifelnden Gläubigen zu Gott gemacht, also eine Art „Seelenrettung“. Und erst, als die Psychologie in die kirchliche Praxis einzog, öffnete sich ihr Verständnis, so dass so etwas wie die Soldaten-Seelsorge heute auch psychologische Seiten hat und weniger religiös daherkommt als noch im Zweiten Weltkrieg, als „Gott“ auf dem Koppelschloss als Helfer beim Töten des Gegners bemüht wurde.
Die Überschrift „Humanismus in der Aufklärung“ habe ich bewusst irritierend formuliert. Man könnte meinen, jetzt folge eine streng historische Abhandlung, die nach traditioneller Art Humanismus im Sinne von Antikepflege, Beschäftigung mit alten Sprachen und „Humanistisches Gymnasium“ und das Ganze eingeordnet in ein Aufklärungsprogramm fasst.
Es kann aber niemand die vielen Menschen aus den letzten 2500 Jahren umfassend vorstellen, die zu den Humanisten gerechnet werden können. Unabhängig davon, dass fast immer nur Männer vorgestellt werden – es gibt noch keine Frauengeschichte des Humanismus –, ist zu sagen: Es gab Humanisten, bevor es Christen und Moslems gab. Wer kennt heute noch im wissenschaftlichen Diskurs all die Kirchenväter und Päpste, aber die Namen Demokrit, Epikur, Sokrates, Cicero, Lukrez, Dante, Erasmus, Hutten, Rousseau, Voltaire, Goethe, Feuerbach, Marx, Adorno und Eco haben fast alle schon mal gehört.
Auffällig ist, dass Personen nicht in den Blick kommen – es ist auf die Tradition des „säkularen Humanismus“ zurückzuführen – die als Christen „Humanität“ in den Humanismus zurückgeholt haben, etwa Herder, aber auch Lessing.
4. Humanismus – ein Angebot
Es ist äußerst nützlich, bevor über Humanismus diskutiert wird, zu sagen, was darunter im Folgenden verstanden wird. Es bietet sich hier der erste Satz der Einleitung zum Handbuch „Humanismus: Grundbegriffe“ an: „‚Humanismus‘ ist eine kulturelle Bewegung, ein Bildungsprogramm, eine Epoche (Renaissance), eine Tradition (‚klassisches Erbe‘), eine Weltanschauung, eine Form von praktischer Philosophie, eine politische Grundhaltung, welche für die Durchsetzung der Menschenrechte, ein Konzept von Barmherzigkeit, das für humanitäre Praxis eintritt.“[20]
Das ergibt acht Bedeutungen, die jeweils eine eigene Begriffsgeschichte haben, eigene Forschungsgegenstände sind und spezielle humanistische Organisationen hatten und haben. Bei allen diesen Bezeichnungen ist umstritten, wie sie sich in der Realität zueinander verhalten und dann als Ganzes – als der Humanismus – gesehen werden können. Es versteht sich, dass von jedem Teilgebiet aus betrachtet, sich die Vorstellung vom Humanismus ändert, anderes betont wird.
Wo ließe sich bei den acht Kategorien sinnvoll das Adjektiv „säkular“ davorsetzen und was würde das dann jeweils bedeuten. Das soll jetzt nicht vertieft werden, sondern nur andeutet. Wir hätten dann die Begriffe: säkulare Bewegung, säkulare Bildung, säkulare Renaissance, säkulare Tradition (etwa der Antike oder des Neuhumanismus), säkulare Weltanschauung, säkulare Philosophie, säkulare Menschenrechtspolitik und säkulare Barmherzigkeitspraxis. Alles spannende Fragen, die uns aber nicht unbedingt Humanismus erklären, wenn auch einige Seitenlinien.
Die Vorstellungen von Humanismus differieren beträchtlich. Zwar gibt es wissenschaftlich begründete Ansichten über den Humanismus, aber keine allgemeine Übereinkunft. Die Auffassungen vom Humanismus sind historischen Einflüssen unterworfen, zumal es den Begriff selbst erst seit 1808 gibt, wahrscheinlich bereits einige Jahre früher in der Altertumswissenschaft.[21] Damals war Humanismus ein mit der Antike argumentierendes pädagogisches Reformkonzept für die Höhere Bildung, publiziert 1808 durch Friedrich Immanuel Niethammer (1766–1848), der ein Jahr zuvor als bayerischer Zentralschulrat für die protestantische Kommission eine Lehrplanreform im neuhumanistischen Sinne durchgesetzt hatte.[22]
Im Vorfeld der Revolution von 1848 geriet der Begriff, wie vorn schon erwähnt, in die Auseinandersetzungen der sich politisch teilenden „Junghegelianer“ und in die Entstehung des „Kommunistischen Manifestes“ von Friedrich Engels und Karl Marx.[23] Das führt bis heute zu Auffassungen, der Humanismus sei damals schon an sein Ende gekommen.[24] In den 1850er und 1860er Jahren erweiterte sich der Begriff und wurde rückübertragen auf kulturelle Epochen, die Renaissance, die Aufklärung; und dann noch weiter zurückgeführt und auf die Antike in einer Weise angewandt, dass man ihn heute von dort herleitet, oft mit der engführenden Pointe, dass der Humanismus und die Beschäftigung mit den alten Sprachen gleichzusetzen seien.[25]
Man unterscheidet seit dem frühen 19. Jahrhundert immer wieder einen „neuen“ von einem „alten“ Humanismus, je nachdem, was als Humanismus innoviert, welcher erneuert oder überwunden werden soll. So bringen seitdem diverse historische Reflexionen verschiedene „Anwendungen“ hervor, so den „Neuhumanismus“, in den die Begründung der Humanität durch Johann Gottfried Herder fällt.[26]
Die Kreation des Begriffs „Neuhumanismus“ und die Verwendung für die Zeit der Aufklärung erfolgte durch Friedrich Paulsen, durch die Titelangabe des ersten Bandes seiner „Geschichte des gelehrten Unterrichts: Der gelehrte Unterricht im Zeichen des alten Humanismus 1450–1740“. Damit wurde der „alte Humanismus“ sogar zeitlich genau eingegrenzt und der Start eines „Neuhumanismus“ ebenso exakt bestimmt,[27] obwohl solche Kulturvorgänge immer ihre Vor- und Nachstufen sowie differenten Interpretationen haben.
So ergab es sich, dass seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts „Humanismus“ die Kultur und das Welt- und Menschenbild der Antike und der Renaissance bezeichnet, aber auch die Zeit der Aufklärung, ihre und einige daran gebundene spätere Bildungsprogramme, inklusive die „Humanistischen Gymnasien“, die als einzige Schüler zum Abitur führen durften. In den 1920er Jahren entstand der „dritte Humanismus“ mit seinen (späteren) geistigen Annäherungen an den Faschismus.[28] Mitte der 1930er Jahre setzte sich ein „kämpferischer Humanismus“ davon ab und wurde zu einem Widerstandsbegriff gegen den Nationalsozialismus, logischerweise in einem ganz anderen Verständnis von Humanismus als konservative Befürworter der Nazi-Diktatur.[29]
Mitte der 1960er Jahre, als Sem Dresden Humanismus lehrbuchhaft als ein Phänomen der Renaissance vorstellte,[30] befand er sich zwischen den Fronten des Kalten Krieges. Humanismus war im Osten ein außerordentlich optimistisches kulturpolitisches Programm der DDR, während er im Westen teils als Tragödie reflektiert[31] und teils zur Zielscheibe eines kirchlichen Anti-Atheismus wurde,[32] und nahezu zeitgleich seine konservativen Verfechter (vergeblich) versuchten, eine Renaissance ihres „dritten Humanismus“ zu erreichen.[33]
Diese Zeit (Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre) ist wichtig für unseren Gegenstand, weil parallel zu den soeben angedeuteten Vorgängen in der Bundesrepublik die ersten organisatorischen Versuche einer erneuerten humanistischen Programmatik stattfanden. Die Akteure nutzten dabei agnostische und atheistische Auslegungen des Humanismus, die in der 1952 gegründeten IHEU gepflegt wurden. Der Zusammenhang von Humanismus, Aufklärung und Religionskritik erhielt damals in der Freidenkerbewegung eine Lesart, die dann zu Beginn der 1990er Jahre nach dem Ende des „Ostblocks“ aufgegriffen wurde, um einen neuen organisierten Humanismus zu begründen, darunter äußerst erfolgreich bis in die Gegenwart die „Humanistische Union“.
Die geschichtlichen Anmerkungen zeigen: Einige der Kriterien oder Prinzipien, die heute als „humanistisch“ gelten, können auf Zustände vor 150 oder 250 Jahren gar nicht angewendet werden, weil es sie da kulturell noch gar nicht gab, etwa die Ideen der Selbstbestimmung oder der Solidarität, bzw. die vor fünfzig oder hundert Jahren eine ganz andere Bedeutung hatten, z.B. Weltlichkeit oder Weltanschauung. Was Humanismus jeweils denjenigen ist, die über ihn reden, wandelt sich in den Generationen und Zeitumständen. Dennoch gibt es Konstanten.
Es gibt Humanismus nur, wenn Menschen ihn denken und leben. Es gab ihn und er wurde befördert in Zeiten, da gab es noch keine „Konfessionsfreien“. Ihn darauf zu beziehen, daran zu binden oder gar darauf zu reduzieren, ist neuesten Ursprungs und hat zur Voraussetzung, Humanismus als „Weltanschauung“ zu verstehen, mit einem Schwerpunkt auf Aufklärung, Wissenschaft, Philosophie sowie Religions- und Kirchenkritik. In gewisser Hinsicht abstrahiert diese Konzentration, die vorzüglich den „säkularen Humanismus“ stützt, von einem Humanismus-Verständnis, in dessen Mittelpunkt sich die Idee der Humanität befindet.
Besonders dieser Bezug auf Humanität, eingeführt durch Projekte des „praktischen Humanismus“, verändert seitdem die Bilder von Humanismus und die Einschätzung des Platzes, den humanistische Organisationen darin haben bzw. sich selbst zuschreiben. Es bot sich in der „säkularen Szene“ an, und ich selbst habe mich an dieser Legendenbildung beteiligt, Humanismus als eine Art Religionsersatz zu sehen,[34] als eine Kultur einer sozialen Gruppe, derjenigen Konfessionsfreien, die sich ihm öffnen, ihn annehmen, unterstützen.
In diesem Zusammenhang wird oft argumentiert, man müsse schon deshalb weltlicher oder säkularer Humanismus sagen, weil man sich von einem „christlichen Humanismus“ unterscheiden müsse. Die Verbindung des Christentums mit dem Humanismus war aber ein großes, kurzlebiges und westeuropäisches Missverständnis in kirchlichen Reaktionen auf den Erfolg des Humanismus in der antifaschistischen „Volksfront“ der 1930er Jahre. Der Theologe Karl Barth verurteilte nach dem Krieg solches Denken als „hölzernes Eisen“.[35] Religionen seien keine Ismen. Der „christliche Humanismus“ kam dann in den 1950ern aus der Debatte, außer bei den Freidenkern, die ihre Gegnerschaft dazu tradierten und den „säkularen Humanismus“ aus den USA adoptierten.
Das Christentum, das erkannten die meisten Freidenker bereits in den 1920ern, kann nicht durch antikirchliche Agitation oder ähnlich gelagerte Aktionen und Forderungen nach vollständiger Trennung von Staat und Kirche zurückgedrängt, gar beseitigt werden, sondern nur mittels weltlicher (wie es noch hieß) kultureller Angebote von der Wiege über die Schule bis zur Bahre. Wir würden das heute praktischen Humanismus nennen. Das ging damals nicht, weil Humanismus in dieser Zeit als bürgerlich-elitäre und weltfremde Antikeverehrung galt und schließlich als „dritter Humanismus“ in ein freundliches Verhältnis zum Faschismus trat.
Die Erfolge der Jugendweihen, Lebenskunde und Bestattungskassen in den 1920ern waren zwar bescheiden, wurden aber bekämpft (auch wegen ihrer Verbindungen zu den Arbeiterbewegungen). Es wurde deren Beseitigung gefordert, weshalb die Kirchen den Nationalsozialismus nahezu unisono begrüßten.
Von den Versuchen der Nazis, diese weltlichen Angebote durch eigene zu ersetzen, war nur die Lebenskunde als Rassenlehre innerhalb des Biologieunterrichts erfolgreich – ein (letztlich) weltliches Angebot. Das war aber ein Vorgang, der im Vorfeld der „großen Wende“ um 1990 half, „weltlich“ als nicht hinreichende Benennung einer Alternative zu erkennen. Parallel dazu begann ein humanistischer Aufbruch, ohne große Rückbesinnung auf die Humanismushistorie.
Humanismus hat eine mehr als 2000jährige Geschichte – ein Auf und Ab. Seine Protagonisten waren immer in die Religionen ihrer Zeit eingebunden, von Cicero über Erasmus bis zu den Neuhumanisten des 18. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert kamen die Juden hinzu, mit ihnen entstand die erste große Humanistenorganisation (1892–1936), die „Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur“ (DGEK). Sie wollte die weltliche Ethik zu einer Religion machen (Ferdinand Tönnies). Das meinte, humanistische Ethik kulturell zu verankern.[36]
Als sich deutsche Freidenker ab 1990 auch organisatorisch dem Humanismus zuwandten, war die ethische Kulturbewegung in ihren Reihen weitgehend vergessen. Sie rezipierten deshalb zunächst den „säkularen Humanismus“, der die Menschenrechte für sich beanspruchte und nichtreligiös deutete. Andere Deutungen des eigenen Humanismus tauchten, wie schon erwähnt, erst 1997/98 auf, interessanterweise mit Gründung der „Humanistischen Akademie“ und deren Publikationen.
Doch zeigte sich besonders durch die Tagungen und Publikationen der „Humanistischen Akademie“, dass Humanismus umfassender gesehen werden kann. Er ist eine geschichtlich gewordene und qualifizierbare Auffassung und Praxis von „Barmherzigkeit“, „Bildung“ und „Menschlichkeit“. Sie bündelt weltanschauliche Richtungen, die mit einem stark rationalen und historisierenden Herangehen Würde definieren und damit verbundene Fragen anthropozentrisch beantworten, nicht anthropozentristisch. Die Maxime des Humanismus, dass der Mensch im Mittelpunkt steht, ist sein Kern. Denn was wäre dies für ein Humanismus, der die Fokussierung auf das „humane Lebewesen“ aufgibt, der nicht mehr zuvörderst an Weltanschauungen arbeitet, die „ihrem Selbstverständnis nach ‘den Menschen in den Mittelpunkt ihres Denkens stellen’ (‘humano-zentrisch’)“?[37]
„Weltanschauung“ meint dabei „eine ‘Bewegung’, eine ‘Tradition’“, die „sich als ‘Humanismus’ ausweist“ durch erstens eine „Erziehung mit dem Schwerpunkt allgemeine, ‘menschliche’ Bildung, besonders durch Sprache, Rhetorik, Literatur, Geschichte, Weisheit: studia humanitatis“ und zweitens durch „die humanitäre Praxis, Humanitarismus, die mehr oder weniger erfolgreichen Humanisierungsprozesse in Recht, Kriegführung, Medizin.“[38] Hubert Cancik folgerte aus dieser Bestimmung: „Humanismus … ist keine Philosophie, kein geschlossenes, nur mit sich selbst kompatibles System aus Anthropologie und Ethik, sondern die Lehre, ‘eine unvollendete Weltanschauung zu ertragen’.“[39]
Bei aller Offenheit und Unvollständigkeit hat der Humanismus Geschichte und Strukturen, Lehren und Meinungen, Menschenbilder und Mythen, Tatsachen und Überlieferungen, Märchen und Dokumente, Kunstwerke und Techniken. Deshalb ist „Humanismus ein ‘System’“, aber „keineswegs die Darstellungsform einer Totalität, ist nicht ontologisch, teleologisch, organologisch fixiert. Vielmehr: Die Unfertigkeit kann, wie etwa für die humanistische Bewegung, durchaus ein Element der Systemform sein. ‘Humanismus’ ist unvollendet, unfertig, unvorhersagbar, offen, aber dennoch ein veritables ‘System’.“[40]
Es hat immer wieder Versuche gegeben (und gibt sie noch), Humanismus als eine besondere Philosophie zu erklären.[41] Hierzu ist anzumerken, dass humanitas (lat.), von wo sich Humanismus und Humanität herleiten, keine philosophische Kategorie war, wie der Altphilologe Friedmar Kühnert belegt: „Humanitas wurde verwendet ‘im Sinne von >verzeihender Liebe< (clementia), >Barmherzigkeit< (misericordia)’. Das Wort erscheint um 80 v.u.Z. in der Schrift ‘Rhetorica ad Herennium’ eines unbekannten Autors.“[42]
Wenn also Humanismus und Humanität sich gleichermaßen von humanitas herleiten, dann heißt das (nach Hubert Cancik): „Kein Humanismus ohne Humanität, keine ‘Bildung’ ohne ‘Barmherzigkeit’, ohne humanitäre Praxis“; „‘die Menschheit (das Menschengeschlecht: genus humanum), Entrohung (e‑ruditio, Bildung) und Barmherzigkeit. Das gute deutsche Wort ‘Barmherzigkeit’ ist ebenfalls ein Lehnwort, nämlich die genaue Übersetzung von miseri-cordia’“.[43]
Barmherzigkeit ist der Leitbegriff jeder praktischen Humanität. Logisch, dass solches Herangehen auch „Spiritualität“, etwa bei der humanitären Sorge um Kranke, besonders bei der Sterbebegleitung, anders denken lässt als die traditionelle Freidenkerei oder die philosophische Erkenntnistheorie, wo es vorrangig um Vernunft und Rationalität geht, weniger um Anteilnahme, Milde, Mitgefühl, Nachsicht oder Wohltätigkeit. Das betrifft auch die „Seelsorge“. Vergeblich und wahrscheinlich ohne im Anliegen überhaupt verstanden worden zu sein, forderte 1991 Gita Neumann, Begriffe wie „Glaube“, „Seelsorge“, „Idealismus“, „Weisheit“ und „Offenbarung“ „nicht kampflos religiösen und spirituellen Ideologien zu überlassen“ und sie dadurch für „unsere humanistische Weltanschauung zu entwerten und unbrauchbar zu machen.“[44]
Diesen Abschnitt zusammenfassend kann man festhalten, dass sich Humanismus als ein kulturelles Phänomen darstellt, das sich in den Dimensionen bewegt wie Religion. Doch er ist anders verfasst, etwa in den Begründungskonstruktionen, und er reicht darüber hinaus, ist umfassender. Humanismus stellt sich dar als Rechtspflege – etwa in der Humanisierung des Strafvollzugs –,[45] als Solidaritätsprinzip in Gesellschaftsdiskursen und im Sozialstaatsdenken,[46] als „Menschenheilkunde“, die mehr ist als Humanmedizin und so ziemlich das Gegenteil von körperlicher und/oder seelischer Gesundung durch Heilseinflüsse.
Humanismus äußert sich als den Körper betonende und die Sinne bedienende Ästhetik, die auch die Gartenkunst und Esskultur einschließt. Man kann sogar sagen, dass Humanismus eine eigene Ikonographie ausgebildet hat, etwa in der Porträtkunst.
Wie alle großen Menschheitserzählungen besitzt auch der Humanismus eigene Mythen, die seine Geschichte umranken. Eine geradezu mythische Symbolik erreichte der (später) auf den Tag genau festgelegte Beginn des Renaissance-Humanismus: In einem auf den 26. April 1336 datierten Brief, der auf Latein verfasst und an den Frühhumanisten Dionigi di Borgo San Sepolcro (ca. 1300–1342) gerichtet war, schildert der Dichter Francesco Petrarca (1304–1374), wie er zusammen mit seinem Bruder den Mont Ventoux in der Provence bestieg. Oben angekommen habe er die Landschaft betrachtet. Angeregt durch ein zufällig aufgeschlagenes Wort aus den Confessiones [X, 8] des Augustinus habe er sich selber zugewandt. Hier begann, so die „Erzählung“, die radikale Subjektivität seiner Dichtung: „Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.“[47]
Humanismus hat seine Heroen hervorgebracht, etwa den „Humanisten-König“ Henri Quatre, dessen „streitbarer Humanismus“ immer wieder betont wird, so besonders bei Heinrich Mann.[48] Und er besitzt, wie jede kulturelle Bewegung, Gegner und Feinde, etwa den „Anti-Humanisten“ Friedrich Nietzsche.[49]
Humanismus ist letztlich eine besondere Kulturanschauung. In ihr wird der Mensch vom Menschen aus betrachtet und in den Mittelpunkt gestellt, also nicht von einem Gott oder einer Religion aus abgeleitet, oder von der Rasse oder Nation her bestimmt. Die Differenz zur Religion hat nun nicht die Absicht, den Beitrag religiöser Menschen zur Theorie und Praxis zu schmälern oder gar zu „vergessen“, dass z.B. Melanchthon in der Ideengenealogie des Humanismus einen hervorragenden Platz hat, obwohl ohne ihn die fundamentalistische Wende der Reformation gegen den Humanismus so nicht stattgefunden hätte.
Die Differenz zur Religion entsteht auch nicht dadurch, dass Humanismus den Atheismus oder den Agnostizismus von vornherein zu seinem Prinzip erklärt, sondern umgekehrt: Humanismus geht voraussetzungslos vom Menschen aus. Humanismus heißt „Reden über Menschen“. Man könnte mit dem römischen Dichter Terenz (190–159 v.u.Z.) sagen ”Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd!”
5. Konträre politische Programme
In den letzten Jahren gibt es berechtigte starke Kritik von Religionswissenschaftlern an Analysen mit Hilfe der Säkularisierungstheorien. Es wird eine Leerstelle im kulturhistorischen Denken festgestellt, denn Säkularisierungen, gerade in der Moderne, haben immer wieder zugleich Sakralisierungen hervorgebracht, also starke religiöse Gegenbewegungen und theologische Umdeutungen, aber auch Entlarvungen politischer Ideologien, in denen es ebenfalls „Säkularisierungen“ und „Sakralisierungen“ gibt.
Meine bis hierhin vorgestellte Sicht sagt, dass „säkularer Humanismus“ letztlich keine klarstellende inhaltliche Bestimmung von Humanismus anbietet, aber nützlich sein kann bei der Beschreibung der entsprechenden organisierten Gruppen, etwa des „Zentralrates“ oder der „Giordano Bruno-Stiftung“, für die ein konsequent säkularisierter, kirchenfreier Staat ein strategisches Ziel darstellt, wofür aber nach meinem Dafürhalten das Wort „Humanismus“ gar nicht nötig ist.
Mein Vorschlag wäre, im HVD auf die Worte „säkular“ oder „weltlich“ wegen der Missverständlichkeit und Verwechselungsgefahr des eigenen Programms zu dem der beiden genannten zu verzichten und immer, wenn das Wort „Humanismus“ eingesetzt wird, in seiner Verwendung klarzustellen, wenigstens gedanklich, was das im jeweiligen konkreten Fall heißt, z.B. wenn gewohnheitsmäßig formuliert wird, der HVD stehe in der Tradition der Aufklärung. Im Groben stimmt das immer, aber welche Traditionen in der Aufklärung sind ihm besonders wichtig, wo zieht er seine Linien, welche Gedenktage feiert er usw.? Wer hat wann die „humanistische Sozialarbeit“ erfunden und wie praktiziert?
Man muss den Begriff „Freidenker“ schon sehr arg strapazieren, um hier Urheberschaften für das festzustellen, was der HVD oder die „Humanistische Vereinigung“ wollen und praktisch machen. Es handelt sich hier um „Weltanschauungsgemeinschaften“, die laut Grundgesetz auf einer Ebene mit „Religionsgesellschaften“ handeln, also ebenfalls „konfessionell“ (bekenntnishaft) auftreten, Gleichbehandlung mit ihnen wollen, nicht vorhaben, sie und Religion gleich mit „abzuschaffen“. Das aber intendiert „säkular“.
Staat und Gesellschaft sollen, so die Konzeption des HVD, wie ich sie verstehe, pluralistisch eingerichtet sein, was nicht neutralistisch heißt. Das wäre im Detail durchzudeklinieren bis zu „Staatsknete“, Kopftücher, Lebenskunde und eigene Hochschule. Dieser Humanismus will jedenfalls nicht „säkularisierender Humanismus“ sein, was allerdings auch nicht den Status quo festschreiben will. Jedenfalls sollte man sich in dieser Sache öffentlich ehrlich machen.
Was hingegen die politische Strategie des „säkularen Humanismus“ betrifft, passt ein Zitat von Julian Nida-Rümelin: „Der so genannte säkulare Humanismus sieht sich in der Tradition dieses Konfliktes [zwischen humanistischen Intellektuellen und klerikalen Autoritäten, HG] und lehnt religiöse Überzeugungen und Praktiken grundsätzlich ab. Damit geht er jedoch über das hinaus, was das humanistische Ethos verlangt: gleicher Respekt vor jedem menschlichen Individuum, ein humaner, rücksichtsvoller Umgang untereinander, die Anerkennung unterschiedlicher Kulturen unabhängig von ihrer Herkunft und ihren normativen Prägungen sind auch für religiöse Menschen möglich.“[50]
6. Fazit
Humanismus ist eine historisch gewordene Kulturauffassung von „Barmherzigkeit“, Bildung und „Menschlichkeit“, die weltanschauliche Richtungen und kulturelle Ansichten bündelt, die mit einem historischen, rationalen und an allem zweifelnden Herangehen „Menschenwürde“ definieren und damit verbundene Fragen anthropozentrisch beantworten. Diese Definition ist sehr lückenhaft. Doch sie soll zur Kritik herausfordern und die Debatte beleben.
Seit 1993 versucht der „Humanistische Verband Deutschlands“ seinen Beitrag zu einem modernen Humanismus zu leisten. Die objektive Ursache für seine Schwäche, inklusive der Mängel seines Verständnisses von Humanismus, ist historisch begründet und lässt sich nur historisch ändern. Aber ein neuer Anfang muss sein, weil auch die Verbandspolitik mehr Klarheit braucht, etwa in der Entscheidungsfrage, was das strategische Ziel ist – eine säkularisierte Gesellschaft oder eine humanistische. Beides geht nicht, denn eine säkularisierte Gesellschaft muss nicht unbedingt humanistisch sein.
[1] Vgl. Hubert Cancik: Renaissance. In: Hubert Cancik/Horst Groschopp/Frieder Otto Wolf (Hrsg.): Humanismus: Grundbegriffe. Berlin/Boston 2016, S. 347–356; als Paperback 2024.
[2] Vgl. Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch (1860). Sonderausgabe. Walther Rehm (Hrsg.). Hamburg 2004.
[3] Vgl. Manfred Isemeyer (Hrsg.): Wofür es sich zu streiten lohnt: Humanismus. 120 Jahre Engagement für Aufklärung, Menschenrechte und Humanität. Neu-Ulm 2025.
[4] Zur Frühgeschichte des HVD vgl. Horst Groschopp: Pro Humanismus. Eine zeitgeschichtliche Kulturstudie. Mit einer Dokumentation. Aschaffenburg 2016.
[5] Vgl. Horst Groschopp / Eckhard Müller: Letzter Versuch einer Offensive. Der Verband der Freidenker der DDR (1988–1990). Ein dokumentarisches Lesebuch. Aschaffenburg 2013.
[6] Vgl. Horst Groschopp: Alles ist weltlich. Anmerkungen zum Begriff der „Weltlichkeit“ in Bezug auf die säkulare Bestattungs- und Trauerkultur. In: Ludwig Feuerbach. Säkularisierung der Menschenbilder? Hrsg. im Auftrag Humanistischen Akademie von Horst Groschopp, Berlin 2005, S. 103–114 (= humanismus aktuell, Zeitschrift für Kultur und Weltanschauung, Berlin 9[2005]16).
[7] Humanistisches Selbstverständnis. Berlin 1994.
[8] Vgl. dazu Horst Groschopp: Die Geburt der Konfessionsfreien. Eine deutsche Kulturwende im Spiegel der Zeitschrift „Der Dissident“ (1907–1914), das Buch erscheint in diesem Herbst im Aschaffenburger Alibri Verlag.
[9] Vgl. Finngeir Hiorth: Humanismus – genau betrachtet. Eine Einführung. Neustadt am Rübenberge 1996, S. 21–25. – Zu den „Humanistengemeinden“ vgl. Horst Groschopp / Eckhard Müller: Aus der Ethik eine Religion machen. Der praktische Humanismus einer sozialliberalen Kulturbewegung. Zur Geschichte der „Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur“ (Oktober 1892 bis Januar 1937). Aschaffenburg 2024.
[10] Vgl. Horst Groschopp: Dissidenten. Freidenker und Kultur in Deutschland (1997), Marburg 2012, S. 166–170.
[11] Vgl. Hilde Schramm: Meine Lehrerin Dr. Dora Lux. 1882–1959. Nachforschungen. Reinbek bei Hamburg 2012.
[12] Vgl. Groschopp: Pro Humanismus, S. 66–74.
[13] Vgl. August Bebel: Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien (1907). Leipzig 1978, S. 232.
[14] Vgl. Horst Groschopp: Der ganze Mensch. Die DDR und der Humanismus. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Marburg 2013, S. 90–117.
[15] Vgl. Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte. [Zur Kritik der Politik und zur Kritik der Nationalökonomie.] Geschrieben von April bis August 1844. Nach der Handschrift. Leipzig 1968.
[16] Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels: Die großen Männer des Exils (1852). In: MEW, Band 8, Berlin 1960, S. 235–335, hier S. 278 (kursiv auch im Original): Es habe sich Arnold Ruge hinter dem Humanismus versteckt, dem „Humanismus, jene[r] Phrase, womit alle Konfusionarier in Deutschland von Reuchlin bis Herder ihre Verlegenheit bemäntelt haben“, als nicht nur die philosophischen Verhältnisse zu tanzen begonnen hätten.
[17] Zur Auswirkung auf die „säkulare Szene“ vgl. Andreas Fincke: Mit Gott fertig? Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme aus kirchennaher Sicht. Horst Groschopp (Hrsg.). Aschaffenburg 2017, S. 85–102.
[18] Vgl. Joachim Kahl: Weltlich-humanistische Spiritualität. Was ist das? In: diesseits 2000, H. 50, S. 3–5.
[19] Vgl. Ralf Schöppner: Seelsorge. In: Cancik/Groschopp/Wolf (Hrsg.): Humanismus: Grundbegriffe, S. 368–375.
[20] Hubert Cancik/Horst Groschopp/Frieder Otto Wolf Hrsg.): Humanismus: Grundbegriffe. Berlin/Boston 2016, S. 1. – Vgl. darin Walter Jaeschke: Säkularisierung, S. 359–365.
[21] Vgl. Martin Vöhler: Die „Erfindung“ des Humanismus im 18. Jahrhundert. In: Horst Groschopp (Hrsg.): Humanismusperspektiven. Aschaffenburg 2010, S. 30–41, besonders S. 30.
[22] Vgl. Friedrich Immanuel Niethammer: Der Streit des Philanthropinismus und des Humanismus in der Theorie des Erziehungs-Unterrichts unsrer Zeit. Jena 1808.
[23] Vgl. Groschopp: Der ganze Mensch, S. 61–68.
[24] Vgl. Friedemann Stengel: Was ist Humanismus? In: Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des neueren Protestantismus. Band 41. Göttingen 2015, S. 154–213.
[25] So ist „Humanismus heute“ eine Stiftung des Landes Baden-Württemberg, die sich der Pflege und Weitergabe des kulturellen Erbes der Antike widmet und z. B. alljährlich den „Landwettbewerb Alte Sprachen“ ausschreibt. Sie untersagte im Frühjahr 1998 der „Humanistischen Akademie Berlin“, ihre Zeitschrift unter diesem Namen zu führen, weshalb sie ab der dritten Ausgabe „humanismus aktuell“ hieß.
[26] Vgl. Johann Gottfried Herder: Briefe zu Beförderung der Humanität (1793–1797). In: Johann Gottfried Herder: Werke in 10 Bänden. Hans Dietrich Irmscher (Hrsg.). Band 7, Frankfurt a.M. 1991.
[27] Vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart. Mit besonderer Rücksicht auf den klassischen Unterricht. 2 Bände. Leipzig 1885. Band 1: Der gelehrte Unterricht im Zeichen des alten Humanismus 1450–1740; Band 2: Der gelehrte Unterricht im Zeichen des Neuhumanismus.
[28] Vgl. Barbara Stiewe: Der „Dritte Humanismus”. Aspekte deutscher Griechenrezeption vom George-Kreis bis zum Nationalsozialismus. Berlin 2011.
[29] Vgl. Groschopp: Der ganze Mensch, S. 90–165. – Generell zu Humanismusbegriffen vgl. Horst Groschopp: Konzeptionen des Humanismus. Alphabetische Sammlung zur Wortverwendung in deutschsprachigen Texten. Mit einer Bibliographie. Aschaffenburg 2018.
[30] Vgl. Sem Dresden: Humanismus und Renaissance. München 1968.
[31] Vgl. Heinrich Weinstock: Die Tragödie des Humanismus. Wahrheit und Trug im abendländischen Menschenbild. Wiesbaden 1953.
[32] Vgl. Hans Pfeil: Der atheistische Humanismus der Gegenwart. Aschaffenburg 1959 (Der Christ in der Welt, Eine Enzyklopädie, XVIII. Reihe, Religionsersatz der Gegenwart, Band 2). – Hans-Rudolf Müller-Schwefe: Atheismus. Stuttgart 1962. – Kardinal Dr. Franz König: Atheismus und Humanismus. Wien/Linz/Passau 1962 (Worüber wir diskutieren, Heft 2). – Karl Stürmer: Atheistischer Humanismus? Göttingen 1964.
[33] Vgl. Hans Oppermann (Hrsg.): Humanismus. Darmstadt 1970 (Wege der Forschung, Band XVII).
[34] Vgl. Rudolph Penzig: Ohne Kirche. Eine Lebensführung auf eigenem Wege. Mit einem Geleitwort von Wilhelm Bölsche. Jena 1907.
[35] Karl Barth: „Humanismus“. In: Humanismus. Zürich 1950, S. 21.
[36] Umfänglich dargestellt und dokumentiert in: Horst Groschopp/Eckhard Müller: Aus der Ethik eine Religion machen. Der praktische Humanismus einer sozialliberalen Kulturbewegung. Zur Geschichte der „Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur“ (Oktober 1892 bis Januar 1937), erscheint im Herbst 2023 bei Alibri.
[37] Hubert Cancik: Entrohung und Barmherzigkeit, Herrschaft und Würde. Antike Grundlagen von Humanismus. In: Ders.: Europa – Antike – Humanismus. Humanistische Versuche und Vorarbeiten. Hildegard Cancik-Lindemaier (Hrsg.). Bielefeld 2011, S. 255–279, hier S. 276 f.
[38] Hubert Cancik: Humanismus als offenes System. Vergemeinschaftung, Begrifflichkeit, Darstellungsformen. Horst Groschopp (Hrsg.). Aschaffenburg 2014. S. 15–34, hier S. 19.
[39] Cancik: Europa – Antike – Humanismus. In: Cancik: Europa, S. 13–41, hier S. 38. – Zitat im Zitat: Ernst Mach: Die Mechanik in ihrer Entwicklung. Leipzig 1883, S. 479.
[40] Hubert Cancik: Humanismus als offenes System, S. 18 f.
[41] Die wohl umfassendste Philosophie des Humanismus vgl. Frieder Otto Wolf: Humanismus für das 21. Jahrhundert. Berlin 2008.
[42] Friedmar Kühnert: Zum Humanismus im Rom der republikanischen und augusteischen Zeit? Magna est enim vis humanitatis. In: Der antike und der sozialistische Humanismus. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität. H. 5/6. Jena 1972, S. 871–880, hier S. 872, 876).
[43] Hubert Cancik: Gleichheit und Menschenliebe. Humanistische Begründung humanitärer Praxis. In: Horst Groschopp (Hrsg.): Barmherzigkeit und Menschenwürde. Selbstbestimmung, Sterbekultur, Spiritualität. Aschaffenburg 2011, S. 17–33, hier S. 17.
[44] Gita Neumann: Freier Geist – Stirb und Werde. In: diesseits 1991, Heft 16, S. 12.
[45] Vgl. Gustav Radbruch: Kriminalistische Goethe-Studien (1938). In: Ders.: Kulturphilosophische und kulturhistorische Schriften. Bearbeitet von Günter Spendel. Heidelberg 2002, S. 278–283. – Ders: Das Strafrecht der Zauberflöte (1946). In: Radbruch: Kulturphilosophische und kulturhistorische Schriften, S. 283–298.
[46] Vgl. Thomas Heinrichs: Prinzipien sozialer Güterverteilung. Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Humanität. In: Groschopp (Hrsg.): Barmherzigkeit und Menschenwürde, S. 197–222. – Ders.: Humanisierung des Staates? Armenhilfe und Sozialstaat. In: Horst Groschopp (Hrsg.): Humanismus und Humanisierung. Aschaffenburg 2014, S. 71–94.
[47] Diese Stelle wird in diverser Literatur immer wieder zitiert, sei es in Geschichten der Renaissance, aber auch in solchen der Bergsteigerei und Tourismushistorie.
[48] Vgl. Elizabeth Guilhamon/Daniel Meyer (Hrsg.): Die streitbare Klio. Zur Repräsentation von Macht und Geschichte in der Literatur. Frankfurt a.M. 2010, S. 43 ff. (Schriften zur politischen Kultur der Weimarer Republik). – Tarmo Kunnas: Das Werden des Humanismus bei Heinrich Mann. Helsinki 1973.
[49] Vgl. Hubert Cancik: „Humanismus“, „Humanismuskritik“ und „‚Antihumanismus“ am Beispiel von Friedrich Nietzsche. In: Horst Groschopp (Hrsg.): Humanistik. Beiträge zum Humanismus. Aschaffenburg 2012, S. 130–141.
[50] Julian Nida-Rümelin: Humanistische Reflexionen. Berlin 2016, S. 400.




1 Gedanke zu „Humanismus noch immer in der Aufklärung“
Wenn ich mit Genoss*innen in der SPD spreche und mich als Humanist oute, höre ich oft die Antwort: Ist das SPD-Programm nicht zutiefst humanistisch? Wenn ich in meinem Chor mit religiösen Mitsänger*innen spreche, höre ich: Sind wir nicht alle Humanist*innen? Ich sage dann, dass wir säkulare Humanist*innen sind – gern zur themenbezogenen Zusammenarbeit mit religiös motivierten Humanist*innen bereit.
Daraus folgt für mich, dass der HVD sein großes, offenes humanistisches Zelt prägnant bemalen muss, ohne in unnötige Abgrenzungen oder gar engstirnige Ausschließeritis zu verfallen.
Horst Groschopp erläutert ausführlich die Begriffsgeschichte des Humanismus und viele Stationen seiner Rückprojektion als „Menschheitserzählung“ bis in die Antike. Hier stimme ich weitgehend zu. Zudem geht er kundig und detailliert auf die verästelte Verbandsgeschichte ein. Das ist für mich als Historiker sehr interessant.
Leider nur als Negativfolie wird der Begriff „säkular“ dargestellt; kaum unterschieden wird zwischen scharf religions- und kirchenkritischem Säkularismus und Säkularität als Organisationsprinzip des demokratischen Staates. In Bezug auf die mittlerweile gut empirisch untermauerte soziologische / geschichtsphilosophische Säkularisierungsthese wird tendenziell die Gegenthese der „Rückkehr der Religionen“ gestärkt.
Strategieentscheidungen über die Ausrichtung des HVD sollten heute auf der Grundlage einer nüchternen Analyse der gegenwärtigen Lage, der gegenwärtigen faktischen Konnotationen der Begriffe und der aktuellen Bündnisoptionen getroffen werden. Dazu gehört auch die Zurkenntnisnahme der sehr unterschiedlichen religionspolitischen Umfelder der westlichen und der östlichen Verbände. Nicht nur aus NRW-Sicht würde ich deshalb gerne sowohl die verständigen „Säkularen“ als auch die aufgeklärten, nicht übergriffigen „Religiösen“ in unserem Boot oder wenigstens in unserem Zeltlager behalten.
Für die verfassungsrechtliche Strategie gegenüber Staat und Kirchen bietet sich für mich das „sowohl als auch“ an, auch wenn es Systematiker nicht zufriedenstellen mag. Politik ist nie ganz rational; Kritik und Kooperation müssen sich nicht ausschließen.
Schließlich einige Anmerkungen zu heute sinnvollen Bestimmungsmerkmalen von Humanismus: Einverstanden bin ich selbstverständlich mit Menschenwürde, Bildung, Anthropozentrik und einer kritisch-rationalen, historisch informierten Herangehensweise. Darin steckt schon viel Religions- und Ideologiekritik. Schwierig finde ich „Barmherzigkeit“ und „Menschlichkeit“. Barmherzigkeit ist mir allzu religiös-herablassend konnotiert; ich würde Empathie und Solidarität vorziehen (wobei hier zu klären wäre, mit wem genau wir solidarisch sein sollten). Auch „Menschlichkeit“ muss dringend näher bestimmt werden, denn, sorry, auch Trump ist ein Mensch. Zu ergänzen wären u.a. demo-kratische Haltung, Autonomie (nicht überzogene!) und Lernbereitschaft.