Eine Kritik am „säkularen Humanismus“

Humanismus noch immer in der Aufklärung

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Cover des Beiheftes zur Ausstellung „Humanismus. Geschichte und Gegenwart. Der lange Weg zu Toleranz und Gleichberechtigung“ des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Landesverband Berlin, 2006

Beitragsbild: Humanistischer Verband Deutschlands

Humanismus wird als historisch gewachsene Kulturauffassung von Barmherzigkeit, Bildung und Menschlichkeit verstanden, die sich in unterschiedlichen Traditionen und Formen praktischer Humanität zeigt und nicht auf Religionskritik oder Säkularisierung verkürzt werden kann. Die Rede vom „säkularen Humanismus“ führt dagegen zu einer Engführung auf Aufklärung und Freidenkerei und verdeckt die Breite seiner kulturellen und sozialen Praxis – so die Kritik von Horst Groschopp.

1. Erinnerung an den Anfang

„Wenn uns die Men­schen nicht als täti­ge Huma­nis­ten erle­ben, kön­nen sie unse­re Welt­an­schau­ung gar nicht erfah­ren.“ Die­ser Spruch wur­de mir 2006 im Aus­stel­lungs­ka­ta­log „Huma­nis­mus. Geschich­te und Gegen­wart“ (Tafel 17) des HVD, Lan­des­ver­band Ber­lin, zuge­schrie­ben. Damals war ich Bun­des­vor­sit­zen­der und ein bedeu­tungs­schwan­ge­rer Satz des Amts­trä­gers muss­te sein. So sehr ich die Aus­sa­ge nach wie vor für rich­tig hal­te, das Ori­gi­nal fand ich nicht.

Die Suche ergab aber zwei gedruck­te Tex­te, jeweils Nach­wor­te, ein­mal in dem besag­ten Kata­log mit der Über­schrift „Huma­nis­mus in der Renais­sance“ und eine über­ar­bei­te­te Fas­sung die­ses Tex­tes in der 2014 von „Die Huma­nis­ten“ in Stutt­gart auf­be­rei­te­ten Aus­stel­lung von 2006. Im Nach­wort des Stutt­gar­ter Bei­hef­tes wur­de von mir „Renais­sance“ durch „Auf­klä­rung“ ersetzt, was gleich erklärt wird.

Die Lek­tü­re die­ser älte­ren Tex­te und ein Ver­gleich mit öffent­li­chen Äuße­run­gen von Ver­ant­wor­tungs­trä­gern im Ver­band ergab, das in ihm nach wie vor vie­le der dama­li­gen Fra­gen rele­vant sind, es sogar Rück­schrit­te im Ver­ständ­nis von Huma­nis­mus gibt, weil er wie­der stär­ker mit „Säku­la­ri­tät“ und „Säku­la­ri­sie­rung“ in eine Ver­bin­dung gebracht wird, die ihn in sei­ner Eigen­stän­dig­keit und Bedeu­tung ein­schränkt, abhän­gig macht von Reli­gi­ons­kri­tik und Kir­chen­kampf und dar­aus eine Poli­tik for­mu­liert wird, die sug­ge­riert, dass mit mehr Säku­la­ri­tät in der Gesell­schaft Huma­nis­mus Fort­schrit­te macht.

Die 2006er Über­schrift „Huma­nis­mus in der Renais­sance“ pro­gnos­ti­zier­te einen gro­ßen bun­des­wei­ten Auf­schwung des Ver­ban­des und the­ma­ti­sier­te die Hoff­nung auf eine Kon­junk­tur des erwei­ter­ten Begriffs und einer plu­ra­lis­ti­schen Pro­gram­ma­tik der Gleich­be­hand­lung von vor­han­de­nen Reli­gio­nen mit huma­nis­ti­schen Welt­an­schau­un­gen durch den Staat. Das Wort „Renais­sance“ – so die Absicht des dama­li­gen Nach­worts – soll­te „Wie­der­ge­burt“ bzw. „Wie­der­wach­sen“ signa­li­sie­ren. Denn die Kate­go­rie ist, wie jeder Begriff, selbst his­to­risch und 2016 im Hand­buch „Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe“ im Zusam­men­hang mit ande­ren Kate­go­rien erläu­tert wor­den.[1]

„Renais­sance“ bezeich­net gewöhn­lich die 300 Jah­re zwi­schen Petrar­cas Geburt 1304 und der öffent­li­chen Ver­bren­nung von Giord­a­no Bru­no 1600. Als Epo­chen­be­griff fest eta­bliert wur­de „Renais­sance“ bezeich­nen­der­wei­se erst viel spä­ter in einer Schrift des Kunst­his­to­ri­kers Jacob Bur­ck­hardt, in der er 1860 die „Cul­tur der Renais­sance in Ita­li­en“ ent­deck­te.[2] Fünf Jah­re zuvor hat­te der Rechts­wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­so­phie­his­to­ri­ker Carl Lud­wig Miche­let, ein Schü­ler von Hegel, dem wir die gesell­schafts­po­li­ti­sche Anwen­dung des Begrif­fes „Säku­la­ri­sie­rung“ ver­dan­ken (noch als „Ver­welt­li­chung des Chris­ten­tums“), ähn­li­che Aus­füh­run­gen gemacht.

Der Anlass zu der besag­ten Ber­li­ner Aus­stel­lung ergab sich zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts, weil der HVD damals etwas mehr als ein Dut­zend Jah­re exis­tier­te und er das Bedürf­nis hat­te, auf das Her­kom­men aus einer lan­gen Frei­den­ker­be­we­gung zu ver­wei­sen, aus der er mein­te, her­aus­zu­wach­sen. Doch die­se Tra­di­ti­ons­bin­dung ist bis heu­te sein Ver­or­tungs­pro­blem, auch wenn in eini­gen neue­ren Publi­ka­tio­nen das geschicht­li­che Erbe wei­ter gefasst wird.[3]

Ein Rück­blick auf 120 Jah­re bezieht sich auf den „Ver­ein der Frei­den­ker für Feu­er­be­stat­tung“, eine Aus­grün­dung aus der „Ber­li­ner Frei­re­li­giö­sen Gemein­de“, aus dem 1930 der „Deut­sche Frei­den­ker­ver­band“ wur­de, aus dem wie­der­um in den frü­hen 1990ern der HVD for­mal­ju­ris­tisch ent­stand. Es ist aber das Pro­blem jeder Tra­di­ti­ons­bil­dung, dass orga­ni­sa­to­ri­sche Kon­ti­nui­tät nicht nur immer quer zur Kul­tur- und Ideen­ge­schich­te steht, son­dern auch mit der neu­en Pra­xis kol­li­diert, die durch­aus eine Aneig­nung des Erbes ande­rer Orga­ni­sa­tio­nen mit sich bringt, etwa Kon­zep­tio­nen der Sozi­al­ar­beit oder der Lebens­kun­de aus der ethi­schen Kul­tur­be­we­gung.

Nicht alle Ver­bän­de im HVD haben die­ses Ber­lin-Bran­den­bur­ger Erbe-Pro­blem. Die west­deut­schen Lan­des­ver­bän­de kön­nen es, wenn so will, nur „theo­re­tisch“ ver­ste­hen, weil ihnen eine ent­spre­chen­de Pra­xis fehlt. Hin­zu kommt, der bei der Grün­dung des HVD so maß­geb­li­che ost­deut­sche Ver­band in Sach­sen-Anhalt exis­tiert nicht mehr, wie sich über­haupt die aktu­el­le Mit­glied­schaft (auch der ange­schlos­se­nen Ver­bän­de) stark ver­än­dert hat gegen­über der­je­ni­gen zur Zeit der Grün­dung 1993.[4] Und Ber­lin-Bran­den­burg hat nicht auf­ge­ar­bei­tet, was aus Ost­ber­lin, dem Huma­nis­mus des DDR-Frei­den­ker­ver­ban­des 1990 ff., an Ein­rich­tun­gen und The­sen über­nom­men wur­de, ein­fach, weil enga­gier­te Men­schen nun unter einem ande­ren Dach arbei­te­ten.[5]

Für die Ein­schät­zung der aktu­el­len Lage und des Geschichts­be­wusst­seins des Ver­ban­des wesent­lich scheint mir die Erin­ne­rung an zwei Vor­gän­ge. Ers­tens das Andenken dar­an, was für ein Ver­ständ­nis von Huma­nis­mus nach 1990 in die hie­si­ge Frei­den­ke­rei ein­zog und dann im HVD Auf­nah­me fand, weil sei­ne Grün­der­or­ga­ni­sa­tio­nen in ihm einen „Ret­tungs­an­ker“ sahen, als das mit­tel­eu­ro­päi­sche Län­der­ge­fü­ge und sein Gegen­satz von Kapi­ta­lis­mus und Sozia­lis­mus eben­so zer­bra­chen wie die deut­sche Tei­lung.

Huma­nis­mus kam als frei­den­ke­ri­sche Kon­zep­ti­on der Säku­la­ri­sie­rung in den Ver­band und geriet von Beginn an in Kon­flikt mit einem prak­ti­schen Huma­nis­mus, des­sen Arbeits­fel­der über das hin­aus­gin­gen, was bis­he­ri­ge Pra­xis war. Das alte Kon­zept erleb­te in den letz­ten drei­ßig Jah­ren immer mal wie­der eine Renais­sance und neue Annä­he­run­gen an Pro­gram­me des „säku­la­ren (oder „welt­li­chen“) Huma­nis­mus“.[6]

Beim zwei­ten Vor­gang ist an eine soli­da­ri­sche Absichts­er­klä­rung zu erin­nern, die eine brei­te Basis im Ver­band schaf­fen soll­te für eine Reform der Vor­stel­lun­gen vom Huma­nis­mus. Es han­delt sich hier um einen tat­säch­lich „ver­ges­se­nen“ gemein­sa­men Beschluss, den der Bun­des­haupt­aus­schuss 1994 als Teil III des ers­ten „Huma­nis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses“ unter der Über­schrift „Gemein­schaft und gegen­sei­ti­ge Hil­fe“ ver­ab­schie­de­te, denn die Grün­dungs­ver­an­stal­tung selbst beschloss noch kei­ne geschlos­se­ne Pro­gram­ma­tik. Als gemein­sa­mes Wol­len galt:

„- Lebens­kun­de­un­ter­richt,
- Kin­der- und Jugend­grup­pen,
- Jugend­fei­ern,
- Kul­tur- und Bil­dungs­an­ge­bo­te,
- Schwan­ger­schafts­be­ra­tung,
- Bera­tung und Hil­fe in kri­ti­schen Lebens­si­tua­tio­nen,
- Unter­stüt­zung älte­rer und behin­der­ter Men­schen,
- Pati­en­ten­be­treu­ung,
- Ster­be­bei­stand,
- Bestat­tungs­fei­ern, Bera­tung beim Todes­fall und Hil­fen bei der Ver­ar­bei­tung von Trau­er und Ver­lust.“[7]

Kin­der­ta­ges­stät­ten waren zu die­sem Zeit­punkt noch nicht im gemein­sa­men Blick, aber z.B. in Sach­sen-Anhalt Pra­xis.

Der Ver­band ver­stand sich an sei­nem Anfang noch als „Inter­es­sen­ver­ei­ni­gung für Deutsch­lands Kon­fes­si­ons­lo­se“. Dies ist ein Beleg dafür, dass der Aus­druck „Kon­fes­si­ons­freie“ zu die­sem Zeit­punkt noch nicht ein­ge­führt war. Der Begriff kon­no­tiert zwei Grund­be­deu­tun­gen: Ers­tens frei sein von einer oder meh­re­ren Kon­fes­sio­nen, aber zwei­tens zugleich frei sein in der Wahl einer anders reli­giö­sen oder nicht­re­li­giö­sen Glau­bens­rich­tung, eines ent­spre­chen­den Bekennt­nis­ses oder einer sinn­ge­ben­den Über­zeu­gung. Der Aus­druck ist ange­lehnt an den Begriff „frei­re­li­gi­ös“, der bedeu­tet sowohl frei in der Reli­gi­on als auch frei von Reli­gi­on, wofür auch das Adjek­tiv „frei­den­ke­risch“ ver­wen­det wird.

Es ist das Pro­blem der Bezeich­nung „kon­fes­si­ons­frei“, dass hier eine Per­son „kon­fes­si­ons­los“ sein, aber eben auch eine Kon­fes­si­on (ein Bekennt­nis, eine Bezeu­gung, eine Rück­bin­dung, Grund­sät­ze …) haben kann. Die­se Dop­pel­be­deu­tung ist selbst ein his­to­ri­sches Pro­dukt, denn der Begriff „Kon­fes­si­on“ (abge­lei­tet aus dem Latei­ni­schen con­fes­sio = Glau­bens­be­kennt­nis, Bekennt­nis­schrift) ent­stand in sei­ner heu­ti­gen, viel umfas­sen­de­ren und kul­tu­rell auf­ge­la­de­nen Bedeu­tung erst im 19. Jahr­hun­dert, sozu­sa­gen par­al­lel zu dem der Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit.

Es gibt gegen­wär­tig in Deutsch­land einen „Zen­tral­rat der Kon­fes­si­ons­frei­en“, der eigent­lich die Kon­fes­si­ons­lo­sen anspricht, Frei­re­li­giö­se mit gro­ßer Tra­di­ti­ons­pfle­ge und einen „Huma­nis­ti­schen Ver­band“ und eine „Huma­nis­ti­sche Ver­ei­ni­gung“, die sich an Kon­fes­si­ons­freie wen­det, die, wenn sie ihm dann als Mit­glied ange­hö­ren, kon­fes­sio­nell wer­den, weil der HVD und die HV ent­spre­chend Grund­ge­setz als „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft“ agie­ren.[8]

2. Historische Befunde

Alle Ver­bän­de, die heu­te zum HVD gehö­ren und sich, soweit sie „Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts“ sind, 2025 eine neue Ver­fas­sung gege­ben haben, besit­zen zwar ihre je eige­ne Ver­gan­gen­heit, aber alle ste­hen in gewis­ser Hin­sicht in der frei­geis­ti­gen, frei­re­li­giö­sen bzw. frei­den­ke­ri­schen Geschich­te. Sie alle sind auf dem Weg zum Huma­nis­mus und dabei, die­sen zu gestal­ten. Es ver­steht sich von selbst, dass sie sich ihm immer wie­der auf eine Wei­se nähern, sich ihn aneig­nen in den Les­ar­ten, die sich in ihrer eige­nen Geschich­te über­lie­fert haben, die sie und die die jeweils neu bei­getre­te­nen Mit­glie­der mit­brin­gen, ver­ste­hen und ler­nen.

Des­halb spielt der Begriff „säku­la­rer Huma­nis­mus“ eine gro­ße Rol­le. Noch immer ist der Bei­tritt vor allem im Wes­ten eine Ent­schei­dung gegen die Kir­chen­mit­glied­schaft, oft noch in der ers­ten Gene­ra­ti­on. Sie suchen sich aus dem umfäng­li­chen Reser­voir des Huma­nis­mus logi­scher­wei­se zuerst das­je­ni­ge her­aus, was zu ihnen passt, was sie leich­ter ver­ste­hen als die­je­ni­gen Sei­ten des Huma­nis­mus, die für sie erst „über­setzt“ wer­den müs­sen. Alles Frei­den­ke­ri­sche steht ihnen nahe, zumal sie noch immer in die reli­gi­ons- und kir­chen­kri­ti­sche Ecke gestellt wer­den, aus der sie sich nun müh­sam her­aus­ar­bei­ten in die Mit­te der Gesell­schaft hin­ein.

Es ent­spricht ihrer Lebens­füh­rung und oft der rea­len Pra­xis des Ver­ban­des, dem sie bei­tre­ten, dass sie aus dem brei­ten Huma­nis­mus zuerst des­sen reli­gi­ons­kri­ti­schen Ele­men­te, Ereig­nis­se und Posi­tio­nen neh­men. In ihrem Gesichts­kreis bewe­gen sich medi­al die oft viel span­nen­de­ren und unter­halt­sa­me­ren Mit­tei­lun­gen und Ver­an­stal­tun­gen der „Giord­a­no Bru­no-Stif­tung“ und des „Zen­tral­ra­tes der Kon­fes­si­ons­frei­en“, inklu­si­ve eines Sati­re­pro­gramms genannt „Kir­che des Flie­gen­den Spa­ghet­ti­mons­ters“.

Dabei gera­ten zwei Fra­gen gar nicht in den Blick, ers­tens, was ein prak­ti­scher Huma­nis­mus unbe­se­hen von die­ser Art der Frei­den­ke­rei über­neh­men kann; und zwei­tens, was im moder­nen Huma­nis­mus denn wovon „säku­la­ri­siert“ wor­den sein soll.

Das hat his­to­ri­sche Ursa­chen. Die Frei­den­ker­be­we­gung stand seit den 1870er Jah­ren zuneh­mend der Arbei­ter­be­we­gung nahe. Die­se hat­te mit dem kon­ser­va­ti­ven zeit­ge­nös­si­schen Huma­nis­mus, wie er sich in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts etwa an Gym­na­si­en und Uni­ver­si­tä­ten zeig­te, berech­tig­ter­wei­se wenig im Sinn. Des­halb stand sie auch den „Huma­nis­ten­ge­mein­den“ von 1892–1936 (der „Deut­schen Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur““) – in den USA bekannt gewor­den als „Huma­nis­mus der Juden“ und abge­tan als „reli­giö­ser Huma­nis­mus“ – ableh­nend gegen­über.[9]

Aber von die­sen bür­ger­li­chen Kul­tur­chris­ten und ‑juden und den mit ihnen ver­bun­de­nen rein ethisch ori­en­tier­ten Reform­päd­ago­gen kamen gera­de die Ideen etwa eines Lebens­kun­de­un­ter­richts und einer „welt­li­chen Seel­sor­ge,[10] die der HVD teils wider­wil­lig auf­nahm, ohne selbst die Her­kunft zu ken­nen oder zu wür­di­gen. Wir wis­sen auch heu­te noch viel zu wenig dar­über,[11] weil die Losung vom „säku­la­ren Huma­nis­mus“,[12] der ein Gegen­pro­gramm dazu ist, uns den Zugang ver­sperrt hat.

Von August Bebel stammt das Wort von der „Huma­ni­täts­du­se­lei“,[13] das die sozia­lis­ti­schen Frei­den­ker als klas­sen­be­wuss­te Arbei­ter­or­ga­ni­sa­ti­on über­nah­men, um gegen den bür­ger­li­chen Huma­nis­mus Posi­ti­on zu bezie­hen. Die­se Ableh­nung betraf sogar den Begriff Huma­nis­mus, den wir in der Arbei­ter­be­we­gung bis 1933 wenig fin­den. Dies wirk­te sich bis in die Volks­front­zeit gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus 1934–1939 hin­ein aus, als ein offe­ner „sozia­lis­ti­scher Huma­nis­mus“ ein par­tei­über­grei­fen­des Pro­gramm wer­den soll­te, dem sich aber die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Füh­rung ver­wei­ger­te.[14] Das setz­te sich nach 1948 in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Frei­den­ke­rei fort, weil die DDR die­se Paro­le vom „sozia­lis­ti­scher Huma­nis­mus“ mono­po­li­sier­te und ein­sei­tig agi­ta­to­risch gegen den „Wes­ten“ anwand­te.

Für die Huma­nis­mus-Aneig­nung hat­te dies eine tra­gi­sche Fol­ge, weil auch die Huma­nis­mus-Über­le­gun­gen von Karl Marx in sei­nen Früh­schrif­ten, sowie­so erst seit den spä­ten 1930er publi­ziert und den deut­schen lin­ken Emi­gran­ten also im Exil bekannt­ge­wor­den,[15] nicht his­to­risch ein­zu­ord­nen waren als poli­ti­sche Abwen­dung von den reli­gi­ons­kri­ti­schen Jung­he­ge­lia­nern, denen Huma­nis­mus „ledig­lich“ ein Bil­dungs­pro­gramm war, wäh­rend Marx und Engels auf eine Revo­lu­ti­on ziel­ten. Lin­ke Jung­he­ge­lia­ner tin­gel­ten damals durch die frei­re­li­giö­sen Gemein­den,[16] die deren Reli­gi­ons­kri­tik begie­rig auf­so­gen, was wie­der­um Distan­zen zu ihnen beleb­te, als es in den 1860ern um die Grün­dung einer poli­ti­schen Arbei­ter­par­tei ging. Dar­auf basiert noch, es wur­de schon erwähnt, Bebels ver­ban­nen­des Wort der „Huma­ni­täts­du­se­lei“, ergänzt durch die Abwehr einer selbst­be­wuss­ten Frei­den­ke­rei durch die poli­ti­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie bis zur Revo­lu­ti­on 1918/1919.

So war es immer die Prio­ri­tät von Reli­gi­ons­kri­tik, von den spä­ten 1840ern bis in den aktu­el­len „säku­la­ren Huma­nis­mus“, die Annä­he­run­gen an den Huma­nis­mus in sei­ner gan­zen Brei­te ver­hin­der­ten oder eng­füh­rend ori­en­tier­ten. Wenn in der Frei­den­ke­rei auf das Erbe der Auf­klä­rung berech­tigt Bezug genom­men wird, wird vor allem deren Bei­trag zur Ent­lar­vung der Kir­chen­herr­schaft mit­tels Reli­gi­ons­an­wen­dung durch den Staat gewür­digt. Weni­ger in den Fokus gerät, dass die his­to­ri­sche Auf­klä­rung sich an die Obe­ren wand­te, die Fürs­ten, die­se „erzie­hen“ woll­te, so dass dem­zu­fol­ge gerin­ger beach­tet wird, wel­che aris­to­kra­ti­schen Gesell­schafts­mo­del­le damit favo­ri­siert wur­den. Demo­kra­ten gin­gen dar­aus nicht direkt her­vor, schon gar nicht aus dem zeit­ge­nös­si­schen Huma­nis­mus des 19. Jahr­hun­derts.

3. Aufklärung über Humanismus

Die Erset­zung des Wor­tes Renais­sance durch Auf­klä­rung soll­te 2014 ver­deut­li­chen, dass sich Huma­nis­mus im HVD nach wie vor in der Auf­klä­rung befin­det. Die­se war in ers­ter Linie eine phi­lo­so­phi­sche Posi­ti­on, wie auch der Athe­is­mus kei­ne Welt­an­schau­ung ist, son­dern ein phi­lo­so­phi­sches Her­an­ge­hen zeigt, die Welt ohne einen Gott zu erklä­ren.

Frei­den­ker waren bestrebt, ihre reli­gi­ons­kri­ti­schen Phi­lo­so­phien dar­zu­le­gen, zu bewei­sen und in eine bestimm­te Pra­xis der Betrach­tung umzu­set­zen. Das führ­te dazu, auch Huma­nis­mus vor allem als eine Phi­lo­so­phie zu sehen und weni­ger als eine kul­tu­rel­le Bewe­gung. Reli­gi­on wie­der­um geriet in die­ser Sicht zu einer Samm­lung fal­scher Annah­men, die man in einem Vor­gang der Wahr­heits­ver­brei­tung mein­te, ein­fach wider­le­gen zu kön­nen. Der „neue Athe­is­mus“ hat dar­aus sogar einen Natu­ra­lis­mus gemacht oder gar einen krank­haf­ten „Got­tes­wahn“ abge­lei­tet.[17]

Erst eine neue­re, noch sehr jun­ge, eige­ne huma­nis­ti­sche Pra­xis führ­te „erfah­rungs­theo­re­tisch“ vor Augen, dass es dabei um mehr geht als um den geis­ti­gen Gegen­be­weis einer fal­schen Erkennt­nis oder um unge­nü­gen­de Quel­len­kri­tik, etwa bei einer „Wider­le­gung“ der Bibel oder des Koran. Huma­nis­mus bewegt sich auf einer ande­ren Ebe­ne des Den­kens und Lebens.

Das lässt sich an einem ein­fa­chen Bei­spiel bele­gen. Für Frei­den­ker war immer klar, dass es kei­ne „See­le“ gibt und „Spi­ri­tua­li­tät“ eine Reli­gi­ons­an­ge­le­gen­heit ist.[18] Doch schon in den Huma­nis­ten­ge­mein­den um 1900 erkann­ten die eher prak­tisch ver­an­lag­ten Prot­ago­nis­ten, dass Men­schen „see­li­sche“ Pro­ble­me haben kön­nen, und dass Men­schen wis­sen, was ihnen dabei weh tut, näm­lich: Es liegt ihnen etwas schwer auf der See­le. Sie began­nen über prak­ti­sche Hil­fe, ethi­sche Kon­flik­te, über eine „welt­li­che Seel­sor­ge“ nach­zu­den­ken.[19] Dass vor paar Jah­ren von den Ver­tei­di­gern frei­den­ke­ri­schen Grund­wis­sens noch jedem Ver­bands­mit­glied Revi­sio­nis­mus unter­stellt wor­den wäre, wenn er oder sie gar von einer „huma­nis­ti­schen Seel­sor­ge“ gespro­chen hät­te, ergibt sich aus dem Gesag­ten.

Heu­te wis­sen wir, dass „Seel­sor­ge“ eine in der Anti­ke aus­ge­üb­te „huma­ni­tas“ war (auch kein phi­lo­so­phi­scher Begriff), Men­schen in ihrer see­li­schen Not zu hel­fen. Erst das Chris­ten­tum hat dar­aus rela­tiv spät eine Hin­füh­rung von zwei­feln­den Gläu­bi­gen zu Gott gemacht, also eine Art „See­len­ret­tung“. Und erst, als die Psy­cho­lo­gie in die kirch­li­che Pra­xis ein­zog, öff­ne­te sich ihr Ver­ständ­nis, so dass so etwas wie die Sol­da­ten-Seel­sor­ge heu­te auch psy­cho­lo­gi­sche Sei­ten hat und weni­ger reli­gi­ös daher­kommt als noch im Zwei­ten Welt­krieg, als „Gott“ auf dem Kop­pel­schloss als Hel­fer beim Töten des Geg­ners bemüht wur­de.

Die Über­schrift „Huma­nis­mus in der Auf­klä­rung“ habe ich bewusst irri­tie­rend for­mu­liert. Man könn­te mei­nen, jetzt fol­ge eine streng his­to­ri­sche Abhand­lung, die nach tra­di­tio­nel­ler Art Huma­nis­mus im Sin­ne von Antike­pfle­ge, Beschäf­ti­gung mit alten Spra­chen und „Huma­nis­ti­sches Gym­na­si­um“ und das Gan­ze ein­ge­ord­net in ein Auf­klä­rungs­pro­gramm fasst.

Es kann aber nie­mand die vie­len Men­schen aus den letz­ten 2500 Jah­ren umfas­send vor­stel­len, die zu den Huma­nis­ten gerech­net wer­den kön­nen. Unab­hän­gig davon, dass fast immer nur Män­ner vor­ge­stellt wer­den – es gibt noch kei­ne Frau­en­ge­schich­te des Huma­nis­mus –, ist zu sagen: Es gab Huma­nis­ten, bevor es Chris­ten und Mos­lems gab. Wer kennt heu­te noch im wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs all die Kir­chen­vä­ter und Päps­te, aber die Namen Demo­krit, Epi­kur, Sokra­tes, Cice­ro, Lukrez, Dan­te, Eras­mus, Hut­ten, Rous­se­au, Vol­taire, Goe­the, Feu­er­bach, Marx, Ador­no und Eco haben fast alle schon mal gehört.

Auf­fäl­lig ist, dass Per­so­nen nicht in den Blick kom­men – es ist auf die Tra­di­ti­on des „säku­la­ren Huma­nis­mus“ zurück­zu­füh­ren – die als Chris­ten „Huma­ni­tät“ in den Huma­nis­mus zurück­ge­holt haben, etwa Her­der, aber auch Les­sing.

4. Humanismus – ein Angebot

Es ist äußerst nütz­lich, bevor über Huma­nis­mus dis­ku­tiert wird, zu sagen, was dar­un­ter im Fol­gen­den ver­stan­den wird. Es bie­tet sich hier der ers­te Satz der Ein­lei­tung zum Hand­buch „Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe“ an: „‚Huma­nis­mus‘ ist eine kul­tu­rel­le Bewe­gung, ein Bil­dungs­pro­gramm, eine Epo­che (Renais­sance), eine Tra­di­ti­on (‚klas­si­sches Erbe‘), eine Welt­an­schau­ung, eine Form von prak­ti­scher Phi­lo­so­phie, eine poli­ti­sche Grund­hal­tung, wel­che für die Durch­set­zung der Men­schen­rech­te, ein Kon­zept von Barm­her­zig­keit, das für huma­ni­tä­re Pra­xis ein­tritt.“[20]

Das ergibt acht Bedeu­tun­gen, die jeweils eine eige­ne Begriffs­ge­schich­te haben, eige­ne For­schungs­ge­gen­stän­de sind und spe­zi­el­le huma­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen hat­ten und haben. Bei allen die­sen Bezeich­nun­gen ist umstrit­ten, wie sie sich in der Rea­li­tät zuein­an­der ver­hal­ten und dann als Gan­zes – als der Huma­nis­mus – gese­hen wer­den kön­nen. Es ver­steht sich, dass von jedem Teil­ge­biet aus betrach­tet, sich die Vor­stel­lung vom Huma­nis­mus ändert, ande­res betont wird.

Wo lie­ße sich bei den acht Kate­go­rien sinn­voll das Adjek­tiv „säku­lar“ davor­set­zen und was wür­de das dann jeweils bedeu­ten. Das soll jetzt nicht ver­tieft wer­den, son­dern nur andeu­tet. Wir hät­ten dann die Begrif­fe: säku­la­re Bewe­gung, säku­la­re Bil­dung, säku­la­re Renais­sance, säku­la­re Tra­di­ti­on (etwa der Anti­ke oder des Neu­hu­ma­nis­mus), säku­la­re Welt­an­schau­ung, säku­la­re Phi­lo­so­phie, säku­la­re Men­schen­rechts­po­li­tik und säku­la­re Barm­her­zig­keits­pra­xis. Alles span­nen­de Fra­gen, die uns aber nicht unbe­dingt Huma­nis­mus erklä­ren, wenn auch eini­ge Sei­ten­li­ni­en.

Die Vor­stel­lun­gen von Huma­nis­mus dif­fe­rie­ren beträcht­lich. Zwar gibt es wis­sen­schaft­lich begrün­de­te Ansich­ten über den Huma­nis­mus, aber kei­ne all­ge­mei­ne Über­ein­kunft. Die Auf­fas­sun­gen vom Huma­nis­mus sind his­to­ri­schen Ein­flüs­sen unter­wor­fen, zumal es den Begriff selbst erst seit 1808 gibt, wahr­schein­lich bereits eini­ge Jah­re frü­her in der Alter­tums­wis­sen­schaft.[21] Damals war Huma­nis­mus ein mit der Anti­ke argu­men­tie­ren­des päd­ago­gi­sches Reform­kon­zept für die Höhe­re Bil­dung, publi­ziert 1808 durch Fried­rich Imma­nu­el Niet­ham­mer (1766–1848), der ein Jahr zuvor als baye­ri­scher Zen­tral­schul­rat für die pro­tes­tan­ti­sche Kom­mis­si­on eine Lehr­plan­re­form im neu­hu­ma­nis­ti­schen Sin­ne durch­ge­setzt hat­te.[22]

Im Vor­feld der Revo­lu­ti­on von 1848 geriet der Begriff, wie vorn schon erwähnt, in die Aus­ein­an­der­set­zun­gen der sich poli­tisch tei­len­den „Jung­he­ge­lia­ner“ und in die Ent­ste­hung des „Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fes­tes“ von Fried­rich Engels und Karl Marx.[23] Das führt bis heu­te zu Auf­fas­sun­gen, der Huma­nis­mus sei damals schon an sein Ende gekom­men.[24] In den 1850er und 1860er Jah­ren erwei­ter­te sich der Begriff und wur­de rück­über­tra­gen auf kul­tu­rel­le Epo­chen, die Renais­sance, die Auf­klä­rung; und dann noch wei­ter zurück­ge­führt und auf die Anti­ke in einer Wei­se ange­wandt, dass man ihn heu­te von dort her­lei­tet, oft mit der eng­füh­ren­den Poin­te, dass der Huma­nis­mus und die Beschäf­ti­gung mit den alten Spra­chen gleich­zu­set­zen sei­en.[25]

Man unter­schei­det seit dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert immer wie­der einen „neu­en“ von einem „alten“ Huma­nis­mus, je nach­dem, was als Huma­nis­mus inno­viert, wel­cher erneu­ert oder über­wun­den wer­den soll. So brin­gen seit­dem diver­se his­to­ri­sche Refle­xio­nen ver­schie­de­ne „Anwen­dun­gen“ her­vor, so den „Neu­hu­ma­nis­mus“, in den die Begrün­dung der Huma­ni­tät durch Johann Gott­fried Her­der fällt.[26]

Die Krea­ti­on des Begriffs „Neu­hu­ma­nis­mus“ und die Ver­wen­dung für die Zeit der Auf­klä­rung erfolg­te durch Fried­rich Paul­sen, durch die Titel­an­ga­be des ers­ten Ban­des sei­ner „Geschich­te des gelehr­ten Unter­richts: Der gelehr­te Unter­richt im Zei­chen des alten Huma­nis­mus 1450–1740“. Damit wur­de der „alte Huma­nis­mus“ sogar zeit­lich genau ein­ge­grenzt und der Start eines „Neu­hu­ma­nis­mus“ eben­so exakt bestimmt,[27] obwohl sol­che Kul­tur­vor­gän­ge immer ihre Vor- und Nach­stu­fen sowie dif­fe­ren­ten Inter­pre­ta­tio­nen haben.

So ergab es sich, dass seit dem letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts „Huma­nis­mus“ die Kul­tur und das Welt- und Men­schen­bild der Anti­ke und der Renais­sance bezeich­net, aber auch die Zeit der Auf­klä­rung, ihre und eini­ge dar­an gebun­de­ne spä­te­re Bil­dungs­pro­gram­me, inklu­si­ve die „Huma­nis­ti­schen Gym­na­si­en“, die als ein­zi­ge Schü­ler zum Abitur füh­ren durf­ten. In den 1920er Jah­ren ent­stand der „drit­te Huma­nis­mus“ mit sei­nen (spä­te­ren) geis­ti­gen Annä­he­run­gen an den Faschis­mus.[28] Mit­te der 1930er Jah­re setz­te sich ein „kämp­fe­ri­scher Huma­nis­mus“ davon ab und wur­de zu einem Wider­stands­be­griff gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus, logi­scher­wei­se in einem ganz ande­ren Ver­ständ­nis von Huma­nis­mus als kon­ser­va­ti­ve Befür­wor­ter der Nazi-Dik­ta­tur.[29]

Mit­te der 1960er Jah­re, als Sem Dres­den Huma­nis­mus lehr­buch­haft als ein Phä­no­men der Renais­sance vor­stell­te,[30] befand er sich zwi­schen den Fron­ten des Kal­ten Krie­ges. Huma­nis­mus war im Osten ein außer­or­dent­lich opti­mis­ti­sches kul­tur­po­li­ti­sches Pro­gramm der DDR, wäh­rend er im Wes­ten teils als Tra­gö­die reflek­tiert[31] und teils zur Ziel­schei­be eines kirch­li­chen Anti-Athe­is­mus wur­de,[32] und nahe­zu zeit­gleich sei­ne kon­ser­va­ti­ven Ver­fech­ter (ver­geb­lich) ver­such­ten, eine Renais­sance ihres „drit­ten Huma­nis­mus“ zu errei­chen.[33]

Die­se Zeit (Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jah­re) ist wich­tig für unse­ren Gegen­stand, weil par­al­lel zu den soeben ange­deu­te­ten Vor­gän­gen in der Bun­des­re­pu­blik die ers­ten orga­ni­sa­to­ri­schen Ver­su­che einer erneu­er­ten huma­nis­ti­schen Pro­gram­ma­tik statt­fan­den. Die Akteu­re nutz­ten dabei agnos­ti­sche und athe­is­ti­sche Aus­le­gun­gen des Huma­nis­mus, die in der 1952 gegrün­de­ten IHEU gepflegt wur­den. Der Zusam­men­hang von Huma­nis­mus, Auf­klä­rung und Reli­gi­ons­kri­tik erhielt damals in der Frei­den­ker­be­we­gung eine Les­art, die dann zu Beginn der 1990er Jah­re nach dem Ende des „Ost­blocks“ auf­ge­grif­fen wur­de, um einen neu­en orga­ni­sier­ten Huma­nis­mus zu begrün­den, dar­un­ter äußerst erfolg­reich bis in die Gegen­wart die „Huma­nis­ti­sche Uni­on“.

Die geschicht­li­chen Anmer­kun­gen zei­gen: Eini­ge der Kri­te­ri­en oder Prin­zi­pi­en, die heu­te als „huma­nis­tisch“ gel­ten, kön­nen auf Zustän­de vor 150 oder 250 Jah­ren gar nicht ange­wen­det wer­den, weil es sie da kul­tu­rell noch gar nicht gab, etwa die Ideen der Selbst­be­stim­mung oder der Soli­da­ri­tät, bzw. die vor fünf­zig oder hun­dert Jah­ren eine ganz ande­re Bedeu­tung hat­ten, z.B. Welt­lich­keit oder Welt­an­schau­ung. Was Huma­nis­mus jeweils den­je­ni­gen ist, die über ihn reden, wan­delt sich in den Gene­ra­tio­nen und Zeit­um­stän­den. Den­noch gibt es Kon­stan­ten.

Es gibt Huma­nis­mus nur, wenn Men­schen ihn den­ken und leben. Es gab ihn und er wur­de beför­dert in Zei­ten, da gab es noch kei­ne „Kon­fes­si­ons­frei­en“. Ihn dar­auf zu bezie­hen, dar­an zu bin­den oder gar dar­auf zu redu­zie­ren, ist neu­es­ten Ursprungs und hat zur Vor­aus­set­zung, Huma­nis­mus als „Welt­an­schau­ung“ zu ver­ste­hen, mit einem Schwer­punkt auf Auf­klä­rung, Wis­sen­schaft, Phi­lo­so­phie sowie Reli­gi­ons- und Kir­chen­kri­tik. In gewis­ser Hin­sicht abs­tra­hiert die­se Kon­zen­tra­ti­on, die vor­züg­lich den „säku­la­ren Huma­nis­mus“ stützt, von einem Huma­nis­mus-Ver­ständ­nis, in des­sen Mit­tel­punkt sich die Idee der Huma­ni­tät befin­det.

Beson­ders die­ser Bezug auf Huma­ni­tät, ein­ge­führt durch Pro­jek­te des „prak­ti­schen Huma­nis­mus“, ver­än­dert seit­dem die Bil­der von Huma­nis­mus und die Ein­schät­zung des Plat­zes, den huma­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen dar­in haben bzw. sich selbst zuschrei­ben. Es bot sich in der „säku­la­ren Sze­ne“ an, und ich selbst habe mich an die­ser Legen­den­bil­dung betei­ligt, Huma­nis­mus als eine Art Reli­gi­ons­er­satz zu sehen,[34] als eine Kul­tur einer sozia­len Grup­pe, der­je­ni­gen Kon­fes­si­ons­frei­en, die sich ihm öff­nen, ihn anneh­men, unter­stüt­zen.

In die­sem Zusam­men­hang wird oft argu­men­tiert, man müs­se schon des­halb welt­li­cher oder säku­la­rer Huma­nis­mus sagen, weil man sich von einem „christ­li­chen Huma­nis­mus“ unter­schei­den müs­se. Die Ver­bin­dung des Chris­ten­tums mit dem Huma­nis­mus war aber ein gro­ßes, kurz­le­bi­ges und west­eu­ro­päi­sches Miss­ver­ständ­nis in kirch­li­chen Reak­tio­nen auf den Erfolg des Huma­nis­mus in der anti­fa­schis­ti­schen „Volks­front“ der 1930er Jah­re. Der Theo­lo­ge Karl Barth ver­ur­teil­te nach dem Krieg sol­ches Den­ken als „höl­zer­nes Eisen“.[35] Reli­gio­nen sei­en kei­ne Ismen. Der „christ­li­che Huma­nis­mus“ kam dann in den 1950ern aus der Debat­te, außer bei den Frei­den­kern, die ihre Geg­ner­schaft dazu tra­dier­ten und den „säku­la­ren Huma­nis­mus“ aus den USA adop­tier­ten.

Das Chris­ten­tum, das erkann­ten die meis­ten Frei­den­ker bereits in den 1920ern, kann nicht durch anti­kirch­li­che Agi­ta­ti­on oder ähn­lich gela­ger­te Aktio­nen und For­de­run­gen nach voll­stän­di­ger Tren­nung von Staat und Kir­che zurück­ge­drängt, gar besei­tigt wer­den, son­dern nur mit­tels welt­li­cher (wie es noch hieß) kul­tu­rel­ler Ange­bo­te von der Wie­ge über die Schu­le bis zur Bah­re. Wir wür­den das heu­te prak­ti­schen Huma­nis­mus nen­nen. Das ging damals nicht, weil Huma­nis­mus in die­ser Zeit als bür­ger­lich-eli­tä­re und welt­frem­de Antik­e­ver­eh­rung galt und schließ­lich als „drit­ter Huma­nis­mus“ in ein freund­li­ches Ver­hält­nis zum Faschis­mus trat.

Die Erfol­ge der Jugend­wei­hen, Lebens­kun­de und Bestat­tungs­kas­sen in den 1920ern waren zwar beschei­den, wur­den aber bekämpft (auch wegen ihrer Ver­bin­dun­gen zu den Arbei­ter­be­we­gun­gen). Es wur­de deren Besei­ti­gung gefor­dert, wes­halb die Kir­chen den Natio­nal­so­zia­lis­mus nahe­zu uni­so­no begrüß­ten.

Von den Ver­su­chen der Nazis, die­se welt­li­chen Ange­bo­te durch eige­ne zu erset­zen, war nur die Lebens­kun­de als Ras­sen­leh­re inner­halb des Bio­lo­gie­un­ter­richts erfolg­reich – ein (letzt­lich) welt­li­ches Ange­bot. Das war aber ein Vor­gang, der im Vor­feld der „gro­ßen Wen­de“ um 1990 half, „welt­lich“ als nicht hin­rei­chen­de Benen­nung einer Alter­na­ti­ve zu erken­nen. Par­al­lel dazu begann ein huma­nis­ti­scher Auf­bruch, ohne gro­ße Rück­be­sin­nung auf die Huma­nis­mus­his­to­rie.

Huma­nis­mus hat eine mehr als 2000jährige Geschich­te – ein Auf und Ab. Sei­ne Prot­ago­nis­ten waren immer in die Reli­gio­nen ihrer Zeit ein­ge­bun­den, von Cice­ro über Eras­mus bis zu den Neu­hu­ma­nis­ten des 18. Jahr­hun­derts. Im 19. Jahr­hun­dert kamen die Juden hin­zu, mit ihnen ent­stand die ers­te gro­ße Huma­nis­ten­or­ga­ni­sa­ti­on (1892–1936), die „Deut­sche Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur“ (DGEK). Sie woll­te die welt­li­che Ethik zu einer Reli­gi­on machen (Fer­di­nand Tön­nies). Das mein­te, huma­nis­ti­sche Ethik kul­tu­rell zu ver­an­kern.[36]

Als sich deut­sche Frei­den­ker ab 1990 auch orga­ni­sa­to­risch dem Huma­nis­mus zuwand­ten, war die ethi­sche Kul­tur­be­we­gung in ihren Rei­hen weit­ge­hend ver­ges­sen. Sie rezi­pier­ten des­halb zunächst den „säku­la­ren Huma­nis­mus“, der die Men­schen­rech­te für sich bean­spruch­te und nicht­re­li­gi­ös deu­te­te. Ande­re Deu­tun­gen des eige­nen Huma­nis­mus tauch­ten, wie schon erwähnt, erst 1997/98 auf, inter­es­san­ter­wei­se mit Grün­dung der „Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie“ und deren Publi­ka­tio­nen.

Doch zeig­te sich beson­ders durch die Tagun­gen und Publi­ka­tio­nen der „Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie“, dass Huma­nis­mus umfas­sen­der gese­hen wer­den kann. Er ist eine geschicht­lich gewor­de­ne und qua­li­fi­zier­ba­re Auf­fas­sung und Pra­xis von „Barm­her­zig­keit“, „Bil­dung“ und „Mensch­lich­keit“. Sie bün­delt welt­an­schau­li­che Rich­tun­gen, die mit einem stark ratio­na­len und his­to­ri­sie­ren­den Her­an­ge­hen Wür­de defi­nie­ren und damit ver­bun­de­ne Fra­gen anthro­po­zen­trisch beant­wor­ten, nicht anthro­po­zen­tris­tisch. Die Maxi­me des Huma­nis­mus, dass der Mensch im Mit­tel­punkt steht, ist sein Kern. Denn was wäre dies für ein Huma­nis­mus, der die Fokus­sie­rung auf das „huma­ne Lebe­we­sen“ auf­gibt, der nicht mehr zuvör­derst an Welt­an­schau­un­gen arbei­tet, die „ihrem Selbst­ver­ständ­nis nach ‘den Men­schen in den Mit­tel­punkt ihres Den­kens stel­len’ (‘huma­no-zen­trisch’)“?[37]

„Welt­an­schau­ung“ meint dabei „eine ‘Bewe­gung’, eine ‘Tra­di­ti­on’“, die „sich als ‘Huma­nis­mus’ aus­weist“ durch ers­tens eine „Erzie­hung mit dem Schwer­punkt all­ge­mei­ne, ‘mensch­li­che’ Bil­dung, beson­ders durch Spra­che, Rhe­to­rik, Lite­ra­tur, Geschich­te, Weis­heit: stu­dia huma­ni­ta­tis“ und zwei­tens durch „die huma­ni­tä­re Pra­xis, Huma­ni­ta­ris­mus, die mehr oder weni­ger erfolg­rei­chen Huma­ni­sie­rungs­pro­zes­se in Recht, Krieg­füh­rung, Medi­zin.“[38] Hubert Can­cik fol­ger­te aus die­ser Bestim­mung: „Huma­nis­mus … ist kei­ne Phi­lo­so­phie, kein geschlos­se­nes, nur mit sich selbst kom­pa­ti­bles Sys­tem aus Anthro­po­lo­gie und Ethik, son­dern die Leh­re, ‘eine unvoll­ende­te Welt­an­schau­ung zu ertra­gen’.“[39]

Bei aller Offen­heit und Unvoll­stän­dig­keit hat der Huma­nis­mus Geschich­te und Struk­tu­ren, Leh­ren und Mei­nun­gen, Men­schen­bil­der und Mythen, Tat­sa­chen und Über­lie­fe­run­gen, Mär­chen und Doku­men­te, Kunst­wer­ke und Tech­ni­ken. Des­halb ist „Huma­nis­mus ein ‘Sys­tem’“, aber „kei­nes­wegs die Dar­stel­lungs­form einer Tota­li­tät, ist nicht onto­lo­gisch, teleo­lo­gisch, orga­no­lo­gisch fixiert. Viel­mehr: Die Unfer­tig­keit kann, wie etwa für die huma­nis­ti­sche Bewe­gung, durch­aus ein Ele­ment der Sys­tem­form sein. ‘Huma­nis­mus’ ist unvoll­endet, unfer­tig, unvor­her­sag­bar, offen, aber den­noch ein veri­ta­bles ‘Sys­tem’.“[40]

Es hat immer wie­der Ver­su­che gege­ben (und gibt sie noch), Huma­nis­mus als eine beson­de­re Phi­lo­so­phie zu erklä­ren.[41] Hier­zu ist anzu­mer­ken, dass huma­ni­tas (lat.), von wo sich Huma­nis­mus und Huma­ni­tät her­lei­ten, kei­ne phi­lo­so­phi­sche Kate­go­rie war, wie der Alt­phi­lo­lo­ge Fried­mar Küh­nert belegt: „Huma­ni­tas wur­de ver­wen­det ‘im Sin­ne von >ver­zei­hen­der Lie­be< (cle­men­tia), >Barm­her­zig­keit< (miser­i­cor­dia)’. Das Wort erscheint um 80 v.u.Z. in der Schrift ‘Rhe­to­ri­ca ad Her­en­ni­um’ eines unbe­kann­ten Autors.“[42]

Wenn also Huma­nis­mus und Huma­ni­tät sich glei­cher­ma­ßen von huma­ni­tas her­lei­ten, dann heißt das (nach Hubert Can­cik): „Kein Huma­nis­mus ohne Huma­ni­tät, kei­ne ‘Bil­dung’ ohne ‘Barm­her­zig­keit’, ohne huma­ni­tä­re Pra­xis“; „‘die Mensch­heit (das Men­schen­ge­schlecht: genus huma­n­um), Ent­ro­hung (e‑ruditio, Bil­dung) und Barm­her­zig­keit. Das gute deut­sche Wort ‘Barm­her­zig­keit’ ist eben­falls ein Lehn­wort, näm­lich die genaue Über­set­zung von mise­ri-cor­dia’“.[43]

Barm­her­zig­keit ist der Leit­be­griff jeder prak­ti­schen Huma­ni­tät. Logisch, dass sol­ches Her­an­ge­hen auch „Spi­ri­tua­li­tät“, etwa bei der huma­ni­tä­ren Sor­ge um Kran­ke, beson­ders bei der Ster­be­be­glei­tung, anders den­ken lässt als die tra­di­tio­nel­le Frei­den­ke­rei oder die phi­lo­so­phi­sche Erkennt­nis­theo­rie, wo es vor­ran­gig um Ver­nunft und Ratio­na­li­tät geht, weni­ger um Anteil­nah­me, Mil­de, Mit­ge­fühl, Nach­sicht oder Wohl­tä­tig­keit. Das betrifft auch die „Seel­sor­ge“. Ver­geb­lich und wahr­schein­lich ohne im Anlie­gen über­haupt ver­stan­den wor­den zu sein, for­der­te 1991 Gita Neu­mann, Begrif­fe wie „Glau­be“, „Seel­sor­ge“, „Idea­lis­mus“, „Weis­heit“ und „Offen­ba­rung“ „nicht kampf­los reli­giö­sen und spi­ri­tu­el­len Ideo­lo­gien zu über­las­sen“ und sie dadurch für „unse­re huma­nis­ti­sche Welt­an­schau­ung zu ent­wer­ten und unbrauch­bar zu machen.“[44]

Die­sen Abschnitt zusam­men­fas­send kann man fest­hal­ten, dass sich Huma­nis­mus als ein kul­tu­rel­les Phä­no­men dar­stellt, das sich in den Dimen­sio­nen bewegt wie Reli­gi­on. Doch er ist anders ver­fasst, etwa in den Begrün­dungs­kon­struk­tio­nen, und er reicht dar­über hin­aus, ist umfas­sen­der. Huma­nis­mus stellt sich dar als Rechts­pfle­ge – etwa in der Huma­ni­sie­rung des Straf­voll­zugs –,[45] als Soli­da­ri­täts­prin­zip in Gesell­schafts­dis­kur­sen und im Sozi­al­staats­den­ken,[46] als „Men­schen­heil­kun­de“, die mehr ist als Human­me­di­zin und so ziem­lich das Gegen­teil von kör­per­li­cher und/oder see­li­scher Gesun­dung durch Heils­ein­flüs­se.

Huma­nis­mus äußert sich als den Kör­per beto­nen­de und die Sin­ne bedie­nen­de Ästhe­tik, die auch die Gar­ten­kunst und Ess­kul­tur ein­schließt. Man kann sogar sagen, dass Huma­nis­mus eine eige­ne Iko­no­gra­phie aus­ge­bil­det hat, etwa in der Por­trät­kunst.

Wie alle gro­ßen Mensch­heits­er­zäh­lun­gen besitzt auch der Huma­nis­mus eige­ne Mythen, die sei­ne Geschich­te umran­ken. Eine gera­de­zu mythi­sche Sym­bo­lik erreich­te der (spä­ter) auf den Tag genau fest­ge­leg­te Beginn des Renais­sance-Huma­nis­mus: In einem auf den 26. April 1336 datier­ten Brief, der auf Latein ver­fasst und an den Früh­hu­ma­nis­ten Dio­ni­gi di Bor­go San Sepol­cro (ca. 1300–1342) gerich­tet war, schil­dert der Dich­ter Fran­ces­co Petrar­ca (1304–1374), wie er zusam­men mit sei­nem Bru­der den Mont Ven­toux in der Pro­vence bestieg. Oben ange­kom­men habe er die Land­schaft betrach­tet. Ange­regt durch ein zufäl­lig auf­ge­schla­ge­nes Wort aus den Con­fes­sio­nes [X, 8] des Augus­ti­nus habe er sich sel­ber zuge­wandt. Hier begann, so die „Erzäh­lung“, die radi­ka­le Sub­jek­ti­vi­tät sei­ner Dich­tung: „Und es gehen die Men­schen hin, zu bestau­nen die Höhen der Ber­ge, die unge­heu­ren Flu­ten des Mee­res, die breit dahin­flie­ßen­den Strö­me, die Wei­te des Oze­ans und die Bah­nen der Gestir­ne und ver­ges­sen dar­über sich selbst.“[47]

Huma­nis­mus hat sei­ne Hero­en her­vor­ge­bracht, etwa den „Huma­nis­ten-König“ Hen­ri Quat­re, des­sen „streit­ba­rer Huma­nis­mus“ immer wie­der betont wird, so beson­ders bei Hein­rich Mann.[48] Und er besitzt, wie jede kul­tu­rel­le Bewe­gung, Geg­ner und Fein­de, etwa den „Anti-Huma­nis­ten“ Fried­rich Nietz­sche.[49]

Huma­nis­mus ist letzt­lich eine beson­de­re Kul­tur­an­schau­ung. In ihr wird der Mensch vom Men­schen aus betrach­tet und in den Mit­tel­punkt gestellt, also nicht von einem Gott oder einer Reli­gi­on aus abge­lei­tet, oder von der Ras­se oder Nati­on her bestimmt. Die Dif­fe­renz zur Reli­gi­on hat nun nicht die Absicht, den Bei­trag reli­giö­ser Men­schen zur Theo­rie und Pra­xis zu schmä­lern oder gar zu „ver­ges­sen“, dass z.B. Melan­chthon in der Ideen­ge­nea­lo­gie des Huma­nis­mus einen her­vor­ra­gen­den Platz hat, obwohl ohne ihn die fun­da­men­ta­lis­ti­sche Wen­de der Refor­ma­ti­on gegen den Huma­nis­mus so nicht statt­ge­fun­den hät­te.

Die Dif­fe­renz zur Reli­gi­on ent­steht auch nicht dadurch, dass Huma­nis­mus den Athe­is­mus oder den Agnos­ti­zis­mus von vorn­her­ein zu sei­nem Prin­zip erklärt, son­dern umge­kehrt: Huma­nis­mus geht vor­aus­set­zungs­los vom Men­schen aus. Huma­nis­mus heißt „Reden über Men­schen“. Man könn­te mit dem römi­schen Dich­ter Terenz (190–159 v.u.Z.) sagen ”Ich bin ein Mensch, nichts Mensch­li­ches ist mir fremd!”

5. Konträre politische Programme

In den letz­ten Jah­ren gibt es berech­tig­te star­ke Kri­tik von Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lern an Ana­ly­sen mit Hil­fe der Säku­la­ri­sie­rungs­theo­rien. Es wird eine Leer­stel­le im kul­tur­his­to­ri­schen Den­ken fest­ge­stellt, denn Säku­la­ri­sie­run­gen, gera­de in der Moder­ne, haben immer wie­der zugleich Sakra­li­sie­run­gen her­vor­ge­bracht, also star­ke reli­giö­se Gegen­be­we­gun­gen und theo­lo­gi­sche Umdeu­tun­gen, aber auch Ent­lar­vun­gen poli­ti­scher Ideo­lo­gien, in denen es eben­falls „Säku­la­ri­sie­run­gen“ und „Sakra­li­sie­run­gen“ gibt.

Mei­ne bis hier­hin vor­ge­stell­te Sicht sagt, dass „säku­la­rer Huma­nis­mus“ letzt­lich kei­ne klar­stel­len­de inhalt­li­che Bestim­mung von Huma­nis­mus anbie­tet, aber nütz­lich sein kann bei der Beschrei­bung der ent­spre­chen­den orga­ni­sier­ten Grup­pen, etwa des „Zen­tral­ra­tes“ oder der „Giord­a­no Bru­no-Stif­tung“, für die ein kon­se­quent säku­la­ri­sier­ter, kir­chen­frei­er Staat ein stra­te­gi­sches Ziel dar­stellt, wofür aber nach mei­nem Dafür­hal­ten das Wort „Huma­nis­mus“ gar nicht nötig ist.

Mein Vor­schlag wäre, im HVD auf die Wor­te „säku­lar“ oder „welt­lich“ wegen der Miss­ver­ständ­lich­keit und Ver­wech­se­lungs­ge­fahr des eige­nen Pro­gramms zu dem der bei­den genann­ten zu ver­zich­ten und immer, wenn das Wort „Huma­nis­mus“ ein­ge­setzt wird, in sei­ner Ver­wen­dung klar­zu­stel­len, wenigs­tens gedank­lich, was das im jewei­li­gen kon­kre­ten Fall heißt, z.B. wenn gewohn­heits­mä­ßig for­mu­liert wird, der HVD ste­he in der Tra­di­ti­on der Auf­klä­rung. Im Gro­ben stimmt das immer, aber wel­che Tra­di­tio­nen in der Auf­klä­rung sind ihm beson­ders wich­tig, wo zieht er sei­ne Lini­en, wel­che Gedenk­ta­ge fei­ert er usw.? Wer hat wann die „huma­nis­ti­sche Sozi­al­ar­beit“ erfun­den und wie prak­ti­ziert?

Man muss den Begriff „Frei­den­ker“ schon sehr arg stra­pa­zie­ren, um hier Urhe­ber­schaf­ten für das fest­zu­stel­len, was der HVD oder die „Huma­nis­ti­sche Ver­ei­ni­gung“ wol­len und prak­tisch machen. Es han­delt sich hier um „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten“, die laut Grund­ge­setz auf einer Ebe­ne mit „Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten“ han­deln, also eben­falls „kon­fes­sio­nell“ (bekennt­nis­haft) auf­tre­ten, Gleich­be­hand­lung mit ihnen wol­len, nicht vor­ha­ben, sie und Reli­gi­on gleich mit „abzu­schaf­fen“. Das aber inten­diert „säku­lar“.

Staat und Gesell­schaft sol­len, so die Kon­zep­ti­on des HVD, wie ich sie ver­ste­he, plu­ra­lis­tisch ein­ge­rich­tet sein, was nicht neu­tra­lis­tisch heißt. Das wäre im Detail durch­zu­de­kli­nie­ren bis zu „Staats­kne­te“, Kopf­tü­cher, Lebens­kun­de und eige­ne Hoch­schu­le. Die­ser Huma­nis­mus will jeden­falls nicht „säku­la­ri­sie­ren­der Huma­nis­mus“ sein, was aller­dings auch nicht den Sta­tus quo fest­schrei­ben will. Jeden­falls soll­te man sich in die­ser Sache öffent­lich ehr­lich machen.

Was hin­ge­gen die poli­ti­sche Stra­te­gie des „säku­la­ren Huma­nis­mus“ betrifft, passt ein Zitat von Juli­an Nida-Rüme­lin: „Der so genann­te säku­la­re Huma­nis­mus sieht sich in der Tra­di­ti­on die­ses Kon­flik­tes [zwi­schen huma­nis­ti­schen Intel­lek­tu­el­len und kle­ri­ka­len Auto­ri­tä­ten, HG] und lehnt reli­giö­se Über­zeu­gun­gen und Prak­ti­ken grund­sätz­lich ab. Damit geht er jedoch über das hin­aus, was das huma­nis­ti­sche Ethos ver­langt: glei­cher Respekt vor jedem mensch­li­chen Indi­vi­du­um, ein huma­ner, rück­sichts­vol­ler Umgang unter­ein­an­der, die Aner­ken­nung unter­schied­li­cher Kul­tu­ren unab­hän­gig von ihrer Her­kunft und ihren nor­ma­ti­ven Prä­gun­gen sind auch für reli­giö­se Men­schen mög­lich.“[50]

6. Fazit

Huma­nis­mus ist eine his­to­risch gewor­de­ne Kul­tur­auf­fas­sung von „Barm­her­zig­keit“, Bil­dung und „Mensch­lich­keit“, die welt­an­schau­li­che Rich­tun­gen und kul­tu­rel­le Ansich­ten bün­delt, die mit einem his­to­ri­schen, ratio­na­len und an allem zwei­feln­den Her­an­ge­hen „Men­schen­wür­de“ defi­nie­ren und damit ver­bun­de­ne Fra­gen anthro­po­zen­trisch beant­wor­ten. Die­se Defi­ni­ti­on ist sehr lücken­haft. Doch sie soll zur Kri­tik her­aus­for­dern und die Debat­te bele­ben.

Seit 1993 ver­sucht der „Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands“ sei­nen Bei­trag zu einem moder­nen Huma­nis­mus zu leis­ten. Die objek­ti­ve Ursa­che für sei­ne Schwä­che, inklu­si­ve der Män­gel sei­nes Ver­ständ­nis­ses von Huma­nis­mus, ist his­to­risch begrün­det und lässt sich nur his­to­risch ändern. Aber ein neu­er Anfang muss sein, weil auch die Ver­bands­po­li­tik mehr Klar­heit braucht, etwa in der Ent­schei­dungs­fra­ge, was das stra­te­gi­sche Ziel ist – eine säku­la­ri­sier­te Gesell­schaft oder eine huma­nis­ti­sche. Bei­des geht nicht, denn eine säku­la­ri­sier­te Gesell­schaft muss nicht unbe­dingt huma­nis­tisch sein.


[1] Vgl. Hubert Can­cik: Renais­sance. In: Hubert Cancik/Horst Groschopp/Frieder Otto Wolf (Hrsg.): Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe. Berlin/Boston 2016, S. 347–356; als Paper­back 2024.

[2] Vgl. Jacob Bur­ck­hardt: Die Kul­tur der Renais­sance in Ita­li­en. Ein Ver­such (1860). Son­der­aus­ga­be. Walt­her Rehm (Hrsg.). Ham­burg 2004.

[3] Vgl. Man­fred Ise­mey­er (Hrsg.): Wofür es sich zu strei­ten lohnt: Huma­nis­mus. 120 Jah­re Enga­ge­ment für Auf­klä­rung, Men­schen­rech­te und Huma­ni­tät. Neu-Ulm 2025.

[4] Zur Früh­ge­schich­te des HVD vgl. Horst Gro­schopp: Pro Huma­nis­mus. Eine zeit­ge­schicht­li­che Kul­tur­stu­die. Mit einer Doku­men­ta­ti­on. Aschaf­fen­burg 2016.

[5] Vgl. Horst Gro­schopp / Eck­hard Mül­ler: Letz­ter Ver­such einer Offen­si­ve. Der Ver­band der Frei­den­ker der DDR (1988–1990). Ein doku­men­ta­ri­sches Lese­buch. Aschaf­fen­burg 2013.

[6] Vgl. Horst Gro­schopp: Alles ist welt­lich. Anmer­kun­gen zum Begriff der „Welt­lich­keit“ in Bezug auf die säku­la­re Bestat­tungs- und Trau­er­kul­tur. In: Lud­wig Feu­er­bach. Säku­la­ri­sie­rung der Men­schen­bil­der? Hrsg. im Auf­trag Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie von Horst Gro­schopp, Ber­lin 2005, S. 103–114 (= huma­nis­mus aktu­ell, Zeit­schrift für Kul­tur und Welt­an­schau­ung, Ber­lin 9[2005]16).

[7] Huma­nis­ti­sches Selbst­ver­ständ­nis. Ber­lin 1994.

[8] Vgl. dazu Horst Gro­schopp: Die Geburt der Kon­fes­si­ons­frei­en. Eine deut­sche Kul­tur­wen­de im Spie­gel der Zeit­schrift „Der Dis­si­dent“ (1907–1914), das Buch erscheint in die­sem Herbst im Aschaf­fen­bur­ger Ali­bri Ver­lag.

[9] Vgl. Finn­ge­ir Hiorth: Huma­nis­mus – genau betrach­tet. Eine Ein­füh­rung. Neu­stadt am Rüben­ber­ge 1996, S. 21–25. – Zu den „Huma­nis­ten­ge­mein­den“ vgl. Horst Gro­schopp / Eck­hard Mül­ler: Aus der Ethik eine Reli­gi­on machen. Der prak­ti­sche Huma­nis­mus einer sozi­al­li­be­ra­len Kul­tur­be­we­gung. Zur Geschich­te der „Deut­schen Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur“ (Okto­ber 1892 bis Janu­ar 1937). Aschaf­fen­burg 2024.

[10] Vgl. Horst Gro­schopp: Dis­si­den­ten. Frei­den­ker und Kul­tur in Deutsch­land (1997), Mar­burg 2012, S. 166–170.

[11] Vgl. Hil­de Schramm: Mei­ne Leh­re­rin Dr. Dora Lux. 1882–1959. Nach­for­schun­gen. Rein­bek bei Ham­burg 2012.

[12] Vgl. Gro­schopp: Pro Huma­nis­mus, S. 66–74.

[13] Vgl. August Bebel: Charles Fou­rier. Sein Leben und sei­ne Theo­rien (1907). Leip­zig 1978, S. 232.

[14] Vgl. Horst Gro­schopp: Der gan­ze Mensch. Die DDR und der Huma­nis­mus. Ein Bei­trag zur deut­schen Kul­tur­ge­schich­te. Mar­burg 2013, S. 90–117.

[15] Vgl. Karl Marx: Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­sche Manu­skrip­te. [Zur Kri­tik der Poli­tik und zur Kri­tik der Natio­nal­öko­no­mie.] Geschrie­ben von April bis August 1844. Nach der Hand­schrift. Leip­zig 1968.

[16] Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels: Die gro­ßen Män­ner des Exils (1852). In: MEW, Band 8, Ber­lin 1960, S. 235–335, hier S. 278 (kur­siv auch im Ori­gi­nal): Es habe sich Arnold Ruge hin­ter dem Huma­nis­mus ver­steckt, dem „Huma­nis­mus, jene[r] Phra­se, womit alle Kon­fu­sio­na­ri­er in Deutsch­land von Reuch­lin bis Her­der ihre Ver­le­gen­heit bemän­telt haben“, als nicht nur die phi­lo­so­phi­schen Ver­hält­nis­se zu tan­zen begon­nen hät­ten.

[17] Zur Aus­wir­kung auf die „säku­la­re Sze­ne“ vgl. Andre­as Fin­cke: Mit Gott fer­tig? Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit, Athe­is­mus und säku­la­rer Huma­nis­mus in Deutsch­land. Eine Bestands­auf­nah­me aus kir­chen­na­her Sicht. Horst Gro­schopp (Hrsg.). Aschaf­fen­burg 2017, S. 85–102.

[18] Vgl. Joa­chim Kahl: Welt­lich-huma­nis­ti­sche Spi­ri­tua­li­tät. Was ist das? In: dies­seits 2000, H. 50, S. 3–5.

[19] Vgl. Ralf Schöpp­ner: Seel­sor­ge. In: Cancik/Groschopp/Wolf (Hrsg.): Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe, S. 368–375.

[20] Hubert Cancik/Horst Groschopp/Frieder Otto Wolf Hrsg.): Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe. Berlin/Boston 2016, S. 1. – Vgl. dar­in Wal­ter Jaesch­ke: Säku­la­ri­sie­rung, S. 359–365.

[21] Vgl. Mar­tin Vöh­ler: Die „Erfin­dung“ des Huma­nis­mus im 18. Jahr­hun­dert. In: Horst Gro­schopp (Hrsg.): Huma­nis­mus­per­spek­ti­ven. Aschaf­fen­burg 2010, S. 30–41, beson­ders S. 30.

[22] Vgl. Fried­rich Imma­nu­el Niet­ham­mer: Der Streit des Phil­an­thro­pi­nis­mus und des Huma­nis­mus in der Theo­rie des Erzie­hungs-Unter­richts uns­rer Zeit. Jena 1808.

[23] Vgl. Gro­schopp: Der gan­ze Mensch, S. 61–68.

[24] Vgl. Frie­de­mann Sten­gel: Was ist Huma­nis­mus? In: Pie­tis­mus und Neu­zeit. Ein Jahr­buch zur Geschich­te des neue­ren Pro­tes­tan­tis­mus. Band 41. Göt­tin­gen 2015, S. 154–213.

[25] So ist „Huma­nis­mus heu­te“ eine Stif­tung des Lan­des Baden-Würt­tem­berg, die sich der Pfle­ge und Wei­ter­ga­be des kul­tu­rel­len Erbes der Anti­ke wid­met und z. B. all­jähr­lich den „Land­wett­be­werb Alte Spra­chen“ aus­schreibt. Sie unter­sag­te im Früh­jahr 1998 der „Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin“, ihre Zeit­schrift unter die­sem Namen zu füh­ren, wes­halb sie ab der drit­ten Aus­ga­be „huma­nis­mus aktu­ell“ hieß.

[26] Vgl. Johann Gott­fried Her­der: Brie­fe zu Beför­de­rung der Huma­ni­tät (1793–1797). In: Johann Gott­fried Her­der: Wer­ke in 10 Bän­den. Hans Diet­rich Irm­scher (Hrsg.). Band 7, Frank­furt a.M. 1991.

[27] Vgl. Fried­rich Paul­sen: Geschich­te des gelehr­ten Unter­richts auf den deut­schen Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten vom Aus­gang des Mit­tel­al­ters bis zur Gegen­wart. Mit beson­de­rer Rück­sicht auf den klas­si­schen Unter­richt. 2 Bän­de. Leip­zig 1885. Band 1: Der gelehr­te Unter­richt im Zei­chen des alten Huma­nis­mus 1450–1740; Band 2: Der gelehr­te Unter­richt im Zei­chen des Neu­hu­ma­nis­mus.

[28] Vgl. Bar­ba­ra Stie­we: Der „Drit­te Huma­nis­mus”. Aspek­te deut­scher Grie­chen­re­zep­ti­on vom Geor­ge-Kreis bis zum Natio­nal­so­zia­lis­mus. Ber­lin 2011.

[29] Vgl. Gro­schopp: Der gan­ze Mensch, S. 90–165. – Gene­rell zu Huma­nis­mus­be­grif­fen vgl. Horst Gro­schopp: Kon­zep­tio­nen des Huma­nis­mus. Alpha­be­ti­sche Samm­lung zur Wort­ver­wen­dung in deutsch­spra­chi­gen Tex­ten. Mit einer Biblio­gra­phie. Aschaf­fen­burg 2018.

[30] Vgl. Sem Dres­den: Huma­nis­mus und Renais­sance. Mün­chen 1968.

[31] Vgl. Hein­rich Wein­stock: Die Tra­gö­die des Huma­nis­mus. Wahr­heit und Trug im abend­län­di­schen Men­schen­bild. Wies­ba­den 1953.

[32] Vgl. Hans Pfeil: Der athe­is­ti­sche Huma­nis­mus der Gegen­wart. Aschaf­fen­burg 1959 (Der Christ in der Welt, Eine Enzy­klo­pä­die, XVIII. Rei­he, Reli­gi­ons­er­satz der Gegen­wart, Band 2). – Hans-Rudolf Mül­ler-Schwe­fe: Athe­is­mus. Stutt­gart 1962. – Kar­di­nal Dr. Franz König: Athe­is­mus und Huma­nis­mus. Wien/Linz/Passau 1962 (Wor­über wir dis­ku­tie­ren, Heft 2). – Karl Stür­mer: Athe­is­ti­scher Huma­nis­mus? Göt­tin­gen 1964.

[33] Vgl. Hans Opper­mann (Hrsg.): Huma­nis­mus. Darm­stadt 1970 (Wege der For­schung, Band XVII).

[34] Vgl. Rudolph Pen­zig: Ohne Kir­che. Eine Lebens­füh­rung auf eige­nem Wege. Mit einem Geleit­wort von Wil­helm Böl­sche. Jena 1907.

[35] Karl Barth: „Huma­nis­mus“. In: Huma­nis­mus. Zürich 1950, S. 21.

[36] Umfäng­lich dar­ge­stellt und doku­men­tiert in: Horst Groschopp/Eckhard Mül­ler: Aus der Ethik eine Reli­gi­on machen. Der prak­ti­sche Huma­nis­mus einer sozi­al­li­be­ra­len Kul­tur­be­we­gung. Zur Geschich­te der „Deut­schen Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur“ (Okto­ber 1892 bis Janu­ar 1937), erscheint im Herbst 2023 bei Ali­bri.

[37] Hubert Can­cik: Ent­ro­hung und Barm­her­zig­keit, Herr­schaft und Wür­de. Anti­ke Grund­la­gen von Huma­nis­mus. In: Ders.: Euro­pa – Anti­ke – Huma­nis­mus. Huma­nis­ti­sche Ver­su­che und Vor­ar­bei­ten. Hil­de­gard Can­cik-Lin­de­mai­er (Hrsg.). Bie­le­feld 2011, S. 255–279, hier S. 276 f.

[38] Hubert Can­cik: Huma­nis­mus als offe­nes Sys­tem. Ver­ge­mein­schaf­tung, Begriff­lich­keit, Dar­stel­lungs­for­men. Horst Gro­schopp (Hrsg.). Aschaf­fen­burg 2014. S. 15–34, hier S. 19.

[39] Can­cik: Euro­pa – Anti­ke – Huma­nis­mus. In: Can­cik: Euro­pa, S. 13–41, hier S. 38. – Zitat im Zitat: Ernst Mach: Die Mecha­nik in ihrer Ent­wick­lung. Leip­zig 1883, S. 479.

[40] Hubert Can­cik: Huma­nis­mus als offe­nes Sys­tem, S. 18 f.

[41] Die wohl umfas­sends­te Phi­lo­so­phie des Huma­nis­mus vgl. Frie­der Otto Wolf: Huma­nis­mus für das 21. Jahr­hun­dert. Ber­lin 2008.

[42] Fried­mar Küh­nert: Zum Huma­nis­mus im Rom der repu­bli­ka­ni­schen und augus­te­ischen Zeit? Magna est enim vis huma­ni­ta­tis. In: Der anti­ke und der sozia­lis­ti­sche Huma­nis­mus. In: Wis­sen­schaft­li­che Zeit­schrift der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät. H. 5/6. Jena 1972, S. 871–880, hier S. 872, 876).

[43] Hubert Can­cik: Gleich­heit und Men­schen­lie­be. Huma­nis­ti­sche Begrün­dung huma­ni­tä­rer Pra­xis. In: Horst Gro­schopp (Hrsg.): Barm­her­zig­keit und Men­schen­wür­de. Selbst­be­stim­mung, Ster­be­kul­tur, Spi­ri­tua­li­tät. Aschaf­fen­burg 2011, S. 17–33, hier S. 17.

[44] Gita Neu­mann: Frei­er Geist – Stirb und Wer­de. In: dies­seits 1991, Heft 16, S. 12.

[45] Vgl. Gus­tav Rad­bruch: Kri­mi­na­lis­ti­sche Goe­the-Stu­di­en (1938). In: Ders.: Kul­tur­phi­lo­so­phi­sche und kul­tur­his­to­ri­sche Schrif­ten. Bear­bei­tet von Gün­ter Spen­del. Hei­del­berg 2002, S. 278–283. – Ders: Das Straf­recht der Zau­ber­flö­te (1946). In: Rad­bruch: Kul­tur­phi­lo­so­phi­sche und kul­tur­his­to­ri­sche Schrif­ten, S. 283–298.

[46] Vgl. Tho­mas Hein­richs: Prin­zi­pi­en sozia­ler Güter­ver­tei­lung. Gleich­heit, Gerech­tig­keit, Soli­da­ri­tät und Huma­ni­tät. In: Gro­schopp (Hrsg.): Barm­her­zig­keit und Men­schen­wür­de, S. 197–222. – Ders.: Huma­ni­sie­rung des Staa­tes? Armen­hil­fe und Sozi­al­staat. In: Horst Gro­schopp (Hrsg.): Huma­nis­mus und Huma­ni­sie­rung. Aschaf­fen­burg 2014, S. 71–94.

[47] Die­se Stel­le wird in diver­ser Lite­ra­tur immer wie­der zitiert, sei es in Geschich­ten der Renais­sance, aber auch in sol­chen der Berg­stei­ge­rei und Tou­ris­mus­his­to­rie.

[48] Vgl. Eliza­beth Guilhamon/Daniel Mey­er (Hrsg.): Die streit­ba­re Klio. Zur Reprä­sen­ta­ti­on von Macht und Geschich­te in der Lite­ra­tur. Frank­furt a.M. 2010, S. 43 ff. (Schrif­ten zur poli­ti­schen Kul­tur der Wei­ma­rer Repu­blik). – Tar­mo Kun­nas: Das Wer­den des Huma­nis­mus bei Hein­rich Mann. Hel­sin­ki 1973.

[49] Vgl. Hubert Can­cik: „Huma­nis­mus“, „Huma­nis­mus­kri­tik“ und „‚Anti­hu­ma­nis­mus“ am Bei­spiel von Fried­rich Nietz­sche. In: Horst Gro­schopp (Hrsg.): Huma­nis­tik. Bei­trä­ge zum Huma­nis­mus. Aschaf­fen­burg 2012, S. 130–141.

[50] Juli­an Nida-Rüme­lin: Huma­nis­ti­sche Refle­xio­nen. Ber­lin 2016, S. 400.

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1 Gedanke zu „Humanismus noch immer in der Aufklärung“

  1. Johannes Schwill

    Wenn ich mit Genoss*innen in der SPD spre­che und mich als Huma­nist oute, höre ich oft die Ant­wort: Ist das SPD-Pro­gramm nicht zutiefst huma­nis­tisch? Wenn ich in mei­nem Chor mit reli­giö­sen Mitsänger*innen spre­che, höre ich: Sind wir nicht alle Humanist*innen? Ich sage dann, dass wir säku­la­re Humanist*innen sind – gern zur the­men­be­zo­ge­nen Zusam­men­ar­beit mit reli­gi­ös moti­vier­ten Humanist*innen bereit.
    Dar­aus folgt für mich, dass der HVD sein gro­ßes, offe­nes huma­nis­ti­sches Zelt prä­gnant bema­len muss, ohne in unnö­ti­ge Abgren­zun­gen oder gar eng­stir­ni­ge Aus­schlie­ße­ri­tis zu ver­fal­len.
    Horst Gro­schopp erläu­tert aus­führ­lich die Begriffs­ge­schich­te des Huma­nis­mus und vie­le Sta­tio­nen sei­ner Rück­pro­jek­ti­on als „Mensch­heits­er­zäh­lung“ bis in die Anti­ke. Hier stim­me ich weit­ge­hend zu. Zudem geht er kun­dig und detail­liert auf die ver­äs­tel­te Ver­bands­ge­schich­te ein. Das ist für mich als His­to­ri­ker sehr inter­es­sant.
    Lei­der nur als Nega­tiv­fo­lie wird der Begriff „säku­lar“ dar­ge­stellt; kaum unter­schie­den wird zwi­schen scharf reli­gi­ons- und kir­chen­kri­ti­schem Säku­la­ris­mus und Säku­la­ri­tät als Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip des demo­kra­ti­schen Staa­tes. In Bezug auf die mitt­ler­wei­le gut empi­risch unter­mau­er­te sozio­lo­gi­sche / geschichts­phi­lo­so­phi­sche Säku­la­ri­sie­rungs­the­se wird ten­den­zi­ell die Gegen­the­se der „Rück­kehr der Reli­gio­nen“ gestärkt.
    Stra­te­gie­ent­schei­dun­gen über die Aus­rich­tung des HVD soll­ten heu­te auf der Grund­la­ge einer nüch­ter­nen Ana­ly­se der gegen­wär­ti­gen Lage, der gegen­wär­ti­gen fak­ti­schen Kon­no­ta­tio­nen der Begrif­fe und der aktu­el­len Bünd­nis­op­tio­nen getrof­fen wer­den. Dazu gehört auch die Zur­ken­nt­nis­nah­me der sehr unter­schied­li­chen reli­gi­ons­po­li­ti­schen Umfel­der der west­li­chen und der öst­li­chen Ver­bän­de. Nicht nur aus NRW-Sicht wür­de ich des­halb ger­ne sowohl die ver­stän­di­gen „Säku­la­ren“ als auch die auf­ge­klär­ten, nicht über­grif­fi­gen „Reli­giö­sen“ in unse­rem Boot oder wenigs­tens in unse­rem Zelt­la­ger behal­ten.
    Für die ver­fas­sungs­recht­li­che Stra­te­gie gegen­über Staat und Kir­chen bie­tet sich für mich das „sowohl als auch“ an, auch wenn es Sys­te­ma­ti­ker nicht zufrie­den­stel­len mag. Poli­tik ist nie ganz ratio­nal; Kri­tik und Koope­ra­ti­on müs­sen sich nicht aus­schlie­ßen.
    Schließ­lich eini­ge Anmer­kun­gen zu heu­te sinn­vol­len Bestim­mungs­merk­ma­len von Huma­nis­mus: Ein­ver­stan­den bin ich selbst­ver­ständ­lich mit Men­schen­wür­de, Bil­dung, Anthro­po­zen­trik und einer kri­tisch-ratio­na­len, his­to­risch infor­mier­ten Her­an­ge­hens­wei­se. Dar­in steckt schon viel Reli­gi­ons- und Ideo­lo­gie­kri­tik. Schwie­rig fin­de ich „Barm­her­zig­keit“ und „Mensch­lich­keit“. Barm­her­zig­keit ist mir all­zu reli­gi­ös-her­ab­las­send kon­no­tiert; ich wür­de Empa­thie und Soli­da­ri­tät vor­zie­hen (wobei hier zu klä­ren wäre, mit wem genau wir soli­da­risch sein soll­ten). Auch „Mensch­lich­keit“ muss drin­gend näher bestimmt wer­den, denn, sor­ry, auch Trump ist ein Mensch. Zu ergän­zen wären u.a. demo-kra­ti­sche Hal­tung, Auto­no­mie (nicht über­zo­ge­ne!) und Lern­be­reit­schaft.

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Kirche, Psychiatrie und politisches Rollback
Einschränkungen der Suizidhilfe aufgrund vermeintlicher Pressionen?
In katholischen Einrichtungen ist Suizidassistenz seit Januar 2026 verbindlich untersagt. Bischöfe und Caritas beeinflussen im Bündnis mit der Psychiatrie das angekündigte Gesetzesvorhaben zur Suizidhilfe mit der Forderung nach unbedingt zu bewahrendem Leben: im Sinn eines unverfügbaren „Gottesgeschenks“ ebenso wie eines Schutzes vor innerem Druck oder äußerem Drängen. Damit droht eine Aushöhlung des verfassungsmäßigen Persönlichkeitsrechtes auf selbstbestimmtes Sterben.
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