Zum neuen Buch von Horst Groschopp

Von der Freidenkerei zur Volksbildung. Der Neue Frankfurter Verlag und seine Geschichte

| von
Arthur Pfungst

Beitragsbild: Timon Schroeter, gemeinfrei, zugeschnitten

Ein wiederentdecktes Inventuren- und Bilanzbuch eröffnet einen neuen Blick auf den Neuen Frankfurter Verlag. Horst Groschopp zeigt, wie Arthur und Marie Pfungst dort freidenkerische und dissidente Literatur zusammenführten und damit die Volksbildung nachhaltig förderten. Eine Rezension von Andreas Schulz.

Das Inven­tu­ren- und Bilanz­buch des Neu­en Frank­fur­ter Ver­lags wur­de wie­der­ent­deckt! Die­se Mel­dung wäre von rein buch­hal­te­ri­schem Inter­es­se, wenn es sich beim Neu­en Frank­fur­ter Ver­lag nicht um einen der wich­tigs­ten Ver­le­ger frei­den­ke­ri­scher (oder, wie es zeit­ge­nös­sisch hieß: dis­si­den­ti­scher) Lite­ra­tur im Deutsch­land des frü­hen 20. Jahr­hun­derts gehan­delt hät­te. Horst Gro­schopp nahm den Fund zum Anlass, eine neue Geschich­te die­ses Ver­la­ges zu schrei­ben. Sei­nem Buch gab er unter Ver­weis auf die Ent­wick­lung der ver­leg­ten Wer­ke den Titel „Von der Frei­den­ke­rei zur Volks­bil­dung“ (S. 11 f.) – und über­zeugt mit die­ser Ein­schät­zung.

In der ers­ten Pha­se wur­de der Ver­lag von Arthur Pfungst geprägt. Pfungst wur­de in eine jüdi­sche Fami­lie gebo­ren und spä­ter reli­gi­ons­lo­ser Bud­dhist; vor allem aber war er ein Kind des katho­li­schen, nicht des pro­tes­tan­ti­schen Deutsch­lands. Ent­spre­chend wand­ten sich die von ihm ver­leg­ten Wer­ke vor allem gegen die katho­li­sche Kir­che – was ihn in einen Gegen­satz zu den sozia­lis­ti­schen Frei­den­kern brach­te, die vor allem die pro­tes­tan­ti­schen Lan­des­kir­chen als Geg­ner erleb­ten. Ent­spre­chend war der Neue Frank­fur­ter Ver­lag kein athe­is­ti­scher Ver­lag, son­dern „eine sowohl geis­ti­ge, links­li­be­ra­le Abwehr als auch eine Dis­kus­si­ons­büh­ne“ und wur­de „im ers­ten Jahr­zehnt des 20. Jahr­hun­derts zu einer Zen­tra­le frei­geis­ti­ger Lite­ra­tur in Deutsch­land“ (S. 14).

Gro­schopps The­se, dass der Neu­en Frank­fur­ter Ver­lag die unter­schied­li­chen dis­si­den­ti­schen, d. h. außer­halb der offi­zi­el­len Kir­chen agie­ren­den, oft auch gegen sie gerich­te­ten geis­ti­gen Strö­mun­gen im deutsch­spra­chi­gen Raum bün­deln soll­te, legt er über­zeu­gend dar. Das Prä­di­kat „links­li­be­ral“ aller­dings trifft zwar für die Fami­lie Pfungst selbst zu, ist für das Ver­lags­pro­fil aber zu opti­mis­tisch. Die Spann­brei­te derer, wel­che sich in Deutsch­land zwi­schen 1850 und 1950 gegen die gro­ßen Kir­chen wand­ten, reich­te schließ­lich vom Athe­is­ten August Bebel bis zum Kriegs­ver­bre­cher Hein­rich Himm­ler; nur ein Teil die­ser Leu­te war links­li­be­ral, und gera­de in West- und Süd­deutsch­land waren die Geg­ner katho­li­scher Kir­chen­herr­lich­keit eher natio­nal- als links­li­be­ral ori­en­tiert.

Pfungst, dem es vor allem dar­um ging, dass die Leu­te sich über­haupt frei von amts­kirch­li­cher Bevor­mun­dung äußern durf­ten (S. 49 f.), öff­ne­te sei­ne Spal­ten allen die­sen Grup­pen. Ent­spre­chend unter­stütz­ten links­li­be­ra­le Poli­ti­ker den Ver­ein zwar inten­siv (so finan­zi­ell bei der Ver­eins­grün­dung, S. 45); Gro­schopp über­sieht aber die Kon­se­quen­zen die­ser extrem offe­nen Pra­xis nicht, denn „der Auf­klä­rungs­ge­dan­ke und die Rom-Kri­tik ver­führ­te ihn [= den Ver­lag] dazu, auch Wer­ke zu ver­öf­fent­li­chen, denen man heu­te zurecht rechts­ori­en­tier­ten Popu­lis­mus vor­wer­fen wür­de.“ (S. 86)

Die Ver­öf­fent­li­chun­gen erfolg­ten unter Arthur Pfungst in fünf Schwer­punk­ten: die Zeit­schrift „Das freie Wort“ (1901–1920) mit der als „Zen­tral­or­gan für die Inter­es­sen aller Dis­si­den­ten“ kon­zi­pier­ten Bei­la­ge „Der Dis­si­dent“ (1907–1914), Flug­schrif­ten, die „Biblio­thek der Auf­klä­rung“ sowie Sons­ti­ge (S. 17–19). Wäh­rend die Zeit­schrif­ten in einer wei­te­ren Publi­ka­ti­on behan­delt wer­den sol­len, ste­hen die Bücher und Flug­schrif­ten im Zen­trum des vor­lie­gen­den Wer­kes. Gro­schopp stellt die wich­tigs­ten Publi­ka­tio­nen des Ver­lags und ihre Autoren kurz vor, womit der Inten­ti­on Pfungsts ent­spro­chen wird: Die Leser erhal­ten einen Über­blick über die Band­brei­te der dis­si­den­ti­schen Lite­ra­tur im deutsch­spra­chi­gen Raum zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts und ihre Ein­ord­nung in die zeit­ge­nös­si­schen Strö­mun­gen. Die übri­gen Bücher, die nach­weis­lich im Neu­en Frank­fur­ter Ver­lag ver­öf­fent­licht wur­den, ent­hält eine Über­sicht am Buchen­de.

Mit der Wie­der­auf­nah­me der Ver­lags­tä­tig­keit 1925 änder­te sich das Pro­fil, so Gro­schopp, gründ­lich (und auch das Füh­rungs­per­so­nal, wel­ches fast völ­lig aus­ge­tauscht wur­de). Das betraf bei genaue­rem Hin­se­hen aber eher den orga­ni­sa­to­ri­schen Teil: Mit der Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung wur­de 1918 (noch vor der Revo­lu­ti­on) statt der von Arthur und Tei­len der Dis­si­den­ten­be­we­gung geplan­ten „Aka­de­mie des Frei­en Geis­tes“ eine klas­si­sche Bil­dungs­stif­tung gegrün­det; der Autor rekon­stru­iert die­se Ent­wick­lung detail­liert, obgleich vie­les man­gels Quel­len Ver­mu­tung blei­ben muss. Sicher ist jedoch, dass Marie Pfungst den Neu­en Frank­fur­ter Ver­lag in den Dienst der Volks­bil­dung stell­te.

Ansons­ten blieb sie dem Ver­lags­pro­fil ihres Bru­ders treu: Wie einst „Das freie Wort“ die Ansich­ten der Dis­si­den­ten bün­deln soll­te, infor­mier­te nun eine neue Zeit­schrift, „Die freie Volks­bil­dung“, über die Band­brei­te der Volks­bil­dungs­be­we­gung. Damit rück­ten Marie und ihre Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung den Ver­lag sogar ein Stück weit nach links, denn statt der Monis­ten wur­de nun der unter ande­rem von den sozia­lis­ti­schen Regie­run­gen in Thü­rin­gen und Sach­sen unter­stütz­te Edu­ard Weit­sch zum Haupt­au­tor des Ver­lags­pro­gramms. Die­ser Ver­bin­dung räumt Gro­schopp viel Raum ein (zwei Kapi­tel, S. 143–156 und 174–182), ohne des­halb die übri­gen vom Neu­en Frank­fur­ter Ver­lag ver­leg­ten bil­dungs­po­li­ti­schen Akteu­re und ihre The­sen und Akti­vi­tä­ten zu ver­nach­läs­si­gen. Die Leser erhal­ten auf die­se Wei­se nicht nur einen Ein­blick in das Pro­fil des Ver­lags, son­dern auch eine Ein­füh­rung in die Volks­bil­dungs­be­we­gung der Wei­ma­rer Repu­blik, deren Erbe heu­te vor allem in Form der Volks­hoch­schu­len leben­dig ist.

Ins­ge­samt lie­fert Gro­schopp eine nach­voll­zieh­ba­re Neu­be­wer­tung nicht nur eines wich­ti­gen Dis­si­den­ten­ver­lags des frü­hen 20. Jahr­hun­derts, son­dern auch der Früh­ge­schich­te der Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung. Dane­ben führt er in das Leben und Wir­ken zwei­er wich­ti­ger För­de­rer der von amts­kirch­li­cher Bevor­mun­dung befrei­ten Bil­dung in Deutsch­land ein (näm­lich Arthur und Marie Pfungst) und gibt eine Ein­füh­rung sowohl in die Band­brei­te der dama­li­gen dis­si­den­ti­schen Strö­mun­gen als auch der wei­mar­zeit­li­chen Volks­bil­dungs­be­we­gung.

Die Dr. Arthur Pfungst-Stif­tung hat dabei selbst ein Lob ver­dient. Sie über­nahm die Her­aus­ga­be des Ban­des – obwohl Gro­schopp ihre bis­he­ri­ge Selbst­dar­stel­lung infra­ge stellt, wonach die dama­li­gen Ver­ant­wort­li­chen bei der Ari­sie­rung das geis­ti­ge Erbe der Fami­lie Pfungst zu erhal­ten ver­sucht hät­ten, statt Marie aus­zu­plün­dern (S. 228–240). Hier schei­nen wei­te­re For­schung und wei­te­re Quel­len nötig.

Horst Gro­schopp: Von der Frei­den­ke­rei zur Volks­bil­dung. Der Neue Frank­fur­ter Ver­lag und sei­ne Geschich­te
Ali­bri Ver­lag, Aschaf­fen­burg 2025
34,- Euro
ISBN: 978–3‑86569–445‑4

Inhalt teilen

Meistgelesen

Nach oben scrollen