Es ist Sonntagmorgen. Ich nippe am Espresso. Auf dem Tablet mein Artikel über Entwicklungsorientierte Bildung und Humanismus, der eben im Magazin »diesseits« erschienen ist. Ich prüfe die Zeilen kritisch, bin unzufrieden mit der einen oder anderen sperrigen Formulierung. Mein Sohn sitzt mir gegenüber und löffelt sein Müsli. Plötzlich schaut er auf.
»Was liest du da?«
»Einen Artikel über Bildung. Darüber, wie Menschen lernen könnten.«
»Lernen wie in der Schule?«
»Auch. Aber nicht nur.« Ich lege das Tablet weg. »Der Artikel beschreibt einen Paradigmenwechsel – eine große Veränderung, wie wir über Bildung denken. Früher ging es vor allem um Wissen: Was weißt du? Dann kam die Kompetenzorientierung: Was kannst du? Jetzt sagen manche: Das reicht nicht. Wir brauchen auch Entwicklungsorientierung.«
»Was heißt das?«
»Wissen und Können bleiben wichtig. Aber sie sind nur Teile eines Ganzen. Du sollst dich als ganzer Mensch entwickeln können – als Person. Es soll nicht nur dein Kopf mit Wissen vollgestopft werden.«
»Also nicht nur Mathe, Italienisch, Latein und so?«
»Genau. Und: Der Artikel verbindet diese Idee mit dem Humanismus – einem sehr alten Menschenbild und zugleich einer Bildungsidee, die in der Renaissance entstand. Es gibt eine berühmte Rede von Giovanni Pico della Mirandola, über 500 Jahre alt. Er hatte einige Jahre in Bologna gelebt, du erinnerst dich vielleicht an die Stadt? Wir waren mal da.«
»Ja, da kommt meine Lieblingspastasauce her!«
»Stimmt. In dem Text lässt er Gott zu Adam sagen: ›Ich habe dich in die Mitte der Welt gestellt, ohne dir einen festen Platz zu geben. Du bist frei, dich selbst zu gestalten. Du bist ein Former und Bildner deiner selbst.‹«
»Eigentlich noch cool. Aber auch etwas schwierig.«
»Ist es auch. Diese Freiheit ist ein Geschenk – und gleichzeitig eine Aufgabe. Du kannst entscheiden, wer du sein willst, aber du musst auch fragen: Was ist gut? Was ist richtig? Wie will ich mit anderen leben?«
Die Katze springt auf den Tisch und legt sich mitten in die Szenerie.
»Aber was ist gut? Wie weiss ich das?«
»Das ist die wichtigste Frage überhaupt. Im Artikel wird dafür die Amsterdamer Erklärung herangezogen – eine moderne Beschreibung des Humanismus mit vier Prinzipien. Das erste ist: Humanismus ist ethisch. Das heißt, es geht um das Gute, um Verantwortung. Der Mensch kann selbst entscheiden, was gut ist – nicht egoistisch, sondern mit Blick auf alle Menschen. Freiheit ja, aber mit Mitgefühl und Verantwortung.«
»Also ich darf machen, was ich will, solange es anderen nicht schadet?«
»Mehr noch. Es geht ums Aushandeln: miteinander entscheiden, fair streiten, Lösungen finden – das ist Demokratiebildung. Du lernst nicht nur für dich, sondern auch, wie man mit anderen eine faire Gesellschaft gestaltet. Das ist eine humanistische Haltung.«
»Wie bei unseren Klassenregeln?«
»Ja, exakt. Wenn ihr gemeinsam überlegt, wie ihr miteinander umgehen wollt, macht ihr Demokratiebildung. Freiheit heißt nicht ›Jeder macht, was er will‹, sondern ›Wir finden zusammen heraus, was für alle gut ist oder sein könnte.‹«
»Das ist aber schwierig zu lernen!«
»Zumindest nicht ganz leicht, ja. Aber wichtig für Menschen wie uns, die in einer Demokratie leben – und wollen, dass sie funktioniert.«
»Jetzt klingst du wieder mal so politisch.«
»Ja, das ist politisch. Aber zurück zu dir: Es geht eigentlich um bedeutsames Lernen in Freiheit, das fordert auch heraus. Und es ist eine Aufgabe, die nie aufhört. Du brauchst einerseits Raum für eigene Entscheidungen und Sicherheit und Begleitung darin. Wie beim Klettern: Du entscheidest, ob und wie du hochgehst, aber jemand sichert dich.«
Draußen hupt einer.
»Gab es denn sowas schon mal? Solche Schulen mit viel Freiheit?«
»Ja. In England zum Beispiel gab es eine Schule namens Summerhill, die schon 1921 mit dieser Idee gestartet ist. Der Gründer, Alexander S. Neill, entwickelte mit den Kindern und Jugendlichen eine sehr demokratische Schule und ließ die Kinder selbst entscheiden, ob, und wenn ja wann sie in welchen Unterricht gehen. Das klingt vielleicht etwas verrückt, aber es hat funktioniert.«
»Aber wofür braucht es sowas? Warum ist das so wichtig, also gerade jetzt?«
»Weil wir in einer Welt leben, die sich rasch wandelt. Alles verändert sich schnell – Technologie, Klima, Politik, Gesellschaft. Du kriegst das auf Social Media ja auch mit. Und ganz ohne negative Folgen läuft das alles ja nicht ab.«
»Hmm, ja stimmt.«
»In Zeiten wie diesen, da brauchen wir Menschen, die mit Offenheit und Unsicherheit umgehen können. Die nicht nur Antworten auswendig lernen, sondern angeregt werden, selbst zu denken.«
»Aber es geht doch nicht nur darum, was gut für Menschen ist, oder? Was ist mit Tieren? Mit der Natur?«
»Wichtiger Punkt. Der Artikel spricht von ›Mit-Weltbildung‹. Das heißt: Wir denken den Menschen nicht getrennt von der Natur. Wir sind Teil eines großen Ganzen – zusammen mit Tieren, Pflanzen, Ökosystemen. Bildung sollte uns lehren, Verantwortung für alles Leben zu übernehmen.«
»Also auch für unseren Hund Loulou?«
Ich lache. »Ja klar, natürlich auch für Loulou. Wenn du lernst, dich um sie zu kümmern, lernst du Fürsorge. Das ist auch Bildung.«
»Du hast von vier Prinzipien gesprochen. Was ist das zweite?«
»Das zweite Prinzip lautet: Humanismus ist rational. Das bedeutet: in Freiheit zu denken und durch Vernunft zu Erkenntnissen zu gelangen.«
»Also was jetzt, einfach mit dem Kopf denken, also doch nur wie in Mathe oder Latein?«
»Nein, das wäre zu eng gedacht. Vernunft heißt nicht nur Logik. Es heißt auch: nachdenken, zweifeln, hinterfragen. Und – ganz wichtig – es schließt Gefühle mit ein. Wenn sich etwas falsch anfühlt, ist das oft ein wichtiges Signal. Gute Bildung verbindet Kopf und Herz, Vernunft und Empathie.«
»Wie beim Streit mit Enea neulich?«
»Stimmt: Du musstest überlegen: Was ist passiert? Was will ich? Aber du musstest auch spüren: Wie geht es mir? Wie geht es ihm? Musstest dich also auch in die Schuhe von Enea stellen.«
»Ja, das war etwas ätzend – halt gar nicht so leicht, das mit den Schuhen.«
Im Radio beginnt Philipp Maloney ein neues Abenteuer. Wir stellen ausnahmsweise leiser.
»Und was ist eigentlich, wenn ich mich irre?«
»Wie meinst du das?«
»Wenn ich durch Nachdenken und meine Gefühle und so trotzdem falsch liege und Fehler mache? Das wäre ja dann gegen das zweite Prinzip, oder?«
»Ah, jetzt verstehe ich. Nein, das wäre eigentlich ganz im Sinne dieses Prinzips, denn: du lernst daraus. Fehler gehören dazu. Man nennt das gerne auch Fehlerfreundlichkeit, ich mag das Wort! Vernünftig sein heißt eben auch: bereit sein zur Selbstkorrektur. Durch Zweifel, durch Dialog, durch neue Erkenntnisse. Die Wissenschaft zum Beispiel funktioniert im besten Fall so. Sie kann uns aber keine Werte liefern. Die liefert zum Beispiel der Humanismus.«
»Also Wissenschaft ist nicht alles?«
»Wissenschaft ist wichtig. Aber ja, nicht alles. Wir müssen zum Beispiel auch fragen: Wem dient eine Technologie? Macht sie Menschen freier? Oder eher abhängiger? Wie das Smartphone, um ein Beispiel zu nennen, das du gut kennst!«
»Papa, das nervt!«
»Ja ja, ich lass das für heute. Ich meine nur als Beispiel. Der Artikel sagt: Entwicklungsorientierte Bildung ist Denkraum für Weltgestaltung. Wir (müssen) lernen, Innovationen kritisch zu bewerten. Wir haben doch kürzlich über KI gesprochen.«
»Du sprichst andauernd davon!«
Eine Weile ist es ruhig am Tisch.
»Und das dritte Prinzip?«
»Das dritte ist: Humanismus ist ästhetisch. Es geht um Schönheit, Kunst, Kreativität – und darum, wie dich das als Person formt.«
»Soso! Wieso formt mich Kunst?«
»In der Renaissance gab es ein Ideal: den ›Uomo Universale‹, den Universalmenschen. Wir sind dem Begriff einmal im Museo Leonardo da Vinci in Venedig begegnet, weisst du noch?«
»Ja, ich erinnere mich.«
»Es geht also nicht nur darum, klug zu sein, sondern auch künstlerisch begabt, körperlich fit, sozial gewandt – ein ganzer Mensch eben. Und dass dies alles wichtig ist.«
»Also ich könnt auf den Kunstunterricht verzichten.«
»Schiller hat mal geschrieben: ›Die Kunst ist die Tochter der Freyheit.‹ Wenn du kreativ bist, übst du Freiheit. Du erschaffst dir etwas Eigenes.«
»Ok. Und was hilft mir das?«
»Es gibt tatsächlich Studien dazu – und die Ergebnisse sind interessant. Kinder, die Theater spielen, entwickeln mehr Einfühlungsvermögen. Strukturierter Musikunterricht stärkt die Selbstkontrolle, oft mehr als andere Trainings. Und selbst ein gut begleiteter Museumsbesuch kann kritisches Denken und Toleranz fördern.«
»Aha, deshalb gehen wir immer in diese Museen (lacht). Also ist Kunst nicht nur Spaß?«
»Spaß ist dabei – logisch. Aber Kunst wirkt nicht automatisch. Sie wirkt, wenn es gut begleitet ist: gute Aufgabe, gutes Feedback, und du merkst am Ende, was du gelernt hast. Dann ist das echt entwicklungsorientiert.«
»Was heißt das für mich?«
»Dass du nicht nur Wissen und Können entwickelst, sondern auch Persönlichkeitsmerkmale. Es sind Dinge wie Kreativität, Offenheit, Urteilsfähigkeit. Die entstehen in längeren Entwicklungsprozessen. Ich spreche hier ja lieber von Tugenden.«
»Ja das weiss ich, Papa! Warum sind die denn jetzt wichtig?«
»Weil vieles nicht mehr einfach ›richtig oder falsch‹ ist. Du musst in der Welt von heute öfter entscheiden, obwohl du nicht alles weisst. In so einer Welt bringt dich Pauken nicht weit. Du brauchst Mut, Fragen zu stellen, und die Fähigkeit, mit Unklarheit oder Mehrdeutigkeit umzugehen.«
»Das klingt anstrengend.«
»Kann es sein. Aber es ist auch eine Chance. Der Artikel spricht von kreativer Bürgerschaft. Das heißt: Du lernst, die Welt mitzugestalten, lokal und global. Nicht als Elite, sondern als Weltbürger.«
Loulou bellt. Draußen läuft jemand am Haus vorbei.
»Gibt es noch ein viertes Prinzip?«
»Ja. Humanismus ist existenziell. Das heißt: Es geht um die großen Fragen. Wer bin ich? Wozu lebe ich? Was ist mir wichtig?«
»Manchmal frage ich mich in der Schule, wozu wir all diese Dinge lernen?«
»Gute Frage! Ein Kollege von mir hat mal geschrieben, in guter Bildung müsse es um Sinn gehen. Wissen, Können und Entwicklung müssen miteinander in Dialog kommen. Sinn entsteht nicht, wenn du Dinge einfach addierst. Er entsteht in Wechselwirkung.«
»Und wer gibt mir diesen Sinn?«
»Niemand. Sinn wird nicht verordnet, er entsteht im Dialog, im Gespräch – wie jetzt zwischen uns.«
»Ist das nicht anstrengend, immer selbst nach Sinn suchen zu müssen?«
»Manchmal. Aber es ist auch befreiend. Der Philosoph Camus erzählt die Geschichte aus dem alten Griechenland von Sisyphos, der immer wieder einen Stein den Berg hochrollt. Camus sagt: Wir sollen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.«
»Du klingst wie mein Lateinlehrer! Ich kenne die Geschichte von ihm, das ist Lektion 14! Und warum bitte soll der Typ glücklich sein?«
»Weil er selbst entscheidet weiterzumachen. Trotz allem.«
»Ok. I’m out.«
»Ich versteh dich – das klingt gerade sehr gross. Ich meine es einfacher: Sinn entsteht, wenn Menschen trotz Widrigkeiten nicht zynisch werden, sondern etwas gestalten – im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Der Philosoph Sartre hat das mal so beschrieben: Wir sind nicht fertig auf die Welt gekommen. Wir müssen erst zum Menschen werden. Zuerst bist du da – dann wirst du, wer du bist.«
»Also bin ich sozusagen noch in Bearbeitung?«
»Genau. Und das ist keine schlechte Nachricht – das ist eigentlich das Schönste daran.«
»Aber was kann ich denn schon tun? Ich bin doch nur ein Jugendlicher.«
»Mehr, als du denkst. Und du musst nicht die Welt retten: Es fängt im Kleinen an – in deiner Klasse, in deiner Clique, online und zuhause. Du lernst jetzt, wie man denkt, zusammenarbeitet, Lösungen findet. Und du kannst schon heute etwas tun: fair sein, helfen, nachfragen, widersprechen, wenn’s nötig ist.«
»Und wenn ich einen Fehler mache?«
»Dann lernst du daraus. Fehler gehören zur Entwicklung. Und weil sich gerade so viel verändert, müssen wir öfter nachjustieren: Manche alten Ideen tragen nicht mehr – also lernen wir Neues und lassen anderes bewusst los.«
»Also ist es okay, nicht alles zu wissen?«
»Nicht nur okay – es ist normal. Wir dürfen sagen: ›Das weiss ich nicht.‹ Dann können wir gemeinsam nach Antworten suchen.«
»Ich glaube, ich verstehe jetzt. Bildung ist nicht nur Schule. Es geht darum, eine Art ganzer Mensch zu werden.«
»Ein Mensch, der denken kann, Mitgefühl hat, kreativ ist und Verantwortung übernimmt. Genau! Der Artikel nennt das ›humanistische Bildung‹. Ethisch, rational, ästhetisch, existenziell. Es ist eine Art Versprechen: dass du lernen darfst, wer du bist und wer du sein möchtest. Dass du nicht allein bist. Dass du die Welt mitgestalten kannst.«
»Das klingt gut. Aber auch nach viel Arbeit.«
»Du bist nicht fertig geboren worden. Du wirst erst zum Menschen, indem du dich entwickelst. Und genau dabei hilft Entwicklungsorientierte Bildung.«
»Und du hilfst mir dabei?«
»Ja, so gut ich kann. Den Weg gehst du selbst – als Former und Bildner deiner selbst!« (Grinst).
»Dann fange ich jetzt mit meinem Minecraft-Projekt an. Ich will mir einen eigenen Server erstellen, das gehört ja auch zur Bildung, oder?«
»Ja, ja! Schon gut, ich sehe, du hast verstanden!«
»Ja, Papa: kreativ sein, planen, bauen, vielleicht scheitern und neu anfangen – alles Bildung!«
Er läuft los, bleibt in der Tür stehen, dreht sich noch einmal um.
»Papa?«
»Ja?«
»Danke für das Gespräch. Aber ich brauch jetzt echt ne Pause!«
Philipp Maloney hat seinen Fall gelöst. Ich schaue noch einmal auf das Tablet. Er ist in seinem Zimmer, baut sich einen Server mit seinen Kollegen. Ich bleibe noch sitzen. Und denke nach.
Nachher, als er längst in seinem Zimmer ist, schreibe ich mir auf, was ich ihm sagen wollte und vielleicht nicht ganz gesagt habe – und was dieser Sonntagmorgen mir wieder einmal gezeigt hat: Bildung ist kein abstraktes Konzept. Sie passiert jeden Tag – in Schulen, Familien, Peers – und in Gesprächen wie diesen. Die vier Prinzipien des modernen Humanismus lassen sich gut mit einer humanistischen, entwicklungsorientierten Bildung verbinden: ethisch als Verantwortung für das Gelingen des Lebens in Freiheit, für sich selbst, für andere, für die Welt; rational als Verbindung von Vernunft und Mitgefühl, mit Bereitschaft zum Zweifel und zur Selbstkorrektur; ästhetisch als Schätzen von Schönheit und Kreativität, als ganzheitliche Entwicklung der Person; existenziell als Suche nach Sinn im Dialog mit anderen, ohne fertige Antworten zu erwarten.



