Im Jahr 1944 schauen mehrere Versuchspersonen auf eine Leinwand. Zu sehen sind nur ein großes Dreieck, ein kleines Dreieck, ein Kreis und ein Rechteck. Und dann bewegen sich die Formen. Das war’s auch schon. Mehr passiert nicht. Die ganze Zeit über. Und doch sehen die meisten keine unbelebte Geometrie, sondern ein Drama: einen Verfolger, ein Opfer, einen Streit, eine Flucht. Hollywood pur.
Das berühmte Experiment von Fritz Heider und Marianne Simmel zeigt etwas Grundmenschliches: wir können kaum anders, als aus Figuren in Bewegung Handlung zu machen – und dann aus Handlung eine Geschichte.
Vielleicht können wir deshalb nie einfach nur in Tatsachen leben. Eine neue Erkenntnis wird zum Paradigmenwechsel, ein Zufall zum Zeichen. Auch das eigene Leben erzählen wir kaum je als lose Abfolge von Geschehnissen, sondern als Erzählung mit Brüchen, Krisen, Hoffnungen, manchmal sogar mit einer Art verborgenem roten Faden. Wir erinnern nicht bloß, sondern ordnen, was immer wir vorfinden. Und meistens ordnen wir so lange, bis das Vergangene in unsere Vorstellung von uns selbst passt.
Unsere evolutionäre Rolle: Erzählen, um zu überleben
Wir sind erzählende Affen. Denn eben das ist unser evolutionäres Erbe. Geschichten waren vermutlich nie einfach nur Unterhaltung. Sie halfen Menschen, Erfahrungen zu ordnen und Wissen weiterzugeben, Verhaltensregeln einzuprägen und Gemeinschaft zu stiften. Wer erzählte, machte die Welt les- und vorhersagbarer und sicherte so nicht nur das eigene Überleben, sondern auch das der eigenen Gruppe.
Darin liegt die Kraft des Geschichtenerzählens. Geschichten verdichten das Unübersichtliche. Sie verwandeln Erfahrung in etwas, das sich erinnern, teilen und weitertragen lässt. Am Lagerfeuer früherer Zeiten ebenso wie heute am Küchentisch, im Roman oder in der politischen Rede. Wir verstehen uns selbst und andere oft erst dann, wenn wir sagen können: So war es. So kam es dazu. So ging es weiter. Und so hat es geendet.
Doch die Sache hat leider einen Haken. Geschichten sind effektive Simplifizierer. Sie vereinfachen unentwegt und ohne Pause. Sie lieben klare Rollen: hier der Täter, dort das Opfer; hier das Scheitern, dort die Lehre, die man draus ziehen kann. Die Wirklichkeit ist selten so ordentlich. Sie ist voller Widersprüche, gemischter Gefühle, offener Enden. Viel Grau zwischen Schwarz und Weiß. Unser erzählendes Gehirn macht daraus oft schnell ein zu glattes Bild. Es kürzt ab, wo zusätzliche Perspektiven nötig wären, und es urteilt, wo genaues Hinsehen gefragt wäre. Aus Unsicherheit und Unkenntnis wird (falsche) Gewissheit. Mithin leiden wir oft nicht an dem, was tatsächlich geschieht, sondern an der Geschichte, die wir darüber erzählen – auch im Gespräch mit uns selbst. Aus „Es hat diesmal nicht geklappt“ wird dann: „Ich bin halt einer, der es nie hinkriegt.“
Die Gefahr, nur eine Geschichte zu erzählen
Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie hat überdies gezeigt: Wenn wir Menschen, Länder oder Kulturen nur durch eine einzige Erzählung sehen, entstehen Stereotype. Diese sind nicht unbedingt völlig falsch, aber unvollständig – und genau dadurch entmenschlichend. Adichies Kernbotschaft lautet entsprechend: die Wirklichkeit ist immer vielfältiger als ein einziges Bild. Es braucht viele Perspektiven.
Es ist keine Frage, ob wir erzählen, sondern wie. Es gibt Geschichten, die Menschen festlegen, verkleinern, gegeneinander aufbringen. Und es gibt solche, die Raum lassen: für Ambivalenz, für neue Sichtweisen, für Kreativität, Verletzlichkeit, Echtheit und Sensibilität. Für Menschlichkeit. Für die Möglichkeit, dass ein Mensch mehr ist als seine Rolle in unserem inneren Drama.



