Mensch sein

Gossip in den Genen? Vom vertrackten Verstricktsein in Geschichten

| von
Die Hoffotografen

Beitragsbild: Alexander Van Steenberge/unsplash

Menschen sehen nicht nur, was geschieht. Sie erzählen, was es bedeutet. Darin liegt Orientierung – und Gefahr.

Im Jahr 1944 schau­en meh­re­re Ver­suchs­per­so­nen auf eine Lein­wand. Zu sehen sind nur ein gro­ßes Drei­eck, ein klei­nes Drei­eck, ein Kreis und ein Recht­eck. Und dann bewe­gen sich die For­men. Das war’s auch schon. Mehr pas­siert nicht. Die gan­ze Zeit über. Und doch sehen die meis­ten kei­ne unbe­leb­te Geo­me­trie, son­dern ein Dra­ma: einen Ver­fol­ger, ein Opfer, einen Streit, eine Flucht. Hol­ly­wood pur.

Das berühm­te Expe­ri­ment von Fritz Hei­der und Mari­an­ne Sim­mel zeigt etwas Grund­mensch­li­ches: wir kön­nen kaum anders, als aus Figu­ren in Bewe­gung Hand­lung zu machen – und dann aus Hand­lung eine Geschich­te.

Viel­leicht kön­nen wir des­halb nie ein­fach nur in Tat­sa­chen leben. Eine neue Erkennt­nis wird zum Para­dig­men­wech­sel, ein Zufall zum Zei­chen. Auch das eige­ne Leben erzäh­len wir kaum je als lose Abfol­ge von Gescheh­nis­sen, son­dern als Erzäh­lung mit Brü­chen, Kri­sen, Hoff­nun­gen, manch­mal sogar mit einer Art ver­bor­ge­nem roten Faden. Wir erin­nern nicht bloß, son­dern ord­nen, was immer wir vor­fin­den. Und meis­tens ord­nen wir so lan­ge, bis das Ver­gan­ge­ne in unse­re Vor­stel­lung von uns selbst passt.

Unsere evolutionäre Rolle: Erzählen, um zu überleben

Wir sind erzäh­len­de Affen. Denn eben das ist unser evo­lu­tio­nä­res Erbe. Geschich­ten waren ver­mut­lich nie ein­fach nur Unter­hal­tung. Sie hal­fen Men­schen, Erfah­run­gen zu ord­nen und Wis­sen wei­ter­zu­ge­ben, Ver­hal­tens­re­geln ein­zu­prä­gen und Gemein­schaft zu stif­ten. Wer erzähl­te, mach­te die Welt les- und vor­her­sag­ba­rer und sicher­te so nicht nur das eige­ne Über­le­ben, son­dern auch das der eige­nen Grup­pe.

Dar­in liegt die Kraft des Geschich­ten­er­zäh­lens. Geschich­ten ver­dich­ten das Unüber­sicht­li­che. Sie ver­wan­deln Erfah­rung in etwas, das sich erin­nern, tei­len und wei­ter­tra­gen lässt. Am Lager­feu­er frü­he­rer Zei­ten eben­so wie heu­te am Küchen­tisch, im Roman oder in der poli­ti­schen Rede. Wir ver­ste­hen uns selbst und ande­re oft erst dann, wenn wir sagen kön­nen: So war es. So kam es dazu. So ging es wei­ter. Und so hat es geen­det.

Doch die Sache hat lei­der einen Haken. Geschich­ten sind effek­ti­ve Sim­pli­fi­zie­rer. Sie ver­ein­fa­chen unent­wegt und ohne Pau­se. Sie lie­ben kla­re Rol­len: hier der Täter, dort das Opfer; hier das Schei­tern, dort die Leh­re, die man draus zie­hen kann. Die Wirk­lich­keit ist sel­ten so ordent­lich. Sie ist vol­ler Wider­sprü­che, gemisch­ter Gefüh­le, offe­ner Enden. Viel Grau zwi­schen Schwarz und Weiß. Unser erzäh­len­des Gehirn macht dar­aus oft schnell ein zu glat­tes Bild. Es kürzt ab, wo zusätz­li­che Per­spek­ti­ven nötig wären, und es urteilt, wo genau­es Hin­se­hen gefragt wäre. Aus Unsi­cher­heit und Unkennt­nis wird (fal­sche) Gewiss­heit. Mit­hin lei­den wir oft nicht an dem, was tat­säch­lich geschieht, son­dern an der Geschich­te, die wir dar­über erzäh­len – auch im Gespräch mit uns selbst. Aus „Es hat dies­mal nicht geklappt“ wird dann: „Ich bin halt einer, der es nie hin­kriegt.“

Die Gefahr, nur eine Geschichte zu erzählen

Die nige­ria­ni­sche Schrift­stel­le­rin Chi­ma­man­da Ngo­zi Adi­chie hat über­dies gezeigt: Wenn wir Men­schen, Län­der oder Kul­tu­ren nur durch eine ein­zi­ge Erzäh­lung sehen, ent­ste­hen Ste­reo­ty­pe. Die­se sind nicht unbe­dingt völ­lig falsch, aber unvoll­stän­dig – und genau dadurch ent­mensch­li­chend. Adi­chies Kern­bot­schaft lau­tet ent­spre­chend: die Wirk­lich­keit ist immer viel­fäl­ti­ger als ein ein­zi­ges Bild. Es braucht vie­le Per­spek­ti­ven.

Es ist kei­ne Fra­ge, ob wir erzäh­len, son­dern wie. Es gibt Geschich­ten, die Men­schen fest­le­gen, ver­klei­nern, gegen­ein­an­der auf­brin­gen. Und es gibt sol­che, die Raum las­sen: für Ambi­va­lenz, für neue Sicht­wei­sen, für Krea­ti­vi­tät, Ver­letz­lich­keit, Echt­heit und Sen­si­bi­li­tät. Für Mensch­lich­keit. Für die Mög­lich­keit, dass ein Mensch mehr ist als sei­ne Rol­le in unse­rem inne­ren Dra­ma.

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Ähnliche Beiträge

20 jahre hpd diesseits
20 Jahre hpd
Aufbruch, Erwartungen und Entwicklungen
Der Humanistische Pressedienst wird zwanzig. Horst Groschopp, Mitgründer und ehemaliger Bundesvorsitzender des Humanistischen Verbandes Deutschlands, blickt auf die Aufbruchsstimmung und die Erwartungen zurück und erzählt von den Konflikten, die das Projekt von Anfang an begleiteten.
Beitrag lesen »
red-zeppelin-95kmOHAy-3U-unsplash
Gerechtigkeit und Solidarität
Politische Herbstimpressionen
Im Herbst wird Bilanz gezogen und die nächste Aussaat geplant. In seiner politischen Kolumne durchstreift Johannes Schwill drei politische Felder: den Vertrauensverlust in die Politik, die Frage nach sozialer und generationengerechter Verteilung sowie das Verhältnis von Frieden und Gerechtigkeit.
Beitrag lesen »
Jugendfeier MTB
Die Mensch-Tier-Beziehung im Berliner JugendFEIER-Vorbereitungsprogramm
Katzen streicheln, Schweine essen?
Wie sehen die Lebensbedingungen von Rindern, Schweinen und Hühnern in der Landwirtschaft wirklich aus? In einem Workshop im JugendFEIER-Vorbereitungsprogramm gehen Jugendliche diesen Fragen auf den Grund, beschäftigen sich mit Tierethik und den Folgen des eigenen Handelns und kochen anschließend gemeinsam rein pflanzlich.
Beitrag lesen »
Nach oben scrollen