Paule Minck (09.11.1839 in Clermont-Ferrand – 28.04.1901 in Paris), war polnischer Abstammung, wurde geboren als Adèle Paulina Mékarski, war Feministin, Freidenkerin, sozialistische Revolutionärin und Aktivistin der Pariser Kommune 1871.
Paules Vater, Graf Jean Nepomucène Mekarski, war ein polnischer Offizier, der nach dem erfolglosen polnischen Aufstand von 1830 ins Exil gegangen war und nunmehr in Frankreich als Anwalt arbeitete. Auch ihre Mutter, Jeanne-Blanche Cornelly de la Perrière, stammte aus einer adeligen Familie. Dennoch waren die Eltern aufgeklärte Liberale, die offenbar Anhänger des utopischen Sozialismus von Henri de Saint-Simon (1760–1825) waren. Paule erhielt eine sehr gute Ausbildung, hauptsächlich durch Privatlehrer. Sie hatte zwei jüngere Brüder, Louis und Jules, die sich beide am polnischen Aufstand von 1863 und an der Pariser Kommune 1871 beteiligten.
Nach einer Ehe mit dem adeligen Ingenieur Bohdanowicz, der Geburt von zwei Töchtern und einer Trennung, verdiente Paule ihren Lebensunterhalt als Journalistin, mit Handarbeiten und Sprachunterricht. Als glühende Republikanerin stand sie in Opposition zum französischen Kaiserreich (unter Napoleon III. 1852 bis 1870) und wandte sich dem revolutionären Sozialismus zu. Nach ihrer Zusammenarbeit mit der bekannten Feministin Maria Deraismes (1828–1894) engagierte sie sich vermehrt für Frauen- und Arbeiterinnenrechte. Auch wandte sie sich gegen die politische Macht des Klerus und verteidigte das Recht auf Scheidung mit den Worten: „Es wurde gesagt, dass die Ehe eine göttliche Institution sei. Deshalb wollen wir sie nicht, weil wir weder Gott noch Macht wollen.“
1868 gründete Paule eine revolutionäre feministische Hilfsorganisation namens Société fraternelle de l’Ouvrière („Brüderliche Gesellschaft der Arbeiterinnen“) und trat der Internationalen Arbeitervereinigung bei, um das Recht der Frauen auf bezahlte Arbeit und gleichen Lohn zu verteidigen. Mit Maria Deraismes organisierte sie eine Reihe öffentlicher Konferenzen über die Arbeit von Frauen, die in die Annalen eingingen, da sie die ersten öffentlichen Versammlungen waren, die im Rahmen des Kaiserreichs genehmigt wurden.
1869 gründete sie zusammen mit Maria Deraismes, der später berühmt gewordenen Kommunardin Louise Michel (1830–1905) und Léon Richer (1824–1911, Journalist, Freidenker und Feminist) die Société pour l’affirmation des droits civils des femmes („Gesellschaft zur Durchsetzung der Bürgerrechte der Frauen“), deren Vorsitzende Paule Minck wurde. Zudem gründete sie die republikanische Zeitung Les Mouches et l’Araignée („Die Fliegen und die Spinne“), die bald verboten wurde. Sie hatte darin Napoleon III. kritisiert und ihn mit einer Spinne, die das Volk verschlingt, verglichen.
Als der Deutsch-französische Krieg von 1870 ausbrach, organisierte Paule Minck die Verteidigung von Auxerre gegen die Preußen. Während die feindlichen Truppen sich darauf vorbereiteten, in die Stadt einzumarschieren, wollten sich die Besitzbürger ergeben und der Stadtrat zögerte, den Widerstand zu organisieren. Paule eilte zum Rathaus, rügte die Ratsmitglieder als Feiglinge und zwang sie dazu, die Stadt zu schützen. Sie wurde verwundet, als sie das Feuer gegen die Preußen eröffnete.
Während der Pariser Kommune 1871 arbeitete Paule mit André Léo (1824–1890, Schriftstellerin und Feministin und Freidenkerin) in der Frauenunion zur Verteidigung von Paris und zur Pflege der Verwundeten zusammen. Sie schrieb für die Zeitung Paris libre von Pierre Vésinier (1824–1902) und war zusammen mit Louise Michel Teil des Wachsamkeitskomitees von Montmartre und beteiligte sich an der Organisation eines Krankenwagenkorps.
Paule eröffnete eine kostenlose Berufsschule in der Kirche Saint-Pierre in Montmartre. Daneben organisierte sie verschiedene Clubs in profanisierten Kirchen. In diesen Räumen der direkten Demokratie hatten alle, die sich zu Wort melden wollten, die Möglichkeit dazu und konnten aktiv werden. Benoit Malon (1841–1893), beschrieb diese in Versammlungsräume umgewandelten Kirchen als Orte, an denen „improvisierte Redner … den heiligen Aufstand der Armen, der Ausgebeuteten, der Unterdrückten … predigten und die Energien für den entscheidenden Kampf erlangten.“
Nach der Niederlage der Kommune floh Paule in die Schweiz, indem sie sich in einem Tender einer Lokomotive versteckte. Zwischen 1871 und 1880 lebte Paule in Genf unter ärmlichen Bedingungen. Sie erteilte Unterricht, fertigte Handarbeiten und schrieb Zeitungsartikel. In Frankreich wurde sie in Abwesenheit zur Deportation nach Neukaledonien verurteilt, eine Strafe, die auch Louise Michel erhielt und jahrelang abbüßen musste.
Der radikaldemokratische Schweizer Journalist George Favon (1843–1902), der den Flüchtlingen in Genf half, schrieb in Hinsicht auf Paule: „Wenn die Revolution stattfindet, wird man sie wohl die Revolution der Frauen nennen können, denn sie wird von zwei vorzüglichen Megären angeführt worden sein: Louise Michel und Paule Minck. Ich weiß nicht genau, wer von diesen Exemplaren des schönen Geschlechts die Verrücktere ist.“
Paule kehrte erst nach der Verkündung der Amnestie für die Kommunarden nach Frankreich zurück. Sie nahm ihre vielfältigen politischen Tätigkeiten wieder auf. 1880 hielt sie sich in Lyon, Marseille und Montpellier auf. Zehn Jahre nach der Niederschlagung der Kommune setzt sich Minck weiterhin für ihre revolutionären Ideen ein: „Man hatte geglaubt, diese Commune sei am Ende. Nein! Sie ist lebendiger als je zuvor … Wir sind es, die 1871 die Republik gerettet haben … Wir müssen die absolute Freiheit haben, wenn man sie uns nicht geben will, müssen wir sie uns nehmen. Was wir wollen, ist die demokratische Republik.“
Als Delegierte auf dem Kongress der Föderation der Sozialistischen Arbeiterpartei Frankreichs in Le Havre setzte sie sich für gleichen Zugang zu Bildung ein und verteidigte leidenschaftlich den sozialistischen Kollektivismus.
Im Jahr 1881 hatte sie sich für eine russische Nihilistin eingesetzt, die ein Attentat auf den russischen Zaren verübt hatte. Dafür erhielt Paule Minck eine Gefängnisstrafe. Um nicht aus Frankreich ausgewiesen zu werden und um die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten, heiratete sie den anarchistischen Arbeiter Negro. An der 1.-Mai-Demonstration 1893 wurde die Teilnehmerin Paule Minck durch Polizeiübergriffe misshandelt.
Paule Minck hielt Vorträge, engagierte sich in der sozialistischen Parti ouvrier français, die 1882 von Jules Guesde (1845–1922) gegründet wurde. Und sie kandidierte symbolisch bei den Parlamentswahlen (Frauen hatten ja noch immer kein Wahlrecht). Ein Artikel der Tageszeitung Le Petit Journal berichtete am 19.08.1893: „Nachdem sie zweimal unterschiedlich ihre Kandidatur-Erklärung abgegeben hatte, erhielt sie vom Präfekten der Seine eine offizielle Erklärung, dass er ihre Erklärung nicht akzeptieren könne, da Frauen nicht die Bürgerrechte besäßen. Madame Paule Minck beschloss, sich darüber hinwegzusetzen und trotzdem zu kandidieren, um das Prinzip der Gleichberechtigung der Frau durch Tatsachen zu belegen. In der Tat hat gestern Abend bei einer Wahlversammlung im Saal Octobre die sehr zahlreiche Versammlung die Protestkandidatur der Bürgerin Paule Minck bejubelt.“
Als engagierte Journalistin war sie 1888 Chefredakteurin der in Perpignan erscheinenden Zeitung Le Socialiste des Pyrénées-Orientales. Dann wieder in Paris wurde sie Redakteurin der von Maurice Barrès (1862–1923) gegründeten Zeitung La Cocarde, die von 1894 bis 1895 erschien. Sie arbeitete auch für die Zeitschriften Petite République, Aurore und die feministische Tageszeitung La Fronde, die 1897 von der Frauenrechtlerin und Schauspielerin Marguerite Durand (1864–1936) gegründet worden war. Im Jahr 1894 wurden im Théâtre-Social Stücke von Paule Minck aufgeführt: Qui l’emportera? („Wer wird siegen?“) und Le Pain de la honte („Brot der Schande“). Während der antisemitischen Dreyfus-Affäre (1894–1906) engagierte sie sich auf der Seite der Dreyfusards. Zudem trat sie der gemischten Freimaurerloge Droit humain bei.
Paule war zu dieser Zeit Mitglied des Zentralkomitees des französischen Freidenkerverbandes Libre Pensée. Fédération Française de la Libre-Pensée und Mitglied der Propaganda-Kommission des Verbandes. Sie setzte sich dafür ein, dass eine Resolution als Forderung der Libre Pensée verabschiedet wurde: „Die Generalversammlung der Freidenker ist für die Befreiung der Menschheit in intellektueller, moralischer und materieller Hinsicht durch die Beseitigung aller Ungerechtigkeiten, aller Vorurteile und aller Ausbeutungen, sowohl derjenigen des Klerus als auch des Kapitalismus.“
Paule trat dafür ein, dass „Libre Pensée gemeinsame Sache mit den Sozialisten mache“ und umgekehrt. Am 4. August 1895 nahm sie an der jährlichen Etienne-Dolet-Demonstration in Paris teil (am Denkmal für Étienne Dolet, der hier am 3.08.1546 als „Ketzer“ verbrannt wurde)[1] und sprach in ihrer Rede energisch gegen die Mitglieder der Regierung, die früher Freidenker gewesen waren und jetzt mit der Reaktion paktierten. Sie brandmarkte auch Republikaner, die gemeinsam mit der Kirche gegen die Sozialisten vorgingen. Sie sagte, dass es nur dann keinen Klerikalismus mehr geben wird, wenn die kapitalistische Unterdrückung zerstört werde. Sie sparte auch nicht an Ermahnungen an die Libre Pensée und sagte, dass es ein wenig unsere Schuld sei, wenn die Libre Pensée verfalle. Libre Pensée habe ihre Organisation zu einer Gesellschaft der gegenseitigen Beerdigung gemacht und habe keine echte Freidenker-Propaganda mehr betrieben. Ihrer Meinung nach wäre das Freidenkertum, so wie es existiere, eine Gesellschaft der Verneinung, in der man ohne genügend Energie und Vitalität agiere. Sie hätten sich mehr mit sozialen Fragen beschäftigen müssen und wir hätten Schulen gründen müssen, um die Ideen unserer Philosophie zu verbreiten – und mit den Arbeitervereinen zusammenarbeiten müssen. Sie fügte hinzu, dass wir in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft niemals die Trennung von Kirche und Staat erreichen würden, dass es unter der Herrschaft des Kapitalismus kein Freidenkertum geben könne. Sie verwies auf den Klerus, der an der Vernichtung der Wissenschaften und der Gesellschaft arbeite. Die Herrschenden bräuchten den Soldaten, um die Massen zu komprimieren, und den Klerus, um sie zu verdummen.
Nach ihrem Tod wurde sie auf dem Friedhof Père Lachaise eingeäschert und am 1. Mai 1901 im Beisein von mehreren Tausenden Anwesenden, Sozialisten, Anarchisten und Feministinnen im Kolumbarium des Père Lachaise (Division 1029) beigesetzt. Während der Einäscherung hielten ihre Weggefährten zahlreiche Reden, in denen sie das hingebungsvolle Leben der Verstorbenen nachzeichneten, die unbestreitbar eine Freundin aller Unterdrückten war. Aus einer Abschiedsrede: „Die unermüdliche Propagandistin, die am Ende erschöpft war, fiel im Kampf. Sie war erst 62 Jahre alt. Die Freidenker und die Republik sind ihr zu Dank verpflichtet.“
Louis Couturier würdigte Paule Minck, La Citoyenne („die Bürgerin“) mit den Worten: „Sie nahm an allen großen Demonstrationen teil und brachte ihre warmherzigen Energien und ihre anregenden Reden, die stets auf Beifall stießen, ohne Unterlass und ohne Pause in alle Arbeiterzentren Frankreichs. Sie war zusammen mit der engagierten Léonie Rouzade die glühendste Rednerin des Freidenkertums.“
Im Jahr 2021 wurde anlässlich des 150. Jahrestages der Pariser Kommune ein öffentlicher Garten im 20. Arrondissement von Paris unter dem Namen „Jardin Paule-Minck“ eingeweiht.
Literatur:
Louis Couturier: Paule Minck, la Citoyenne in: La Libre Pensée et les femmes, les Femmes et la Libre Pensée (Paris 2014, S. 181ff.).
H. Jestrabek (Hrsg.): Paule Minck, in: Freidenkerin und Frauenrechtlerin Maria Vérone. Biographische Porträts von 70 Freidenkerinnen Libre-Penseuses Vorkämpferinnen für Frauenrechte und Freies Denken. Reutlingen–Heidenheim 2024, S. 160ff.



