Mensch sein

Die dunkle Seite der Sonne

| von
Die Hoffotografen

Beitragsbild: Open Photo/unsplash

Transparenz ist das Sonnenlicht der Demokratie. Sie vertreibt Schatten, in denen Machtmissbrauch gedeiht. Doch wenn ihr Licht alles ausleuchten will, wird aus Aufklärung Kontrolle.

Ein Tele­fo­nat am Mon­tag­mor­gen. Der Mensch am ande­ren Ende raunzt: „Das kann ich Ihnen lei­der nicht sagen.“

Die­sen Satz kennt man. Manch­mal gibt es gute Grün­de dafür. Oft aber beginnt mit ihm ein ziem­lich ungu­tes Gefühl von Ohn­macht. Ein Antrag wur­de abge­lehnt, eine Beschwer­de blieb unbe­ant­wor­tet, eine Ent­schei­dung getrof­fen, aber nie­mand kann sagen, von wem. Dann blickt man auf ein schwar­zes Loch aus Büro­kra­tie.

In sol­chen Momen­ten ist Trans­pa­renz das Zau­ber­wort, das schwar­ze Löcher in licht­durch­flu­te­te Orte ver­wan­delt. Und das ist schlicht unab­ding­bar.

Notwendige Helligkeit als Demokratiestütze

Wer betrof­fen ist, muss ver­ste­hen dür­fen, was geschieht: wel­che Regel gilt, wer ent­schie­den hat und auf wel­cher Grund­la­ge. Trans­pa­renz ver­leiht Hand­lungs­fä­hig­keit und Wirk­mäch­tig­keit. Sie ver­wan­delt anony­me Macht in begrün­de­te Ver­ant­wor­tung. Dar­um gehört sie ins Zen­trum demo­kra­ti­scher Kul­tur. Nicht, weil alles öffent­lich sein müss­te, son­dern weil Macht bes­ser nicht im Dun­keln woh­nen soll­te.

Macht­miss­brauch wächst oft im Nebel des All­täg­li­chen: in unkla­ren Zustän­dig­kei­ten, Rou­ti­nen, Räu­men, in denen Betrof­fe­ne nicht gehört wer­den. Trans­pa­renz macht sicht­bar, was nicht ver­bor­gen blei­ben darf.

Doch zu viel Licht kann ermü­den.

Der Sichtbarkeits-Burnout

Der Phi­lo­soph Byung-Chul Han beschreibt eine Gesell­schaft, in der Trans­pa­renz nicht mehr nur von Macht­tra­gen­den ver­langt wird, son­dern vom ein­zel­nen Men­schen selbst. Alles soll sicht­bar wer­den: Arbeit, Mei­nung, Kör­per, Stim­mung, Kon­sum, Bezie­hun­gen. Was frü­her pri­vat war, wird Infor­ma­ti­on; was inner­lich war, wird Ober­flä­che.

Man soll per­ma­nent zei­gen, wer man ist. Dafür hat man ein Pro­fil: auf Lin­ke­dIn, Insta­gram, Tik­Tok, Whats­App, Dating- und Bewer­bungs­platt­for­men. Ein Mensch wird zur Kon­tur, zur ver­wert­ba­ren Sei­ten­an­sicht, nicht zum gan­zen Men­schen.

Das klingt zunächst frei­wil­lig. Schließ­lich zwingt uns nie­mand, zu pos­ten, zu bewer­ten, uns mit­zu­tei­len. Und doch ent­steht Druck. Wer nicht sicht­bar ist, ver­schwin­det. Wer sich nicht erklärt, macht sich ver­däch­tig. Wer nicht ver­füg­bar ist, gilt als unko­ope­ra­tiv. Sicht­bar­keit bringt Aner­ken­nung, Zuge­hö­rig­keit und Reich­wei­te.

Der Mensch wird les­bar, ver­gleich­bar, bere­chen­bar. Er lie­fert Daten, bevor jemand danach fragt. Er über­wacht sich selbst und nennt es Frei­heit. Doch die­se Trans­pa­renz macht Men­schen nicht frei­er, son­dern ver­füg­ba­rer. Es ist eine gro­tes­ke Form frei­wil­li­ger Unfrei­heit.

Letz­ter Aus­weg: Son­nen­schirm. Men­schen brau­chen Räu­me, die nicht sofort aus­ge­wer­tet wer­den. Ver­trau­en braucht ande­res als voll­stän­di­ge Offen­le­gung. Lie­be lebt nicht von Doku­men­ta­ti­on. Freund­schaft braucht kein Pro­to­koll. Und Mensch­sein braucht Zei­ten, in denen es unfer­tig und unvoll­kom­men blei­ben darf.

Die dunk­le Sei­te der Son­ne ist ein Licht, das kei­ne Schat­ten mehr dul­det. Eine freie Gesell­schaft muss wis­sen, was sicht­bar wer­den muss — und was ver­bor­gen blei­ben darf, damit Mensch Mensch blei­ben kann.

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