Gegenüber den Mitgliedern der Partei DIE LINKE wird häufig der Vorwurf gemacht, dass diese Religion entweder unterschätzen, falsch einschätzen oder zu nachsichtig behandeln. Teilweise würden sie davon ausgehen, dass Religion automatisch an Bedeutung (Stichwort: Säkularisierung) verliere. Andere Teile der LINKEN würden aus Gründen von Antirassismus oder Minderheitenschutz religiöse Praktiken weniger kritisch hinterfragen – etwa bei Themen wie Frauenrechten, LGBTQ-Rechten oder Meinungsfreiheit.
Dazu gibt es jedoch auch Gegenpositionen innerhalb der LINKEN; diese ist durchaus kein einheitlicher Block. Gerade angesichts von Krieg, Krisen, geopolitischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, der Zunahme rechter evangelikaler Kirchen und der wachsenden Bedeutung eines neuen Rechtskatholizismus wie in der Regierung Trump müssen sich auch Kirchen und Glaubensgemeinschaften zunehmend gegen autoritäre Regierungen oder gegen die zur Macht drängenden rechten Parteien und Bewegungen zur Wehr setzen.
In Deutschland liegt selbst in den traditionell am stärksten katholisch geprägten Bundesländern wie dem Saarland oder Baden-Württemberg der Anteil der AfD in den Umfragen bei ca. 20 %. Vor diesem Hintergrund positionieren sich die beiden christlichen Kirchen eindeutig und klar gegen die AfD, während auf dem politischen Feld die Brandmauer bröckelt. Zugleich wurde im parlamentarischen Raum die Forderung formuliert, die Kirche solle sich statt auf das politische Tagesgeschäft auf sinnstiftende Fragen und Seelsorge zurückziehen.
Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage nach der Rolle von Religionen und Kirchen in unserer Gesellschaft neu. Welche Bedeutung haben sie im Kampf gegen den Rechtsruck? Wer bestimmt, welchen Platz in der Gesellschaft sie einnehmen und normativ gestalten sollen, wenn zugleich die Zahl der Glaubenden abnimmt bzw. sich verändert? Wie kann und muss das humanistische Erbe in Zeiten von Krieg, Krise und gesellschaftlicher Transformation verteidigt werden? Und wie denken die Linken darüber – welchen Platz sieht die stark säkular geprägte Partei DIE LINKE für Religion und Kirche?
Die Veranstaltung begann mit einem Rückblick von Petra Pau (ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages) zu ihren eigenen Erfahrungen mit der Kirche in der DDR und den späteren Debatten innerhalb der Partei Linkspartei.PDS bzw. die Partei Die LINKE. Die PDS habe lernen müssen, dass Religionsfreiheit kein Zugeständnis, sondern ein Grundrecht sei. Danach mussten dann auch die Programmentscheidungen ausgerichtet werden. Leider haben viele der in den letzten beiden Jahren neu eingetretenen GenossInnen diese Debatten und Auseinandersetzungen um das Verhältnis der Linkspartei zu Religion und Kirche nicht miterlebt. Auch der Abschlussbericht der religionspolitischen Kommission der Partei DIE LINKE aus dem Jahr 2022, der wichtige Positionsbestimmungen erarbeitet hat, sei kaum noch bekannt. Franz Segbers (Theologe, Mitglied des Gesprächskreises Weltanschaulicher Dialog bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung) betonte in seinem Beitrag, dass die Frage nach dem Verhältnis der LINKEN zur Religion auch lauten müsse: Verhältnis zu welcher Gestalt der Religion?
Es folgten religionssoziologische Überlegungen von Detlef Pollack zum Verhältnis von Religion und Politik sowie ein Panel zur gesellschaftspolitischen Rolle der Religionen in Deutschland. Dr. Patrick Schnabel (EKD) und Claudia Gawrich (Leiterin der Arbeitsgruppe Kirche und Gesellschaft des ZdK) gingen in ihren Beiträgen insbesondere auf Auseinandersetzungen mit Rechtsextremismus bzw. der AfD ein. P. Schnabel verwies darauf, dass das Kirchenrecht resilient gemacht werde, um AfD-Mitglieder in Ämtern oder Ehrenämtern zu verhindern, C. Gawrich, dass die AfD keinen Platz auf dem Katholikentag habe.
Danach sprach Dr. Franziska Schneider (Bundesgeschäftsführerin des Humanistischen Verbandes Deutschlands) dazu, wie der Humanistische Verband Deutschlands die Stellung der Kirche in der Gesellschaft sieht. Zunächst einmal sei festzustellen: Kirchen verbinden. Sie stiften Gemeinschaft, vermitteln Werte und helfen vielen Menschen bei der Orientierung im Leben. Und auch wenn sie seit der Aufklärung zunehmend unter Druck stehen, sollte man ihren kulturellen Wert, ihre Tradition und ihre gewachsene ethische Reflexion nicht unterschätzen. Gleichzeitig vertrete der Humanistische Verband ein anderes Fundament: ein Wertekonzept, das den Menschen selbst in den Mittelpunkt stelle – seine Würde, seine Freiheit, seine Verantwortung. Allerdings verstehe er sich nicht als Gegenmodell zu den Kirchen, sondern als eigenständige Perspektive – mit vielen ethischen Schnittmengen, aber auch klaren Unterschieden. Das heißt auch: Die Kirchen sind für den Humanistischen Verband Deutschlands selbstverständliche Kooperationspartner und man arbeite vielerorts ganz konkret zusammen – in Projekten, in Initiativen, im Alltag. Gerade in einer Gesellschaft, die sich zunehmend in unterschiedliche Lebenswelten aufteilt, braucht es Akteure, die Brücken bauen und die den Dialog auch dann aufrechterhalten, wenn es Unterschiede gibt. Eine pluralistische Gesellschaft braucht auch pluralistische Angebote.
Das nächste Panel war überschrieben mit „Religion als Machtressource der Rechten und Strategien gegen ihre Vereinnahmung“. Carlotta Voß (Forschungsinstitut für Philosophie Hannover) analysierte dazu die Situation in den USA unter Trump und ging insbesondere der Frage nach, wie die Religion dort zu einem derartigen Machtfaktor geworden sei. Sie nannte als wesentliche Ursachen: die ökonomische Krise in den USA, den digitalen Raum, der zunehmend von rechten und konservativen Akteuren bespielt werde, Netzwerke rechter Thinktanks mit religiösem Bezug, die Amorphität der religiösen Sprache. Weiterhin gab es in diesem Panel Beiträge von Charlotte Jacobs (Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung – sie sprach zu Vernetzungen des Rechtskatholizismus im kirchlichen Raum und seinen Auswirkungen) und Michael Moser (Diplom-Sozialwissenschaftler am Institut für Kirche und Gesellschaft). In der Diskussion wurde auf einen „Mitmachfaschismus“ verwiesen, d.h. rechte Kräfte gäbe es auch in der Kirche, rechte Ideologie würde nicht nur von außen hereingetragen. In diesem Zusammenhang wurde die Frage gestellt (die leider nicht mehr ausdiskutiert werden konnte), „warum die Demokratie die Religion brauche?“. Wiederholt wurde darauf verwiesen, dass Losungen wie „Unsere Fahne hat kein Kreuz“ nicht ausreichen, auch nicht Darstellungen zur moralischen Überlegenheit. Vielmehr brauche es eine antikapitalistische Wirtschaftspolitik.
Das letzte Panel hatte die Überschrift: „Das humanistische Erbe gemeinsam verteidigen – gegen wen?“. Hans Joas (Sozialphilosoph, HU Berlin) begann seine Überlegungen damit, dass „säkulare Option“ ein besserer Begriff sei. Eigentlich gäbe es keinen Wegfall von Religiosität, sondern ein „Hinzutreten von Etwas“. Ausführlich ging er dann auf die wechselhaften Entwicklungen der Religionspolitik in der Sowjetunion und China ein und begründete, dass es Humanismus schon vor dem Christentum gegeben habe. Özlem Nas (Schura Hamburg) begann ihre Ausführungen damit, dass Humanismus heiße, wahrzunehmen, wenn Menschen ungerecht behandelt werden. Um dagegen vorgehen zu können, müsse man sich vernetzen. Dabei dürfe man nicht davon ausgehen, dass die eigene Art zu leben, der Anspruch sei, wie alle Menschen zu leben haben. Weiterhin dürfe man heutzutage Demokratie nicht als gesichert denken. Und es dürfe nicht nur über die Brandmauer gesprochen werden, sondern auch über die CDU von Friedrich Merz!
Alle Teilnehmenden waren sich einig, dass das Gespräch weiter fortgeführt werden solle, insbesondere zur Frage von Krieg und Frieden. Dazu plant der Gesprächskreis Weltanschaulicher Dialog eine eigene Veranstaltung.



