Religionspolitisches Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung

„Religionsblindheit der Linken in Zeiten des Rechtsrucks?“

| von
v. l. n. r.: Dr. Patrick R. Schnabel, Dr. Viola Schubert-Lehnhardt, Claudia Gawrich, Dr. Franziska Schneider

Beitragsbild: Olaf Schlunke

Welche Rolle spielen Religionen und Kirchen in Zeiten von Krieg, Krise und gesellschaftlicher Transformation? Welchen Beitrag kann Humanismus zur Stärkung von Demokratie und Pluralismus leisten? Diesen Fragen widmete sich am 24. und 25. April 2026 ein religionspolitisches Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.

Gegen­über den Mit­glie­dern der Par­tei DIE LINKE wird häu­fig der Vor­wurf gemacht, dass die­se Reli­gi­on ent­we­der unter­schät­zen, falsch ein­schät­zen oder zu nach­sich­tig behan­deln. Teil­wei­se wür­den sie davon aus­ge­hen, dass Reli­gi­on auto­ma­tisch an Bedeu­tung (Stich­wort: Säku­la­ri­sie­rung) ver­lie­re. Ande­re Tei­le der LINKEN wür­den aus Grün­den von Anti­ras­sis­mus oder Min­der­hei­ten­schutz reli­giö­se Prak­ti­ken weni­ger kri­tisch hin­ter­fra­gen – etwa bei The­men wie Frau­en­rech­ten, LGBTQ-Rech­ten oder Mei­nungs­frei­heit.

Dazu gibt es jedoch auch Gegen­po­si­tio­nen inner­halb der LINKEN; die­se ist durch­aus kein ein­heit­li­cher Block. Gera­de ange­sichts von Krieg, Kri­sen, geo­po­li­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Umbrü­chen, der Zunah­me rech­ter evan­ge­li­ka­ler Kir­chen und der wach­sen­den Bedeu­tung eines neu­en Rechts­ka­tho­li­zis­mus wie in der Regie­rung Trump müs­sen sich auch Kir­chen und Glau­bens­ge­mein­schaf­ten zuneh­mend gegen auto­ri­tä­re Regie­run­gen oder gegen die zur Macht drän­gen­den rech­ten Par­tei­en und Bewe­gun­gen zur Wehr set­zen.

In Deutsch­land liegt selbst in den tra­di­tio­nell am stärks­ten katho­lisch gepräg­ten Bun­des­län­dern wie dem Saar­land oder Baden-Würt­tem­berg der Anteil der AfD in den Umfra­gen bei ca. 20 %. Vor die­sem Hin­ter­grund posi­tio­nie­ren sich die bei­den christ­li­chen Kir­chen ein­deu­tig und klar gegen die AfD, wäh­rend auf dem poli­ti­schen Feld die Brand­mau­er brö­ckelt. Zugleich wur­de im par­la­men­ta­ri­schen Raum die For­de­rung for­mu­liert, die Kir­che sol­le sich statt auf das poli­ti­sche Tages­ge­schäft auf sinn­stif­ten­de Fra­gen und Seel­sor­ge zurück­zie­hen.

Ange­sichts die­ser Ent­wick­lun­gen stellt sich die Fra­ge nach der Rol­le von Reli­gio­nen und Kir­chen in unse­rer Gesell­schaft neu. Wel­che Bedeu­tung haben sie im Kampf gegen den Rechts­ruck? Wer bestimmt, wel­chen Platz in der Gesell­schaft sie ein­neh­men und nor­ma­tiv gestal­ten sol­len, wenn zugleich die Zahl der Glau­ben­den abnimmt bzw. sich ver­än­dert? Wie kann und muss das huma­nis­ti­sche Erbe in Zei­ten von Krieg, Kri­se und gesell­schaft­li­cher Trans­for­ma­ti­on ver­tei­digt wer­den? Und wie den­ken die Lin­ken dar­über – wel­chen Platz sieht die stark säku­lar gepräg­te Par­tei DIE LINKE für Reli­gi­on und Kir­che?

Die Ver­an­stal­tung begann mit einem Rück­blick von Petra Pau (ehe­ma­li­ge Vize­prä­si­den­tin des Deut­schen Bun­des­ta­ges) zu ihren eige­nen Erfah­run­gen mit der Kir­che in der DDR und den spä­te­ren Debat­ten inner­halb der Par­tei Linkspartei.PDS bzw. die Par­tei Die LINKE. Die PDS habe ler­nen müs­sen, dass Reli­gi­ons­frei­heit kein Zuge­ständ­nis, son­dern ein Grund­recht sei. Danach muss­ten dann auch die Pro­gramm­ent­schei­dun­gen aus­ge­rich­tet wer­den. Lei­der haben vie­le der in den letz­ten bei­den Jah­ren neu ein­ge­tre­te­nen Genos­sIn­nen die­se Debat­ten und Aus­ein­an­der­set­zun­gen um das Ver­hält­nis der Links­par­tei zu Reli­gi­on und Kir­che nicht mit­er­lebt. Auch der Abschluss­be­richt der reli­gi­ons­po­li­ti­schen Kom­mis­si­on der Par­tei DIE LINKE aus dem Jahr 2022, der wich­ti­ge Posi­ti­ons­be­stim­mun­gen erar­bei­tet hat, sei kaum noch bekannt. Franz Seg­bers (Theo­lo­ge, Mit­glied des Gesprächs­krei­ses Welt­an­schau­li­cher Dia­log bei der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung) beton­te in sei­nem Bei­trag, dass die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis der LINKEN zur Reli­gi­on auch lau­ten müs­se: Ver­hält­nis zu wel­cher Gestalt der Reli­gi­on?

Es folg­ten reli­gi­ons­so­zio­lo­gi­sche Über­le­gun­gen von Det­lef Pol­lack zum Ver­hält­nis von Reli­gi­on und Poli­tik sowie ein Panel zur gesell­schafts­po­li­ti­schen Rol­le der Reli­gio­nen in Deutsch­land. Dr. Patrick Schna­bel (EKD) und Clau­dia Gawrich (Lei­te­rin der Arbeits­grup­pe Kir­che und Gesell­schaft des ZdK) gin­gen in ihren Bei­trä­gen ins­be­son­de­re auf Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Rechts­extre­mis­mus bzw. der AfD ein. P. Schna­bel ver­wies dar­auf, dass das Kir­chen­recht resi­li­ent gemacht wer­de, um AfD-Mit­glie­der in Ämtern oder Ehren­äm­tern zu ver­hin­dern, C. Gawrich, dass die AfD kei­nen Platz auf dem Katho­li­ken­tag habe.

Danach sprach Dr. Fran­zis­ka Schnei­der (Bun­des­ge­schäfts­füh­re­rin des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands) dazu, wie der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands die Stel­lung der Kir­che in der Gesell­schaft sieht. Zunächst ein­mal sei fest­zu­stel­len: Kir­chen ver­bin­den. Sie stif­ten Gemein­schaft, ver­mit­teln Wer­te und hel­fen vie­len Men­schen bei der Ori­en­tie­rung im Leben. Und auch wenn sie seit der Auf­klä­rung zuneh­mend unter Druck ste­hen, soll­te man ihren kul­tu­rel­len Wert, ihre Tra­di­ti­on und ihre gewach­se­ne ethi­sche Refle­xi­on nicht unter­schät­zen. Gleich­zei­tig ver­tre­te der Huma­nis­ti­sche Ver­band ein ande­res Fun­da­ment: ein Wer­te­kon­zept, das den Men­schen selbst in den Mit­tel­punkt stel­le – sei­ne Wür­de, sei­ne Frei­heit, sei­ne Ver­ant­wor­tung. Aller­dings ver­ste­he er sich nicht als Gegen­mo­dell zu den Kir­chen, son­dern als eigen­stän­di­ge Per­spek­ti­ve – mit vie­len ethi­schen Schnitt­men­gen, aber auch kla­ren Unter­schie­den. Das heißt auch: Die Kir­chen sind für den Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands selbst­ver­ständ­li­che Koope­ra­ti­ons­part­ner und man arbei­te vie­ler­orts ganz kon­kret zusam­men – in Pro­jek­ten, in Initia­ti­ven, im All­tag. Gera­de in einer Gesell­schaft, die sich zuneh­mend in unter­schied­li­che Lebens­wel­ten auf­teilt, braucht es Akteu­re, die Brü­cken bau­en und die den Dia­log auch dann auf­recht­erhal­ten, wenn es Unter­schie­de gibt. Eine plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft braucht auch plu­ra­lis­ti­sche Ange­bo­te.

Das nächs­te Panel war über­schrie­ben mit „Reli­gi­on als Macht­res­sour­ce der Rech­ten und Stra­te­gien gegen ihre Ver­ein­nah­mung“. Car­lot­ta Voß (For­schungs­in­sti­tut für Phi­lo­so­phie Han­no­ver) ana­ly­sier­te dazu die Situa­ti­on in den USA unter Trump und ging ins­be­son­de­re der Fra­ge nach, wie die Reli­gi­on dort zu einem der­ar­ti­gen Macht­fak­tor gewor­den sei. Sie nann­te als wesent­li­che Ursa­chen: die öko­no­mi­sche Kri­se in den USA, den digi­ta­len Raum, der zuneh­mend von rech­ten und kon­ser­va­ti­ven Akteu­ren bespielt wer­de, Netz­wer­ke rech­ter Thinktanks mit reli­giö­sem Bezug, die Amor­phi­tät der reli­giö­sen Spra­che. Wei­ter­hin gab es in die­sem Panel Bei­trä­ge von Char­lot­te Jacobs (Sti­pen­dia­tin der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung – sie sprach zu Ver­net­zun­gen des Rechts­ka­tho­li­zis­mus im kirch­li­chen Raum und sei­nen Aus­wir­kun­gen) und Micha­el Moser (Diplom-Sozi­al­wis­sen­schaft­ler am Insti­tut für Kir­che und Gesell­schaft). In der Dis­kus­si­on wur­de auf einen „Mit­mach­fa­schis­mus“ ver­wie­sen, d.h. rech­te Kräf­te gäbe es auch in der Kir­che, rech­te Ideo­lo­gie wür­de nicht nur von außen her­ein­ge­tra­gen. In die­sem Zusam­men­hang wur­de die Fra­ge gestellt (die lei­der nicht mehr aus­dis­ku­tiert wer­den konn­te), „war­um die Demo­kra­tie die Reli­gi­on brau­che?“. Wie­der­holt wur­de dar­auf ver­wie­sen, dass Losun­gen wie „Unse­re Fah­ne hat kein Kreuz“ nicht aus­rei­chen, auch nicht Dar­stel­lun­gen zur mora­li­schen Über­le­gen­heit. Viel­mehr brau­che es eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­po­li­tik.

Das letz­te Panel hat­te die Über­schrift: „Das huma­nis­ti­sche Erbe gemein­sam ver­tei­di­gen – gegen wen?“. Hans Joas (Sozi­al­phi­lo­soph, HU Ber­lin) begann sei­ne Über­le­gun­gen damit, dass „säku­la­re Opti­on“ ein bes­se­rer Begriff sei. Eigent­lich gäbe es kei­nen Weg­fall von Reli­gio­si­tät, son­dern ein „Hin­zu­tre­ten von Etwas“. Aus­führ­lich ging er dann auf die wech­sel­haf­ten Ent­wick­lun­gen der Reli­gi­ons­po­li­tik in der Sowjet­uni­on und Chi­na ein und begrün­de­te, dass es Huma­nis­mus schon vor dem Chris­ten­tum gege­ben habe. Özlem Nas (Schura Ham­burg) begann ihre Aus­füh­run­gen damit, dass Huma­nis­mus hei­ße, wahr­zu­neh­men, wenn Men­schen unge­recht behan­delt wer­den. Um dage­gen vor­ge­hen zu kön­nen, müs­se man sich ver­net­zen. Dabei dür­fe man nicht davon aus­ge­hen, dass die eige­ne Art zu leben, der Anspruch sei, wie alle Men­schen zu leben haben. Wei­ter­hin dür­fe man heut­zu­ta­ge Demo­kra­tie nicht als gesi­chert den­ken. Und es dür­fe nicht nur über die Brand­mau­er gespro­chen wer­den, son­dern auch über die CDU von Fried­rich Merz!

Alle Teil­neh­men­den waren sich einig, dass das Gespräch wei­ter fort­ge­führt wer­den sol­le, ins­be­son­de­re zur Fra­ge von Krieg und Frie­den. Dazu plant der Gesprächs­kreis Welt­an­schau­li­cher Dia­log eine eige­ne Ver­an­stal­tung.

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