Geboren wurde Harriet Martineau am 12. Juni 1802 als sechstes von acht Kindern in Norwich, Norfolk im vereinigten Königreich. Ihr Vater war ein angesehener und wohlhabender Tuchfabrikant und die Mutter sorgte zu Hause für die Kinder und den vielbeschäftigten Mann. Durch ihre älteren Brüder wurde sie zu Hause unterrichtet, autodidaktisch bildete sie sich selbst weiter. Bereits während ihrer Kindheit war sie, wie sie schrieb, oftmals krank, unglücklich und ständig nervös. Im Alter von zwölf Jahren erkrankte sie an einer nicht diagnostizierten progressiven Schwerhörigkeit, einem Leiden, das sie bis zu ihrem Tod begleitete.
Als junge Erwachsene musste Martineau miterleben, wie die wichtigen Textilindustrien Norwichs in der Folge der napoleonischen Kriege und ökonomischer Depression keine selbstverständlichen Sicherheiten mehr boten. Auch die Textilfabrik der Familie musste Bankrott erklären und verlor über Nacht ihren materiellen Wohlstand. Die zunehmende Zahl erwerbsloser WeberInnen und anderer FabrikarbeiterInnen führten zu Streiks und anderen Arbeitskämpfen, durch die Martineau für die soziale Frage sensibilisiert wurde. Zu dieser Zeit begann sie sich auch mit unitarischen Vorstellungen zu beschäftigen, die sie später wieder aufgab.
Ab 1823 veröffentlichte sie zunächst unter dem Pseudonym „by a lady“ einige Aufsätze, 1828 folgen ihre ersten Bücher. Im Alter von 20 und 30 Jahren publizierte sie ethische Schriften und religionskritische Aufsätze, die vor allem im „Monthly Repository“ einem Publikationsorgan der Unitarier, abgedruckt wurden. Zwischen 1832 und 1834 verfasste sie „little eight penny stories“, das waren didaktisch aufbereitete Kurzgeschichten die die Wirkungsweise der Politischen Ökonomie einer breiten Bevölkerungsschicht, der Mittel- und der Arbeiterklasse, vertraut machen sollten. Als sie im Dezember 1831 erscheinen, wurden sie ein durchschlagender Erfolg. Der Erfolg veranlasste sie, monatlich eine weitere „Illustration“ zu veröffentlichen. Das daraus entstandene neunbändige Werk „Illustrations of Political Economy“ wurde ein Bestseller. Ab 1834 verbrachte sie fast zwei Jahre in den USA, legte dort über 10.000 Meilen zurück und betrieb soziologische Beobachtungen. Dort machte sie sich auch für die Abschaffung der Sklaverei stark. Zurück im Lake Distrikt schrieb sie Bücher und für Zeitschriften und hielt Unterrichtskurse für ArbeiterInnen ab. 1846 ging sie nach Ägypten und Palästina, löste sich vom Christentum und schrieb dort und unterwegs weitere erfolgreiche Publikationen. 1866 unterschrieb sie eine Petition für das Frauenwahlrecht.
1851 entschloss sie sich, den „Cours de philosophie positive“ von Auguste Comte ins Englische zu übertragen und eine Popularisierung seiner Kerngedanken vorzunehmen. Um eine höhere Akzeptanz in der englischen Öffentlichkeit zu erzielen, entschied sie sich, das Original auf zwei Bände zu kürzen und dessen Aussagegehalt zu verdichten. Für Comte stellte die „Kurzfassung einen großen Erfolg dar. Er selbst lobte die Verdichtungen Martineaus und versprach ihr zumindest immaterielle Gewinne. Er war sicher, dass ihr Name auf ewig mit dem seinen verbunden bliebe, da es ihr gelungen sei, seine Gedanken mit umsichtiger und einmaliger Klarheit zum Ausdruck gebracht zu haben.
Harriet Martineau starb nach langer Krankheit am 27. Juni 1876 in ihrem Haus nahe Ambleside/Westmorland in England an Bronchitis. In ihrer Heimatstadt Norwich erinnert nichts mehr an sie. An ihrem Elternhaus in der Magdalen Street findet sich eine Gedenktafel mit der Mitteilung: „James Martineau (1805–1900), Unitarian philosopher and teacher was born in this house and spent his boyhood here.“ James, war ihr Lieblingsbruder. Comte hat sich geirrt. Harriet Martineau ist heute vergessen und verkannt, während er und ihr Bruder berühmt wurden.
Grundsätzlich, so erkannte Martineau bereits bei ihren Studien in Amerika, unterliegen die Frauen einem Herrschaftsverhältnis, das geprägt ist von der Dominanz der Männer über die Frauen. Die Durchsetzung dieses Herrschaftsanspruchs wird mit subtilen Mitteln betrieben. Dazu diente auch die Institution der Ehe, die sie an das Haus bindet und so dem männlichen Herrschaftsanspruch aussetzt. Das schrieb sie 1837. Und sie sah darin ein strukturelles Macht- und Herrschaftsverhältnis, für das sie vor allem ein methodisch angeleitetes, geschlechterspezifisch ausgefeiltes Erziehungsprogramm und die Disziplinierung durch die sozialen Verhältnisse verantwortlich machte. Betätigung und Anerkennung in der Öffentlichkeit seien für Frauen nicht vorgesehen. Auch die Beschäftigung mit religiösen Fragen diene einzig dem kontemplativen Zeitvertreib und der moralischen Schulung. Der ‚wahre‘ Bereich intellektueller Auseinandersetzung sei die Wissenschaft zu der den Frauen, der Zugang verwehrt war. Auch in Deutschland dauerte es bis 1908, bis Frauen Universitäten von innen betreten durften.
Literatur: Charlotte Müller: Harriet Martineau (1802–1876): Zu Theorie und Praxis empirischer Sozialforschung, in: Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien 19/1, S. 11–30.



