Harriet Martineau (12. Juni 1802 – 27. Juni 1876)

Soziologische Beobachtungen mit umsichtiger Klarheit

| von
Foto: Evelin Frerk
Vor 150 Jahren, am 27. Juni 1876, starb Harriet Martineau. Die britische Schriftstellerin und Freidenkerin gilt heute als die „Mutter der Soziologie“. Sie analysierte gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse mit bemerkenswerter Schärfe und verstand es wie kaum eine andere, komplexe Zusammenhänge allgemeinverständlich zu vermitteln.

Gebo­ren wur­de Har­riet Mar­ti­neau am 12. Juni 1802 als sechs­tes von acht Kin­dern in Nor­wich, Nor­folk im ver­ei­nig­ten König­reich. Ihr Vater war ein ange­se­he­ner und wohl­ha­ben­der Tuch­fa­bri­kant und die Mut­ter sorg­te zu Hau­se für die Kin­der und den viel­be­schäf­tig­ten Mann. Durch ihre älte­ren Brü­der wur­de sie zu Hau­se unter­rich­tet, auto­di­dak­tisch bil­de­te sie sich selbst wei­ter. Bereits wäh­rend ihrer Kind­heit war sie, wie sie schrieb, oft­mals krank, unglück­lich und stän­dig ner­vös.  Im Alter von zwölf Jah­ren erkrank­te sie an einer nicht dia­gnos­ti­zier­ten pro­gres­si­ven Schwer­hö­rig­keit, einem Lei­den, das sie bis zu ihrem Tod beglei­te­te.

Als jun­ge Erwach­se­ne muss­te Mar­ti­neau mit­er­le­ben, wie die wich­ti­gen Tex­til­in­dus­trien Nor­wichs in der Fol­ge der napo­leo­ni­schen Krie­ge und öko­no­mi­scher Depres­si­on kei­ne selbst­ver­ständ­li­chen Sicher­hei­ten mehr boten. Auch die Tex­til­fa­brik der Fami­lie muss­te Bank­rott erklä­ren und ver­lor über Nacht ihren mate­ri­el­len Wohl­stand. Die zuneh­men­de Zahl erwerbs­lo­ser Webe­rIn­nen und ande­rer Fabrik­ar­bei­te­rIn­nen führ­ten zu Streiks und ande­ren Arbeits­kämp­fen, durch die Mar­ti­neau für die sozia­le Fra­ge sen­si­bi­li­siert wur­de. Zu die­ser Zeit begann sie sich auch mit unita­ri­schen Vor­stel­lun­gen zu beschäf­ti­gen, die sie spä­ter wie­der auf­gab.

Ab 1823 ver­öf­fent­lich­te sie zunächst unter dem Pseud­onym „by a lady“ eini­ge Auf­sät­ze, 1828 fol­gen ihre ers­ten Bücher. Im Alter von 20 und 30 Jah­ren publi­zier­te sie ethi­sche Schrif­ten und reli­gi­ons­kri­ti­sche Auf­sät­ze, die vor allem im „Month­ly Repo­si­to­ry“ einem Publi­ka­ti­ons­or­gan der Unita­ri­er, abge­druckt wur­den. Zwi­schen 1832 und 1834 ver­fass­te sie „litt­le eight pen­ny sto­ries“, das waren didak­tisch auf­be­rei­te­te Kurz­ge­schich­ten die die Wir­kungs­wei­se der Poli­ti­schen Öko­no­mie einer brei­ten Bevöl­ke­rungs­schicht, der Mit­tel- und der Arbei­ter­klas­se, ver­traut machen soll­ten. Als sie im Dezem­ber 1831 erschei­nen, wur­den sie ein durch­schla­gen­der Erfolg. Der Erfolg ver­an­lass­te sie, monat­lich eine wei­te­re „Illus­tra­ti­on“ zu ver­öf­fent­li­chen. Das dar­aus ent­stan­de­ne neun­bän­di­ge Werk „Illus­tra­ti­ons of Poli­ti­cal Eco­no­my“ wur­de ein Best­sel­ler. Ab 1834 ver­brach­te sie fast zwei Jah­re in den USA, leg­te dort über 10.000 Mei­len zurück und betrieb sozio­lo­gi­sche Beob­ach­tun­gen. Dort mach­te sie sich auch für die Abschaf­fung der Skla­ve­rei stark. Zurück im Lake Distrikt schrieb sie Bücher und für Zeit­schrif­ten und hielt Unter­richts­kur­se für Arbei­te­rIn­nen ab. 1846 ging sie nach Ägyp­ten und Paläs­ti­na, lös­te sich vom Chris­ten­tum und schrieb dort und unter­wegs wei­te­re erfolg­rei­che Publi­ka­tio­nen. 1866 unter­schrieb sie eine Peti­ti­on für das Frau­en­wahl­recht.  

1851 ent­schloss sie sich, den „Cours de phi­lo­so­phie posi­ti­ve“ von Augus­te Comte ins Eng­li­sche zu über­tra­gen und eine Popu­la­ri­sie­rung sei­ner Kern­ge­dan­ken vor­zu­neh­men. Um eine höhe­re Akzep­tanz in der eng­li­schen Öffent­lich­keit zu erzie­len, ent­schied sie sich, das Ori­gi­nal auf zwei Bän­de zu kür­zen und des­sen Aus­sa­ge­ge­halt zu ver­dich­ten. Für Comte stell­te die „Kurz­fas­sung einen gro­ßen Erfolg dar. Er selbst lob­te die Ver­dich­tun­gen Mar­ti­ne­aus und ver­sprach ihr zumin­dest imma­te­ri­el­le Gewin­ne. Er war sicher, dass ihr Name auf ewig mit dem sei­nen ver­bun­den blie­be, da es ihr gelun­gen sei, sei­ne Gedan­ken mit umsich­ti­ger und ein­ma­li­ger Klar­heit zum Aus­druck gebracht zu haben.

Har­riet Mar­ti­neau starb nach lan­ger Krank­heit am 27. Juni 1876 in ihrem Haus nahe Ambleside/Westmorland in Eng­land an Bron­chi­tis. In ihrer Hei­mat­stadt Nor­wich erin­nert nichts mehr an sie. An ihrem Eltern­haus in der Mag­da­len Street fin­det sich eine Gedenk­ta­fel mit der Mit­tei­lung: „James Mar­ti­neau (1805–1900), Unita­ri­an phi­lo­so­pher and tea­cher was born in this house and spent his boy­hood here.“ James, war ihr Lieb­lings­bru­der. Comte hat sich geirrt. Har­riet Mar­ti­neau ist heu­te ver­ges­sen und ver­kannt, wäh­rend er und ihr Bru­der berühmt wur­den.

Grund­sätz­lich, so erkann­te Mar­ti­neau bereits bei ihren Stu­di­en in Ame­ri­ka, unter­lie­gen die Frau­en einem Herr­schafts­ver­hält­nis, das geprägt ist von der Domi­nanz der Män­ner über die Frau­en. Die Durch­set­zung die­ses Herr­schafts­an­spruchs wird mit sub­ti­len Mit­teln betrie­ben. Dazu dien­te auch die Insti­tu­ti­on der Ehe, die sie an das Haus bin­det und so dem männ­li­chen Herr­schafts­an­spruch aus­setzt. Das schrieb sie 1837.  Und sie sah dar­in ein struk­tu­rel­les Macht- und Herr­schafts­ver­hält­nis, für das sie vor allem ein metho­disch ange­lei­te­tes, geschlech­ter­spe­zi­fisch aus­ge­feil­tes Erzie­hungs­pro­gramm und die Dis­zi­pli­nie­rung durch die sozia­len Ver­hält­nis­se ver­ant­wort­lich mach­te. Betä­ti­gung und Aner­ken­nung in der Öffent­lich­keit sei­en für Frau­en nicht vor­ge­se­hen. Auch die Beschäf­ti­gung mit reli­giö­sen Fra­gen die­ne ein­zig dem kon­tem­pla­ti­ven Zeit­ver­treib und der mora­li­schen Schu­lung. Der ‚wah­re‘ Bereich intel­lek­tu­el­ler Aus­ein­an­der­set­zung sei die Wis­sen­schaft zu der den Frau­en, der Zugang ver­wehrt war. Auch in Deutsch­land dau­er­te es bis 1908, bis Frau­en Uni­ver­si­tä­ten von innen betre­ten durf­ten.

Lite­ra­tur: Char­lot­te Mül­ler: Har­riet Mar­ti­neau (1802–1876): Zu Theo­rie und Pra­xis empi­ri­scher Sozi­al­for­schung, in: Frei­bur­ger Zeit­schrift für Geschlech­ter­Stu­di­en 19/1, S. 11–30.

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Ähnliche Beiträge

Bertolt Brecht
Bertolt Brecht (10. Februar 1898 – 14. August 1956)
Begründer des epischen Theaters und überzeugter Atheist
Am 14. August 2026 ist der 70. Todestag von Bertolt Brecht. Der weltberühmte Dramaturg wurde früh überzeugter Marxist. Er behauptete, wer religiös geworden sei, scheide als ernstzunehmender Künstler aus. 1933 flüchtete er vor den Nazis in die USA und galt dort als „feindlicher Ausländer“.
Beitrag lesen »
Schlacht-an-der-Somme_1
110 Jahre nach der Schlacht an der Somme
Ein – fester – Platz an der Somme
Der verlustreichsten Schlacht im Ersten Weltkrieg wird auch nach 110 Jahren noch jedes Jahr aufs Neue gedacht, von den Alliierten, Briten und Franzosen, Truppenteilen aus aller Welt und Zivilisten, den Nachkommen der Opfer von damals, Veteranen verschiedener neuerer und hochaktueller Kriege. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist auch eine kleine humanistische Delegation aus Deutschland dabei. Armin Schreiner vom Humanistischen Verband Nordrhein-Westfalen berichtet.
Beitrag lesen »
Treue_der_union_monumant_2009
Deutsche Freidenker in Texas gegen die Sklaverei
Sie starben für ihre Überzeugung
Warum riskierten deutsche Freidenker*innen in Texas im amerikanischen Bürgerkrieg ihr Leben? Michael Schmidt erzählt die kaum bekannte Geschichte von Menschen, die aus Überzeugung den Kampf für die Sklaverei verweigerten und dafür einen hohen Preis zahlten. Bis heute erinnert ein Denkmal an ihren Mut und ihr Eintreten für Freiheit und Menschlichkeit.
Beitrag lesen »
Nach oben scrollen