Anthony Collins (1. Juli 1676 –24. Dezember 1729)

Die ersten Free-Thinker

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Vor 350 Jahren, am 1. Juli 1676, wurde Anthony Collins geboren. In seinem „Discourse of Free-Thinking“ forderte der englische Jurist und Philosoph der Aufklärung das Recht auf freies Denken und wandte sich gegen kirchliche Dogmen. Gemeinsam mit Toland und Tindal prägte er die frühe Free-Thinker-Bewegung.

Antho­ny Coll­ins (1676–1729) war ein eng­li­scher Jurist, Phi­lo­soph und Essay­ist, der als einer der frü­hes­ten Anhän­ger der Auf­klä­rungs­phi­lo­so­phie in Groß­bri­tan­ni­en bekannt wur­de. Durch sei­nen Wohl­stand war er der Not­wen­dig­keit ent­ho­ben, sei­nen juris­ti­schen Beruf aus­zu­üben, und konn­te unab­hän­gig als Gen­tle­man leben. Mit dem älte­ren John Locke (1632–1704) ver­band ihn in des­sen letz­ten Lebens­jah­ren eine enge Freund­schaft. Des­sen Haupt­werk An Essay Con­cer­ning Human Under­stan­ding („Ver­such über den mensch­li­chen Ver­stand“ 1689/1690), begrün­de­te sei­ne sen­sua­lis­ti­sche (die Sin­ne betref­fen­de) Erkennt­nis­theo­rie. Er ließ als Quel­le der Erkennt­nis haupt­säch­lich nur mehr sen­sa­ti­on (Sin­nes­wahr­neh­mung) und reflec­tion (Selbst­wahr­neh­mung) zu. Auch begrün­de­te er wie sei­ne zeit­ge­nös­si­schen Mit­kämp­fer die For­de­rung nach reli­giö­ser Tole­ranz (außer gegen­über Katho­li­ken und Athe­is­ten) und wand­te sich gegen die Auf­fas­sung von der Unfehl­bar­keit der Reli­gi­on und gegen die Dog­men der Kir­che. Nach Locke kön­ne es jeder Mensch mit Gott hal­ten, wie er wol­le, und nicht, wie es ihm die Reli­gi­on vor­schrei­be.  

Coll­ins bekann­te sich früh zum phi­lo­so­phi­schen „Deis­mus“, in einer Zeit, da offe­ner Athe­is­mus noch als ein todes­wür­di­ges Ver­bre­chen geahn­det wur­de. Um die Jahr­hun­dert­wen­de 1700 bekann­ten sich bereits meh­re­re Intel­lek­tu­el­le zu einer deism (lat. deus „Gott“) genann­ten Glau­bens­vor­stel­lung, die allein auf Logik und Beob­ach­tung beruh­te und jeg­li­che über­na­tür­li­che Spe­ku­la­ti­on ablehn­te. Als ers­ter Erschaf­fer des Uni­ver­sums galt nach wie vor ein „Gott“ oder „Höchs­tes Wesen“ (Être suprê­me), aber des­sen wei­te­res Ein­grei­fen wur­de als „nicht begründ­bar“ ange­se­hen. Eine gött­li­che Exis­tenz offen­ba­re sich somit ledig­lich in der Natur selbst, womit natür­lich auch alle theo­lo­gi­schen Begrün­dun­gen unhalt­bar waren, eben­so Zere­mo­nien, Pro­phe­zei­un­gen, Offen­ba­run­gen und reli­giö­se Tex­te als legi­ti­me oder ver­läss­li­che Quel­len gött­li­chen Wis­sens abzu­leh­nen sind, daher eben­so Into­le­ranz, reli­giö­ser Zwang oder gar Reli­gi­ons­krie­ge. Im wei­te­ren Sin­ne wur­de somit der Deis­mus als eine frei­den­ke­ri­sche Glau­bens­vor­stel­lung im Zeit­al­ter der Auf­klä­rung ange­se­hen und von einem Groß­teil der bekann­ten zeit­ge­nös­si­schen Auf­klä­rungs­phi­lo­so­phen geteilt.

Als kon­se­quen­tes­ter Auf­klä­rer sei­ner Zeit galt in Groß­bri­tan­ni­en der iri­sche Phi­lo­soph John Toland (1670–1722), des­sen Buch Chris­tia­ni­ty not Mys­te­rious 1697 in Erman­ge­lung der Hab­haf­tig­keit des Autors in Dub­lin öffent­lich ver­brannt wur­de. Er war der Ers­te, den man „Free-Thin­ker“ nann­te.

Coll­ins hat­te sich der klei­nen rüh­ri­gen Grup­pe um Toland und Matthew Tind­al (1657–1733) ange­schlos­sen, die Gedan­ken­frei­heit und die Tren­nung von Kir­che und Staat ein­for­der­ten, somit die Keim­zel­le der künf­ti­gen Free-Thin­ker-Bewe­gung wer­den soll­ten und die hier­zu 1711 eine Wochen­schrift mit Namen The Free-Thin­ker grün­de­ten. Ein bedeu­ten­der Unter­stüt­zer der Grup­pe war auch Antho­ny Ash­ley-Coo­per, Drit­ter Earl of Shaf­tes­bu­ry (1671–1713).

Antho­ny Coll­ins’ Buch (zunächst anonym ver­fasst) aus dem Jahr 1713 mit dem Titel: A Dis­cour­se Of Free-Thin­king, Occa­si­on’d by The Rise and Growth of a Sect cal­l’d Free-Thin­kers („Ein Dis­kurs über das Freie Den­ken, ver­an­lasst durch das Auf­kom­men und Anwach­sen einer Sek­te, die man Frei-Den­ker nennt“) wur­de prak­tisch zum Mani­fest der Bewe­gung. Coll­ins war damit die Popu­la­ri­sie­rung und Begriffs­de­fi­ni­ti­on der Free-Thin­ker zu ver­dan­ken. Und obwohl er sei­ne Auf­fas­sun­gen von Frei­em Den­ken und Deis­mus deut­lich in Abgren­zung zum offe­nen Athe­is­mus defi­nier­te, wur­de er scharf von Bischö­fen und kon­ser­va­ti­ven Autoren ange­grif­fen, sodass er gezwun­gen war, mehr­mals die Flucht nach den Nie­der­lan­den anzu­tre­ten.

In der Sache blieb Coll­ins sei­nen Grund­sät­zen treu und for­der­te die Befrei­ung des Den­kens von allen Dog­men. Er emp­fahl das Recht auf Bil­dung für alle Gesell­schafts­schich­ten, da er in Unbil­dung die Quel­le gesell­schaft­li­cher Unord­nung sah. Im Rest Euro­pa erlang­te er schließ­lich Bekannt­heit durch Über­set­zun­gen sei­ner Schrif­ten durch den Enzy­klo­pä­di­schen Paul Thiry d’Holbach (1723–1789) sowie Über­set­zun­gen des A Dis­cour­se Of Free-Thin­king … (sie­he Aus­ga­be 1965). Coll­ins’ Über­tra­gun­gen von Cice­ro-Tex­ten und wei­te­re Schrif­ten, die nach sei­nem Tod ver­nich­tet wur­den, schlos­sen sein schrift­stel­le­ri­sches Werk ab.

Antho­ny Coll­ins: A Dis­cour­se of Free-Thin­king. Lon­don 1713.

Fak­si­mi­le-Neu­druck mit deut­schem Par­al­lel­text. Hrsg., über­setzt und ein­ge­lei­tet von Gün­ter Gawlick. Stutt­gart 1965.

Antho­ny Coll­ins gab hier Begriffs­de­fi­ni­tio­nen und eine Über­sicht über die Argu­men­te der öffent­li­chen Dis­kus­si­on. Er ver­tei­dig­te argu­men­ta­tiv das Freie Den­ken gegen­über den Dog­ma­ti­kern. Im ers­ten Abschnitt pro­kla­miert er dar­in „Das Recht auf Frei­es Den­ken“ mit fünf Argu­men­ten:

1. Argu­ment, wel­ches beweist, dass jeder­mann das Recht auf Frei­es Den­ken besitzt.
2. Frei­es Den­ken ist das ein­zi­ge Mit­tel, mit dem man in den Wis­sen­schaf­ten Voll­kom­men­heit erreicht.
3. Der Ver­zicht auf Frei­es Den­ken führt zu Absur­di­tä­ten.
4. Es kann kei­ne ver­nünf­ti­ge Beschrän­kung des Den­kens geben.
5. Frei­es Den­ken ist eine Wohl­tat …

Als größ­te Wohl­tat emp­fand er in der Ver­ban­nung der Teu­fels­furcht, die in den Nie­der­lan­den schon „zur größ­ten Voll­kom­men­heit“ ver­bannt sei, aber in Eng­land noch immer die Men­schen unfrei hal­te. In wei­te­ren logi­schen und stark for­mu­lier­ten Argu­men­ten behan­delt er wei­te­re Aspek­te und nennt als kräf­tigs­ten Beweis gegen alle Ein­wän­de der Kri­ti­ker:

„Frei­den­ker sind tat­säch­lich zu allen Zei­ten die ver­stän­digs­ten und tugend­haf­tes­ten Men­schen gewe­sen, wie die fol­gen­den Bei­spie­le zei­gen: Sokra­tes, Pla­ton, Aris­to­te­les, Epi­kur, Plut­arch, Var­ro, Cato der Zen­sor, Cice­ro, Cato von Uti­ca, Sene­ca, Salo­mo, jüdi­sche Pro­phe­ten, Jose­phus, Orig­e­nes, Minu­ci­us Felix, Syn­e­si­us, Lord Bacon, Hob­bes, Til­lot­son.“

Lite­ra­tur­hin­weis: Enligh­ten­ment & Free-thin­kers. Auf­klä­rung in Eng­land. John Tolands Brie­fe an Sere­na & Pan­the­is­ti­kon. Hrsg. von Hei­ner Jes­tra­bek, Reut­lin­gen 2015.

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