Neutralitätsgebot im Unterricht

Neutral heißt nicht sprachlos

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Beitragsbild: Aleyna Çatak/unsplash

Demokratie ist keine Meinung unter vielen. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass unterschiedliche Meinungen frei geäußert werden können. Lehrkräfte dürfen und müssen Position beziehen, wenn Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit infrage gestellt werden. Ein Kommentar von Christiane Herrmann, Bundesvorstandsmitglied des Humanistischen Verbandes Deutschlands.

Immer wie­der begeg­net mir die Behaup­tung, Lehr­kräf­te müss­ten poli­tisch neu­tral sein. Man­che zie­hen dar­aus den Schluss, sie dürf­ten ras­sis­ti­schen, anti­se­mi­ti­schen oder demo­kra­tie­feind­li­chen Aus­sa­gen im Unter­richt nicht wider­spre­chen. Das klingt zunächst ver­nünf­tig – ist aber recht­lich schlicht falsch.

Denn das Neu­tra­li­täts­ge­bot ver­langt kei­ne Wert­neu­tra­li­tät gegen­über der Ver­fas­sung. Es ver­langt par­tei­po­li­ti­sche Zurück­hal­tung.

Zwi­schen die­sen bei­den Din­gen lie­gen Wel­ten.

Wer Geschich­te unter­rich­tet, darf den Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht als „eine von meh­re­ren inter­es­san­ten poli­ti­schen Mög­lich­kei­ten“ dar­stel­len. Wer Ethik unter­rich­tet, muss Men­schen­wür­de nicht erst zur Abstim­mung stel­len. Und wer Poli­tik unter­rich­tet, ist kei­nes­wegs ver­pflich­tet, demo­kra­ti­sche und demo­kra­tie­feind­li­che Posi­tio­nen gleich­wer­tig neben­ein­an­der zu prä­sen­tie­ren.

Das Grund­ge­setz kennt näm­lich kei­ne Neu­tra­li­tät gegen­über sei­ner eige­nen Abschaf­fung.

Arti­kel 1 Absatz 1 des Grund­ge­set­zes beginnt mit einem Satz, der nicht zur Dis­kus­si­on steht:

„Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar.“

Arti­kel 20 legt die Grund­prin­zi­pi­en unse­res Staa­tes fest: Demo­kra­tie, Rechts­staat­lich­keit und Volks­sou­ve­rä­ni­tät. Und Arti­kel 33 Absatz 5 ver­pflich­tet Beam­tin­nen und Beam­te – zu denen vie­le Lehr­kräf­te gehö­ren – auf die her­ge­brach­ten Grund­sät­ze des Berufs­be­am­ten­tums. Dazu zählt die Treue zur frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung. Lehr­kräf­te ver­tre­ten also nicht irgend­ein poli­ti­sches Pro­gramm, son­dern die Ver­fas­sung selbst.

Genau des­halb dür­fen sie nicht schwei­gen, wenn die­se Grund­la­gen ange­grif­fen wer­den.

Auch der häu­fig zitier­te Beu­tels­ba­cher Kon­sens for­dert kei­nes­wegs Neu­tra­li­tät. Er for­mu­liert drei Grund­sät­ze:

  • kei­ne Indok­tri­na­ti­on (Über­wäl­ti­gungs­ver­bot),
  • kon­tro­ver­se The­men müs­sen kon­tro­vers dar­ge­stellt wer­den,
  • Schü­le­rin­nen und Schü­ler sol­len zur eige­nen Urteils­bil­dung befä­higt wer­den.

Nir­gends steht dort, demo­kra­tie­feind­li­che oder men­schen­ver­ach­ten­de Posi­tio­nen müss­ten als gleich­be­rech­tig­te Alter­na­ti­ven behan­delt wer­den. Im Gegen­teil: Zahl­rei­che Poli­tik­di­dak­ti­ke­rin­nen und Poli­tik­di­dak­ti­ker wei­sen aus­drück­lich dar­auf hin, dass dort, wo Men­schen­wür­de, Demo­kra­tie oder Rechts­staat­lich­keit infra­ge gestellt wer­den, Lehr­kräf­te ver­pflich­tet sind, Posi­ti­on zu bezie­hen.

Das ist kei­ne poli­ti­sche Ein­sei­tig­keit.

Das ist Ver­fas­sungs­treue.

Oder anders gesagt:

Eine Mathe­ma­tik­leh­re­rin bleibt schließ­lich auch nicht neu­tral, wenn jemand behaup­tet, zwei plus zwei sei­en fünf. Sie erklärt gedul­dig, war­um das falsch ist.

War­um soll­te das bei Demo­kra­tie anders sein?

Natür­lich dür­fen Lehr­kräf­te kei­ne Par­tei­pro­pa­gan­da betrei­ben. Sie dür­fen nicht sagen: „Wählt Par­tei X.“ Das wäre ein Ver­stoß gegen ihre Pflicht zur par­tei­po­li­ti­schen Zurück­hal­tung.

Sie dür­fen und müs­sen aber sagen:

„Die­se Aus­sa­ge ver­letzt die Men­schen­wür­de.“

„Die­se Behaup­tung wider­spricht wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen.“

„Die­se For­de­rung rich­tet sich gegen Grund­rech­te.“

Denn Demo­kra­tie ist kei­ne Mei­nung unter vie­len.

Sie ist die Vor­aus­set­zung dafür, dass wir über­haupt unter­schied­li­che Mei­nun­gen frei äußern kön­nen.

Aus huma­nis­ti­scher Sicht ist Bil­dung weit mehr als Wis­sens­ver­mitt­lung. Sie befä­higt Men­schen, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, kri­tisch zu den­ken und Frei­heit zu leben. Huma­nis­mus ver­traut auf die Kraft des Argu­ments – aber nie­mals auf Kos­ten der Men­schen­wür­de.

Neu­tra­li­tät bedeu­tet des­halb nicht, zwi­schen Demo­kra­tie und Demo­kra­tie­feind­lich­keit die Mit­te zu suchen.

Neu­tra­li­tät bedeu­tet Fair­ness im Umgang mit Men­schen – und Klar­heit im Umgang mit Fak­ten.

Oder mit einem klei­nen Augen­zwin­kern:

Der Feu­er­alarm bleibt schließ­lich auch dann kein „kon­tro­ver­ses Geräusch“, wenn nur eine Hälf­te des Gebäu­des brennt.

Demo­kra­tie braucht kei­ne neu­tra­len Zuschau­er.

Sie braucht Leh­ren­de, die jun­gen Men­schen zei­gen, war­um Frei­heit, Men­schen­wür­de und Rechts­staat­lich­keit jeden Tag aufs Neue ver­tei­digt wer­den müs­sen.

Gera­de im Huma­nis­ti­schen Lebens­kun­de­un­ter­richt wird die­se Hal­tung ganz bewusst gelebt.

Unser Ziel ist nicht, fer­ti­ge Ant­wor­ten zu lie­fern oder Schü­le­rin­nen und Schü­ler in eine bestimm­te poli­ti­sche Rich­tung zu len­ken. Im Gegen­teil: Wir möch­ten jun­ge Men­schen befä­hi­gen, selbst zu den­ken, Fra­gen zu stel­len, Argu­men­te zu prü­fen und zu eige­nen, begrün­de­ten Urtei­len zu gelan­gen.

Dazu gehört auch, sich mit den dunk­len Kapi­teln der Geschich­te aus­ein­an­der­zu­set­zen. Radi­ka­le Ideo­lo­gien ent­ste­hen nicht im luft­lee­ren Raum. Natio­nal­so­zia­lis­mus, Anti­se­mi­tis­mus, Ras­sis­mus oder jede ande­re Form von Men­schen­feind­lich­keit haben rea­le Fol­gen – für ein­zel­ne Men­schen eben­so wie für gan­ze Gesell­schaf­ten. Wer ver­ste­hen will, war­um Demo­kra­tie schüt­zens­wert ist, muss auch erfah­ren, was geschieht, wenn sie ver­lo­ren geht.

Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de schafft des­halb Räu­me für Dis­kus­sio­nen – offen, respekt­voll und fak­ten­ba­siert. Unter­schied­li­che Mei­nun­gen sind will­kom­men. Men­schen­ver­ach­ten­de Posi­tio­nen sind es nicht. Nicht, weil wir Debat­ten ver­hin­dern wol­len, son­dern weil die Wür­de jedes Men­schen den Rah­men bil­det, in dem Debat­ten über­haupt erst mög­lich wer­den.

Wer lernt, kri­tisch zu den­ken, Quel­len zu hin­ter­fra­gen und die Per­spek­ti­ve ande­rer ein­zu­neh­men, ent­wi­ckelt demo­kra­ti­sche Urteils­kraft. Genau dar­um geht es: nicht um Anpas­sung, son­dern um Mün­dig­keit.

Aus huma­nis­ti­scher Sicht ist das geleb­te Demo­kra­tie­bil­dung. Und sie endet nicht mit dem Klin­gel­zei­chen. Sie beglei­tet jun­ge Men­schen dabei, ver­ant­wor­tungs­be­wusst, empa­thisch und selbst­stän­dig ihren Platz in einer viel­fäl­ti­gen Gesell­schaft zu fin­den.

Denn Demo­kra­tie braucht kei­ne Men­schen, die alles glau­ben.

Sie braucht Men­schen, die den­ken, hin­ter­fra­gen, wider­spre­chen kön­nen – und den Mut haben, dort Hal­tung zu zei­gen, wo Men­schen­wür­de, Frei­heit und die Rech­te ande­rer ange­grif­fen wer­den.

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