Rezension

Religiöse Vielfalt in der DDR?

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Ein neues Handbuch zu Kirchen und Religionsgemeinschaften in der DDR macht eine kaum beachtete Religionswissenschaft sichtbar. Zwischen Staatssekretariat, Archivmaterial und vergessenen Gruppen zeigt sich eine vielschichtige religiöse Landschaft der DDR. Eine Rezension von Horst Groschopp.

Die­ter Müntz / Harald Wacho­witz: Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten in der DDR. Hand­buch. Hrsg. von Horst Jung­in­ger. Ber­lin 2025.
 
Der Titel der kom­men­tier­ten Doku­men­ta­ti­on ist viel län­ger und befin­det sich voll­stän­dig am Ende die­ser Bespre­chung. Er gibt über das gesam­te Pro­jekt prä­zi­se Aus­kunft. Das Vor­wort des Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lers Horst Jung­in­ger, der­zeit Lei­ter des her­aus­ge­ben­den Insti­tuts, kün­digt am Ende sei­ner Ein­füh­rung die bei­den Fol­ge­bän­de (Hand­bü­cher) an: „Die evan­ge­li­schen Kir­chen in der DDR“ von Olof Klohr und Hans Lut­ter unter der Redak­ti­on von Wolf­gang Kaul und Peter Groh (35/2) sowie „Die katho­li­sche Kir­che in der DDR“ von Olof Klohr, Wolf­gang Kaul und Klaus Kurth (35/3).
 
Die Ori­gi­na­le der drei Rari­tä­ten befin­den sich im Archiv des Ver­eins. Der jetzt vor­lie­gen­de ers­te Band wird 37 Jah­re nach Fer­tig­stel­lung der Dis­ser­ta­tio­nen an der Inge­nieur­schu­le für See­fahrt War­ne­mün­de / Wus­trow und dem dor­ti­gen inter­nen Manu­skript­druck erst­mals der Öffent­lich­keit vor­ge­stellt. Die noch feh­len­den bei­den Bän­de sind 38 bzw. 43 Jah­re nach ihrer Fer­tig­stel­lung noch in der Bear­bei­tung.
 
Bereits der vor­lie­gen­de Band ver­weist auf die Exis­tenz einer zwar zah­len­mä­ßig sehr beschränk­ten, aber wohl auch des­halb her­aus­ra­gen­den DDR-Reli­gi­ons­wis­sen­schaft, die sich abseits der ande­ren Dis­zi­pli­nen der Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten ent­wi­ckel­te. Viel­leicht wirk­ten zahl­rei­che Vor­ur­tei­le der west­deut­schen Reli­gi­ons­wis­sen­schaft dahin­ge­hend, dass bis in die Gegen­wart eine wirk­li­che Rezep­ti­on und Kri­tik die­ser For­schun­gen aus­blieb.
 
Eine Ursa­che der weit­ge­hen­den Unbe­kannt­heit die­ser Wis­sen­schaft­ler wirk­te sich viel­leicht sogar als Vor­teil aus, der in einer freie­ren Arbeit der Autoren bestand. Sie arbei­te­ten näm­lich an einem abge­le­ge­nen Ort an der Küs­te der Ost­see, in dem kei­ne bahn­bre­chen­den For­schun­gen ver­mu­tet wur­den – wofür aber auch das ent­spre­chen­de „Staats­se­kre­ta­ri­at für Kir­chen­fra­gen“ sorg­te, das an den Ergeb­nis­sen inter­es­siert war und eine schüt­zen­de Hand dar­stell­te. Nach dem Ende der DDR gab es wohl des­halb dar­an wei­ter wenig Inter­es­se, weil der Fokus der in der mög­li­cher­wei­se dar­an inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit auf Dar­stel­lun­gen der Unter­drü­ckung der Reli­gi­on in der DDR lag.
 
Die Kar­rie­re des Lei­ters des zuerst „Wis­sen­schaft­li­cher Athe­is­mus“ genann­ten Faches, Olof Klohr, begann mit einem gro­ßen zen­tra­len Anschub 1963 an der Uni­ver­si­tät Jena und ende­te dort 1969 mit der Ver­set­zung nach War­ne­mün­de. Das stell­te eine Degra­die­rung ers­ten Ran­ges dar, deren Umstän­de noch der genaue­ren Erfor­schung bedür­fen, auch wenn die Dis­ser­ta­ti­on von Eva Gui­go-Pat­z­elt von 2021 (Sor­bon­ne, Paris) eini­ge Zugän­ge eröff­net. Jeden­falls trieb Klohr dort mit eini­gen für das Pro­jekt gewon­ne­nen Kol­le­gen die Ent­wick­lung zu einer moder­nen Reli­gi­ons­wis­sen­schaft vor­an. Das Vor­wort wür­digt die­se Wen­de und ihre Ergeb­nis­se.
 
Jung­in­ger schreibt zwar, dass im Ergeb­nis sei­ner Lek­tü­re des ers­ten Ban­des sich erge­ben habe, dass es neben den evan­ge­li­schen, katho­li­schen und jüdi­schen Gemein­den „anstatt der bis dato ange­nom­me­nen 40 nur 31 zuge­las­se­ne Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten gab. Die­se hat­ten rund 246.000 Mit­glie­der, die sich auf 2.600 Gemein­den ver­teil­ten. Von den ins­ge­samt etwa 3.300 Mit­ar­bei­tern und Mit­ar­bei­te­rin­nen im Ver­kün­di­gungs­dienst waren 2.750 neben­amt­lich und nur 550 haupt­amt­lich tätig.“ (S. VII, im Hand­buch, vgl. S. 43; sie­he auch das dem Buch bei­geleg­te Lese­zei­chen). Das mögen aus west­deut­schem Blick nur weni­ge Per­so­nen gewe­sen sein, man kann das aber aus DDR-Sicht auch als erstaun­li­che, nicht erwar­te­te Viel­falt sehen.
 
Alle auf­ge­führ­ten Gemein­den kamen aus dem Chris­ten­tum und stan­den ihm mehr oder min­der nahe. Jung­in­ger betont, dass die klei­nen Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten kon­se­quent als sol­che bezeich­net und der Begriff „Sek­ten“ nicht benutzt wur­de. Die Autoren gehen jeweils auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te ein und unter­mau­ern ihre Befun­de mit zahl­rei­chen Tabel­len. Über­haupt erfolgt die Auf­lis­tung nicht alpha­be­tisch, son­dern his­to­risch.
 
Ver­bo­ten waren seit 1950/51 die „Zeu­gen Jeho­vas“ und der „Gemein­schafts­ver­band der deut­schen Pfingst­be­we­gung“. Den Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten „Die Christ­li­che Wis­sen­schaft“, „Bund der Kämp­fer für Glau­be und Wahr­heit“ und „Anthro­po­so­phi­sche Gesell­schaft“ blieb die Aner­ken­nung ver­sagt.
 
Jung­in­ger folgt der Sys­te­ma­tik der Autoren und erklärt die unter der Num­mer 4.0 jeweils zwi­schen den Unter­ka­pi­teln 4.1 bis 4.31 auf­ge­führ­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten als zum Zeit­punkt des Abschlus­ses der Stu­di­en als nicht mehr exis­tent. Das waren die „Evan­ge­li­sche Gemein­schaft“, die „Gemein­schaft Got­tes“, die „Smyr­na-Gemein­de“ und die „Deut­sche Evan­ge­li­sche Frei­kir­che“.
 
Hier wird auch der für die deut­sche Kon­fes­si­ons­frei­en­geschich­te so wich­ti­ge „Bund Frei­re­li­giö­ser Gemein­den“ vor­ge­stellt (vgl. S. 177–182). Er habe noch immer in Sach­sen (Leip­zig, Brand-Erbis­dorf, Frei­berg u.a.) sowie in Sach­sen-Anhalt (Mag­de­burg) mate­ria­lis­tisch und sozia­lis­tisch ori­en­tier­te Gemein­den gehabt. Über ein Ende wird nichts berich­tet.
 
Die­se Geschich­te bedarf der Auf­klä­rung und eines Stu­di­ums der ent­spre­chen­den Akten in Archi­ven, in denen z.B. das in Leip­zig jähr­lich gedruck­te Mit­tei­lungs­blatt vor­han­den sein könn­te; dies auch des­halb, weil von den Autoren aus­drück­lich ver­merkt wird: „Die grö­ße­ren Gemein­den besa­ßen eige­ne Grund­stü­cke.“ (S. 181) Was ist dar­aus gewor­den?
 
Es fin­det sich in der span­nen­den Lek­tü­re von in der DDR geleb­ten Sub­kul­tu­ren auch so man­ches Klein­od, etwa die „Gemein­schaft des Gött­li­chen Sozia­lis­mus – Apos­tel­amt Juda (AJ)“. Sie ging 1902 aus einem Aus­schluss aus der Neu­apos­to­li­schen Kir­che her­vor, ihre Grup­pe begrüß­te die Novem­ber­re­vo­lu­ti­on und ent­stand dann 1924 unter Schif­fern, wur­de 1936 ver­bo­ten und in der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne 1947 wie­der zuge­las­sen. Es waren, so ande­re Quel­len, in der SBZ vor allem Ver­trie­be­ne aus Bres­lau Mit­glie­der.
 
Die Gemein­de besaß zum Zeit­punkt der Stu­die 570 Mit­glie­der in 18 Gemein­den, vier „Hir­ten“ mit Sitz in Karl-Marx-Stadt und eine Viel­zahl ehren­amt­li­cher Funk­tio­nä­re, die sehr umtrie­big und z.B. in den Arbeits­grup­pen „Christ­li­che Krei­se“ in der „Natio­na­len Front“ aktiv waren. Sozia­lis­mus war für sie eine „see­lisch“ her­bei­zu­füh­ren­de Gesell­schaft. „Wiki­pe­dia“ zählt aktu­ell etwa 3.000 Mit­glie­der. Am 28. Juni 2024 berich­te­te der Deutsch­land­funk über die aktu­el­len Pro­ble­me der Gemein­schaft, die in Ost­deutsch­land noch sechs Gemein­schaf­ten vor allem unter Arbei­tern habe.
 
Das Hand­buch kann als Hin­weis­ge­ber auf zahl­rei­che wei­te­re inter­es­san­te Fund­sa­chen gel­ten. Ange­hängt ist außer einem Namen- und Sach­re­gis­ter und einem beschei­de­nen Lite­ra­tur­ver­zeich­nis ein Glos­sar mit 19 auf­schluss­rei­chen Begrif­fen, wohl gedacht für Lesen­de, die sich nicht in der christ­li­chen Glau­bens­kul­tur aus­ken­nen, die aber in die­se mit fol­gen­den Stich­wor­ten ein­ge­führt wer­den (vgl. S. 400–410): Abend­mahl, Advent, All­ge­mei­nes Pries­ter­tum, Berg­pre­digt, Cha­rak­ter­äm­ter, Cha­ris­ma, Evan­ge­li­sa­ti­on, Geis­tes­ga­ben, Gemein­de­zucht, Glau­bens­be­kennt­nis, Lit­ur­gie, Mis­si­on, Offen­ba­rung des Johan­nes, Okkul­tis­mus, Pro­phe­tis­mus, Römer­brief, Sakra­ment, Spi­ri­tis­mus und Tau­fe.
 
Das vor­lie­gen­de Werk ist ein wich­ti­ger Bei­trag zur kul­tur­his­to­ri­schen DDR-For­schung und Jung­in­ger ist voll zuzu­stim­men: „Mit sei­ner Ver­öf­fent­li­chung plä­die­ren wir für eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung der reli­gi­ons- und kir­chen­po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se in der DDR, die im Gegen­satz zur so genann­ten Kir­chen­kampf­ge­schichts­schrei­bung auch Grau- und Zwi­schen­tö­ne zulässt.“ (S. XV)
 
Voll­stän­di­ge Titel­an­ga­be:
Die­ter Müntz / Harald Wacho­witz: Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten in der DDR, ohne den Bund Evan­ge­li­scher Kir­chen in der DDR, die Römisch-Katho­li­sche Kir­che und die Rus­sisch-Ortho­do­xe Kir­che sowie den Ver­band Jüdi­scher Gemein­den in der DDR. Hand­buch. Fak­si­mi­le-Druck. Hrsg. von Horst Jung­in­ger im Auf­trag der Gesell­schaft zur För­de­rung ver­glei­chen­der Staat-Kir­che-For­schung e.V. Ber­lin 2025, XVI, 423 S. (Schrif­ten­rei­he des Ber­li­ner Insti­tuts für ver­glei­chen­de Staat-Kir­che-For­schung [BISKF], Band 35/1), ISBN 978–3‑931232–43‑6, zu bezie­hen per Post direkt beim Insti­tut, Betha­ni­en­str. 29, 10997 Ber­lin.

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