Margaret Sanger (14. September 1879 – 6. September 1966)

Krankenschwester und Kämpferin für die Selbstbestimmung von Frauen

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Foto: Evelin Frerk
Am 6. September 2026 ist der 60. Todestag von Margaret Sanger. Sie wurde in eine arme amerikanische Arbeiterfamilie mit einer streng katholischen Mutter hineingeboren. Ihr Vater war ein überzeugter, politisch aktiver Freidenker. Er prägte Margarets freigeistiges Denken. Religiöse Dogmen lehnte sie strikt ab.

Kindheit und erste berufliche Erfahrungen

Gebo­ren wur­de sie als Mar­ga­ret Hig­gins in Cor­ning, im Nor­den des Staa­tes New York. Ihre Mut­ter wur­de in 22 Jah­ren 18-mal schwan­ger. Sie brach­te elf Kin­der lebend zur Welt und starb bereits im Alter von 50 Jah­ren, geschwächt und krank. Mar­ga­ret muss­te sie und die jün­ge­ren Geschwis­ter pfle­gen und ihre Aus­bil­dung zurück­stel­len. Nach dem Tod der Mut­ter wur­de sie Kran­ken­schwes­ter, hei­ra­te­te, bekam drei Kin­der und zog in das Bohè­me-Vier­tel von New York. Dort lern­te sie Anar­chis­tin­nen wie Emma Gold­man und Sozia­lis­tin­nen wie Eliza­beth Gur­ley Flynn ken­nen und trat der Sozia­lis­ti­schen Par­tei bei. Wäh­rend ihrer Arbeit muss­te sie erneut erfah­ren, wie Arbei­ter­frau­en lei­den muss­ten, weil ihnen das Wis­sen fehl­te, Schwan­ger­schaf­ten zu ver­hü­ten. Schät­zungs­wei­se 100.000 ille­ga­le Abtrei­bun­gen pro Jahr gab es allein in New York: „Ich sehe sie vor mir, die­se armen schwa­chen, zer­brech­li­chen und ver­wüs­te­ten Frau­en, alle Jah­re wie­der schwan­ger, wie auto­ma­ti­sche Brut­ma­schi­nen“, schrieb sie. Das Schick­sal die­ser Frau­en beein­fluss­te San­ger. Sie grün­de­te eine eige­ne Monats­zeit­schrift mit dem Titel The Woman Rebel, die sich unter dem Slo­gan No Gods and No Mas­ters (Kei­ne Göt­ter und kei­ne Her­ren) für die Ver­hü­tung von Schwan­ger­schaf­ten ein­setz­te und dafür ein­trat, dass jede Frau „die abso­lu­te Her­rin über ihren eige­nen Kör­per“ sein soll­te. Das war 1914 (nicht nur) in den USA umstürz­le­risch. Für vie­le Men­schen ist es das heu­te noch! Mar­ga­ret San­ger wur­de dafür mehr­fach ver­haf­tet.

Margaret setzte ihren Kampf fort

Sie blieb bei ihrer Mei­nung, dass nur Frau­en, die über ihren Kör­per selbst bestim­men kön­nen, Gleich­be­rech­ti­gung in Bezug auf sexu­el­le Bezie­hun­gen und auf Posi­tio­nen in der Gesell­schaft errei­chen kön­nen. Dafür erhielt sie viel Zustim­mung, aber auch böse Anschul­di­gun­gen. Mit ihrer Schwes­ter eröff­ne­te sie 1916 in Brook­lyn eine Kli­nik für Fami­li­en­pla­nung und Gebur­ten­kon­trol­le, in der sie auch die in den Nie­der­lan­den ent­wi­ckel­ten Pes­sa­re (Dia­phrag­men) ver­ab­reich­ten. Da ein Gesetz in New York die Ver­tei­lung von Ver­hü­tungs­mit­teln ver­bot, wur­den die Schwes­tern ins Gefäng­nis gesteckt. 1917 grün­de­te Mar­ga­ret die Zeit­schrift Birth Con­trol Review. Nach dem Ers­ten Welt­krieg eröff­ne­te sie in Har­lem ein Hos­pi­tal mit aus­schließ­lich afro-ame­ri­ka­ni­schem Per­so­nal und grün­de­te 1921, gemein­sam mit ande­ren Frau­en, die Ame­ri­ka­ni­sche Liga für Gebur­ten­kon­trol­le, deren Prä­si­den­tin sie wur­de. Min­des­tens acht­mal wur­de sie wäh­rend die­ser Zeit ver­haf­tet. Nur durch die Unter­stüt­zung und die Pro­tes­te von pro­mi­nen­ten Intel­lek­tu­el­len, gro­ßen Frau­en­klubs und eini­gen (nicht der katho­li­schen) Kir­chen konn­te sie wei­ter­ar­bei­ten. 1923 rich­te­te sie das Cli­ni­cal Rese­arch Bureau ein, es war die ers­te lega­le Kli­nik für Gebur­ten­kon­trol­le in den USA. Im sel­ben Jahr rief sie das Natio­nal Com­mit­tee on Fede­ral Legis­la­ti­on for Birth Con­trol ins Leben, das sich für die Lega­li­sie­rung der Gebur­ten­kon­trol­le auf Bun­des­ebe­ne ein­setz­te. Sie stand ihm bis 1937 als Prä­si­den­tin vor. 1927 half San­ger bei der Orga­ni­sa­ti­on der ers­ten Welt­be­völ­ke­rungs­kon­fe­renz in Genf.

1937 wur­de San­ger Vor­sit­zen­de des Birth Con­trol Coun­cil of Ame­ri­ca und begann mit der Ver­öf­fent­li­chung von The Birth Con­trol Review und The Birth Con­trol News. 1952 unter­stütz­te sie die Grün­dung der Inter­na­tio­nal Plan­ned Paren­thood Fede­ra­ti­on (IPPF), die heu­te noch besteht und zu deren Mit­glie­dern auch die im sel­ben Jahr gegrün­de­te deut­sche Orga­ni­sa­ti­on pro fami­lia gehört. Bis 1959 war sie Prä­si­den­tin die­ser größ­ten pri­va­ten Orga­ni­sa­ti­on zur Fami­li­en­pla­nung. 1960 erleb­te sie die Aus­brei­tung der „Anti­ba­by­pil­le“, für deren Ent­wick­lung und finan­zi­el­le För­de­rung sie sich vehe­ment ein­ge­setzt hat­te und durch die die Ver­hü­tungs­fra­ge für Frau­en ver­ein­facht wur­de. Schließ­lich war die Pil­le ein Mit­tel, das ihnen allein die Macht gab, zu ent­schei­den, ob sie schwan­ger wer­den woll­ten oder nicht. Mar­ga­ret San­ger starb 1966 im Alter von 86 Jah­ren in einem Pfle­ge­heim in Ari­zo­na an Herz­ver­sa­gen. Sie konn­te nicht mehr erle­ben, dass der Obers­te Gerichts­hof 1973 das Recht auf Abtrei­bung gene­rell für ver­fas­sungs­kon­form erklär­te. Für ver­hei­ra­te­te Paa­re war es bereits 1965 lega­li­siert wor­den. Auch muss­te sie nicht erle­ben, dass reli­giö­se Fun­da­men­ta­lis­ten die­sen Beschluss rück­gän­gig machen woll­ten.

Margaret Sanger – eine umstrittene Person?

Die selbst­er­nann­ten „Lebens­schüt­zer“, die nicht das Leben der unge­wollt Schwan­ge­ren schüt­zen wol­len, son­dern Psy­cho­ter­ror auf die­se aus­üben, ent­deck­ten kon­tro­ver­se Sei­ten bei Mar­ga­ret San­ger. Sie mach­ten dar­auf auf­merk­sam, dass die­se gegen Abtrei­bung argu­men­tie­ren wür­de, wenn sie davon sprach, dass Abtrei­bung mit wirk­sa­mer lega­ler Ver­hü­tung unnö­tig wäre. Auch ver­wie­sen sie dar­auf, dass Mar­ga­ret im fort­ge­schrit­te­nen Alter von Euge­ni­kern beein­flusst wor­den sei, die die Gebur­ten­kon­trol­le zur Aus­son­de­rung nicht „wün­schens­wer­ten Lebens“ benut­zen woll­ten.

San­ger hat­te jedoch die Eutha­na­sie der Hit­ler-Faschis­ten unein­ge­schränkt atta­ckiert. Aus ihren Brie­fen geht her­vor, dass Eutha­na­sie kein Weg war, um ihre Zie­le zu errei­chen. In einem Brief an die bri­ti­sche Frau­en­recht­le­rin Edith How-Mar­tyn vom 21. Mai 1933 schrieb sie: „All die­se Nach­rich­ten aus Deutsch­land sind trau­rig und fürch­ter­lich, und für mich viel gefähr­li­cher als alle ande­ren Krie­ge, die irgend­wo statt­fin­den, da es dort so vie­le gute Men­schen gibt, die den Gräu­el­ta­ten applau­die­ren und sie als rech­tens sehen. Der plötz­li­che Ant­ago­nis­mus gegen die Juden in Deutsch­land und der bei­ßen­de Hass ihnen gegen­über, der sich hier im Unter­grund ver­brei­tet, ist viel gefähr­li­cher als die aggres­si­ve Poli­tik der Japa­ner in der Man­dschu­rei.“

Ich schlie­ße mich dem von mir unver­ges­se­nen Publi­zis­ten Vic­tor Gross­man (1928–2025) an, der als letz­ten Satz in sei­ner Kurz­bio­gra­fie über Mar­ga­ret San­ger schrieb: „Über ihr stür­mi­sches Leben darf noch immer gestrit­ten wer­den.“

Lite­ra­tur:

Vic­tor Gross­man: Darf man dar­über reden? Mar­ga­ret San­ger, in: ders.: Rebel Girls. 34 ame­ri­ka­ni­sche Frau­en im Por­trät, Köln 2013, S. 137–143.

Mar­ga­ret San­ger: An Auto­bio­gra­phy, New York/Dover 1971.

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