Kindheit und erste berufliche Erfahrungen
Geboren wurde sie als Margaret Higgins in Corning, im Norden des Staates New York. Ihre Mutter wurde in 22 Jahren 18-mal schwanger. Sie brachte elf Kinder lebend zur Welt und starb bereits im Alter von 50 Jahren, geschwächt und krank. Margaret musste sie und die jüngeren Geschwister pflegen und ihre Ausbildung zurückstellen. Nach dem Tod der Mutter wurde sie Krankenschwester, heiratete, bekam drei Kinder und zog in das Bohème-Viertel von New York. Dort lernte sie Anarchistinnen wie Emma Goldman und Sozialistinnen wie Elizabeth Gurley Flynn kennen und trat der Sozialistischen Partei bei. Während ihrer Arbeit musste sie erneut erfahren, wie Arbeiterfrauen leiden mussten, weil ihnen das Wissen fehlte, Schwangerschaften zu verhüten. Schätzungsweise 100.000 illegale Abtreibungen pro Jahr gab es allein in New York: „Ich sehe sie vor mir, diese armen schwachen, zerbrechlichen und verwüsteten Frauen, alle Jahre wieder schwanger, wie automatische Brutmaschinen“, schrieb sie. Das Schicksal dieser Frauen beeinflusste Sanger. Sie gründete eine eigene Monatszeitschrift mit dem Titel The Woman Rebel, die sich unter dem Slogan No Gods and No Masters (Keine Götter und keine Herren) für die Verhütung von Schwangerschaften einsetzte und dafür eintrat, dass jede Frau „die absolute Herrin über ihren eigenen Körper“ sein sollte. Das war 1914 (nicht nur) in den USA umstürzlerisch. Für viele Menschen ist es das heute noch! Margaret Sanger wurde dafür mehrfach verhaftet.
Margaret setzte ihren Kampf fort
Sie blieb bei ihrer Meinung, dass nur Frauen, die über ihren Körper selbst bestimmen können, Gleichberechtigung in Bezug auf sexuelle Beziehungen und auf Positionen in der Gesellschaft erreichen können. Dafür erhielt sie viel Zustimmung, aber auch böse Anschuldigungen. Mit ihrer Schwester eröffnete sie 1916 in Brooklyn eine Klinik für Familienplanung und Geburtenkontrolle, in der sie auch die in den Niederlanden entwickelten Pessare (Diaphragmen) verabreichten. Da ein Gesetz in New York die Verteilung von Verhütungsmitteln verbot, wurden die Schwestern ins Gefängnis gesteckt. 1917 gründete Margaret die Zeitschrift Birth Control Review. Nach dem Ersten Weltkrieg eröffnete sie in Harlem ein Hospital mit ausschließlich afro-amerikanischem Personal und gründete 1921, gemeinsam mit anderen Frauen, die Amerikanische Liga für Geburtenkontrolle, deren Präsidentin sie wurde. Mindestens achtmal wurde sie während dieser Zeit verhaftet. Nur durch die Unterstützung und die Proteste von prominenten Intellektuellen, großen Frauenklubs und einigen (nicht der katholischen) Kirchen konnte sie weiterarbeiten. 1923 richtete sie das Clinical Research Bureau ein, es war die erste legale Klinik für Geburtenkontrolle in den USA. Im selben Jahr rief sie das National Committee on Federal Legislation for Birth Control ins Leben, das sich für die Legalisierung der Geburtenkontrolle auf Bundesebene einsetzte. Sie stand ihm bis 1937 als Präsidentin vor. 1927 half Sanger bei der Organisation der ersten Weltbevölkerungskonferenz in Genf.
1937 wurde Sanger Vorsitzende des Birth Control Council of America und begann mit der Veröffentlichung von The Birth Control Review und The Birth Control News. 1952 unterstützte sie die Gründung der International Planned Parenthood Federation (IPPF), die heute noch besteht und zu deren Mitgliedern auch die im selben Jahr gegründete deutsche Organisation pro familia gehört. Bis 1959 war sie Präsidentin dieser größten privaten Organisation zur Familienplanung. 1960 erlebte sie die Ausbreitung der „Antibabypille“, für deren Entwicklung und finanzielle Förderung sie sich vehement eingesetzt hatte und durch die die Verhütungsfrage für Frauen vereinfacht wurde. Schließlich war die Pille ein Mittel, das ihnen allein die Macht gab, zu entscheiden, ob sie schwanger werden wollten oder nicht. Margaret Sanger starb 1966 im Alter von 86 Jahren in einem Pflegeheim in Arizona an Herzversagen. Sie konnte nicht mehr erleben, dass der Oberste Gerichtshof 1973 das Recht auf Abtreibung generell für verfassungskonform erklärte. Für verheiratete Paare war es bereits 1965 legalisiert worden. Auch musste sie nicht erleben, dass religiöse Fundamentalisten diesen Beschluss rückgängig machen wollten.
Margaret Sanger – eine umstrittene Person?
Die selbsternannten „Lebensschützer“, die nicht das Leben der ungewollt Schwangeren schützen wollen, sondern Psychoterror auf diese ausüben, entdeckten kontroverse Seiten bei Margaret Sanger. Sie machten darauf aufmerksam, dass diese gegen Abtreibung argumentieren würde, wenn sie davon sprach, dass Abtreibung mit wirksamer legaler Verhütung unnötig wäre. Auch verwiesen sie darauf, dass Margaret im fortgeschrittenen Alter von Eugenikern beeinflusst worden sei, die die Geburtenkontrolle zur Aussonderung nicht „wünschenswerten Lebens“ benutzen wollten.
Sanger hatte jedoch die Euthanasie der Hitler-Faschisten uneingeschränkt attackiert. Aus ihren Briefen geht hervor, dass Euthanasie kein Weg war, um ihre Ziele zu erreichen. In einem Brief an die britische Frauenrechtlerin Edith How-Martyn vom 21. Mai 1933 schrieb sie: „All diese Nachrichten aus Deutschland sind traurig und fürchterlich, und für mich viel gefährlicher als alle anderen Kriege, die irgendwo stattfinden, da es dort so viele gute Menschen gibt, die den Gräueltaten applaudieren und sie als rechtens sehen. Der plötzliche Antagonismus gegen die Juden in Deutschland und der beißende Hass ihnen gegenüber, der sich hier im Untergrund verbreitet, ist viel gefährlicher als die aggressive Politik der Japaner in der Mandschurei.“
Ich schließe mich dem von mir unvergessenen Publizisten Victor Grossman (1928–2025) an, der als letzten Satz in seiner Kurzbiografie über Margaret Sanger schrieb: „Über ihr stürmisches Leben darf noch immer gestritten werden.“
Literatur:
Victor Grossman: Darf man darüber reden? Margaret Sanger, in: ders.: Rebel Girls. 34 amerikanische Frauen im Porträt, Köln 2013, S. 137–143.
Margaret Sanger: An Autobiography, New York/Dover 1971.



