Humanistische Lebenskunde

Wie es begann

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Schüler*innen einer Kreuzberger Schule basteln anlässlich des Welthumanist*innentag 2023 unter dem Motto “Sehnsucht nach Frieden” im Lebenskundeunterricht Kraniche als Friedenssymbole.

Beitragsbild: Anne Gastmann

Von bescheidenen Anfängen hat sich der Humanistische Lebenskundeunterricht in Berlin und Brandenburg zu einem wichtigen Pfeiler der werteorientierenden Erziehung entwickelt. In den vergangenen 40 Jahren haben mehr als 400.000 Schüler*innen am Fach teilgenommen. Ein Blick zurück.

„Vor 40 Jah­ren hät­ten wir uns das nicht vor­stel­len kön­nen“, erzählt Ulrich Tüns­mey­er. Als einer der ers­ten Lebens­kun­de­lehr­kräf­te war er in den Anfangs­ta­gen des Fachs mit dabei. „Dass wir heu­te für jähr­lich über 72.000 Schü­ler*innen das belieb­tes­te Welt­an­schau­ungs­fach an staat­li­chen Schu­len in Ber­lin anbie­ten, haben wir nicht ansatz­wei­se gedacht“.

Vor 40 Jah­ren, das war in den 1980ern. Ber­lin war damals noch geteilt. Im West­teil der Stadt mach­te sich eine Hand­voll über­zeug­ter Freidenker*innen auf den Weg, um ihre Idee von huma­nis­ti­scher Bil­dung in den Schu­len zu ver­an­kern. Eine Alter­na­ti­ve zum Reli­gi­ons­un­ter­richt soll­te es wer­den. Inspi­riert von den reform­päd­ago­gi­schen Ideen der 1920er-Jah­re und den gesell­schaft­li­chen Anfor­de­run­gen der dama­li­gen Zeit. „Wir muss­ten Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten: bei den Schu­len, damit sie das Fach anbie­ten, bei der Ber­li­ner Senats­ver­wal­tung, damit sie es aner­kennt und finan­ziert. Die Bemü­hun­gen haben sich gelohnt, als im Schul­jahr 1982/83 zunächst ein zwei­jäh­ri­ges Pilot­pro­jekt an den Start ging“, erin­nert sich Ulrich Tüns­mey­er. 1984 begann in der Theo­dor-Storm-Grund­schu­le in Neu­kölln dann der regu­lä­re Unter­richt.

Zunächst war die Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de ein Nischen­fach. Doch nicht nur im Hin­blick auf die Beliebt­heit hat sie sich wei­ter­ent­wi­ckelt, son­dern auch inhalt­lich und metho­disch-didak­tisch. Anfangs habe es kaum Unter­richts­ma­te­ri­al gege­ben, wes­halb viel impro­vi­siert wur­de, berich­tet Ulrich Tüns­mey­er. „Heu­te ist das anders, es gibt viel Mate­ri­al, sogar ein Schul­buch.“

Huma­nis­ti­sche Bil­dung bedeu­tet, den Men­schen in den Mit­tel­punkt zu stel­len und Wer­te wie Mit­ge­fühl und Wert­schät­zung zu för­dern. Im Lau­fe der Zeit wur­den die Huma­nis­ti­schen Pos­tu­la­te als Grund­aus­sa­gen einer Huma­nis­ti­schen Welt­an­schau­ung inte­griert. Die Pos­tu­la­te – Natur­zu­ge­hö­rig­keit, Ver­bun­den­heit, Gleich­heit, Frei­heit, Ver­nunft und Welt­lich­keit – bil­den das Rück­grat der Huma­nis­ti­schen Bil­dung. Sie ermu­ti­gen dazu, die Natur des Men­schen zu erkun­den, Empa­thie und Gemein­schafts­sinn zu för­dern sowie die Bedeu­tung von Frei­heit und Ver­nunft im Den­ken und Han­deln zu beto­nen.

In einer Zeit gesell­schaft­li­cher Her­aus­for­de­run­gen und glo­ba­ler Kri­sen gewinnt die Huma­nis­ti­sche Bil­dung an Bedeu­tung. Sie ermög­licht es den Schüler*innen, kri­tisch zu reflek­tie­ren, empa­thisch zu han­deln und Ver­ant­wor­tung für sich selbst und ihre Mit­men­schen zu über­neh­men. Wohl alle fast 400 haupt­amt­li­chen Lebenskundelehrer*innen sind über­zeugt: Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de ist ein unver­zicht­ba­rer Bestand­teil einer kom­pe­tenz- und stär­ken­ori­en­tier­ten Bil­dung, die dar­auf abzielt, die Mensch­lich­keit in all ihren Facet­ten zu för­dern. Sie wird auch in den kom­men­den Jahr­zehn­ten jun­ge Men­schen dabei unter­stüt­zen, selbst­be­stimmt und ver­ant­wor­tungs­be­wusst an unse­rer Gesell­schaft teil­zu­ha­ben. Und bei allem Wan­del der letz­ten 40 Jah­re sieht Ulrich Tüns­mey­er eine wich­ti­ge Kon­stan­te: „Die Kin­der sind damals wie heu­te sehr gern zum Lebens­kun­de­un­ter­richt gekom­men.“

Der Bei­trag erschien zuerst im Maga­zin der Freund*innen des HUMANISMUS 15 | Som­mer 2024. Wir dan­ken dem Huma­nis­ti­schen Ver­band Ber­lin-Bran­den­burg für die freund­li­che Geneh­mi­gung zur Zweit­ver­öf­fent­li­chung.

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