Zum neuen Buch von Bernd Stegemann

„Was vom Glauben bleibt“

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Foto: Evelin Frerk

Beitragsbild: Christian Garcia/unsplash

In seinem aktuellen Buch „Was vom Glauben bleibt“ beklagt der Dramaturg Bernd Stegemann den Verlust religiöser Orientierung und die „atheistische Apokalypse“. Rezensent Johannes Schwill, Präsident des Humanistischen Verbandes Nordrhein-Westfalen, zeigt, warum dieser Rückgriff auf den Glauben zu einer unvollständigen Antwort auf gesellschaftliche Probleme führt.

„Was vom Glau­ben bleibt“: Das will Prof. Bernd Ste­ge­mann wis­sen, Regis­seur, Dra­ma­turg und Mit­grün­der der eigent­lich lin­ken Auf­ste­hen-Bewe­gung von Sahra Wagen­knecht in sei­nem neu­en Buch von 2024. Sich selbst ver­or­tet er als „ungläu­big“, zugleich tief durch den Katho­li­zis­mus geprägt. „Im drit­ten Jahr­hun­dert des Expe­ri­ments des Lebens ohne Gott“ sieht er – man reibt sich die Augen – das Haupt­übel der angeb­lich ori­en­tie­rungs­lo­sen, nihi­lis­ti­schen Gegen­wart in der säku­la­ren Ent­ker­nung und Zer­split­te­rung des Glau­bens. „Reli­gi­ons­lo­se Glau­bens­ge­füh­le“ und hei­mat­lo­se Glau­bens­par­ti­kel geis­ter­ten als „säku­la­rer Glau­be“ her­um und ver­knüpf­ten sich mit Ratio­na­lem zu pro­ble­ma­ti­schen Kom­bi­na­tio­nen; der über­zo­ge­ne Indi­vi­dua­lis­mus füh­re zu Rat­lo­sig­keit, Ver­zweif­lung, Hybris und poli­ti­schem Fana­tis­mus.

Naht­los knüpft er damit an den Stil des katho­li­schen „syl­labus errorum“, des päpst­li­chen Kata­logs der „Irr­tü­mer“ an. Im 19. Jahr­hun­dert hat­te die katho­li­sche Kir­che nach den Erfah­run­gen der Revo­lu­ti­ons­zeit eine inne­re und äuße­re „Wagen­burg“ gegen die Moder­ne errich­tet und auto­no­me Ver­nunft, Auf­klä­rung, Wis­sen­schaft, Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te pau­schal als Abfall von Gott und Kir­che ver­dammt. Kri­tik­los über­nimmt Bernd Ste­ge­mann theo­lo­gi­sches Voka­bu­lar und spricht, nebu­lös „rau­nend“, von der „athe­is­ti­schen Apo­ka­lyp­se“. Sein Weg­wei­ser zurück auf den rech­ten Pfad der Demut ist der von ihm ver­ehr­te katho­li­sche Phi­lo­soph Josef Pie­per, den er als Gym­na­si­al­schü­ler in Müns­ter ken­nen­lern­te und auf den er sich jetzt zurück-besinnt. So glie­dert er sein Buch mit der bekann­ten pau­li­ni­schen Bibel­tri­as Glau­be, Hoff­nung und Lie­be. Ziel­punk­te sei­ner regres­si­ven Nabel­schau sind ein vages War­ten auf die gött­li­che Gna­de, ein Lob gemein­sa­mer Rituale/Sakramente und die Erin­ne­rung an bes­se­re Zei­ten: „Solan­ge wir uns noch mit Geschich­te dar­an erin­nern, dass es etwas Hei­li­ges gab, an das es sich zu erin­nern lohnt, sind wir nicht ver­lo­ren.“

Bei den Kri­tik­punk­ten an der Gegen­wart kann man ihm teil­wei­se fol­gen. So spricht ja auch Jür­gen Haber­mas von einer „ent­glei­sen­den Moder­ne“. Kul­tur­kri­tik, auch zuspit­zen­de, ist legi­tim und not­wen­dig. Rück­grif­fe auf reli­giö­se Sinn­mo­del­le wie die Gno­sis, eine ver­ket­zer­te Vari­an­te des Chris­ten­tums, oder die pro­tes­tan­ti­sche Ethik des Kapi­ta­lis­mus sind nicht von vorn­her­ein „Teu­fels­zeug“. Rich­tig ist, dass es wie­der reli­giö­sen poli­ti­schen Fana­tis­mus wie den Isla­mis­mus, Putins hei­li­ges Russ­land oder auch den MAGA-Trum­pis­mus gibt und dass z. B. die radi­kal-öko­lo­gi­sche Kli­ma­kri­tik auch mes­sia­nisch-apo­ka­lyp­ti­sche Züge trägt. Das woke, schwär­me­ri­sche Enga­ge­ment ins­be­son­de­re von lin­ken Iden­ti­täts- und Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­po­li­ti­ken grenzt sicher­lich manch­mal an den sek­tie­re­ri­schen Eifer frü­he­rer Klein­re­li­gio­nen. Und das „Opfer“ ist unstrit­tig ein ursprüng­lich reli­giö­ser Begriff. Schwie­ri­ger wird es bei den tota­li­tä­ren Ideo­lo­gien des 20. Jahr­hun­derts, beim Sta­li­nis­mus und beim Natio­nal­so­zia­lis­mus. Gewiss hat­ten auch sie reli­giö­se Ele­men­te wie End­zeit­hoff­nun­gen und „Aus­er­wähl­te“ im Pro­gramm. Der Begriff „Ersatz­re­li­gi­on“ ver­kürzt und ver­harm­lost jedoch ihr men­schen­feind­li­ches Wir­ken. Carl Schmitt, ein NS-Sym­pa­thi­sant, der alle Staats- und Poli­tik­be­grif­fe auf theo­lo­gi­sche Ideen zurück­führt, lässt grü­ßen.

Ärger­lich ein­di­men­sio­nal ist der his­to­ri­sche Teil: kein Wort über säku­la­re Ethik und Phi­lo­so­phie, Wis­sen­schaft, Staats- und Demo­kra­tie­theo­rie seit der Auf­klä­rung. Im Gegen­teil: Der Athe­is­mus gefähr­de die Demo­kra­tie! Die Kir­chen nennt er „Rui­nen“; kein Wort über ihren anhal­ten­den Ein­fluss. Die Säku­la­ri­sie­rung wird nur als Ver­lust­ge­schich­te beschrie­ben; kein Wort über die Schat­ten­sei­ten der Reli­gio­nen und über die Ver­bre­chen in ihrem Namen. Kein Wort über das „Eigen­recht“ der Moder­ne, wie es Hans Blu­men­berg nann­te. Kein Wort über die Errun­gen­schaf­ten der Moder­ne, von Wis­sen­schaft, Medi­zin, Tech­nik und Huma­ni­sie­rung. Der Phi­lo­soph Charles Tay­lor argu­men­tiert in sei­nem Buch „Ein säku­la­res Zeit­al­ter“ viel kon­struk­ti­ver und dif­fe­ren­zier­ter. Auch er bedau­ert als gläu­bi­ger Katho­lik den Nie­der­gang des Glau­bens und der reli­giö­sen Bin­de­kräf­te, sieht jedoch im Plu­ra­lis­mus und Indi­vi­dua­lis­mus der Gegen­wart auch gro­ße Chan­cen.

Für Humanist*innen beden­kens­wert sind Ste­ge­manns bibli­sche Begrif­fe „Glau­be, Hoff­nung und Lie­be“. Für den All­tag, nicht als Fun­da­ment der säku­la­ren Demo­kra­tie! Dass es bei vie­len Men­schen um uns her­um mit der Selbst­ver­wirk­li­chung hapert, dass sie ein­sam und manch­mal miss­mu­tig sind und ihnen Halt und Ziel zu feh­len schei­nen, stimmt ja. Mit­mensch­lich­keit und Soli­da­ri­tät, pathe­tisch: Lie­be, haben wir Humanist*innen auch im Pro­gramm. Und natür­lich hof­fen wir auf bes­se­re Zei­ten, auf Fort­schrit­te der Huma­ni­sie­rung im Gro­ßen und im Klei­nen. Schwie­rig wird es, wenn die Zei­chen und Zei­ten auf Ver­lust ste­hen; das betont der Sozio­lo­ge Andre­as Reck­witz. Hoff­nung kann machen, wenn es gelingt, das Erreich­te gemein­sam eini­ger­ma­ßen zu sichern und zu ver­tei­di­gen. Ganz schwie­rig ist es mit dem „Glau­ben“. Vie­le auf­ge­klär­te, ratio­na­le Säku­la­re wischen ihn ein­fach bei­sei­te. Ein Gefühl des „Getra­gen- und Auf­ge­ho­ben­seins“, von dem spi­ri­tu­ell „musi­ka­li­sche“ Zeitgenoss*innen durch­aus „glaub­wür­dig“ berich­ten, scheint mir jedoch anstre­bens­wert. Nur Illu­si­on und Selbst­be­trug? Die Fra­ge bleibt, wor­auf es grün­den könn­te. Ste­ge­manns Erin­ne­rung an Hei­li­ges kann es nicht sein, das sagt sogar die FAZ. Es muss schon aus dem Leben im Dies­seits und dem Mit- und Für­ein­an­der kom­men.

Bernd Ste­ge­mann: Was vom Glau­ben bleibt. Wege aus der athe­is­ti­schen Apo­ka­lyp­se.
Klett-Cot­ta, Stutt­gart, 2024
288 Sei­ten, 25 €
ISBN: 978–3‑608–98830‑7

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