Bundestagswahl 2025

Worauf es ankommt

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Beitragsbild: David McKelvey | CC BY-NC-ND 2.0 Generic

In säkularen und humanistischen Kreisen wird in Vorbereitung einer Wahlentscheidung gerne die Frage gestellt, was die jeweilige Partei für „die Säkularen“ bzw. die Humanist*innen zu bieten hat. Das ist eine gruppenspezifische Herangehensweise, die entscheidende Fragen im Hinblick auf unsere aktuelle gesellschaftliche Situation und zu notwendigen Veränderungen außen vor lässt.

Staats­kir­chen­recht, Ablö­sung von Staats­leis­tun­gen, kirch­li­ches Arbeits­recht etc. – Sind das die The­men, die die Bevöl­ke­rung und uns aktu­ell umtrei­ben? Der aktu­el­le Wahl­kampf soll nach Ansicht der Ober­po­pu­lis­ten und Rechts­extre­men vom The­ma Migra­ti­on beherrscht wer­den. Dane­ben drin­gen die The­men Wirt­schafts- und Sozi­al­po­li­tik gele­gent­lich durch, ganz schwer hat es das The­ma Kli­ma­po­li­tik.

Von der tat­säch­li­chen Bedro­hung her müss­te die Rei­hen­fol­ge umge­kehrt sein. Jedes wei­te­re Ver­säum­nis im Bereich Kli­ma­po­li­tik wird auf uns zukom­men­de ein­schnei­den­de Ver­än­de­run­gen unse­rer Lebens­be­din­gun­gen ver­schär­fen. Die Kli­ma­pro­gno­sen lie­gen seit lan­gem auf dem Tisch, dras­ti­sche Kli­ma­än­de­run­gen sind für alle sicht­bar und wer­den für alle Men­schen auf der Welt schreck­li­che Fol­gen haben. Wenn bei unse­ren euro­päi­schen Mit­tel­meer­an­rai­nern Was­ser­man­gel, Dür­re und Brän­de wei­ter zuneh­men, dann sind es die Men­schen von dort, die nord­wärts zie­hen. Aus dem Wes­ten kom­men die Niederländer*innen. Und wir wer­den die Aus­wir­kun­gen in Form von Beein­träch­ti­gung der Land­wirt­schaft spü­ren, von zuneh­men­den Hoch­was­ser­er­eig­nis­sen, von Hit­ze­to­ten. Soll­ten wir also nicht bes­ser fra­gen, wel­che Par­tei­en bereit sind, etwas zum Schutz vor schäd­li­chen Kli­ma­än­de­run­gen zu tun und zu einem Abbrem­sen der Ent­wick­lung?

Die sozia­le Ungleich­heit in unse­rem Land nimmt zu, das Bil­dungs­sys­tem wird von Jahr zu Jahr schlech­ter, die Ver­sor­gung mit Kita- und Kin­der­gar­ten­plät­zen eben­so. Unser Gesund­heits­sys­tem krankt, unse­re Ver­kehrs­in­fra­struk­tur ist kaputt­ge­spart. Wo ist die Scham über das, was uns jahr­zehn­te­lang von diver­sen Regie­run­gen mit unter­schied­li­chen Koali­tio­nen ein­ge­brockt wur­de, was Neo­li­be­ra­lis­mus im Markt umver­teilt hat? Wer war da eigent­lich betei­ligt in den letz­ten 40 Jah­ren? Wer hat pri­va­ti­siert auf Teu­fel komm raus, wer hat alle Schran­ken für Kapi­tal­strö­me auf der Suche nach Pro­fit abge­baut, gegen jeden sach­ver­stän­di­gen Rat? Wer hat die Kos­ten ver­staat­licht, wenn es schief­ging? Und jetzt wis­sen die alten Ver­ant­wort­li­chen plötz­lich, wie es bes­ser geht? Soll­ten wir nicht fra­gen, was uns hier vor­ge­gau­kelt wird?

Der Markt macht’s? Im gro­ßen Maß­stab hat die neo­li­be­ra­le Markt­ent­fes­se­lung nur gesell­schaft­li­chen Reich­tum in die pri­va­ten Taschen weni­ger umver­teilt. Soll­ten wir also nicht fra­gen, wo bei den Par­tei­en neue Kon­zep­te zur Behe­bung die­ser nega­ti­ven Ent­wick­lung zu fin­den sind, Kon­zep­te, die nicht auf­wär­men, was vor­ges­tern schon nicht funk­tio­niert hat? Soll­ten wir nicht fra­gen, wel­che Par­tei­en bzw. Politiker*innen eine ernst­haf­te tie­fer­ge­hen­de Debat­te über unse­re Zukunft in der Gesell­schaft zu orga­ni­sie­ren wil­lens und fähig sind? Wer das Nach­den­ken nicht ver­wei­gert, dem muss klar sein, dass Kon­zep­te, die Deutsch­land vor hun­dert Jah­ren schon zugrun­de gerich­tet oder Eng­land durch den Brexit fürch­ter­lich gescha­det haben, kei­ne Alter­na­ti­ve sind.

Die Migrant*innen sind an allem schuld? Kör­per­ver­let­zun­gen, Mor­de und Tot­schlä­ge sind schlimm. 2.800 Fäl­le von Mord und Tot­schlag haben wir pro Jahr, davon ca. 400 von Zuge­wan­der­ten[1] (lt. Poli­zei­sta­tis­tik) began­gen. Bei den 150.000 Fäl­len von gefähr­li­chen und schwe­ren Kör­per­ver­let­zun­gen wer­den 20.000 Zuge­wan­der­ten zuge­rech­net. Die Antei­le sind hoch, kei­ne Fra­ge, aber wir tun unse­ren Teil dazu – durch ein mise­ra­bles Asyl-Prü­fungs­sys­tem, durch mise­ra­ble Unter­kunfts- und Arbeits­zu­gangs­re­ge­lun­gen, völ­lig inkon­se­quen­te Rück­wei­se­re­ge­lun­gen und ähn­li­ches Ver­sa­gen. Deutsch­land braucht kei­ne „Remi­gra­ti­on“, son­dern eine huma­ne Will­kom­mens­kul­tur, schon aus Grün­den der Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung. Nur auf die­ser Basis kön­nen wir uns dann von sol­chen tren­nen, die nicht bereit sind, mit uns Frei­heit und Gleich­heit zu leben. Gibt es Politiker*innen und Par­tei­en, die hier zu klu­ger Poli­tik bereit und in der Lage sind? Gibt es noch wel­che, die sich schä­men, wie unser Land inzwi­schen mit der Not Schutz­su­chen­der umgeht? Als Humanist*innen, die um ein men­schen­wür­di­ges Leben für alle und eine erträg­li­che Zukunft besorgt sind, fin­den wir lei­der nicht auf alle unse­re Fra­gen gute Ant­wor­ten. Die­se Ant­wor­ten kom­men nicht von allein. Erst­mal suchen wir Men­schen nach beque­me­ren Wegen und schein­bar wohl­fei­len Kon­zep­ten. Es liegt an uns, mit rich­ti­gen Ana­ly­sen nach huma­nen und zukunfts­träch­ti­gen Lösun­gen zu suchen, dar­über auf­zu­klä­ren und dafür zu strei­ten. Jeden Tag aufs Neue, jedem Rück­schlag zum Trotz.


[1] Zuge­wan­der­te wer­den in der Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik mit Auf­ent­halts­an­lass „Asyl­be­wer­ber“, „Schutz- und Asyl­be­rech­tig­te, Kon­tin­gent­flücht­lin­ge“ „Dul­dung“ oder „uner­laub­ter Auf­ent­halt“ regis­triert.

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1 Gedanke zu „Worauf es ankommt“

  1. Die­ser Tage fand ich einen Klar­text bei Face­book:
    „Die Zeit fos­si­ler Ener­gien ist vor­bei. Die Zukunft ist kli­ma­neu­tral, oder sie ist über­haupt nicht.”
    Unglaub­lich, wel­cher Art die Kom­men­ta­re dar­un­ter waren. Es ist völ­lig sinn­los mit Leu­ten zu dis­ku­tie­ren, die nicht bereit sind, Vor­gän­ge zu Ende zu den­ken. Von daher ver­fängt auch nicht die Idee, die Leu­te mit Argu­men­ten zu stel­len. Sie leben in einer Par­al­lel­welt mit alter­na­ti­ven Fak­ten.

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