Marie Kurz (6. August 1826 – 26. Juni 1911)

Die „Rote Marie“ und ihre „Heidenkinder“

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Foto: privat
Krauss und Hilb, Stuttgart – Literarische Spuren in Esslingen, S. 65,
Vor 200 Jahren, am 6. August 1826, wurde die revolutionäre Dichterin und Freidenkerin Marie Kurz als Eva Maria Freiin von Brunnow in Ulm geboren. Die „Rote Marie“ des Königreichs Württemberg trat für soziale Gerechtigkeit ein und blieb ihren Überzeugungen ein Leben lang treu.

Vor 200 Jah­ren wur­de Marie Kurz als Eva Maria Frei­in von Brun­now am 6. August 1826 in Ulm gebo­ren. Die jun­ge Ade­li­ge leb­te in Ess­lin­gen und wur­de bekannt als jun­ge revo­lu­tio­nä­re Dich­te­rin in der Zeit 1848/1849 und als Frei­den­ke­rin. Sie hei­ra­te­te den Schrift­stel­ler, revo­lu­tio­nä­ren Publi­zis­ten und Über­set­zer Her­mann Kurz (18131873). Ihre Kin­der waren der Arzt, Dich­ter und frü­he radi­ka­le Sozia­list Edgar Con­rad Kurz (18531904), der Arzt Alfred Kurz (18551905), der Bild­hau­er Erwin Kurz (18571931), die berühmt gewor­de­ne Schrift­stel­le­rin Isol­de Kurz (18531944) und der jung ver­stor­be­ne Gari­bal­di „Bal­de“ Kurz (18601882). Marie selbst war im beschau­li­chen König­reich Würt­tem­berg eine bekann­te frü­he Sozia­lis­tin (genannt „Rote Marie“), Pazi­fis­tin und Frei­den­ke­rin. Ihr 13 Jah­re älte­rer Mann Her­mann gehör­te mit sei­nen Roma­nen „Schil­lers Hei­mat­jah­re“ (1843), „Der Son­nen­wirt“ (1856) u.a. zu den Begrün­dern des his­to­ri­schen, rea­lis­ti­schen und sozia­len Erzäh­lens im deut­schen Vor­märz und war in der Revo­lu­ti­ons­zeit 1848/49 bereits bekannt als Dich­ter, Schrift­stel­ler und revo­lu­tio­nä­rer Redak­teur. Marie teil­te sei­ne Ideen und blieb immer etwas kon­se­quen­ter und radi­ka­ler als er.

Aus nie­de­rem Adel stam­mend, wuchs Marie in Stutt­gart, Lud­wigs­burg und auf dem Land­gut der Eltern in Ober­esslin­gen auf. Sie erhielt eine umfang­rei­che Bil­dung und wur­de eine bele­se­ne Ken­ne­rin der Lite­ra­tur und Ver­eh­re­rin der Anti­ke. Schon früh war sie rebel­lisch, pazi­fis­tisch und trat für sozia­le Gerech­tig­keit ein. Aus Pro­test gegen die kon­ven­tio­nel­len Klei­der­vor­schrif­ten trug sie demons­tra­tiv eine bäu­er­li­che Tracht.

Eva Wal­ter beschrieb in ihrer Fami­li­en-Bio­gra­fie über die Jugend von Marie: „Sie hat kei­nen Respekt vor Auto­ri­tä­ten und spricht immer und über­all aus, was sie denkt. Äußer­lich­kei­ten sind ihr gleich­gül­tig, sie hat kei­nen Sinn für die weib­li­che Kunst, sich zu schmü­cken. Hand­ar­bei­ten sind ihr ein Gräu­el. Das ein­fa­che, natür­li­che ist ihr wesens­ge­mäß und sie fühlt, ganz Kind einer vor­aus­ge­gan­ge­nen Epo­che, ‚den Rous­seau­schen Drang nach Rück­kehr zur aller­ein­fachs­ten Natur‘ in sich. Eti­ket­te und Kon­ven­tio­nen lehnt sie ab – wie der Vater. Trotz aller Mühen gelingt es den Erzie­he­rin­nen nicht, ihr den Drang zur kör­per­li­chen Frei­heit zu neh­men. Sobald sie sich unbe­ob­ach­tet fühlt, wirft sie die ein­engen­de Klei­dung ab und geht in leich­tem Som­mer­kleid umher.“

„Ihre Frei­gie­big­keit ist schon als Kind sehr aus­ge­prägt und immer ver­steht sie dies als Mög­lich­keit, ‚Gedrück­ten bei­zu­ste­hen‘ und emp­fin­det dabei eine ‚rebel­li­sche Freu­de‘. Die Toch­ter Isol­de beschreibt dies als ‚ange­bo­re­nen kom­mu­nis­ti­schen Zug‘ und schon im Kin­des­al­ter auf­kei­men­de ‚sozia­lis­ti­sche Regun­gen‘.“

Marie befass­te sich mit Lite­ra­tur und Poe­sie: „Mit der Poe­sie gibt sich die Rast­lo­se aber nicht zufrie­den. Der Sinn des Lebens tut sich hier nicht auf. Die Fra­ge nach dem letz­ten Grund der Din­ge beschäf­tigt die Suchen­de. Die christ­li­che Reli­gi­on bie­tet ihr kei­ne Nah­rung und wird ‚unter hef­ti­gem inne­ren Rin­gen‘ ver­las­sen. Sie nimmt sich die Phi­lo­so­phen vor, was ihre ‚bren­nen­de Gier‘ nicht löscht. Erst die Idea­le der Acht­und­vier­zi­ger Revo­lu­ti­on lösen die inne­re Span­nung. Ein Stand­punkt, von dem aus die Welt betrach­tet wer­den kann, ist gefun­den und bleibt ihr lebens­lang.“

Die Revo­lu­ti­ons­zeit 1848/1849: „Sie besucht Volks­ver­samm­lun­gen, ver­teilt Mani­fes­te und Wahl­zet­tel, unter­stützt die Pro­pa­gan­da finan­zi­ell, schreibt Gedich­te und hält Reden. Um sie her­um bil­det sich ein Kreis gleich­ge­sinn­ter Jugend. Das gehört sich nicht für eine Ade­li­ge und gleich gar nicht für eine Frau!“

(Zit. nach Eva Wal­ter: Isol­de Kurz und ihre Fami­lie. Bio­gra­phie, Mühl­acker 1996)

Her­mann Kurz, den sie in Ess­lin­gen im Febru­ar 1848 ken­nen­ge­lernt hat­te, soll­te sie 1851 hei­ra­ten. Schon vor der Hoch­zeit leg­te sie ihren Adels­ti­tel ab und ver­band sich mit Her­mann in sei­ner poli­ti­schen und lite­ra­ri­schen Tätig­keit, wäh­rend und nach der Revo­lu­ti­on.

Noch als unver­hei­ra­te­tes 22-jäh­ri­ges „Fräu­lein von Brun­now“ schrieb sie Gedich­te anläss­lich der revo­lu­tio­nä­ren Ereig­nis­se („An Deutsch­land“, „An die Ungarn“, „Dres­den“, An Hecker“, „Toten­ge­den­ken“, Her­mann, Hut­ten und Blum“), bekann­te sich zum Frei­en Den­ken und trug anläss­lich einer Fei­er der Frei­re­li­giö­sen Gemein­de Ess­lin­gen am 28.12.1848 ein selbst­ge­dich­te­tes frei­den­ke­ri­sches Gedicht vor. Die Eßlin­ger Schnell­post vom 30.12.1848 berich­te­te über die­sen auf­se­hen­er­re­gen­den Auf­tritt mit­samt dem kom­plet­ten zwölf­s­tro­phi­gen Gedicht „Pro­log“:

Die Zeit der Kämp­fe ist her­an­ge­bro­chen.

Es ringt der neue Geist zum neu­en Licht.

Schon man­che Fes­sel hat er kühn zer­bro­chen,

Den Kranz der Frei­heit er der Erde flicht.

Drum lasst uns froh die Geis­ter­son­ne grü­ßen,

Die mit dem Segen brin­gend neu­en Glut;

Die Knos­pe Frei­heit soll zur Blüt‘ erschlie­ßen,

Auf der als Thau glänzt das ver­gos­se­ne Blut.

Zeit war es, dass das Dun­kel sich gelich­tet,

In Stur­mes­laut die Völ­ker­tu­ba tönt,

Und dass der Will­kür Grö­ßen ste­he gerich­tet,

Die Men­schen­wür­de, Men­schen  recht ver­höhnt.

Wohl ist nicht ganz gesun­ken noch die Hyder,

Wohl da und dort erwächst ein Haupt ihr noch;

Der Zeit­geist naht als Her­ku­les, und nie­der

Vor  d i e s e m  Göt­ter­soh­ne sinkt sie doch!

Doch sag, was nüt­zen dir der Frei­heit Güter,

Was frommt es dir, dass sank der Fürs­ten Macht?

Es dro­hen neue Fes­seln dir ja wie­der,

Des Wahns, des Aber­glau­bens finst­re Macht.

Solang der Aus­fluss jener Wel­ten­see­le

Der Men­schen­geist sich sel­ber denkt, und glaubt,

Dass wenn Ver­nunft er sich zum Leit­stern wäh­le,

Der Höl­le Blit­ze zucken auf sein Haupt.

So lang er sich an Glau­bens­for­meln schlie­ßet,

Das star­re Dog­ma auf den Thron sich hebt,

Dem ew’gen Licht­strom sei­ne Augen schlie­ßet,

Hat er den Sieg der Frei­heit noch nicht erstrebt.

Dem Adler gleich soll er mit Flam­men­schwin­gen,

Zur Wahr­heits­son­ne schwe­ben kühn und frei,

Der Isis Schlei­er suchen zu durch­drin­gen,

Und stür­zen kühn der Pries­ter Tyran­nei.

Ja, dann erst hat er jenen Kranz gefun­den,

Der sich um Huß, der sich um Hut­ten wand,

Der Gali­leis edle Stirn umwun­den,

Der Gott und Mensch­heit an ein­an­der band.

Die Erde lag von Dun­kel­heit umflos­sen,

Im Skla­ven­diens­te fei­ler Hier­ar­chie,

Vom Him­mel ward ein Licht­strahl aus­ge­gos­sen:

‚Neigt der Tia­ra [Papst­kro­ne] nim­mer­mehr das Knie.‘

Vie­le Frei­geis­ter, die sich in der Revo­lu­ti­on enga­giert hat­ten, muss­ten nach deren Nie­der­schla­gung Gefan­gen­schaft, Repres­sio­nen und Exil ertra­gen. Auch die im Land Geblie­be­nen lit­ten unter Berufs­ver­bo­ten. Ein Mit­re­vo­lu­tio­när und ehe­ma­li­ger Jugend­freund Maries, der Schrift­stel­ler und Ger­ma­nist Adolf Bac­meis­ter (18271873), der in Bruch­sal und auf dem Hohen­a­s­perg ein­ge­sperrt wur­de, wid­me­te Marie 1849 sein selbst illus­trier­tes „Rothes Album“, in des­sen Feder­zeich­nun­gen die kämp­fen­de Marie sich als Kämp­fen­de wie­der­fin­den konn­te:

„Das ist der Tag des Herrn. O! läg‘ er nicht mehr fern.“

Marie und Her­mann leb­ten nach der ver­lo­re­nen Revo­lu­ti­on unter äußerst beschei­de­nen Bedin­gun­gen. In Tübin­gen leb­te die kin­der­rei­che Fami­lie, die Her­mann als ange­stell­ter Hilfs­bi­blio­the­kar beschei­den ernähr­te. Aber Lite­ra­ten und Revo­lu­tio­nä­re, die nach Tübin­gen zu Besuch kamen, pfle­gen regen Kon­takt zur Fami­lie Kurz. Häu­fi­ge Besu­cher waren der Grün­der der ers­ten deut­schen Frei­den­ker-Gemein­de in Stutt­gart, der Schrift­stel­ler Albert Dulk (18171884), der revo­lu­tio­nä­re Dich­ter und Poli­ti­ker Lud­wig Pfau (18211894) und die Schrift­stel­le­rin und als Frei­den­ker-Red­ne­rin auf­tre­ten­de Hed­wig Hen­rich-Wil­hel­mi (18331910). Mit ihr arbei­te­te Marie lite­ra­risch eng zusam­men, auch durch eine umfang­rei­che Kor­re­spon­denz und Aus­tausch von Manu­skrip­ten.

Marie Kurz blieb ihren revo­lu­tio­nä­ren Über­zeu­gun­gen treu und lehn­te 1871 die Poli­tik der Reichs­ei­ni­gung unter Preu­ßen ab. Als der preu­ßi­sche Minis­ter­prä­si­dent Otto von Bis­marck, der schon 1848 eine kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Rol­le gespielt hat­te, 1866 einen Krieg gegen Öster­reich anzet­tel­te, um die Vor­herr­schaft Preu­ßens zu befes­ti­gen, ver­üb­te der Stu­dent Fer­di­nand Blind ein erfolg­lo­ses Atten­tat auf ihn. Marie Kurz wid­me­te dem tra­gi­schen Hel­den Blind ein Gedicht, ver­bun­den mit einem Auf­ruf an das deut­sche Volk, „die gan­ze Tyran­nei zu fäl­len“.

Die Kin­der von Marie und Her­mann, ver­schrien in Tübin­gen als „Hei­den­kin­der“, wur­den spä­ter sozi­al enga­gier­te Ärz­te und Künst­ler. Die Toch­ter Isol­de Kurz (18531944) über­leb­te alle, wur­de im Alter aber immer unpo­li­ti­scher und kon­ser­va­ti­ver und war des­we­gen nicht unum­strit­ten. In ihren bio­gra­phi­schen Wer­ken berich­te­te sie auch immer wie­der gehäs­sig über man­che Genos­sen der Eltern. Als Schrift­stel­le­rin war Isol­de den­noch sehr erfolg­reich. Ihre Erin­ne­rungs­bü­cher über ihre Mut­ter Marie „Mei­ne Mut­ter“ (1926) und über ihren Vater „Das Leben mei­nes Vaters“ (1929) sind lite­ra­risch und auch aus his­to­ri­scher Sicht sehr infor­ma­tiv. In Isol­des auto­bio­gra­phi­schem Werk „Aus mei­nem Jugend­land“ (1918) wird über Begeg­nun­gen mit vie­len bekann­ten Per­sön­lich­kei­ten im Eltern­haus und auch über Hed­wig Hen­rich-Wil­hel­mi berich­tet, die seit 1852 bis an Maries Lebens­en­de eng mit Fami­lie Kurz befreun­det war.

Nach dem frü­hen Tod Her­manns, der wohl als ers­ter in Tübin­gen über­haupt ohne einen Pfar­rer bestat­tet wur­de, zog die Fami­lie Kurz nach Ita­li­en. 1910 kehr­te Marie nach Mün­chen zurück und starb dort 1911.

Lite­ra­tur: Marie Kurz: Mär­chen (Stutt­gart 1867, teil­wei­se wie­der­ge­ge­ben, sowie Gedich­te in: Isol­de Kurz: Mei­ne Mut­ter (Tübin­gen 1926); Hel­la Mohr: Die Tage­bü­cher der Marie Kurz geb. von Brun­now; 220 Brie­fe von Marie Kurz an Marie Cas­part; Die rot’ MARIE und ihre FINA: https://kilchb.de/hella_mohr; Stadt Reut­lin­gen (Hrsg.): „Ich bin zwi­schen die Zei­ten gefal­len“ Her­mann Kurz, Schrift­stel­ler des Rea­lis­mus, Redak­teur der Revo­lu­ti­on, Über­set­zer und Lite­ra­tur­his­to­ri­ker zum 175. Geburts­tag. Aus­stel­lungs­ka­ta­log (Reut­lin­gen 1988); Eva Wal­ter: Isol­de Kurz und ihre Fami­lie. Bio­gra­phie (Mühl­acker 1996); Mat­thi­as Slu­nit­schek: Eva Maria Kurz, geb. Frei­in von Brun­now (1826–1911), genannt die rote Marie. Revo­lu­ti­ons­er­leb­nis und Lebens­ent­wurf einer poe­ti­schen Akti­vis­tin in: Wal­ter Schmidt (Hrsg.): Akteu­re eines Umbruchs. Män­ner und Frau­en der Revo­lu­ti­on von 1848/49 (Ber­lin 2016, S. 181–232); Hei­ner Jes­tra­bek: Marie Kurz in: Frei­den­ke­rin und Frau­en­recht­le­rin Maria Véro­ne. Bio­gra­phi­sche Por­träts von 70 Frei­den­ke­rin­nen Vor­kämp­fe­rin­nen für Frau­en­rech­te und Frei­es Den­ken. (Hei­den­heim-Reut­lin­gen 2024, S. 128132).

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