Was macht eine humanistische Trauerfeier aus?

Wenn das Leben eines Menschen den Abschied gestaltet

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Beitragsbild: Tsuyoshi Kozu/Unsplash

Eine humanistische Trauerfeier folgt keiner starren Liturgie und keinem vorgegebenen Ablauf. Im Mittelpunkt steht der verstorbene Mensch: sein Leben, sein Wirken, seine Beziehungen, seine Eigenheiten, seine Brüche, sein Humor und das, was ihn für andere unverwechselbar gemacht hat.

Eine huma­nis­ti­sche Trau­er­fei­er folgt kei­ner star­ren Lit­ur­gie und kei­nem vor­ge­ge­be­nen Ablauf. Im Mit­tel­punkt steht der ver­stor­be­ne Mensch: sein Leben, sein Wir­ken, sei­ne Bezie­hun­gen, sei­ne Eigen­hei­ten, sei­ne Brü­che, sein Humor und das, was ihn für ande­re unver­wech­sel­bar gemacht hat.

Die Grund­la­ge dafür ist ein aus­führ­li­ches und sehr per­sön­li­ches Gespräch mit den Ange­hö­ri­gen. Dabei geht es nicht allein um Lebens­da­ten. Gefragt wird nach gemein­sa­men Erleb­nis­sen, nach Gewohn­hei­ten, Lieb­lings­sät­zen und beson­de­ren Bezie­hun­gen: Was brach­te die­sen Men­schen zum Lachen? Was war ihm wich­tig? Wel­che Musik beglei­te­te sein Leben? Was wird feh­len? Und wel­che Erin­ne­rung soll in der Trau­er­fei­er unbe­dingt einen Platz bekom­men?

Aus die­sen Gesprä­chen ent­steht eine Fei­er, die nicht ein­fach über einen Men­schen spricht, son­dern ihn für einen Moment noch ein­mal spür­bar wer­den lässt.

Zuhö­ren, erin­nern und gemein­sam gestal­ten

Die Wün­sche der Ange­hö­ri­gen wer­den auf­merk­sam erfragt und nach Mög­lich­keit umge­setzt. Dazu gehört auch die Unter­stüt­zung bei der Aus­wahl der Musik. Ein Lied muss bei einer Trau­er­fei­er nicht zwangs­läu­fig lei­se, getra­gen oder klas­sisch sein. Ent­schei­dend ist, wel­che Bedeu­tung es für den ver­stor­be­nen Men­schen und sei­ne Ange­hö­ri­gen besitzt.

Per­sön­li­che Anek­do­ten kön­nen dabei oft mehr erzäh­len als eine lücken­lo­se Bio­gra­fie. Klei­ne Bege­ben­hei­ten zei­gen, wie ein Mensch wirk­lich war: eine ver­trau­te Ges­te, ein beson­de­rer Humor, eine all­täg­li­che Gewohn­heit oder eine Geschich­te, die in der Fami­lie seit Jahr­zehn­ten wei­ter­erzählt wird.

Auch Kin­der und Enkel­kin­der sol­len nicht auto­ma­tisch aus­ge­schlos­sen wer­den. Sie trau­ern auf ihre eige­ne Wei­se und kön­nen durch Bil­der, Musik, Wor­te, Blu­men oder eine klei­ne Abschieds­ges­te in die Fei­er ein­be­zo­gen wer­den. Manch­mal ent­ste­hen gera­de dar­aus die innigs­ten Augen­bli­cke.

Huma­nis­ti­sche Trau­er­be­glei­tung bedeu­tet zudem, offen für das zu blei­ben, was sich nicht pla­nen lässt. Wäh­rend eines Gesprächs oder einer Trau­er­fei­er kön­nen Momen­te ent­ste­hen, die den vor­be­rei­te­ten Ablauf ver­än­dern. Sie wahr­zu­neh­men, ihnen Raum zu geben und sie wert­schät­zend auf­zu­neh­men, gehört zu den wich­tigs­ten Auf­ga­ben einer Trau­er­red­ne­rin oder eines Trau­er­red­ners.

Drei Trau­er­fei­ern zei­gen beson­ders ein­drück­lich, was damit gemeint ist.

Als der Alarm ertönte

Ver­stor­ben war ein 85-jäh­ri­ger ehe­ma­li­ger Ober­brand­in­spek­tor, der mit Leib und See­le Feu­er­wehr­mann gewe­sen war. Er hat­te die Feu­er­wa­che eines Stadt­teils gelei­tet, zahl­rei­che jun­ge Feu­er­wehr­leu­te aus­ge­bil­det und bereits in den 1970er-Jah­ren bei einem gro­ßen Indus­trie­brand Ver­ant­wor­tung getra­gen.

Zu sei­ner Trau­er­fei­er waren vie­le akti­ve Feu­er­wehr­leu­te gekom­men. Sie tru­gen Uni­form, um ihrem frü­he­ren Vor­ge­setz­ten und Aus­bil­der die letz­te Ehre zu erwei­sen.

Mit­ten in der Fei­er ertön­te plötz­lich ein ohren­be­täu­ben­der Alarm: Die Feu­er­wehr­leu­te wur­den zu einem Groß­brand geru­fen. Für einen Moment herrsch­te Unsi­cher­heit. Die Män­ner und Frau­en sahen ein­an­der erschro­cken an. Soll­ten sie die Trau­er­fei­er ver­las­sen?

In die­sem unge­plan­ten Augen­blick lag die Ant­wort eigent­lich schon in der Lebens­ge­schich­te des Ver­stor­be­nen. Die Trau­er­red­ne­rin wand­te sich an die Feu­er­wehr­leu­te und sag­te sinn­ge­mäß:

„Ihr Chef wür­de jetzt wahr­schein­lich sagen: Auf, auf – los zur Arbeit. Sorgt dafür, dass kei­ne Men­schen­le­ben gefähr­det wer­den, und seht zu, dass das Feu­er schnell gelöscht wird.“

Dar­auf­hin stan­den die Feu­er­wehr­leu­te auf, salu­tier­ten vor der Urne und eil­ten zu ihrem Ein­satz.

Die Trau­er­fei­er wur­de mit den ver­blie­be­nen Gäs­ten fort­ge­setzt. Anschlie­ßend kamen vie­le von ihnen auf die Red­ne­rin zu. Genau so, sag­ten sie, hät­te der Ver­stor­be­ne gehan­delt. Genau das hät­te er sei­nen Feu­er­wehr­leu­ten auf­ge­tra­gen.

Ein stö­ren­der Zwi­schen­fall war zu einem wür­de­vol­len Abschied gewor­den. Nicht, weil er geplant gewe­sen wäre, son­dern weil in die­sem Moment das Wesen des Ver­stor­be­nen ernst genom­men wur­de. Sein Pflicht­ge­fühl, sei­ne Ver­ant­wor­tung und sei­ne Ver­bun­den­heit mit der Feu­er­wehr wur­den auf eine Wei­se sicht­bar, die kei­ne vor­be­rei­te­te Rede hät­te her­stel­len kön­nen.

Ein Pfiff, eine große Liebe und ein Applaus

Eine ande­re Trau­er­fei­er galt einer Frau, die mehr als 60 Jah­re ver­hei­ra­tet gewe­sen war. Im Gespräch erzähl­te ihr Ehe­mann von den Anfän­gen ihrer Lie­be in den 1950er-Jah­ren.

Der Treff­punkt der Jugend­li­chen war damals die Dorf­lin­de in der Nähe des Fried­hofs. Die jun­ge Frau leb­te mit ihrer Fami­lie auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te. Sie war als soge­nann­tes Flücht­lings- bezie­hungs­wei­se Aus­sied­ler­kind in den Ort gekom­men und die Ältes­te meh­re­rer Geschwis­ter.

Ihr spä­te­rer Ehe­mann erzähl­te, er habe sich beim ers­ten Anblick in ihre schö­nen Bei­ne ver­liebt. Wenn er auf dem Weg zur Dorf­lin­de war, pfiff er stets das Lied „Ganz Paris träumt von der Lie­be“. Die jün­ge­ren Geschwis­ter hör­ten ihn schon von Wei­tem und rie­fen nach ihrer Schwes­ter: „Da kommt er!“ Sie freu­ten sich nicht nur über den Besu­cher, son­dern auch über die Scho­ko­la­den­zi­ga­ret­ten, die er ihnen regel­mä­ßig mit­brach­te.

Er emp­fing die jun­ge Frau am Zaun, und gemein­sam gin­gen sie zur Dorf­lin­de. Aus die­sen Begeg­nun­gen wur­de eine Ehe, die mehr als sechs Jahr­zehn­te währ­te.

Für die Trau­er­fei­er lag die Musik­aus­wahl eigent­lich auf der Hand. „Ganz Paris träumt von der Lie­be“ erzähl­te ihre gemein­sa­me Geschich­te bes­ser als jedes kon­ven­tio­nel­le Trau­er­lied. Zunächst frag­te der Wit­wer zögernd, ob man ein sol­ches Lied bei einer Trau­er­fei­er über­haupt spie­len dür­fe.

Natür­lich durf­te man. Denn bei einer per­sön­li­chen Trau­er­fei­er ist nicht ent­schei­dend, ob ein Lied all­ge­mein als „pas­send“ gilt. Ent­schei­dend ist, ob es zu die­sem Men­schen und zu die­sem Leben gehört.

Als das Lied wäh­rend der Fei­er erklang, stand der Wit­wer plötz­lich auf und begann mit­zu­pfei­fen. Er sah fra­gend zur Trau­er­red­ne­rin, als wol­le er sich ver­ge­wis­sern, dass er wei­ter­ma­chen dür­fe. Ein Nicken und ein erho­be­ner Dau­men gaben ihm die Ant­wort.

Er pfiff das gan­ze Lied mit – so, wie er es als jun­ger Mann getan hat­te, wenn er zu sei­ner spä­te­ren Frau ging.

Als die Musik ende­te, stan­den die Trau­er­gäs­te auf und applau­dier­ten. Mit­ten in einer Trau­er­fei­er. Und auch das durf­te sein.

In die­sem Augen­blick wur­de nicht nur der Tod betrau­ert. Es wur­de eine gro­ße Lie­be gewür­digt. Die Ver­stor­be­ne schien in der gemein­sa­men Erin­ne­rung bei­na­he anwe­send zu sein – nicht im über­sinn­li­chen Sin­ne, son­dern durch die Kraft einer ver­trau­ten Melo­die, eines Pfiffs und einer Geschich­te, die alle im Raum mit­ein­an­der ver­band.

Genau ein Jahr spä­ter fand am sel­ben Ort die Trau­er­fei­er für den Ehe­mann statt. Gemein­sam mit den Kin­dern wur­de ent­schie­den, das Lied erneut zu spie­len. Nun ende­te mit sei­nem Tod tat­säch­lich eine gemein­sa­me Ära.

Wie­der erklang „Ganz Paris träumt von der Lie­be“. Und wie­der stan­den die Men­schen am Ende auf und applau­dier­ten.

Es war ein Moment, in dem gelacht und geweint wur­de. Die Musik ver­band bei­de Trau­er­fei­ern und erzähl­te über den Tod hin­aus von einer Lie­be, die mehr als 60 Jah­re getra­gen hat­te.

„Tschüss, Opa“

Die drit­te Geschich­te han­delt von einem Groß­va­ter, der lei­den­schaft­lich gern mit sei­nen Enkeln spiel­te. Inzwi­schen waren die Enkel­kin­der erwach­sen, und eine Enke­lin hat­te selbst einen klei­nen Sohn. Der etwa drei­ein­halb­jäh­ri­ge Jun­ge kann­te sei­nen Urgroß­va­ter bereits gut. Beson­ders gern hat­te er bei ihm auf dem Schoß geses­sen und „Hop­pe, hop­pe, Rei­ter“ gespielt.

Vor der Trau­er­fei­er war die jun­ge Mut­ter unsi­cher, ob sie mit ihrem klei­nen Sohn über­haupt teil­neh­men soll­te. Sie befürch­te­te, er könn­te die Fei­er stö­ren, und über­leg­te, mit ihm drau­ßen zu blei­ben.

Doch hät­te der Ver­stor­be­ne selbst das Kind als Stö­rung emp­fun­den? Alles, was die Fami­lie über ihn erzählt hat­te, sprach dage­gen. Er hat­te sei­ne Enkel geliebt und auch die Zeit mit sei­nem Uren­kel genos­sen. Es wäre kaum in sei­nem Sin­ne gewe­sen, aus­ge­rech­net die­sen klei­nen Men­schen von sei­nem Abschied aus­zu­schlie­ßen.

Die Mut­ter nahm ihren Sohn des­halb mit in die Fei­er.

Wäh­rend eines Musik­stücks begann der Klei­ne lei­se mit­zu­sum­men. Natür­lich war er im gan­zen Raum zu hören. Doch das Sum­men stör­te nicht. Es gehör­te zu die­sem Abschied – leben­dig, unbe­fan­gen und voll­kom­men pas­send zu einem Mann, der Kin­der und das gemein­sa­me Spie­len geliebt hat­te.

Am Ende ging der Jun­ge nach vorn, wink­te und sag­te: „Tschüss, Opa.“

Mehr brauch­te es nicht. Ein klei­nes Kind hat­te sei­ne eige­ne Form des Abschieds gefun­den. Die Erwach­se­nen muss­ten sie weder kor­ri­gie­ren noch erklä­ren. Sie konn­ten sie ein­fach gesche­hen las­sen.

Es darf gelacht, geweint und sogar applaudiert werden

Die­se Geschich­ten zei­gen, was eine huma­nis­ti­sche Trau­er­fei­er aus­ma­chen kann. Sie ist per­sön­lich, lebens­nah und offen für das Uner­war­te­te. Sie gibt nicht vor, wie Trau­er aus­zu­se­hen hat.

Bei einer Trau­er­fei­er darf geweint wer­den. Es darf aber auch gelacht wer­den. Ein Lied darf fröh­lich sein, wenn es eine wich­ti­ge Geschich­te erzählt. Ein Ehe­mann darf pfei­fen. Trau­er­gäs­te dür­fen applau­die­ren. Ein Klein­kind darf sum­men und sei­nem Uropa win­ken. Und Feu­er­wehr­leu­te dür­fen mit­ten in der Fei­er zu einem Ein­satz auf­bre­chen, wenn genau das dem Geist ihres frü­he­ren Vor­ge­setz­ten ent­spricht.

Sol­che Momen­te las­sen sich nicht insze­nie­ren. Aber es braucht Auf­merk­sam­keit, Mut und ein fei­nes Gespür, um sie zuzu­las­sen und in die Fei­er auf­zu­neh­men.

Begleitung über die Beisetzung hinaus

Eine huma­nis­ti­sche Trau­er­fei­er endet nicht zwangs­läu­fig mit dem letz­ten Wort am Grab. Ange­hö­ri­ge benö­ti­gen manch­mal auch nach der Bei­set­zung Gesprächs­mög­lich­kei­ten und Beglei­tung. Die ers­ten Tage sind häu­fig von Orga­ni­sa­ti­on und Funk­tio­nie­ren geprägt. Die eigent­li­che Trau­er beginnt für man­che Men­schen erst spä­ter, wenn die äuße­re Unru­he nach­lässt.

Huma­nis­ti­sche Seel­sor­ge und Trau­er­be­glei­tung kön­nen dabei hel­fen, Erin­ne­run­gen zu ord­nen, Gefüh­le aus­zu­hal­ten und einen eige­nen Umgang mit dem Ver­lust zu fin­den. Sie geben kei­ne fer­ti­gen Ant­wor­ten und ver­spre­chen kei­nen vor­ge­schrie­be­nen Trost. Sie beglei­ten Men­schen viel­mehr dar­in, mit dem Ver­lust wei­ter­zu­le­ben, ohne die Ver­bin­dung zum ver­stor­be­nen Men­schen aus­lö­schen zu müs­sen.

Eine gelun­ge­ne huma­nis­ti­sche Trau­er­fei­er erzählt des­halb nicht nur davon, dass ein Mensch gestor­ben ist. Sie erzählt davon, dass er gelebt hat. Sie wür­digt sei­ne Bezie­hun­gen und gibt den Hin­ter­blie­be­nen Bil­der, Wor­te und Momen­te mit, an die sie sich erin­nern kön­nen.

Manch­mal ist es ein Salut vor einer Urne. Manch­mal ein gepfif­fe­nes Lie­bes­lied. Und manch­mal ist es ein klei­ner Jun­ge, der zum Abschied ein­fach sagt:

„Tschüss, Opa.“

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