Jugendfeier-Workshop zu Trauer, Sterben und Abschied

Dem Tod begegnen, bevor er uns begegnet

| von

Beitragsbild: Humanistischer Verband Deutschlands | Hessen

Über Sterben, Tod und Trauer zu sprechen, fällt oft schwer. Ein Workshop des Humanistischen Verbandes Deutschlands | Hessen im Rahmen der Vorbereitung auf die Humanistische Jugendfeier zeigt das Gegenteil: Wer Fragen stellt, Wissen erwirbt und selbst gestaltet, verliert die Angst. Höhepunkt ist ein gemeinsam bemalter Sarg für eine anonyme Bestattung. Ein stiller Akt der Würdigung für einen unbekannten Menschen.

Über Ster­ben, Tod und Trau­er zu spre­chen, fällt vie­len Erwach­se­nen schwer. Jugend­li­che erle­ben häu­fig noch stär­ker, dass die­se The­men aus­ge­klam­mert, beschö­nigt oder mit schnel­len Ant­wor­ten bei­sei­te­ge­scho­ben wer­den. Im Rah­men der Vor­be­rei­tung auf die Huma­nis­ti­sche Jugend­fei­er des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands | Hes­sen haben wir des­halb bewusst einen gan­zen Work­shop die­sem wich­ti­gen Lebens­be­reich gewid­met.

Gemein­sam besuch­ten die Jugend­li­chen eine Pie­tät. Dort konn­ten sie Fra­gen stel­len, die im All­tag oft kei­nen Raum fin­den: Was geschieht, wenn ein Mensch gestor­ben ist? Wie läuft eine Bestat­tung ab? Wel­che Bestat­tungs­for­men gibt es? Was ist in Deutsch­land erlaubt – und was nicht? Wie haben Men­schen frü­her ihre Trau­er gezeigt? Und wie kann ein Abschied heu­te ganz per­sön­lich gestal­tet wer­den?

Dabei ging es nicht dar­um, Angst zu erzeu­gen oder fer­ti­ge Ant­wor­ten vor­zu­ge­ben. Im Mit­tel­punkt stan­den Offen­heit, Wis­sen und die Erfah­rung, dass auch schwie­ri­ge The­men aus­ge­spro­chen wer­den dür­fen. Trau­er kann lei­se oder laut sein, trau­rig, wütend oder ver­wir­rend. Sie kann lan­ge dau­ern und ver­än­dert sich mit der Zeit. Und manch­mal wird sie von einem Lachen, einer schö­nen Erin­ne­rung oder einem neu­en Gefühl von Hoff­nung unter­bro­chen.

Reden hilft bei der eigenen Trauer

Wie viel die Jugend­li­chen aus einem sol­chen Work­shop auch für ihre per­sön­li­che Trau­er­ar­beit mit­neh­men, zei­gen ihre eige­nen Rück­mel­dun­gen. Eine Teil­neh­me­rin oder ein Teil­neh­mer schrieb:

„Mir wur­de bewusst, dass das Reden über den Tod eigent­lich sogar gut ist und man damit auch offe­ner und agi­ler wird.“

Eine wei­te­re Rück­mel­dung beschreibt, wie wich­tig es sein kann, über die Dau­er von Trau­er zu spre­chen:

„Dar­über zu spre­chen, wie es ist, wenn jemand weg ist und wie lan­ge man dafür Zeit braucht, um dar­über hin­weg­zu­kom­men. Dass man sich auch Zeit las­sen darf, nur sein Leben auch wei­ter­le­ben soll.“

Beson­ders berüh­rend war die ganz per­sön­li­che Aus­sa­ge:

„Das Reden über das The­ma hat mir bei der Trau­er über den Tod mei­nes Opas gehol­fen.“

Die­se Wor­te machen deut­lich, dass Bil­dungs­ar­beit zu Ster­ben, Tod und Trau­er weit mehr ist als die Ver­mitt­lung von Sach­wis­sen. Jugend­li­che erle­ben selbst Ver­lus­te. Groß­el­tern, Ange­hö­ri­ge, Freund*innen oder Tie­re ster­ben – und nicht immer fin­den jun­ge Men­schen einen Ort, an dem sie offen über ihre Fra­gen und Gefüh­le spre­chen kön­nen.

Ein sol­cher Work­shop kann kei­ne Trau­er abneh­men. Er kann jedoch Spra­che geben, Unsi­cher­hei­ten ver­rin­gern und ver­mit­teln: Mei­ne Gefüh­le sind erlaubt. Ich muss nicht zu einem bestimm­ten Zeit­punkt „dar­über hin­weg“ sein. Gleich­zei­tig darf ich wei­ter­le­ben, lachen und neue Hoff­nung fin­den, ohne den ver­stor­be­nen Men­schen zu ver­ges­sen.

Trauerkultur früher und heute

Auch die his­to­ri­sche Ent­wick­lung der Trau­er­kul­tur beschäf­tig­te die Jugend­li­chen. Eine Rück­mel­dung lau­te­te:

„Ich fand inter­es­sant zu sehen, wie die Men­schen der dama­li­gen Zeit mit dem Tod umgin­gen und wie es in der heu­ti­gen Zeit ist.“

Ein ande­rer Bei­trag hob her­vor:

„Ich fand inter­es­sant zu erfah­ren, dass frü­her auch wirk­lich gezeigt wur­de, wenn man trau­er­te, und wie man lang­sam wie­der an Far­be und Hoff­nung gewann.“

Frü­he­re Trau­er­klei­dung und gesell­schaft­li­che Ritua­le mach­ten nach außen sicht­bar, dass ein Mensch einen Ver­lust erlebt hat­te. Heu­te wird Trau­er stär­ker als per­sön­li­che Ange­le­gen­heit betrach­tet. Das eröff­net indi­vi­du­el­le Mög­lich­kei­ten, kann aber auch dazu füh­ren, dass Trau­ern­de mit ihren Gefüh­len allein blei­ben. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit unter­schied­li­chen Trau­er­kul­tu­ren half den Jugend­li­chen zu erken­nen: Es gibt nicht den einen rich­ti­gen Weg zu trau­ern.

Wissen nimmt Berührungsängste

Neben den emo­tio­na­len Fra­gen spiel­te auch ganz prak­ti­sches Wis­sen eine wich­ti­ge Rol­le. Die Jugend­li­chen erfuh­ren, was bei einer Bestat­tung geschieht, wie eine Ein­äsche­rung abläuft und wel­che gesetz­li­chen Vor­ga­ben beach­tet wer­den müs­sen.

Dazu schrieb ein jun­ger Mensch:

„Ich fand es inter­es­sant zu wis­sen, dass es auch Regeln beim Bestat­ten gibt, was man tun darf und wel­che Bestat­tun­gen in Deutsch­land nicht oder nur teil­wei­se zuge­las­sen sind.“

Auch die unmit­tel­ba­re Begeg­nung mit unter­schied­li­chen Sär­gen und Urnen hin­ter­ließ Ein­druck:

„Außer­dem fand ich die Sär­ge erstaun­lich und dass man die­se dann auch ver­brennt, um anschlie­ßend die Asche des Men­schen in eine Urne zu geben.“

Gera­de sol­che kon­kre­ten Ein­bli­cke kön­nen hel­fen, dif­fu­se Ängs­te abzu­bau­en. Was erklärt und sicht­bar gemacht wird, ver­liert einen Teil sei­nes Schre­ckens. Zugleich ent­wi­ckel­ten sich dar­aus vie­le wei­ter­füh­ren­de Gesprä­che über Selbst­be­stim­mung, per­sön­li­che Wün­sche und die Fra­ge, wie ein wür­de­vol­ler Abschied aus­se­hen kann.

Ein Sarg für einen unbekannten Menschen

Ein beson­ders ein­drück­li­cher Teil des Work­shops war die gemein­sa­me Gestal­tung eines Sar­ges. Zunächst stand dort nur das unbe­han­del­te Holz. Nach und nach ent­stan­den Blu­men, ein Baum, Ster­ne, Mond und Son­ne, ein Regen­bo­gen und vie­le per­sön­li­che Bil­der. Aus einem Gegen­stand, der häu­fig aus­schließ­lich mit Angst und Ver­lust ver­bun­den wird, wur­de ein far­ben­fro­hes Gemein­schafts­werk.

Die­ser Sarg bleibt nicht nur ein Anschau­ungs­ob­jekt. Er wird tat­säch­lich für eine anony­me Bestat­tung ver­wen­det wer­den.

Damit erhält die Arbeit der Jugend­li­chen eine beson­de­re Bedeu­tung: Ein Mensch, des­sen Name bei der Bei­set­zung nicht öffent­lich genannt wird und an des­sen Grab spä­ter kein per­sön­li­cher Gedenk­stein erin­nert, erhält den­noch einen indi­vi­du­ell gestal­te­ten, mit gro­ßer Sorg­falt bemal­ten Sarg.

Die Jugend­li­chen haben die­sen Men­schen nicht gekannt. Trotz­dem haben sie Zeit, Gedan­ken und Krea­ti­vi­tät geschenkt. So wur­de aus dem Work­shop auch eine stil­le Form der Wür­di­gung. Denn anonym bestat­tet zu wer­den bedeu­tet nicht, bedeu­tungs­los gewe­sen zu sein. Jeder Mensch hat gelebt, Erfah­run­gen gemacht, geliebt, gehofft und Spu­ren hin­ter­las­sen – selbst wenn die­se für Außen­ste­hen­de nicht sicht­bar sind.

Humanistische Bildung nimmt das ganze Leben in den Blick

Der Work­shop zeig­te erneut, wie wich­tig es ist, jun­ge Men­schen auch bei schwe­ren Lebens­the­men ernst zu neh­men. Zum Erwach­sen­wer­den gehö­ren nicht nur Frei­heit, Zukunfts­plä­ne und neue Mög­lich­kei­ten. Es gehört eben­so dazu, sich mit Ver­letz­lich­keit, Ver­lust und der End­lich­keit des Lebens aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Huma­nis­ti­sche Bil­dungs­ar­beit bedeu­tet für uns des­halb, Räu­me zu schaf­fen, in denen Fra­gen erlaubt sind, Unsi­cher­hei­ten aus­ge­hal­ten wer­den und Jugend­li­che ihre eige­nen Hal­tun­gen ent­wi­ckeln kön­nen. Ohne reli­giö­se Vor­ga­ben, aber mit Mit­ge­fühl, Sach­lich­keit und Respekt vor unter­schied­li­chen Lebens­ent­wür­fen und For­men des Abschieds.

Am Ende war nicht nur ein außer­ge­wöhn­lich gestal­te­ter Sarg ent­stan­den. Die Jugend­li­chen hat­ten einem unbe­kann­ten Men­schen Far­be, Auf­merk­sam­keit und Wür­de mit­ge­ge­ben. Gleich­zei­tig nah­men sie selbst etwas mit: Wis­sen, neue Wor­te für die eige­ne Trau­er und die Erfah­rung, dass das offe­ne Gespräch über den Tod nicht läh­men muss – son­dern sogar hel­fen kann, bewuss­ter und hoff­nungs­vol­ler wei­ter­zu­le­ben.

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