Gloria Steinem war mehr als eine Ikone der amerikanischen Frauenbewegung. Der oben zitierte Satz stammt nicht von ihr, sondern von der australischen Sozialaktivistin Irina Dunn. Steinem wurde das Zitat jedoch oft zugeschrieben und sie hat maßgeblich zu seiner Verbreitung beigetragen. Und: der Satz will Männer nicht abwerten. Er bedeutet, Abhängigkeit nicht mit Liebe zu verwechseln.
Steinem verkörperte einen Gedanken, der für den Feminismus bis heute zentral ist: Ein selbstbestimmtes Leben muss nicht nach den Vorstellungen anderer geführt werden. Eine Frau muss weder Ehefrau noch Mutter sein, um ein erfülltes Leben zu führen. Sie darf selbst entscheiden, welche Beziehungen, welche Arbeit und welche Form von Familie zu ihr passen.
Vielleicht begann diese Haltung bereits in ihrer Kindheit. Steinem wuchs in einer ungewöhnlichen Familie auf. Die Familie reiste viel, lebte zeitweise in einem Wohnwagen, einen geregelten Schulalltag hatte sie deshalb lange nicht. Als ihre Eltern sich trennten, war Gloria etwa zehn Jahre alt. Sie blieb bei ihrer psychisch erkrankten Mutter Ruth und übernahm früh Verantwortung für sie und den Haushalt.
Diese Erfahrung prägte sie. Sie erlebte, wie wenig Möglichkeiten eine Frau hatte, wenn sie wirtschaftlich und sozial abhängig war. Die Grenzen, die ihrer Mutter gesetzt waren, waren nicht allein persönliche Grenzen. Sie hatten auch mit gesellschaftlichen Erwartungen, fehlender Absicherung und den Rollen zu tun, die Frauen zugedacht wurden.
Ein anderes Vorbild gab es in der Familie: ihre Großmutter Pauline Perlmutter Steinem, eine engagierte Kämpferin für das Frauenwahlrecht. Dass Gloria erst viel später von deren politischem Engagement erfuhr, zeigt zugleich, wie leicht die Geschichten von Frauen aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden.
Ein entscheidender Schritt zu ihrer eigenen Selbstbestimmung erfolgte während ihres Studiums. Steinem war verlobt und zunächst bereit zu heiraten. Dann löste sie die Verlobung. Nicht, weil sie grundsätzlich gegen Liebe oder Partnerschaft war, sondern weil sie spürte, was die Ehe damals für eine Frau bedeuten konnte: eine Festlegung auf Ehe, Haushalt und Mutterschaft – und damit den Verlust eigener Handlungsmöglichkeiten.
Diese Entscheidung war persönlich. Aber sie war zugleich politisch.
Steinem machte aus ihrer eigenen Biografie keine private Angelegenheit. Als Journalistin schrieb sie über sexuelle Ausbeutung, ungleiche Bezahlung, häusliche Gewalt und vor allem über das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen. Eine Versammlung von Frauen, die öffentlich über ihre illegalen Schwangerschaftsabbrüche sprachen, wurde für sie zu einem entscheidenden Moment ihres feministischen „Erwachens“.
Steinem wurde zu einer der bekanntesten Stimmen der zweiten Welle des amerikanischen Feminismus. Sie organisierte Proteste, gründete politische Netzwerke und war Mitbegründerin von Ms., einer Zeitschrift, die Frauen nicht mehr nur als Leserinnen von Mode‑, Familien- und Haushaltsthemen betrachtete, sondern als politische Subjekte. Themen wie Abtreibung, sexuelle Belästigung, häusliche Gewalt, gleicher Lohn, Kinderbetreuung und Elternschaft wurden öffentlich diskutiert. Das Private wurde politisch.
Doch Steinems Bedeutung liegt auch darin, dass sie die zunächst stark von weißen Frauen der Mittelschicht geprägte Frauenbewegung für andere Gruppen öffnen wollte: Arbeiterinnen, jüngere Frauen, Schwarze Frauen, Lesben und weitere marginalisierte Gruppen. Sie erkannte: Gleichberechtigung ist nicht erreicht, wenn nur einige privilegierte Frauen aufsteigen können. Frauen sind keine homogene Gruppe. Herkunft, Hautfarbe und soziale Lage beeinflussen, welche Freiheiten Menschen tatsächlich haben.
Vielleicht ist das der Schlüssel zu einem anderen Begriff, der zu Steinems Leben passt: chosen family – gewählte Familie.
Steinem hatte keine Kinder und verstand Elternschaft als Möglichkeit, nicht als gesellschaftliche Pflicht. Sie heiratete erst mit 66 Jahren. Auf die Frage, warum sie ihre Haltung zur Ehe geändert habe, antwortete sie: „Ich habe mich nicht verändert. Die Ehe hat sich verändert.“
Als sie 2026 starb, bezeichnete sie ihre engen Freundinnen und Freunde als ihre „chosen family“. Ihre Wohnung war über Jahrzehnte ein Ort für Gesprächskreise, Begegnung und politische Diskussion. Menschen kamen zusammen, hörten einander zu, stritten, dachten weiter.
Vielleicht liegt darin ihr nachhaltiges Vermächtnis: nicht die einzelne Ikone, sondern das Netzwerk von Menschen, das sie miteinander verbunden hat.
Was das mit Humanismus zu tun hat? Jeder Mensch soll die Freiheit haben, sein Leben selbst zu gestalten. Freiheit bedeutet nicht, niemanden zu brauchen. Im Gegenteil: Menschen sind auf Beziehungen angewiesen. Aber Beziehungen sollten aus freiem Willen entstehen – nicht aus gesellschaftlichem Zwang.
Steinems „chosen family“ zeigt deshalb eine besonders menschliche Form von Freiheit: Wir dürfen entscheiden, wem wir uns verbunden fühlen. Wir dürfen Familie erweitern, neu denken und selbst gestalten.
Vielleicht braucht ein Mensch tatsächlich keinen vorgeschriebenen Lebensentwurf. Was er braucht, sind andere Menschen, die ihn sehen, ernst nehmen und ihm zutrauen, sein eigenes Leben zu führen.



