Zum Tode von Gloria Steinem

Eine Frau braucht einen Mann so dringend wie ein Fisch ein Fahrrad

| von
Foto: Markus Aatz
Gloria Steinem verkörperte einen Gedanken, der für den Feminismus bis heute zentral ist: Ein selbstbestimmtes Leben muss nicht nach den Vorstellungen anderer geführt werden. Eine Frau muss weder Ehefrau noch Mutter sein, um ein erfülltes Leben zu führen. Sie darf selbst entscheiden, welche Beziehungen, welche Arbeit und welche Form von Familie zu ihr passen.

Glo­ria Stei­nem war mehr als eine Iko­ne der ame­ri­ka­ni­schen Frau­en­be­we­gung. Der oben zitier­te Satz stammt nicht von ihr, son­dern von der aus­tra­li­schen Sozi­al­ak­ti­vis­tin Iri­na Dunn. Stei­nem wur­de das Zitat jedoch oft zuge­schrie­ben und sie hat maß­geb­lich zu sei­ner Ver­brei­tung bei­getra­gen. Und: der Satz will Män­ner nicht abwer­ten. Er bedeu­tet, Abhän­gig­keit nicht mit Lie­be zu ver­wech­seln.

Stei­nem ver­kör­per­te einen Gedan­ken, der für den Femi­nis­mus bis heu­te zen­tral ist: Ein selbst­be­stimm­tes Leben muss nicht nach den Vor­stel­lun­gen ande­rer geführt wer­den. Eine Frau muss weder Ehe­frau noch Mut­ter sein, um ein erfüll­tes Leben zu füh­ren. Sie darf selbst ent­schei­den, wel­che Bezie­hun­gen, wel­che Arbeit und wel­che Form von Fami­lie zu ihr pas­sen.

Viel­leicht begann die­se Hal­tung bereits in ihrer Kind­heit. Stei­nem wuchs in einer unge­wöhn­li­chen Fami­lie auf. Die Fami­lie reis­te viel, leb­te zeit­wei­se in einem Wohn­wa­gen, einen gere­gel­ten Schul­all­tag hat­te sie des­halb lan­ge nicht. Als ihre Eltern sich trenn­ten, war Glo­ria etwa zehn Jah­re alt. Sie blieb bei ihrer psy­chisch erkrank­ten Mut­ter Ruth und über­nahm früh Ver­ant­wor­tung für sie und den Haus­halt.

Die­se Erfah­rung präg­te sie. Sie erleb­te, wie wenig Mög­lich­kei­ten eine Frau hat­te, wenn sie wirt­schaft­lich und sozi­al abhän­gig war. Die Gren­zen, die ihrer Mut­ter gesetzt waren, waren nicht allein per­sön­li­che Gren­zen. Sie hat­ten auch mit gesell­schaft­li­chen Erwar­tun­gen, feh­len­der Absi­che­rung und den Rol­len zu tun, die Frau­en zuge­dacht wur­den.

Ein ande­res Vor­bild gab es in der Fami­lie: ihre Groß­mutter Pau­li­ne Perl­mut­ter Stei­nem, eine enga­gier­te Kämp­fe­rin für das Frau­en­wahl­recht. Dass Glo­ria erst viel spä­ter von deren poli­ti­schem Enga­ge­ment erfuhr, zeigt zugleich, wie leicht die Geschich­ten von Frau­en aus dem kol­lek­ti­ven Gedächt­nis ver­schwin­den.

Ein ent­schei­den­der Schritt zu ihrer eige­nen Selbst­be­stim­mung erfolg­te wäh­rend ihres Stu­di­ums. Stei­nem war ver­lobt und zunächst bereit zu hei­ra­ten. Dann lös­te sie die Ver­lo­bung. Nicht, weil sie grund­sätz­lich gegen Lie­be oder Part­ner­schaft war, son­dern weil sie spür­te, was die Ehe damals für eine Frau bedeu­ten konn­te: eine Fest­le­gung auf Ehe, Haus­halt und Mut­ter­schaft – und damit den Ver­lust eige­ner Hand­lungs­mög­lich­kei­ten.

Die­se Ent­schei­dung war per­sön­lich. Aber sie war zugleich poli­tisch.

Stei­nem mach­te aus ihrer eige­nen Bio­gra­fie kei­ne pri­va­te Ange­le­gen­heit. Als Jour­na­lis­tin schrieb sie über sexu­el­le Aus­beu­tung, unglei­che Bezah­lung, häus­li­che Gewalt und vor allem über das Recht, über den eige­nen Kör­per selbst zu bestim­men. Eine Ver­samm­lung von Frau­en, die öffent­lich über ihre ille­ga­len Schwan­ger­schafts­ab­brü­che spra­chen, wur­de für sie zu einem ent­schei­den­den Moment ihres femi­nis­ti­schen „Erwa­chens“.

Stei­nem wur­de zu einer der bekann­tes­ten Stim­men der zwei­ten Wel­le des ame­ri­ka­ni­schen Femi­nis­mus. Sie orga­ni­sier­te Pro­tes­te, grün­de­te poli­ti­sche Netz­wer­ke und war Mit­be­grün­de­rin von Ms., einer Zeit­schrift, die Frau­en nicht mehr nur als Lese­rin­nen von Mode‑, Fami­li­en- und Haus­halts­the­men betrach­te­te, son­dern als poli­ti­sche Sub­jek­te. The­men wie Abtrei­bung, sexu­el­le Beläs­ti­gung, häus­li­che Gewalt, glei­cher Lohn, Kin­der­be­treu­ung und Eltern­schaft wur­den öffent­lich dis­ku­tiert. Das Pri­va­te wur­de poli­tisch.

Doch Stein­ems Bedeu­tung liegt auch dar­in, dass sie die zunächst stark von wei­ßen Frau­en der Mit­tel­schicht gepräg­te Frau­en­be­we­gung für ande­re Grup­pen öff­nen woll­te: Arbei­te­rin­nen, jün­ge­re Frau­en, Schwar­ze Frau­en, Les­ben und wei­te­re mar­gi­na­li­sier­te Grup­pen. Sie erkann­te: Gleich­be­rech­ti­gung ist nicht erreicht, wenn nur eini­ge pri­vi­le­gier­te Frau­en auf­stei­gen kön­nen. Frau­en sind kei­ne homo­ge­ne Grup­pe. Her­kunft, Haut­far­be und sozia­le Lage beein­flus­sen, wel­che Frei­hei­ten Men­schen tat­säch­lich haben.

Viel­leicht ist das der Schlüs­sel zu einem ande­ren Begriff, der zu Stein­ems Leben passt: cho­sen fami­ly – gewähl­te Fami­lie.

Stei­nem hat­te kei­ne Kin­der und ver­stand Eltern­schaft als Mög­lich­keit, nicht als gesell­schaft­li­che Pflicht. Sie hei­ra­te­te erst mit 66 Jah­ren. Auf die Fra­ge, war­um sie ihre Hal­tung zur Ehe geän­dert habe, ant­wor­te­te sie: „Ich habe mich nicht ver­än­dert. Die Ehe hat sich ver­än­dert.“

Als sie 2026 starb, bezeich­ne­te sie ihre engen Freun­din­nen und Freun­de als ihre „cho­sen fami­ly“. Ihre Woh­nung war über Jahr­zehn­te ein Ort für Gesprächs­krei­se, Begeg­nung und poli­ti­sche Dis­kus­si­on. Men­schen kamen zusam­men, hör­ten ein­an­der zu, strit­ten, dach­ten wei­ter.

Viel­leicht liegt dar­in ihr nach­hal­ti­ges Ver­mächt­nis: nicht die ein­zel­ne Iko­ne, son­dern das Netz­werk von Men­schen, das sie mit­ein­an­der ver­bun­den hat.

Was das mit Huma­nis­mus zu tun hat? Jeder Mensch soll die Frei­heit haben, sein Leben selbst zu gestal­ten. Frei­heit bedeu­tet nicht, nie­man­den zu brau­chen. Im Gegen­teil: Men­schen sind auf Bezie­hun­gen ange­wie­sen. Aber Bezie­hun­gen soll­ten aus frei­em Wil­len ent­ste­hen – nicht aus gesell­schaft­li­chem Zwang.

Stein­ems „cho­sen fami­ly“ zeigt des­halb eine beson­ders mensch­li­che Form von Frei­heit: Wir dür­fen ent­schei­den, wem wir uns ver­bun­den füh­len. Wir dür­fen Fami­lie erwei­tern, neu den­ken und selbst gestal­ten.

Viel­leicht braucht ein Mensch tat­säch­lich kei­nen vor­ge­schrie­be­nen Lebens­ent­wurf. Was er braucht, sind ande­re Men­schen, die ihn sehen, ernst neh­men und ihm zutrau­en, sein eige­nes Leben zu füh­ren.

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Nach oben scrollen