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Julian Nida-Rümelin im Interview

Zur neuen Humanistischen Hochschule Berlin

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Beitragsbild: Diane von Schoen

Zum Wintersemester 2023/2024 hat die Humanistische Hochschule Berlin ihren Studienbetrieb aufgenommen. Ein Gespräch mit dem Rektor Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin über Aufbau, Finanzierung und Notwendigkeit der Hochschule.

Sehr geehrter Herr Prof. Nida-Rümelin, zunächst mein herzlicher Glückwunsch für Ihr neues Amt als Rektor der gerade erst gegründeten Humanistischen Hochschule Berlin! Sie sind einer der bekanntesten Philosophen Deutschlands und haben viele Funktionen, wie z.B. als Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Und trotzdem haben Sie diese neue Aufgabe übernommen. Wie kam es dazu?

Es war nicht mei­ne Idee, son­dern die des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Ber­lin-Bran­den­burg. Die Vor­stands­vor­sit­zen­de Kat­rin Rac­zyn­ski ist schon 2021 auf mich zuge­kom­men, betei­ligt war auch die heu­ti­ge Geschäfts­füh­re­rin Anja Krü­ger-Chan, die mit mir als Teil einer Dop­pel­spit­ze die Hoch­schu­le lei­tet – ich als Rek­tor, sie als Geschäfts­füh­re­rin. Ange­sichts zahl­rei­cher Auf­ga­ben, die ich nach wie vor wahr­neh­me, nicht nur als Stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Deut­schen Ethik­rats, son­dern auch als Hono­rar­pro­fes­sor an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät, als Mit­glied der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, als Vor­stand einer gemein­nüt­zi­gen Stif­tung, als Vor­tra­gen­der auf natio­na­len und inter­na­tio­na­len Kon­fe­ren­zen und Ver­an­stal­tun­gen, vor allem aber als phi­lo­so­phi­scher Autor, muss­te zunächst geklärt wer­den, wie sich das alles mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren lässt. Zudem lebt mei­ne Fami­lie in Mün­chen und wir haben Kin­der, die noch in die Schu­le gehen. Ande­rer­seits hat mich das Pro­jekt, eine ers­te huma­nis­ti­sche Hoch­schu­le in Deutsch­land auf­zu­bau­en, von Anbe­ginn fas­zi­niert und ich habe nicht nur über Jahr­zehn­te als Wis­sen­schaft­ler gear­bei­tet, son­dern auch umfang­rei­che Erfah­run­gen in der Lei­tung gro­ßer Insti­tu­tio­nen gesam­melt, als Kul­tur­staats­mi­nis­ter im Bun­des­kanz­ler­amt, als Dezer­nent der kom­mu­na­len Kul­tur­be­hör­de der Lan­des­haupt­stadt Mün­chen, als Direk­tor des Geschwis­ter-Scholl-Insti­tuts für Poli­tik­wis­sen­schaft, als Prä­si­dent der Deut­schen Gesell­schaft für Phi­lo­so­phie und zuletzt als Direk­tor am Baye­ri­schen For­schungs­in­sti­tut für Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on. Die­se Erfah­run­gen kom­men nun der Huma­nis­ti­schen Hoch­schu­le zugu­te.   

Inwieweit kann man von einem besonderen „humanistischen Profil“ der neuen Hochschule sprechen?

Die huma­nis­ti­sche Hoch­schu­le ist in ähn­li­cher Wei­se ihrem Trä­ger ver­bun­den, wie evan­ge­li­sche oder katho­li­sche Hoch­schu­len ihrer Kir­che. Sie ist getra­gen von einem huma­nis­ti­schen Ethos der indi­vi­du­el­len mensch­li­chen Selbst­be­stim­mung und der Ent­fal­tung der mensch­li­chen Per­sön­lich­keit, was gut zu dem grund­ge­setz­li­chen Auf­trag der Frei­heit der Wis­sen­schaft in Leh­re und For­schung passt. Sie wird zu einem Ort des frei­en Geis­tes wer­den, zu öffent­li­chen Dis­kur­sen bei­tra­gen und die aka­de­mi­sche Bil­dung auch in Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Ein­rich­tun­gen in Ber­lin berei­chern. Sie bil­det Men­schen aus, die an den Ber­li­ner und Bran­den­bur­ger Schu­len huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de unter­rich­ten und qua­li­fi­ziert für sozia­le Arbeit auch, aber nicht nur, in den sozia­len Ein­rich­tun­gen des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des. Die Hoch­schu­le prak­ti­ziert ein huma­nis­ti­sches Ethos der Koope­ra­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on, das nie­man­den aus­grenzt und nie­man­den dis­kri­mi­niert. Auch reli­giö­se Stu­die­ren­de sind will­kom­men.

Welche Studiengänge werden aktuell angeboten? Und welche sind noch geplant?

In der ers­ten Aus­bau­stu­fe wur­den fünf Pro­fes­su­ren für drei Stu­di­en­gän­ge besetzt: Sozia­le Arbeit im Bache­lor-Stu­di­um, Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de im Mas­ter­stu­di­um und Ange­wand­te Ethik im berufs­be­glei­ten­den und durch Stu­di­en­bei­trä­ge finan­zier­ten Mas­ter­stu­di­um mit Block­an­ge­bo­ten, die neben der Berufs­tä­tig­keit besucht wer­den kön­nen. Die Huma­nis­ti­sche Hoch­schu­le Ber­lin hat in die­sem Win­ter­se­mes­ter den Lehr­be­trieb auf­ge­nom­men. Auch wenn es eine län­ge­re Vor­ge­schich­te der Hoch­schul­grün­dung gibt, an der ich nicht betei­ligt war, ist das Tem­po beacht­lich: am 1. Okto­ber 2022 habe ich mein Amt als Grün­dungs­rek­tor ange­tre­ten. Schon Ende des­sel­ben Monats erfolg­te die staat­li­che Aner­ken­nung. Bis zum Herbst 2023 waren vier von fünf Pro­fes­su­ren besetzt, wei­te­re fünf Pro­fes­su­ren wer­den fol­gen. Am 19. Janu­ar 2024 war die kon­sti­tu­ie­ren­de Sit­zung des Aka­de­mi­schen Senats, des zen­tra­len Ent­schei­dungs­gre­mi­ums der Hoch­schu­le. Wenn das so wei­ter­geht, wird die Huma­nis­ti­sche Hoch­schu­le in weni­gen Jah­ren mit dann zehn Pro­fes­su­ren und wei­te­ren Stu­di­en­gän­gen eine gute Zukunft vor sich haben. 

Wo werden die Studierenden unterrichtet? Haben Sie ein eigenes Gebäude?

Ja, es wur­de eine Immo­bi­lie in der Grab­be-Allee in Ber­lin-Pan­kow erwor­ben, das aber erst noch für als Cam­pus-Gebäu­de vor­be­rei­tet wer­den muss. Aktu­ell fin­den die Lehr­ver­an­stal­tun­gen in ange­mie­te­ten Räu­men an der Jan­no­witz­brü­cke statt.

Den Medien war zu entnehmen, dass der Berliner Wissenschaftssenat es ablehnt, die Humanistische Hochschule mit den beiden kirchlichen Hochschulen gleichzubehandeln – und das, obwohl das Grundgesetz und die Berliner Landesverfassung genau diese Gleichbehandlung von Weltanschauungsgemeinschaften wie den Humanistischen Verband mit den Religionsgemeinschaften fordern. Und der HVD ist ja letztlich der Träger. Wie erklären Sie sich diese Ablehnung?

Das ist nicht ganz zutref­fend, es gibt kei­ne Ableh­nung, son­dern bis­lang kei­ne Zustim­mung zu einer voll­stän­di­gen Gleich­be­hand­lung. Es lie­gen Rechts­gut­ach­ten vor, die sich in Tei­len wider­spre­chen. Es wür­de zu weit füh­ren, das hier näher aus­zu­füh­ren. In Abstim­mung mit der Senats­ver­wal­tung wird eine bal­di­ge recht­li­che Klä­rung ange­strebt. Im Dop­pel­haus­halt 2024/2025 wur­de vom Ber­li­ner Par­la­ment beschlos­sen, der Huma­nis­ti­schen Hoch­schu­le beträcht­li­che Mit­tel für die Auf­bau­ar­beit und spe­zi­ell die Ange­bo­te in sozia­ler Arbeit zur Ver­fü­gung zu stel­len, was wir als posi­ti­ves Signal einer guten Zusam­men­ar­beit wer­ten, wie auch die zuver­läs­si­ge und effi­zi­en­te admi­nis­tra­ti­ve Abwick­lung der dich­ten Fol­ge von Beru­fungs­ver­fah­ren im ver­gan­ge­nen Jahr.

Wie finanziert sich die Humanistische Hochschule?

Bis­lang ganz über­wie­gend aus Mit­teln des Trä­gers, des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Ber­lin-Bran­den­burg. Wir set­zen auf Gleich­be­hand­lung mit Hoch­schu­len in kirch­li­cher Trä­ger­schaft und damit auf staat­li­che Unter­stüt­zung, da dies vom Gleich­be­hand­lungs­ge­bot der Ver­fas­sung gefor­dert ist: Deutsch­land ist kein lai­zis­ti­scher, aber ein welt­an­schau­lich und reli­gi­ös neu­tra­ler Staat, was sich dar­in äußert, dass er Kir­chen und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten gleich zu behan­deln hat und kei­ne bevor­zu­gen oder benach­tei­li­gen darf. Zudem hof­fen wir als ers­te und auf lan­ge Sicht ver­mut­lich ein­zi­ge huma­nis­ti­sche Hoch­schu­le auf die Unter­stüt­zung pri­va­ter Mäze­ne.

Im niederländischen Utrecht gibt es schon seit vielen Jahren eine Humanistische Universität. Kooperieren sie mit dieser Uni?

Ja, wir haben gute und enge Bezie­hun­gen zur Huma­nis­ti­schen Uni­ver­si­tät Utrecht. Ich hat­te mit der Prä­si­den­tin kurz vor Weih­nach­ten ein gutes Gespräch. Die Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft ist hoch. Die kon­kre­ten For­men, in denen die­se Koope­ra­ti­on im bei­der­sei­ti­gen Inter­es­se statt­fin­den wird, müs­sen erst noch geklärt wer­den.

Die Ver­öf­fent­li­chung des Inter­views erfolgt mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Ber­li­ner Bil­dungs­zeit­schrift bbz der GEW Ber­lin.

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