Modell für selbstbestimmtes Lebensende

Palliativgarten

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Beitragsbild: Hunt Han/unsplash

In Herne wird es nun erstmalig ein Angebot für Menschen geben, die mit ihrem Wunsch zu sterben allzu oft im Stich gelassen werden: Neben klassischer Palliativbegleitung und fachkundiger Beratung etwa zum „körpereigenen Leidlinderungsprogramm“ durch Endorphine ist auch eine Freitodhilfe nicht länger ausgeschlossen. Unterstützer ist der Arzt, Autor und Fachbuchherausgeber Matthias Thöns.

Das Pro­jekt Pal­lia­tiv­gar­ten möch­te betrof­fe­nen Men­schen und Fami­li­en indi­vi­du­ell zur Sei­te ste­hen und ihnen in allen Belan­gen rund um das The­ma Pal­lia­tiv­ver­sor­gung, Beglei­tung und Lebens­en­de best­mög­li­che Sicher­heit geben. Umfra­gen zei­gen, dass bis zu 90 % der Men­schen ins­be­son­de­re Angst haben vor einer schlim­men letz­ten Lebens­pha­se, vor Schwerst­pfle­ge­be­dürf­tig­keit oder ver­ein­sam­tem Lei­den am Lebens­en­de. Sol­che Ängs­te ver­der­ben vie­len Men­schen das eigent­lich erfül­len­de letz­te Lebens­drit­tel. Das Pro­jekt Pal­lia­tiv­ga­ren möch­te ihnen die­se neh­men.

Dazu fin­det der Grün­der, der Pal­lia­tiv­pfle­ger Ben­ja­min Vogel, offe­ne Wor­te: „Wirk­lich Schlim­mes – also leid­vol­les Ster­ben – ist in guter Ver­sor­gung eine Rari­tät“, erläu­tert er. „Dies pas­siert eher bei umfang­rei­cher Appa­ra­te­me­di­zin. Lei­der oft unter unzu­rei­chen­der Berück­sich­ti­gung vom Pati­en­ten­wil­len oder The­ra­pie­ziel.“ Exper­ten sehen dem­ge­gen­über den Anteil an Über­the­ra­pie am Lebens­en­de in der Inten­siv­me­di­zin bei 50 %, mitt­ler­wei­le sei in Deutsch­land die größ­te Grup­pe beatme­ter Pati­en­ten die Grup­pe 80+. Nur eine Min­der­heit von ihnen über­le­be das, oft nach Wochen – oder gar eini­gen Mona­ten – leid­vol­ler Appa­ra­te­me­di­zin.

Vorsorgeplanung für „Leidlinderungsprogramm“ und gegen Intensivmedizin

„Genau vor so einem Lebens­en­de haben sehr vie­le Men­schen berech­tigt Angst“ ergänzt Pal­lia­tiv­arzt Dr. Mat­thi­as Thöns, der das Pro­jekt unter­stützt. Er ist Buch­au­tor („Pati­ent ohne Ver­fü­gung“) und jetzt auch Her­aus­ge­ber des Fach­bu­ches Assis­tier­ter Sui­zid im Kohl­ham­mer-Ver­lag, das im 1. Quar­tal 2025 erscheint. In die­sem Sam­mel­band wird die seit vie­len Jah­ren in Deutsch­land geführ­te Debat­te um die Sui­zid­hil­fe aus der Sicht von prak­tisch Täti­gen in den Berei­chen Pal­lia­tiv­me­di­zin, Psych­ia­trie, Pfle­ge, Ethik, Poli­zei, Psy­cho­lo­gie, Recht und der Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen all­ge­mein­ver­ständ­lich nach­ge­zeich­net. 

Mitt­ler­wei­le stirbt jeder zwei­te im Kran­ken­haus an Appa­ra­ten. Hier hel­fe die früh­zei­ti­ge Vor­sor­ge­pla­nung mit der Ver­fas­sung einer Pati­en­ten­ver­fü­gung (was man möch­te und was nicht) und einer Vor­sor­ge­voll­macht (wer als Ver­trau­ens­per­son legi­ti­miert ist). In jedem Fall sei es hilf­reich, sich im Fal­le „gro­ßer Medi­zin“ eine unab­hän­gi­ge ärzt­li­che Zweit­mei­nung ein­zu­ho­len, so Thöns.

Ohne Inten­siv­me­di­zin läuft in aller Regel das „kör­per­ei­ge­ne Leid­lin­de­rungs­pro­gramm“: Durch den feh­len­den Hun­ger und Durst wer­den Endor­phi­ne („kör­per­ei­ge­nes Mor­phi­um“) aus­ge­schüt­tet, dies sorgt für zuneh­men­de Müdig­keit, letzt­lich tie­fen Schlaf und ruhi­ges Ein­schla­fen. Wenn es doch mal anders kommt, las­sen sich vie­le Beschwer­den gut lin­dern. Es braucht in der Regel nur eine enge Betreu­ung durch das Pal­lia­tiv­netz vor Ort. Bei sehr schwe­ren Beschwer­den darf ein Pal­lia­tiv­arzt zur Lei­dens­lin­de­rung eine Nar­ko­se ein­lei­ten (sog. pal­lia­ti­ve Sedie­rung), das wird aller­dings sehr unter­schied­lich gehand­habt.

Freitodhilfe bei unabwendbarer Sorge vor Würdeverlust  

Es gibt aber Beschwer­den und Zustän­de, erläu­tert Thöns wei­ter, die las­sen sich wenig ver­än­dern, wie etwa die zuneh­men­de Schwä­che, die Hilf­lo­sig­keit, das Ange­wie­sen­sein auf Pfle­ge und Fami­lie, eine Harn- und Stuhl­schwä­che. Und gera­de hier sagen eini­ge Men­schen, davor habe ich gro­ße Angst, das will ich nicht erle­ben, das ist für mich wür­de­los, dann möch­te ich eher ster­ben.

Eine leid­freie Metho­de zu ster­ben, ist die Frei­tod­hil­fe, bei der man nach dem eigen­hän­di­gen Star­ten einer töd­li­chen Nar­kos­e­infu­si­on sehr rasch fried­lich ein­schläft. Hier­bei die Hil­fe eines Arz­tes anzu­neh­men, ist laut eines Urteils des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein „Grund­recht“, es ist also völ­lig legal. Es müs­sen aller­dings von den Ärzt:innen vier Vor­aus­set­zun­gen der Frei­ver­ant­wort­lich­keit vor­her ein­ge­hend geprüft wer­den und es soll­te eine Bedenk­zeit von 14 Tagen ein­ge­hal­ten wer­den.

Da die­ses Recht aktu­ell an vie­len Orten nicht umge­setzt wer­den kann, sei mit dem Pal­lia­tiv­gar­ten ein Ort geschaf­fen wor­den, wo Men­schen beglei­tet wer­den kön­nen – auch durch völ­lig leid­freie Frei­tod­hil­fe, räumt Vogel ein. Men­schen, die das Unaus­weich­li­che anzu­neh­men ver­mö­gen, kön­nen durch gute pal­lia­ti­ve Ein­stel­lung beschwer­de­frei oder zumin­dest leid­arm ihre aller­letz­te Lebens­pha­se ver­brin­gen. Dafür arbei­ten Ben­ja­min Vogel und Dr. Mat­thi­as Thöns mit Lei­den­schaft.

Kon­takt:
Ben­ja­min Vogel, Pal­lia­tiv­be­ra­tung basis e.V / Pal­lia­tiv­gar­ten Her­ne; Nord­stra­ße 138, 44828 Her­ne, palliativberatung-basis@gmx.de, Tel. 0162 40700224 

Quel­len:
Thöns, Mat­thi­as, Tho­mas Sit­te. Über­the­ra­pie am Lebens­en­de. Repe­ti­to­ri­um Pal­lia­tiv­me­di­zin: Zur Vor­be­rei­tung auf die Prü­fung Pal­lia­tiv­me­di­zin. Ber­lin, Hei­del­berg: Sprin­ger Ber­lin Hei­del­berg, 2023. 365–373.

Kara­gi­ann­idis, C., Krau­se, F., Bent­la­ge, C., Wolff, J., Bein, T., Win­disch, W., & Bus­se, R. (2024). In-hos­pi­tal mor­ta­li­ty, com­or­bi­di­ties, and cos­ts of one mil­li­on mecha­ni­cal­ly ven­ti­la­ted pati­ents in Ger­ma­ny. The Lan­cet Regio­nal Health–Europe.

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