Matilda Joslyn Gage (24. März 1826 – 18. März 1898)

„Es gibt ein Wort, das süßer ist als Mutter, Zuhause oder Himmel. Dieses Wort ist Freiheit“

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Foto: privat
Vor 200 Jahren, am 24. März 1826, wurde Matilda Joslyn Gage geboren. Als Autorin, Aktivistin und Freidenkerin prägte sie die amerikanische Frauenbewegung, engagierte sich gegen die Sklaverei und widersetzte sich religiöser wie politischer Unterdrückung.

Matil­da Elec­ta Jos­lyn (24.03.1826 in Cicero/New York/USA – 18.03.1898 in Chicago/USA) war eine bedeu­ten­de Theo­re­ti­ke­rin und Akti­vis­tin der ame­ri­ka­ni­schen Frau­en­rechts­be­we­gung, Her­aus­ge­be­rin, Autorin, Aboli­tio­nis­tin und Frei­den­ke­rin.

Ihre Eltern, Helen und Dr. med. Heze­ki­ah Jos­lyn, waren libe­ral und demo­kra­tisch gesinnt, die sich schon früh gegen die Skla­ve­rei aus­spra­chen und enga­gier­ten. Das Jos­lyn-Haus war zudem eine Sta­ti­on der ille­ga­len Skla­ven-Flucht­hil­fe-Orga­ni­sa­ti­on Under­ground Rail­road, die Unter­kunft für ent­kom­me­ne afro­ame­ri­ka­ni­sche Skla­ven stell­te, wofür auch in New York Gefäng­nis­stra­fen droh­ten. Matil­da emp­fing im Eltern­haus intel­lek­tu­el­le Anre­gung und besuch­te das Clin­ton Libe­ral Insti­tu­te. Spä­ter schrieb sie über ihre elter­li­che Anlei­tung: „Wenn es eine Aus­bil­dung gab, die für mich wert­vol­ler war als alle ande­ren, dann war es die Schu­lung, die ich von mei­nem Vater erhal­ten habe, um selb­stän­dig zu den­ken. … Die­se frü­he Lek­ti­on, alle Fra­gen selbst zu unter­su­chen, war für mich von unend­lich grö­ße­rem Wert, als alle Klas­si­ker und Wis­sen­schaf­ten der Welt ohne frei­es Den­ken gewe­sen wären.“

Mit 18 Jah­ren hei­ra­te­te sie den Kauf­mann Hen­ry Hill Gage (1845–1884), wur­de Haus- und Geschäfts­frau und Mut­ter von fünf Kin­dern. Den größ­ten Teil ihres Lebens leb­te sie in Fayetteville/New York. Die jüngs­te Toch­ter, Maud (1861–1953), hei­ra­te­te 1882 den Schrift­stel­ler Lyman Frank Baum (1856–1919), des­sen erfolg­reichs­tes Buch The Won­derful Wizard of Oz („Der Zau­be­rer von Oz“) wer­den soll­te.

Mit 26 Jah­ren enga­gier­te sie sich für die Natio­na­le Ver­ei­ni­gung für das Frau­en­wahl­recht Natio­nal Women‘s Suf­fra­ge Asso­cia­ti­on (NWSA), wur­de dort bekannt als exzel­len­te Red­ne­rin und Autorin, beklei­de­te dort meh­re­re Funk­tio­nen und bau­te Suf­fra­get­ten-Grup­pen in New York und Vir­gi­nia auf. Als Kor­re­spon­den­tin ver­öf­fent­lich­te sie über­re­gio­nal in vie­len Zeit­schrif­ten. Das „Tri­um­vi­rat“ des radi­ka­len Flü­gels der dama­li­gen Frau­en­rechts­be­we­gung bestand in die­ser Zeit aus Sus­an B. Antho­ny (1820–1906), Eliza­beth Cady Stan­ton (1815–1902) und Matil­da Jos­lyn Gage.

Matil­das Ana­ly­sen gal­ten als scharf­sin­nig, kon­se­quent, als geschicht­lich fun­dier­te Ana­ly­sen der Unter­drü­ckung der Frau­en, und gal­ten man­chen als zu radi­kal. Sie beschränk­te sich nicht nur auf die Erlan­gung des Stimm­rechts, son­dern for­der­te, dass sich Frau­en selbst wei­ter­ent­wi­ckeln müss­ten, um ihren gleich­be­rech­tig­ten Platz in der Gesell­schaft gegen das Patri­ar­chat ein­zu­neh­men, wel­ches bis­her „die tat­säch­lich vor­han­de­nen gro­ßen Leis­tun­gen der Frau­en auf fast allen Gebie­ten für sich rekla­miert und dadurch sei­ne Macht behaup­tet.“

Am 24.08.1878 hielt Matil­da eine Anspra­che auf dem Kon­gress der New York Freethin­kers Asso­cia­ti­on, der in Wat­kins Glen statt­fand. Dort hielt sie ihre ers­te kur­ze Frei­den­ker­vor­le­sung, deren The­se zum Kern ihrer bekann­tes­ten Aus­sa­ge über Frau­en und Reli­gi­on wur­de.

Eben­falls im Jahr 1878 kauf­te Matil­da in Toledo/Ohio eine Zei­tung, die sie als The Natio­nal Citi­zen and Bal­lot Box („Die Natio­na­le Bür­ge­rin und die Wahl­ur­ne“) her­aus­gab, mit dem Anspruch: „Das beson­de­re Ziel wird es sein, den natio­na­len Schutz weib­li­cher Bür­ger bei der Aus­übung ihres Wahl­rechts zu gewähr­leis­ten … es wird sich der Klas­sen­ge­setz­ge­bung jeg­li­cher Form wider­set­zen … Frau­en aller Klas­sen, Stän­de, Rän­ge und Namen wer­den die­se Zei­tung als ihre Freun­din emp­fin­den.“ Die wich­tigs­te Autorin war Matil­da selbst.

Als wich­ti­ge Ursa­che für die Ungleich­be­hand­lung der Frau­en sah sie das Chris­ten­tum mit sei­ner Leh­re der weib­li­chen Min­der­wer­tig­keit und Sünd­haf­tig­keit. Das Den­ken von Frau­en und Män­nern sei ja von die­ser Leh­re ein­ge­nom­men und bestim­me die Ideo­lo­gie des Staa­tes. In ihrem Buch Woman, Church and Sta­te („Frau­en, Kir­che und Staat“, 1893) argu­men­tier­te sie his­to­risch, dass die Kir­che im Lau­fe der Geschich­te für die Unter­drü­ckung von Frau­en ver­ant­wort­lich war und dass dies die Grund­la­ge für den Wider­stand der Kir­che gegen die Gleich­stel­lung von Frau­en bil­de­te, ande­re kirch­li­che Über­zeu­gun­gen form­ten und wie die Kir­che dadurch Ein­fluss­nah­me auf die Ehe- und Bil­dungs­ge­set­ze gewann. Mit ihren The­sen in ihrem Auf­klä­rungs­buch Women, Church and Sta­te gegen den schäd­li­chen Ein­fluss der Reli­gi­on, hat­te sie in ihrer Zeit offen­bar ein bis dahin noch nie ange­rühr­tes Tabu berührt.

Trotz ihres Anti­kle­ri­ka­lis­mus unter­schied sie aller­dings die Kir­che von deren urchrist­li­chen Ansprü­chen. Sie setz­te sich z. B. dafür ein, dass eine Bibel für Frau­en The Woman‘s Bible geschrie­ben wer­den sol­le. In den letz­ten bei­den Jah­ren ihres Lebens – sie hat­te eine schwe­re Krank­heit durch­lebt – kon­zen­trier­ten sich ihre Gedan­ken auf meta­phy­si­sche The­men, sowie auf die Phä­no­me­ne und die Phi­lo­so­phie des Spi­ri­tua­lis­mus und theo­so­phi­sche Theo­rien.

Bis dahin blieb sie aller­dings eine fun­da­men­ta­le Kri­ti­ke­rin des Chris­ten­tums und der Kir­che. Sie befand, dass die zeit­ge­nös­si­sche Kir­che eine von Män­nern kon­trol­lier­te Kir­che sei, die Frau­en ernied­rig­te und unter­drück­te. Matil­da unter­stütz­te des­halb nach­drück­lich eine kon­se­quen­te Poli­tik der Tren­nung von Kir­che und Staat und glaub­te, „dass der größ­te Scha­den für Frau­en durch theo­lo­gi­sche Geset­ze ent­stand, die die Frau dem Mann unter­war­fen“. Sie schrieb im Okto­ber 1881 in Natio­nal Citi­zen: „Da sie davon über­zeugt ist, dass es sich bei die­sem Land um eine poli­ti­sche und nicht um eine reli­giö­se Orga­ni­sa­ti­on han­delt, wird die Her­aus­ge­be­rin des Natio­nal Citi­zen all ihren Ein­fluss durch Stim­me und Feder gegen ‚Sab­bat­ge­set­ze‘, den Gebrauch der ‚Bibel in der Schu­le‘ und sich vor allem gegen einen Ände­rungs­an­trag ein­set­zen, der ‚Gott in der Ver­fas­sung‘ ein­füh­ren soll.“

In ihrem Buch Woman, Church and Sta­te ging sie auch aus­führ­lich auf die Fol­gen der „Hexen“-Verfolgungen im 16. Jahr­hun­dert ein, die nach­hal­tig das frau­en­feind­li­che Chris­ten­tum in der Neu­zeit präg­ten. Die von der Kir­che aus­ge­hen­de Unter­drü­ckung von Frau­en zeig­te sich dar­in, dass der Begriff „Frau­en“ durch „Hexen“ ersetzt wur­de. Gebil­de­te Frau­en, die sich dem Patri­ar­chat wider­setz­ten, gal­ten als Bedro­hung für die Kir­che und wur­den daher eher der Hexe­rei beschul­digt: „Die Hexe war in Wirk­lich­keit die tief­grün­digs­te Den­ke­rin, die fort­schritt­lichs­te Wis­sen­schaft­le­rin jener Zeit. Die Ver­fol­gung, die seit Jahr­hun­der­ten gegen Hexen geführt wur­de, war in Wirk­lich­keit ein Angriff der Kir­che auf die Wis­sen­schaft. Da Wis­sen schon immer Macht bedeu­te­te, fürch­te­te die Kir­che sei­nen Gebrauch in den Hän­den der Frau und rich­te­te ihre töd­lichs­ten Schlä­ge gegen sie.“

Nicht nur von Sei­ten der Kle­ri­ka­len, auch aus den Rei­hen kon­ser­va­ti­ver Frau­en­be­we­gun­gen kamen geschock­te Distan­zie­run­gen. Die christ­li­chen Femi­nis­tin­nen konn­ten ihrer radi­ka­len Kri­tik noch nicht fol­gen. Da sie auch in der Natio­nal Women Suf­fra­ge Asso­cia­ti­on auf zu wenig Unter­stüt­zung stieß, grün­de­te sie eine eige­ne Orga­ni­sa­ti­on mit dem Namen Woman’s Natio­nal Libe­ral Uni­on (WNLU, „Natio­na­le Libe­ra­le Frau­en­uni­on“).

Matil­da Gage enga­gier­te sich für vie­le ande­re Bewe­gun­gen, gegen die Skla­ve­rei und Dis­kri­mi­nie­run­gen der ehe­ma­li­gen Skla­ven, für das Recht auf Ehe­schei­dung – und auch für die Rech­te der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung, der Ame­ri­can Indi­ans („Ame­ri­ka­ni­sche India­ner“). Sie nutz­te ihre Reden und Schrif­ten, um deren bru­ta­le Behand­lung anzu­pran­gern, und sie ärger­te sich dar­über, dass die Regie­rung ver­such­te, ihnen eine Staats­bür­ger­schaft auf­zu­zwin­gen, um damit ihren Sta­tus als eigen­stän­di­ge Nati­on und ihre Ver­trags­pri­vi­le­gi­en zunich­te­zu­ma­chen: „Dass die Indi­ans jetzt unter­drückt wur­den, ist wahr, aber die Ver­ei­nig­ten Staa­ten haben Ver­trä­ge mit ihnen, in denen sie sie als eigen­stän­di­ge poli­ti­sche Gemein­schaf­ten aner­ken­nen, und die Pflicht ihnen gegen­über erfor­dert kei­ne erzwun­ge­ne Staats­bür­ger­schaft, son­dern die treue Erfül­lung ihrer Ver­pflich­tun­gen an den Indi­ans durch die Regie­rung.“

Sie hat­te eine gewis­se Zeit mit den Iro­ke­sen ver­bracht und erhielt bei ihrer Auf­nah­me in den Wolfs­clan den Namen Karo­nien­ha­wi („Die, die den Him­mel hält“) und wur­de in den Matro­nen­rat der Iro­ke­sen auf­ge­nom­men. In dem Buch Woman, Church and Sta­te beschrieb sie unter ande­rem die Gesell­schaft der Iro­ke­sen als ein „Matri­ar­chat“, in dem Frau­en wah­re Macht hät­ten, und stell­te fest, dass ein Sys­tem der Abstam­mung durch die weib­li­che Linie (Matri­li­nea­ri­tät) und weib­li­che Eigen­tums­rech­te zu einem gleich­be­rech­tig­te­ren Ver­hält­nis zwi­schen Män­nern und Frau­en führ­ten.

Matil­da Gage war in spä­te­ren Jah­ren schwer herz­krank und ver­brach­te jedes Jahr sechs Mona­te bei Maud und Frank in Chi­ca­go. Frank Baum ließ sich von den fort­schritt­li­chen Ideen der Schwie­ger­mut­ter durch­aus beein­flus­sen. Sei­ne bekann­tes­ten Wer­ke, die Rei­he, die mit The Won­derful Wizard of Oz begann, wur­den von Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lern als Aus­druck ihres (Matil­das) poli­ti­schen Ein­flus­ses ange­se­hen.

Matil­da Jos­lyn Gage starb im Haus der Baums am 18. März 1898 in Chi­ca­go, wo sie auch kre­miert wur­de. Ihre Asche wur­de auf dem Fay­et­te­ville-Fried­hof unter einem grob behaue­nen Grab­stein bei­gesetzt, auf dem ihr bekann­tes­ter Aus­spruch stand: „Es gibt ein Wort, das süßer ist als Mut­ter, Zuhau­se oder Him­mel. Die­ses Wort ist Frei­heit.“

Wer­ke:
Woman‘s Rights Cate­chism („Kate­chis­mus der Rech­te der Frau“, 1868); Woman as Inven­tor („Die Frau als Erfin­de­rin“, 1870); Who Plan­ned the Ten­nes­see Cam­paign („Wer plan­te den Ten­nes­see-Feld­zug“, 1880); Woman, Church and Sta­te („Frau, Kir­che und Staat“, Chi­ca­go 1893); Her­aus­ge­be­rin und Autorin von The Natio­nal Citi­zen and Bal­lot Box (Mai 1878 bis Okto­ber 1881).

Quel­le:
H. Jes­tra­bek (Hrsg.): Frei­den­ke­rin und Frau­en­recht­le­rin Maria Véro­ne. Bio­gra­phi­sche Por­träts von 70 Frei­den­ke­rin­nen Lib­re-Pen­seu­ses Vor­kämp­fe­rin­nen für Frau­en­rech­te und Frei­es Den­ken. Reutlingen–Heidenheim 2024, S. 123–127.

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