Matilda Electa Joslyn (24.03.1826 in Cicero/New York/USA – 18.03.1898 in Chicago/USA) war eine bedeutende Theoretikerin und Aktivistin der amerikanischen Frauenrechtsbewegung, Herausgeberin, Autorin, Abolitionistin und Freidenkerin.
Ihre Eltern, Helen und Dr. med. Hezekiah Joslyn, waren liberal und demokratisch gesinnt, die sich schon früh gegen die Sklaverei aussprachen und engagierten. Das Joslyn-Haus war zudem eine Station der illegalen Sklaven-Fluchthilfe-Organisation Underground Railroad, die Unterkunft für entkommene afroamerikanische Sklaven stellte, wofür auch in New York Gefängnisstrafen drohten. Matilda empfing im Elternhaus intellektuelle Anregung und besuchte das Clinton Liberal Institute. Später schrieb sie über ihre elterliche Anleitung: „Wenn es eine Ausbildung gab, die für mich wertvoller war als alle anderen, dann war es die Schulung, die ich von meinem Vater erhalten habe, um selbständig zu denken. … Diese frühe Lektion, alle Fragen selbst zu untersuchen, war für mich von unendlich größerem Wert, als alle Klassiker und Wissenschaften der Welt ohne freies Denken gewesen wären.“
Mit 18 Jahren heiratete sie den Kaufmann Henry Hill Gage (1845–1884), wurde Haus- und Geschäftsfrau und Mutter von fünf Kindern. Den größten Teil ihres Lebens lebte sie in Fayetteville/New York. Die jüngste Tochter, Maud (1861–1953), heiratete 1882 den Schriftsteller Lyman Frank Baum (1856–1919), dessen erfolgreichstes Buch The Wonderful Wizard of Oz („Der Zauberer von Oz“) werden sollte.
Mit 26 Jahren engagierte sie sich für die Nationale Vereinigung für das Frauenwahlrecht National Women‘s Suffrage Association (NWSA), wurde dort bekannt als exzellente Rednerin und Autorin, bekleidete dort mehrere Funktionen und baute Suffragetten-Gruppen in New York und Virginia auf. Als Korrespondentin veröffentlichte sie überregional in vielen Zeitschriften. Das „Triumvirat“ des radikalen Flügels der damaligen Frauenrechtsbewegung bestand in dieser Zeit aus Susan B. Anthony (1820–1906), Elizabeth Cady Stanton (1815–1902) und Matilda Joslyn Gage.
Matildas Analysen galten als scharfsinnig, konsequent, als geschichtlich fundierte Analysen der Unterdrückung der Frauen, und galten manchen als zu radikal. Sie beschränkte sich nicht nur auf die Erlangung des Stimmrechts, sondern forderte, dass sich Frauen selbst weiterentwickeln müssten, um ihren gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft gegen das Patriarchat einzunehmen, welches bisher „die tatsächlich vorhandenen großen Leistungen der Frauen auf fast allen Gebieten für sich reklamiert und dadurch seine Macht behauptet.“
Am 24.08.1878 hielt Matilda eine Ansprache auf dem Kongress der New York Freethinkers Association, der in Watkins Glen stattfand. Dort hielt sie ihre erste kurze Freidenkervorlesung, deren These zum Kern ihrer bekanntesten Aussage über Frauen und Religion wurde.
Ebenfalls im Jahr 1878 kaufte Matilda in Toledo/Ohio eine Zeitung, die sie als The National Citizen and Ballot Box („Die Nationale Bürgerin und die Wahlurne“) herausgab, mit dem Anspruch: „Das besondere Ziel wird es sein, den nationalen Schutz weiblicher Bürger bei der Ausübung ihres Wahlrechts zu gewährleisten … es wird sich der Klassengesetzgebung jeglicher Form widersetzen … Frauen aller Klassen, Stände, Ränge und Namen werden diese Zeitung als ihre Freundin empfinden.“ Die wichtigste Autorin war Matilda selbst.
Als wichtige Ursache für die Ungleichbehandlung der Frauen sah sie das Christentum mit seiner Lehre der weiblichen Minderwertigkeit und Sündhaftigkeit. Das Denken von Frauen und Männern sei ja von dieser Lehre eingenommen und bestimme die Ideologie des Staates. In ihrem Buch Woman, Church and State („Frauen, Kirche und Staat“, 1893) argumentierte sie historisch, dass die Kirche im Laufe der Geschichte für die Unterdrückung von Frauen verantwortlich war und dass dies die Grundlage für den Widerstand der Kirche gegen die Gleichstellung von Frauen bildete, andere kirchliche Überzeugungen formten und wie die Kirche dadurch Einflussnahme auf die Ehe- und Bildungsgesetze gewann. Mit ihren Thesen in ihrem Aufklärungsbuch Women, Church and State gegen den schädlichen Einfluss der Religion, hatte sie in ihrer Zeit offenbar ein bis dahin noch nie angerührtes Tabu berührt.
Trotz ihres Antiklerikalismus unterschied sie allerdings die Kirche von deren urchristlichen Ansprüchen. Sie setzte sich z. B. dafür ein, dass eine Bibel für Frauen The Woman‘s Bible geschrieben werden solle. In den letzten beiden Jahren ihres Lebens – sie hatte eine schwere Krankheit durchlebt – konzentrierten sich ihre Gedanken auf metaphysische Themen, sowie auf die Phänomene und die Philosophie des Spiritualismus und theosophische Theorien.
Bis dahin blieb sie allerdings eine fundamentale Kritikerin des Christentums und der Kirche. Sie befand, dass die zeitgenössische Kirche eine von Männern kontrollierte Kirche sei, die Frauen erniedrigte und unterdrückte. Matilda unterstützte deshalb nachdrücklich eine konsequente Politik der Trennung von Kirche und Staat und glaubte, „dass der größte Schaden für Frauen durch theologische Gesetze entstand, die die Frau dem Mann unterwarfen“. Sie schrieb im Oktober 1881 in National Citizen: „Da sie davon überzeugt ist, dass es sich bei diesem Land um eine politische und nicht um eine religiöse Organisation handelt, wird die Herausgeberin des National Citizen all ihren Einfluss durch Stimme und Feder gegen ‚Sabbatgesetze‘, den Gebrauch der ‚Bibel in der Schule‘ und sich vor allem gegen einen Änderungsantrag einsetzen, der ‚Gott in der Verfassung‘ einführen soll.“
In ihrem Buch Woman, Church and State ging sie auch ausführlich auf die Folgen der „Hexen“-Verfolgungen im 16. Jahrhundert ein, die nachhaltig das frauenfeindliche Christentum in der Neuzeit prägten. Die von der Kirche ausgehende Unterdrückung von Frauen zeigte sich darin, dass der Begriff „Frauen“ durch „Hexen“ ersetzt wurde. Gebildete Frauen, die sich dem Patriarchat widersetzten, galten als Bedrohung für die Kirche und wurden daher eher der Hexerei beschuldigt: „Die Hexe war in Wirklichkeit die tiefgründigste Denkerin, die fortschrittlichste Wissenschaftlerin jener Zeit. Die Verfolgung, die seit Jahrhunderten gegen Hexen geführt wurde, war in Wirklichkeit ein Angriff der Kirche auf die Wissenschaft. Da Wissen schon immer Macht bedeutete, fürchtete die Kirche seinen Gebrauch in den Händen der Frau und richtete ihre tödlichsten Schläge gegen sie.“
Nicht nur von Seiten der Klerikalen, auch aus den Reihen konservativer Frauenbewegungen kamen geschockte Distanzierungen. Die christlichen Feministinnen konnten ihrer radikalen Kritik noch nicht folgen. Da sie auch in der National Women Suffrage Association auf zu wenig Unterstützung stieß, gründete sie eine eigene Organisation mit dem Namen Woman’s National Liberal Union (WNLU, „Nationale Liberale Frauenunion“).
Matilda Gage engagierte sich für viele andere Bewegungen, gegen die Sklaverei und Diskriminierungen der ehemaligen Sklaven, für das Recht auf Ehescheidung – und auch für die Rechte der indigenen Bevölkerung, der American Indians („Amerikanische Indianer“). Sie nutzte ihre Reden und Schriften, um deren brutale Behandlung anzuprangern, und sie ärgerte sich darüber, dass die Regierung versuchte, ihnen eine Staatsbürgerschaft aufzuzwingen, um damit ihren Status als eigenständige Nation und ihre Vertragsprivilegien zunichtezumachen: „Dass die Indians jetzt unterdrückt wurden, ist wahr, aber die Vereinigten Staaten haben Verträge mit ihnen, in denen sie sie als eigenständige politische Gemeinschaften anerkennen, und die Pflicht ihnen gegenüber erfordert keine erzwungene Staatsbürgerschaft, sondern die treue Erfüllung ihrer Verpflichtungen an den Indians durch die Regierung.“
Sie hatte eine gewisse Zeit mit den Irokesen verbracht und erhielt bei ihrer Aufnahme in den Wolfsclan den Namen Karonienhawi („Die, die den Himmel hält“) und wurde in den Matronenrat der Irokesen aufgenommen. In dem Buch Woman, Church and State beschrieb sie unter anderem die Gesellschaft der Irokesen als ein „Matriarchat“, in dem Frauen wahre Macht hätten, und stellte fest, dass ein System der Abstammung durch die weibliche Linie (Matrilinearität) und weibliche Eigentumsrechte zu einem gleichberechtigteren Verhältnis zwischen Männern und Frauen führten.
Matilda Gage war in späteren Jahren schwer herzkrank und verbrachte jedes Jahr sechs Monate bei Maud und Frank in Chicago. Frank Baum ließ sich von den fortschrittlichen Ideen der Schwiegermutter durchaus beeinflussen. Seine bekanntesten Werke, die Reihe, die mit The Wonderful Wizard of Oz begann, wurden von Literaturwissenschaftlern als Ausdruck ihres (Matildas) politischen Einflusses angesehen.
Matilda Joslyn Gage starb im Haus der Baums am 18. März 1898 in Chicago, wo sie auch kremiert wurde. Ihre Asche wurde auf dem Fayetteville-Friedhof unter einem grob behauenen Grabstein beigesetzt, auf dem ihr bekanntester Ausspruch stand: „Es gibt ein Wort, das süßer ist als Mutter, Zuhause oder Himmel. Dieses Wort ist Freiheit.“
Werke:
Woman‘s Rights Catechism („Katechismus der Rechte der Frau“, 1868); Woman as Inventor („Die Frau als Erfinderin“, 1870); Who Planned the Tennessee Campaign („Wer plante den Tennessee-Feldzug“, 1880); Woman, Church and State („Frau, Kirche und Staat“, Chicago 1893); Herausgeberin und Autorin von The National Citizen and Ballot Box (Mai 1878 bis Oktober 1881).
Quelle:
H. Jestrabek (Hrsg.): Freidenkerin und Frauenrechtlerin Maria Vérone. Biographische Porträts von 70 Freidenkerinnen Libre-Penseuses Vorkämpferinnen für Frauenrechte und Freies Denken. Reutlingen–Heidenheim 2024, S. 123–127.



