Steuergerechtigkeit

Zuckersteuer ja! Als Impuls für ein vernünftiges, gerechtes und stimmiges Steuersystem

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Foto: Evelin Frerk

Beitragsbild: Daniel Kraus/unsplash

Zwischen Gerechtigkeitslücken, Lobbyismus und wachsender Komplexität gerät das Steuersystem zunehmend in die Kritik. Wie eine Zuckersteuer als gezielte, verhältnismäßige Lenkungsabgabe wirken könnte, erläutert Johannes Schill in seiner politischen Kolumne.

Der Fis­kus braucht Geld für sei­ne viel­fäl­ti­gen Auf­ga­ben. In vor­de­mo­kra­ti­schen Zei­ten waren die Steu­ern und Abga­ben meis­tens sehr ein­sei­tig ver­teilt: Bau­ern und Hand­wer­ker arbei­te­ten für die Armeen der Köni­ge und für den reprä­sen­ta­ti­ven Luxus der Aris­to­kra­tie. Gele­gent­lich gab es auch „gute“ Köni­ge, die vor­aus­schau­end in Wis­sen­schaft, Bil­dung, Infra­struk­tur und Wirt­schafts­för­de­rung inves­tier­ten, beson­ders in der Zeit der Auf­klä­rung. Durch die Impul­se der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on kamen dann sozia­le Ideen hin­zu: Staat und Kom­mu­nen fühl­ten sich zuneh­mend auch für die Wohl­fahrt ihrer Bürger*innen ver­ant­wort­lich. Neben öffent­li­chen Pro­jek­ten und För­de­run­gen kamen dafür auch geziel­te Steu­ern in den Blick: Sie soll­ten nicht nur das Staats­sä­ckel fül­len, son­dern ent­wi­ckel­ten sich zu einem gesell­schafts­po­li­ti­schen Steue­rungs­in­stru­ment.

In der Demo­kra­tie dür­fen nun die Bürger*innen mit­be­stim­men, wel­che Steu­ern ihr Staat zwangs­wei­se erhe­ben und wel­che Auf­ga­ben er über­neh­men soll. Und sie dür­fen – eigent­lich – erwar­ten, dass der Staat sei­ne Auf­ga­ben effek­tiv und spar­sam erfüllt. In moder­nen Staa­ten hat sich das Steu­er­we­sen zu einem kom­ple­xen Feld ver­dich­tet, wo sich ver­schie­de­ne „Logi­ken“ über­kreu­zen und wo sich auch pro­fes­sio­nel­le Finanzwissenschaftler*innen ver­lau­fen kön­nen.

Gleich­zei­tig dür­fen die Bürger*innen erwar­ten, dass die Steu­ern trans­pa­rent, stim­mig und gerecht sein sol­len. Beson­ders in der aktu­el­len Reform­de­bat­te, wo es mitt­ler­wei­le um die grund­sätz­li­che Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz der Demo­kra­tie geht. Und die­se Erwar­tung haben wir Humanist*innen auch; inso­fern mel­de ich mich hier als Nicht­fach­mann zu Wort.

Eine gro­ße Gerech­tig­keits­lü­cke klafft erkenn­bar bereits bei der Steu­er­ein­trei­bung. Klei­ne „Sün­der“ wer­den sofort bestraft, gro­ße lässt man lau­fen. Cum, ex und hopp! Ein Skan­dal!

Dif­fe­ren­zie­run­gen und Son­der­rech­te von ein­zel­nen Grup­pen soll­ten gut begrün­det wer­den; dreis­ter Lob­by­is­mus darf nicht prä­miert wer­den. Weit­ge­hen­der Kon­sens scheint erfreu­li­cher­wei­se zu sein, dass star­ke Schul­tern mehr als schwa­che Schul­tern tra­gen soll­ten. Lei­der trifft die Ein­kom­mens­steu­er­pro­gres­si­on mitt­ler­wei­le vor allem die Mit­tel­schich­ten; Groß­ver­die­ner und ‑ver­mö­gen­de kön­nen sich ihr oft ent­zie­hen.

Des­halb nun ein paar grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zur Steu­er­ge­rech­tig­keit, die eine Balan­ce zwi­schen Leis­tungs- und Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit, zwi­schen Sozi­al­staat und frei­en, mün­di­gen Bürger*innen bil­den soll­te, sowie ein kon­kre­ter Vor­schlag zur Zucker­steu­er:

  • Gro­ße Erb­schaf­ten, gro­ße Ver­mö­gen und Kapi­tal­erträ­ge müs­sen stär­ker und auch kon­se­quent pro­gres­siv besteu­ert wer­den.
  • Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Arbeit soll­te gerin­ger besteu­ert wer­den. Auch weni­ger qua­li­fi­zier­te ehr­li­che Arbeit muss sich loh­nen. Nur sehr hohe Ein­kom­men soll­ten stär­ker besteu­ert wer­den.
  • Basis­kon­sum soll­te nicht so stark besteu­ert wer­den (Mehr­wert­steu­er), Luxus­kon­sum hin­ge­gen stär­ker.
  • Eine mode­ra­te Per­so­nal­steu­er (die alte „Kopf­steu­er“) wäre hin­ge­gen aus mei­ner Sicht nicht von vorn­her­ein unso­zi­al, wenn sie an ande­rer Stel­le aus­ge­gli­chen wür­de. Alle Bürger*innen haben Anspruch auf staat­li­che Leis­tun­gen. Infra­struk­tur, Sicher­heit und Bil­dung sind bei uns kos­ten­frei. War­um soll nicht jeder und jede einen klei­nen Bei­trag dazu leis­ten?
  • Fami­li­en mit Kin­dern und häus­li­che Pfle­ge sind zu för­dern. Die ide­al­ty­pi­sche „Chef­arzt­gat­tin“ bedarf jedoch kei­ner Steu­er­be­frei­ung durch das Ehe­gat­ten­split­ting. Denn das Rad der Frau­en­eman­zi­pa­ti­on soll­te nicht zurück­ge­dreht wer­den.
  • Die Besteue­rungs­for­men von gro­ßen und klei­nen Wirt­schafts­un­ter­neh­men sind zu über­prü­fen. Mut zu einem Kri­te­ri­en­ka­ta­log! Kei­ne Angst vor Lob­by­is­ten­ge­schrei! Huma­ne Arbeits­plät­ze und huma­ni­sie­ren­de Inno­va­tio­nen müs­sen belohnt wer­den.
  • Gieß­kan­nen­för­der­pro­gram­me sind zu ver­mei­den. Kei­ne Rei­chen­för­de­rung!
  • Umwelt- und kli­ma­schäd­li­ches Ver­hal­ten ist stär­ker zu besteu­ern. Im Ver­kehrs­be­reich klafft hier mei­ner Mei­nung nach eine gro­ße Gerech­tig­keits­lü­cke. Öko­lo­gi­sche Land­wirt­schaft und Land­schafts­pfle­ge müs­sen hin­ge­gen stär­ker begüns­tigt wer­den.

Schließ­lich ist – und damit sind wir end­lich bei der Zucker­steu­er – gesund­heits­schäd­li­cher Kon­sum, der oft und erwie­se­ner­ma­ßen Fol­ge­kos­ten im Gesund­heits­we­sen ver­ur­sacht, stär­ker zu besteu­ern. Ver­bo­te sind wenig sinn­voll und wirk­sam; das hat, was den Alko­hol­kon­sum betrifft, die Pro­hi­bi­ti­ons­zeit in den USA gezeigt; die Dro­gen­pro­ble­ma­tik las­se ich bei­sei­te. Auch frei­heits­po­li­tisch sind Ver­bo­te nur in weni­gen Aus­nah­me­fäl­len zu recht­fer­ti­gen.

Der sozia­le Wohl­fahrts­staat ver­steht sich zuneh­mend auch als Gesund­heits­prä­ven­ti­ons­staat. Das ging im 19. Jahr­hun­dert mit Hygie­ne­po­li­tik, Abwas­ser­ka­nal­bau, Seu­chen­vor­sor­ge und gesetz­li­cher Kran­ken­ver­si­che­rung los. Inso­fern darf der Staat auch von sei­nen Bürger*innen erwar­ten, dass sie bei ihrem pri­va­ten Kon­sum gesund­heit­li­che Risi­ken wenigs­tens im Blick haben. Mit einer geziel­ten, fis­ka­lisch gering­vo­lu­mi­gen Len­kungs­steu­er belohnt er Kon­sum­zu­rück­hal­tung.

Weit­ge­hend akzep­tiert ist mitt­ler­wei­le die erhöh­te Tabak­steu­er: Nach­dem die Medi­zin den Zusam­men­hang zwi­schen Tabak­kon­sum und Lun­gen­krebs evi­dent bewie­sen hat­te, griff der Staat durch höhe­re Steu­ern sowie Wer­be­ver­bo­te mas­siv ein. Der Ziga­ret­ten­kon­sum ging deut­lich zurück; Rau­chen ist nicht mehr „iden­ti­täts­stif­ten­de Kul­tur­pra­xis“, son­dern wird nur noch tole­riert. Dis­kri­mi­nie­rung wäre aber kon­tra­pro­duk­tiv.

Der Autor erin­nert sich gut an sei­ne Jugend in den 1970ern: Es war sehr schwer, sich dem (Jugend-)Gruppenzwang des „locke­ren“ gemein­sa­men Rau­chens zu ent­zie­hen. In Semi­na­ren an der Uni rauch­ten auch die Dozen­ten; spä­ter im Pro­fi­or­ches­ter saßen bei Gast­spiel­rei­sen die net­ten und inter­es­san­ten Kolleg*innen im Rau­cher­bus. Im Nicht­rau­cher­bus saßen die Spie­ßer.

Eine ähn­li­che posi­ti­ve Len­kungs­wir­kung könn­te – Schritt für Schritt – eine neue Zucker­steu­er ent­fal­ten – nicht nur auf stark gesüß­te Erfri­schungs­ge­trän­ke wie in UK. Auch hier hat die For­schung schon lan­ge gezeigt, dass der hohe Kon­sum von wei­ßem Indus­trie­zu­cker Kari­es, Adi­po­si­tas und Dia­be­tes för­dert. Der Autor spricht hier aus per­sön­li­cher Erfah­rung.

Zu unter­schei­den wäre die Zucker­steu­er von der Mehr­wert­steu­er für Grund­nah­rungs­mit­tel, die gesenkt wer­den soll­te. Im Über­maß genos­sen ist Zucker ein Genuss­mit­tel – auch wenn die Lob­by das anders sieht. Selbst­re­dend darf der Genuss von Süßig­kei­ten und das gele­gent­li­che Schwel­gen, ins­be­son­de­re bei Fei­ern oder reli­giö­sen Fes­ten, nicht stig­ma­ti­siert wer­den.

Die (Wieder-)Einführung der Zucker­steu­er in Form einer ver­nünf­ti­gen, evi­dent wirk­sa­men, kei­nes­wegs unso­zia­len Kon­sum­len­kungs­steu­er könn­te ein auch sym­bo­lisch gelun­ge­nes Start­si­gnal für die Reform­fä­hig­keit des Staa­tes sein. Sie wäre eine wür­de­vol­le Hil­fe zur Selbst­dis­zi­pli­nie­rung gera­de von weni­ger sol­ven­ten, bil­dungs­fer­nen Schich­ten und wür­de damit die drin­gend not­wen­di­gen Steu­er­erhö­hun­gen für die Rei­chen gemein­wohl­ori­en­tiert flan­kie­ren.

Ich fin­de, das ist ein kon­kre­tes, tief huma­nis­ti­sches poli­ti­sches Pro­gramm!

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