Im Gespräch mit Daniel Abma und Britta Strampe

„Im Prinzip Familie”

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Beitragsbild: Bandenfilm / Jonas Ludwig Walter

Anlässlich des Internationalen Kindertages am 1. Juni lädt der Humanistische Verband Deutschlands herzlich ein zu einem Film-Screening mit anschließendem Gespräch. Der Dokumentarfilm „Im Prinzip Familie“ begleitet Kinder in einer Jugendhilfe-Wohngruppe und zeigt eindrucksvoll, wie wichtig Fürsorge, Stabilität und verlässliche Bezugspersonen für ihre Entwicklung sind. Darüber sprechen Regisseur Daniel Abma und Produzentin Britta Strampe im Interview auf diesseits.de.

Die inhalt­li­che Vor­ar­beit zum Doku­men­tar­film „Im Prin­zip Fami­lie“ begann bereits im Jahr 2012, als Regis­seur Dani­el Abma nach einer Vor­füh­rung sei­nes Films „Nach Wrie­zen“ mit Vertreter*innen des Jugend­am­tes in Pots­dam in Kon­takt kam. Der dort gezeig­te Film, der sich mit der Reso­zia­li­sie­rung von jugend­li­chen Straftäter*innen befasst, bil­de­te den Grund­stein für Dani­els Inter­es­se an sozi­al­päd­ago­gi­schen Ange­bo­ten. Der Ver­tre­ter eines gro­ßen Trä­gers zeigt ihm dar­auf­hin ver­schie­de­ne Wohn­grup­pen, dar­un­ter auch ein an einem idyl­li­schen See gele­ge­nes Haus, das zur betreu­ten Jugend­hil­fe gehört. „Ich war fas­zi­niert von dem, was dort pas­sier­te“, erin­nert sich Dani­el im Inter­view. Die Begeg­nung war der Aus­gangs­punkt für ein mehr­jäh­ri­ges Recher­che- und Film­pro­jekt, aus dem schließ­lich der Doku­men­tar­film „Im Prin­zip Fami­lie“ ent­stand.

Dani­el beschreibt den Pro­zess der Stoff­ent­wick­lung auch als eine Suche nach dem rich­ti­gen Fokus: „Zunächst haben wir über­legt, ob der Film nur über die Erwach­se­nen gehen soll. Aber dann haben wir wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten gemerkt, dass es ohne die Geschich­ten der Kin­der nicht funk­tio­niert. Sie sind der rote Faden, an dem sich auch die Arbeit der Betreuer*innen ori­en­tiert.“ (Dani­el Abma).

Brit­ta Stram­pe, die Pro­du­zen­tin des Films, ergänzt, dass vor allem die inten­si­ve Recher­che und die Begeg­nun­gen mit den Men­schen in der Wohn­grup­pe aus­schlag­ge­bend dafür waren, was den Film letzt­end­lich aus­macht. „Der eigent­li­che Prot­ago­nist des Films ist die Bezie­hung zwi­schen den Kin­dern und den Erwach­se­nen.“ (Brit­ta Stram­pe)

In dem Haus am See im länd­li­chen Raum, das zum zen­tra­len Dreh­ort des Films wur­de, gibt es ver­schie­de­ne Wohn­grup­pen, die jeweils einen sehr hohen Betreuer*innenschlüssel haben. Ins­ge­samt arbei­ten dort ca. 30 Per­so­nen in vier Wohn­grup­pen mit durch­schnitt­lich fünf Kin­dern. Der Film beglei­tet eine die­ser Grup­pen und rich­tet den Fokus auf drei Erzieher*innen, die für die Wohn­grup­pe ver­ant­wort­lich sind. „Wenn man nur drei Per­so­nen zeigt, kann man viel mehr sagen und viel mehr zei­gen über die­se Per­so­nen, viel mehr in die Tie­fe gehen und sie bes­ser ken­nen­ler­nen. Und so ist die Kon­stel­la­ti­on ent­stan­den, dass wir zwei Kin­der und drei Erzieher*innen in den Fokus gerückt haben.“ (Dani­el Abma).

Die Wohn­grup­pen sind nicht nach Geschlech­tern getrennt. Viel­mehr wird im Vor­feld durch Besu­che und Gesprä­che geschaut, wel­ches Kind mit erhöh­tem Betreu­ungs­be­darf gut in die bestehen­de Grup­pe pas­sen wür­de – fast wie in einer Wohn­ge­mein­schaft. Dass in der gezeig­ten Wohn­grup­pe zum Zeit­punkt der Dreh­ar­bei­ten nur Jun­gen leben, ist also Zufall. „So eine Wohn­grup­pe bekommt, wenn ein Platz frei ist, sehr vie­le Anfra­gen. Da ent­schei­det dann das Team, wer am bes­ten passt.“ (Dani­el Abma)

Aus­schlag­ge­bend für die Wahl die­ser Wohn­grup­pe war vor allem die Offen­heit und das Ver­trau­en, mit dem Dani­el und sein Team auf­ge­nom­men wur­den. Nach einem ers­ten Besuch schrieb die Lei­te­rin des Hau­ses in einer E‑Mail: „‘Ich habe das Gefühl, unse­re Wohn­grup­pe und du pas­sen gut zusam­men. Du bist jeder­zeit will­kom­men.‘ Das war dann die Ein­la­dung, um die­se Pha­se der Recher­che tat­säch­lich zu star­ten. Die­ses will­kom­me­ne Gefühl ist auch immer geblie­ben. Als ich die Wohn­grup­pe nach den Dreh­ta­gen wie­der besucht habe, hat­te ich das Gefühl, ich bin jetzt ein Teil der Fami­lie. Es ist so schön, dort immer wie­der hin­zu­fah­ren.“ (Dani­el Abma)

Frau Wag­ner mein­te bei der Pre­mie­re des Films in Leip­zig, dass Dani­el und Brit­ta nun wie eine Art Onkel und Tan­te für die Kin­der gewor­den sind und nun „im Prin­zip“ zur Fami­lie gehö­ren. Die­se Offen­heit ermög­lich­te es dem Film­team, einen inten­si­ven Zugang zu den Kin­dern und Betreu­en­den zu fin­den und authen­ti­sche und inti­me Momen­te ein­zu­fan­gen. Das Film­team schuf eine Atmo­sphä­re, in der sich die Kin­der wohl fühl­ten, indem es ihnen im Vor­feld die Tech­nik erklär­te und ihnen auch die Mög­lich­keit gab, selbst zu fil­men und auf­zu­neh­men. „Wir haben so eine Art medi­en­päd­ago­gi­schen Work­shop gege­ben. Am ers­ten Dreh­tag haben wir nicht gefilmt, son­dern den Kin­dern erst­mal die Kame­ra gezeigt und sich selbst fil­men las­sen, das Mikro­fon auf- und zurück­bau­en und zu erfah­ren, wie prä­zi­se so ein Mikro wirk­lich alle Geräu­sche und Stim­men auf­fängt. Das hat allen sehr viel Spaß gemacht und danach wur­de es ganz nor­mal, dass wir mit der gan­zen Tech­nik da waren.“ (Dani­el Abma).

Die spie­le­ri­sche Her­an­ge­hens­wei­se half den Kin­dern, die Anwe­sen­heit der Kame­ra zu akzep­tie­ren und sich auch in emo­tio­na­len Momen­ten nicht von ihr gestört zu füh­len. „Mei­ner Erfah­rung nach ver­ges­sen Kin­der die Kame­ra viel schnel­ler als Erwach­se­ne, vor allem in inten­si­ven Situa­tio­nen.“, sagt Dani­el. Gleich­zei­tig hat­ten die Kin­der immer die Mög­lich­keit, Gren­zen zu set­zen und zu zei­gen, wenn sie sich mit der Kame­ra unwohl fühl­ten. „Die Kin­der konn­ten immer „Nein“ sagen, The­ma Augen­hö­he. Es war abge­spro­chen – und es ist auch vor­ge­kom­men – dass Kin­der sich in bestimm­ten Momen­ten unwohl gefühlt haben. Dann ging zum Bei­spiel die Kin­der­zim­mer­tür zu. Nach einer Wei­le hat sich die­se Tür dann auch wie­der geöff­net. Dann durf­ten wir wei­ter­ma­chen.“ (Dani­el Abma).

Die ent­stan­de­ne Nähe ermög­lich­te es dem Team, auch inti­men Sze­nen zu fil­men, wie bei­spiels­wei­se dem Moment am Ende des Films, in dem Niklas erfährt, dass er erst­mal nicht bei sei­ner Mut­ter woh­nen kann. Hier lief die Kame­ra erst­mal nur mit. Niklas konn­te nach dem Gespräch ent­schei­den, ob die Sze­ne in den Film darf oder nicht. Vor dem Dreh wuss­te er nicht, was er im Gespräch erfah­ren wür­de. In der Wohn­grup­pe leben meh­re­re Kin­der, die auch im Film zu sehen sind. Im Mit­tel­punkt ste­hen die Geschich­ten von Niklas und Kel­vin. Bei­de leben schon län­ger in der Wohn­grup­pe, was die Ver­traut­heit zwi­schen dem Film­team und den Kin­dern för­der­te. „Niklas und Kel­vin waren die Kin­der, mit denen wir am längs­ten Kon­takt hat­ten und deren Ent­wick­lung wir über einen län­ge­ren Zeit­raum beob­ach­ten konn­ten.“ (Brit­ta Stram­pe)

Eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung in der Arbeit mit den jun­gen Protagonist*innen ist auch, die Balan­ce zwi­schen Inti­mi­tät und dem Schutz der Kin­der zu wah­ren. Sen­si­ble Infor­ma­tio­nen über die Hin­ter­grün­de der Kin­der und Fami­li­en wur­den bewusst anony­mi­siert, um ihnen auch lang­fris­tig nicht zu scha­den. „Wir woll­ten alles dafür tun, dass die Kin­der auch in zehn Jah­ren noch glück­lich mit dem Film sein kön­nen.“ (Brit­ta Stram­pe)

Damit am Ende alle Protagonist*innen mit ihrer Dar­stel­lung im Film ein­ver­stan­den waren, wur­den sie auch nach Ende der Dreh­ar­bei­ten in den Ent­ste­hungs­pro­zess des Films ein­ge­bun­den. Ein zen­tra­ler Aspekt, den der Film auf­greift, ist das Span­nungs­feld zwi­schen den Wün­schen der Kin­der und den rea­len Bedin­gun­gen, die oft durch die fami­liä­ren Ver­hält­nis­se geprägt sind. Dani­el beschreibt die „unbe­ding­te Loya­li­tät der Kin­der gegen­über ihren Eltern: Egal wie schwie­rig oder insta­bil die Situa­ti­on zu Hau­se ist, fast alle Kin­der wol­len immer wie­der zurück zu ihren Eltern. Das ist unglaub­lich berüh­rend, aber auch sehr her­aus­for­dernd für die Betreuer*innen, da es für die Kin­der oft bes­ser ist, erst­mal in der Ein­rich­tung zu blei­ben. Die Bin­dung zu den Eltern ist jedoch so stark, dass sie alles ande­re über­wiegt.“ (Dani­el Abma)

Die­se Loya­li­tät wird beson­ders in den Sze­nen mit Niklas deut­lich, der trotz sei­ner Ent­täu­schung über die fami­liä­re Situa­ti­on immer wie­der ganz klar zu sei­ner Mut­ter zurück­keh­ren möch­te. Der Film „Im Prin­zip Fami­lie“ bie­tet nicht nur einen tie­fen Ein­blick in das Leben in einer Wohn­grup­pe, son­dern möch­te auch gesell­schaft­li­che Impul­se set­zen. Dani­el hofft, dass der Film auch dazu bei­trägt, mehr Men­schen für sozia­le Beru­fe zu begeis­tern und die wich­ti­ge Arbeit, die die Betreuer*innen in den Wohn­grup­pen leis­ten, ins Bewusst­sein der Öffent­lich­keit zu rücken. Die Arbeit in der Kin­der- und Jugend­hil­fe wür­de oft unter­schätzt, obwohl sie sehr wich­tig sei: „Es ist leicht, auf das Sys­tem der Jugend­hil­fe zu schimp­fen und Miss­stän­de anzu­krei­den. Uns war es aber wich­tig zu zei­gen, dass es auch posi­ti­ve Bei­spie­le gibt.“ (Brit­ta Stram­pe).

„Im Prin­zip Fami­lie“ gibt einen warm­her­zi­gen und inten­si­ven Ein­blick in die inten­si­ve Bezie­hungs­ar­beit in inten­siv betreu­ten Wohn­grup­pen. Der Film zeigt, wie sehr die Erzieher*innen das Leben der dort leben­den Kin­der prä­gen. „Die Kin­der sind nicht das Pro­blem. Oft sind es die Umstän­de, in denen sie auf­wach­sen, die ihnen das Leben schwer machen. Unse­re Hoff­nung ist, dass der Film zeigt, wie wich­tig es ist, die­sen Kin­dern eine Chan­ce zu geben und sie in einem Umfeld zu unter­stüt­zen, in dem sie sich sicher und gebor­gen füh­len kön­nen.“ (Brit­ta Stram­pe)

Dani­el Abma (geb. 1978 in den Nie­der­lan­den) stu­dier­te zunächst Grund­schul­päd­ago­gik und arbei­te­te als Medi­en­päd­ago­ge, bevor er an der Film­uni­ver­si­tät Babels­berg Regie stu­dier­te. Sei­ne doku­men­ta­ri­schen Arbei­ten kon­zen­trie­ren sich auf sozia­le The­men und cha­rak­ter­ba­sier­te Beob­ach­tun­gen. Sei­ne Fil­me – dar­un­ter „Nach Wrie­zen“ (2012), „Tran­sit Havan­na“ (2016) und „Auto­bahn“ (2019) – wur­den inter­na­tio­nal auf Fes­ti­vals wie IDFA, Kar­l­o­vy Vary und DOK Leip­zig gezeigt und mehr­fach aus­ge­zeich­net.

Brit­ta Stram­pe ist Pro­du­zen­tin und Mit­grün­de­rin von Ban­den­film. Wäh­rend ihres Stu­di­ums der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft absol­vier­te sie diver­se Prak­ti­ka im Film- und Medi­en­be­reich. Anschlie­ßend arbei­te­te sie als Pro­duk­ti­ons­lei­te­rin für Kino­do­ku­men­tar­fil­me, bevor sie ein Mas­ter­stu­di­um der Film­pro­duk­ti­on in Babels­berg auf­nahm und für einen Film­ver­leih tätig war.

Anläss­lich des Inter­na­tio­na­len Kin­der­ta­ges am 1. Juni lädt der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands herz­lich ein zu einem Film-Scree­ning mit anschlie­ßen­dem Gespräch zwi­schen dem Regis­seur Dani­el Abma und Brit­ta Licht, Bun­des­be­auf­trag­te für Kin­der­rech­te des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands. Mehr Infos hier.

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