Ein nachhaltiger Beitrag zur Energiewende

Tempo 113 – yes!

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Foto: Evelin Frerk

Beitragsbild: G-R Mottez/unsplash

Ein Tempolimit von 113 km/h klingt zunächst ungewohnt, ist aber überraschend vernünftig: Ein Plädoyer für Suffizienz, ökologische Reformen und politische Rationalität von Johannes Schwill in seiner politischen Kolumne.

Auch bei dem aktu­el­len, durch den Irankrieg ver­ur­sach­ten The­ma „Sprit­preis­ent­las­tung für Pend­ler“ schla­ge ich vor, Lösun­gen bit­te sofort auf das rich­ti­ge Gleis zu set­zen. Rich­tung Ener­gie­spa­ren, erneu­er­ba­re Ener­gien, Kli­ma­schutz und suf­fi­zi­enz­ori­en­tier­te Wirt­schaft.

Wir müs­sen end­lich weg­kom­men von der Den­ke, dass Öko­lo­gie nur etwas für Betuch­te ist.  Und der Staat muss mit gutem Bei­spiel und ver­nünf­ti­gen Rah­men­ge­set­zen vor­an­ge­hen, nicht mit der Gieß­kan­ne alle gleich­mä­ßig mit geborg­tem Geld beglü­cken. Das Min­des­te ist, dass er ziel­ge­naue Hil­fen für Men­schen mit klei­ne­ren Ein­kom­men in länd­li­chen Räu­men, die aufs Auto ange­wie­sen sind, durch rich­tungs­wei­sen­de öko­lo­gi­sche Refor­men flan­kiert und ergänzt.

Tem­po 113 klingt absicht­lich schräg, basiert aller­dings auf Ratio und per­sön­li­cher Erfah­rung des Autors: 113 km/h (prä­zi­se: 112,65408) ent­spre­chen 70 Mei­len pro Stun­de, der Höchst­ge­schwin­dig­keit auf den Auto­bah­nen im schö­nen Eng­land. Ein ent­spann­tes, siche­res, lei­se­res, ener­gie­ef­fi­zi­en­tes Tem­po!

Die poli­ti­sche Unver­nunft treibt ja zur­zeit – vor­sich­tig for­mu­liert – erstaun­li­che Blü­ten. Ich mei­ne gar nicht nur Mis­ter T. und die dra­ma­ti­sche Welt­la­ge, son­dern auch die hie­si­ge Poli­tik.

In mei­ner Kind­heit in den 1960ern war noch Spar­sam­keit ange­sagt – wie jahr­tau­sen­de­lang in den 95 % weni­ger wohl­ha­ben­den Schich­ten. Auch wenn mei­ne Eltern am Wirt­schafts­wun­der teil­hat­ten, brach­ten wir die Schu­he zum Schus­ter. All­tags­ge­gen­stän­de wur­den pfleg­lich behan­delt und repa­riert, Essens­res­te auf­be­wahrt und Gum­mi­bän­der gesam­melt. Sonn­tags ging es – der Mess­gang konn­te inno­va­tiv auch am Vor­abend absol­viert wer­den – zünf­tig raus in die Natur zum Wan­dern – aller­dings nicht ganz öko­lo­gisch kor­rekt: Die Anfahrt ins Sau­er­land erfolg­te mit dem Auto. Dort wur­den wir ange­hal­ten, nicht die Land­schaft mit Müll zu „ver­schan­deln“; „Büt­ter­ken“ wur­den mit­ge­bracht.

Um 1970 wur­de es libe­ra­ler und zugleich mate­ri­ell groß­zü­gi­ger – bis zur ers­ten Ölkri­se 1973. Ich ent­sin­ne mich gut an die auto­frei­en Sonn­ta­ge und die besinn­li­chen Herbst­spa­zier­gän­ge über die frei­en Stra­ßen. Geme­ckert haben nur weni­ge.

Weg­mar­ken der Öko­lo­gie­de­bat­te waren dann der Bericht des Club of Rome 1975 und die Hava­rie des ukrai­ni­schen Kern­kraft­werks in Tscher­no­byl. Die Grü­nen ver­such­ten, Schritt für Schritt, öko­lo­gi­sches Bewusst­sein und Pra­xis in die Poli­tik zu tra­gen. Auch die SPD, die bis­her sozia­le Ver­bes­se­run­gen, tech­ni­schen Fort­schritt und Wachs­tum immer zusam­men dach­te, nahm Umwelt­schutz, Öko­lo­gie und Nach­hal­tig­keit in ihr Pro­gramm auf; bei Tei­len der CDU muss­te man eigent­lich nur an den kon­ser­va­ti­ven Natur­schutz­ge­dan­ken anknüp­fen.

Heu­te rei­be ich mir die Augen: Haben wir denn nichts dazu­ge­lernt? In den Schu­len wird BNE (Bil­dung für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung) groß­ge­schrie­ben. Aber die Ener­gie- und Auto­lob­by meint unge­straft, sie könn­te das Rad der Geschich­te zurück­dre­hen. Und die Regie­rung hört schein­bar nur auf sie. Ein Trau­er­spiel!

An Schild­bür­ger­strei­che grenzt der aktu­el­le Tan­kra­batt für die Fol­gen des Irankrie­ges, der natür­lich – Über­ra­schung! – die Gewinn­span­ne der Mine­ral­öl­kon­zer­ne ver­grö­ßert, sowie die Tau­send-Euro-Prä­mie, die von den Arbeit­ge­bern auf­ge­bracht wer­den soll­te – egal, ob sie Spiel­raum haben oder nicht. Gut, dass der Bun­des­rat die­se Far­ce nicht abge­seg­net hat.

Immer­hin wird jetzt eine Sen­kung der Ein­kom­mens­steu­er, vor allem für klei­ne und mitt­le­re Ein­kom­men, dis­ku­tiert – die sowie­so über­fäl­lig und sozi­al gerecht ist, aber mit den Auf­ga­ben „Ener­gie­si­cher­heit“ und „sozi­al­ver­träg­li­ches Ener­gie­spa­ren“ direkt nichts zu tun hat. Die Lücke darf aller­dings nicht mit einer Mehr­wert­steu­er­erhö­hung gefüllt wer­den; hier sind jetzt die Rei­chen dran. Ein Skan­dal, dass Kanz­ler Merz, selbst Mil­lio­när, hier blo­ckiert.

War­um nicht end­lich mal – inner­halb der Ener­gie- und Ver­kehrs­po­li­tik – das Nahe­lie­gen­de tun? Ein Tem­po­li­mit auf der Auto­bahn wird seit Jahr­zehn­ten dis­ku­tiert; eine brei­te Mehr­heit der Bürger*innen ist dafür. In vie­len Nach­bar­län­dern funk­tio­niert es rei­bungs­los, spart Sprit und ent­spannt den Ver­kehr – was auch sozi­al­psy­cho­lo­gisch in unse­rer gereiz­ten Ell­bo­gen­ge­sell­schaft drin­gend not­wen­dig ist.

Dis­ku­tie­ren kann man über die Höhe. Des­halb mein Vor­schlag: Tem­po 113 auf der Auto­bahn. Das erzeugt Auf­merk­sam­keit und zuerst ein­mal eine kogni­ti­ve Dis­so­nanz („Sind die denn jetzt total bekloppt?“). Bei Licht bese­hen folgt der Vor­schlag jedoch best Eng­lish prac­ti­ce, pro­fi­tiert vom – seit dem Brexit lei­der leicht dege­ne­rier­ten – prag­ma­ti­schen, unideo­lo­gi­schen Image der Eng­län­der und bil­det einen guten Kom­pro­miss zwi­schen den Model­len „Tem­po 100“ oder „120 km/h“. Etwas mehr als die Mit­te. Ein klas­si­scher Kom­pro­miss. Nicht rigo­ros und „grün gän­gelnd“, son­dern mode­rat. Und psy­cho­lo­gisch genau anders­her­um als der­zeit üblich: auf den ers­ten Blick unaus­ge­go­ren, auf den zwei­ten sehr plau­si­bel. Ste­ter Trop­fen höhlt den Stein; ste­tes Spa­ren und sich Beschei­den an der rich­ti­gen Stel­le för­dert das not­wen­di­ge Umden­ken zu einer suf­fi­zi­enz­ori­en­tier­ten Wirt­schaft.

Die­se ein­fa­che Lösung könn­te ein wich­ti­ger Bei­trag zu einer ver­nünf­ti­gen Neu­ori­en­tie­rung und Ent­ideo­lo­gi­sie­rung nicht nur der Energie‑, Ver­kehrs- und Kli­ma­po­li­tik sein.

Das „Sah­ne­häub­chen“ wäre eine eher sym­bo­li­sche Sen­kung des Prei­ses für das Deutsch­land­ti­cket: viel­leicht auf 56,50 €? Genau die Hälf­te von der Tem­po­zahl 113? Das wäre auch erst ein­mal eine kurio­se Zahl. Sie könn­te aber zei­gen, dass ers­tens auch der Staat scharf rech­nen soll­te, ja, muss (nicht nur die klei­nen Leu­te bei Net­to), und dass zwei­tens vie­le klei­ne­re Maß­nah­men, die intel­li­gent an den rich­ti­gen Stel­len anset­zen und in die rich­ti­ge Rich­tung gehen, das Blatt wen­den könn­ten. Öko­lo­gisch, fis­ka­lisch und zum Woh­le der All­ge­mein­heit.

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1 Kommentar zu „Tempo 113 – yes!“

  1. Auch oder viel­leicht gera­de als Huma­nist sehe ich die Sache anders: War­um soll der Auto­fah­rer gezwun­gen wer­den, Tei­le sei­ner wert­vol­len Lebens­zeit auf der Auto­bahn zu „ver­war­ten” bzw. vor sich hin zu schlei­chen (bei frei­er Fahr­bahn, nachts etc.), wenn dies bis­lang nicht nötig war und anhand maß­geb­li­cher Kenn­grö­ßen (dazu spä­ter mehr) auch kei­ne mess­ba­ren Aus­wir­kun­gen hat? Mei­ner Mei­nung nach trägt eine Kri­mi­na­li­sie­rung schnel­ler indi­vi­du­el­ler Fort­be­we­gung von A nach B nicht zur „Ent­ideo­lo­gi­sie­rung” des Ver­kehrs­the­mas bei, son­dern ist im Gegen­teil ideo­lo­gisch moti­viert. Auch hat ein Tem­po­li­mit nichts mit der aktu­el­len Ener­gie­wen­de (die durch­aus sinn­voll ist, wenn sie mög­lichst rasch und welt­weit umge­setzt wird) zu tun, wie im Über­ti­tel sug­ge­riert, aber das sei nur am Ran­de bemerkt.
    Zum Kos­ten­ar­gu­ment: Sicher soll­te man sich nicht gleich­zei­tig über hohe Ben­zin­prei­se bekla­gen und mit Höchst­tem­po über die Auto­bahn bret­tern, aber es wird ja auch heu­te nie­mand zum Schnell­fah­ren gezwun­gen. Wenn der Autor und Ande­re ger­ne 113 Km/h auf Auto­bah­nen fah­ren möch­ten, hin­dert sie sicher­lich nie­mand dar­an. Aber war­um soll­ten wir Men­schen bevor­mun­den, die ihre Prio­ri­tä­ten anders set­zen, und denen ihre Zeit auch viel wert ist?
    Zum Sicher­heits­ar­gu­ment: Soweit ich infor­miert bin, sind die Unfall­zah­len bereits jetzt a) auf dem Niveau der Nach­bar­län­der mit gene­rel­lem Tem­po­li­mit und b) wei­ter­hin rück­läu­fig. Grund­sätz­lich ist zwar rich­tig, dass mit dem Tem­po, mit dem man unter­wegs ist, auch die Zahl der Ver­kehrs­to­ten steigt, aber um die­se auf Null zu sen­ken (rein theo­re­tisch über­legt), müss­te man auch den ver­kehr kom­plett ver­bie­ten. Möch­te man Mobi­li­tät, muss man not­wen­di­ger­wei­se auch sol­che schwer­wie­gen­den
    Nach­tei­le akzep­tie­ren. Über die Zahl der Toten, die jeder Ein­zel­ne von uns in Kauf neh­men wür­de, lässt sich natür­lich treff­lich strei­ten, unstrit­tig ist aber, dass es sich um eine Fra­ge der per­sön­li­chen Grenz­zie­hung han­delt. Ich per­sön­lich füh­le mich bei der jet­zi­gen Tem­po­re­ge­lung sicher genug (sie­he auch mein ein­lei­ten­der Satz zu die­sem Punkt), bin aber selbst­ver­ständ­lich ger­ne bereit, mich einem demo­kra­ti­schen Kon­sens zu beu­gen, soll­te die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung da anders urtei­len.
    Zum Umwelt­ar­gu­ment: Als pro­mo­vier­ter Frei­land­öko­lo­ge liegt mir der Erhalt unse­rer Natur, der Bio­di­ver­si­tät und letzt­lich auch der huma­nen Lebens­grund­la­gen sehr am Her­zen. Der men­schen­ge­mach­te Kli­ma­wan­del ist seit ca. 20 Jah­ren ein unmiss­ver­ständ­lich bewie­se­nes Fak­tum. Aller­dings den­ke ich nicht, dass die Maß­nah­me eines Tem­po­li­mits nun auch in Deutsch­land geeig­net ist, den Raub­bau an der Natur auch nur im Gerings­ten abzu­mil­dern. In Anbe­tracht einer auf nicht abseh­ba­re Zeit wei­ter (wenn auch nicht mehr expo­nen­ti­ell) wach­sen­den Welt­be­völ­ke­rung und eines immensen Nach­hol­be­darfs an Lebens­qua­li­tät und Kon­sum bei ca. 6 Mil­li­ar­den Men­schen, die bis­lang
    noch kein Auto fah­ren oder in den Jah­res­ur­laub flie­gen, evtl. nicht ein­mal regel­mä­ßig Fleisch essen, dies aber in Zukunft auch ger­ne tun möch­ten (und zwar mit dem­sel­ben Recht, mit dem wir das zum Bei­spiel in Deutsch­land tun), ist das besag­te Tem­po­li­mit nicht ein­mal ein Trop­fen auf den sprich­wört­li­chen hei­ßen Stein. Hier bedarf es ande­rer, im Wesent­li­chen tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lun­gen (mög­li­cher­wei­se der Kern­fu­si­on, wobei die der­zei­ti­ge Ener­gie­wen­de zumin­dest in die rich­ti­ge Rich­tung geht), die welt­weit imple­men­tiert wer­den müs­sen, um mei­nen Pes­si­mis­mus zu besie­gen!
    Ein Tem­po­li­mit in Deutsch­land ist somit auch in die­sem Sin­ne „blin­der” Aktio­nis­mus und ledig­lich eine will­kür­li­che Ein­schrän­kung der per­sön­li­chen Frei­heit – mit huma­nis­ti­schem Gruß
    Armin Schrei­ner

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