Josef Schiller (29. Juni 1846 –17. August 1897)

„Der Kampf beginnt für eine bessere Zeit“

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Foto: privat

Beitragsbild: Emil Strauss: Entstehung der deutsch-böhmischen Arbeiterbewegung, Prag 1925, Hrsg. Parteivorstand der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (Geschichte der deutschen Sozialdemokratie Böhmens bis 1888)

Vor 180 Jahren, am 29. Juni 1846, wurde Josef Schiller geboren. Schiller Seff, böhmischer Freidenker und Arbeiterdichter, wurde zu einer frühen Stimme der nordböhmischen Arbeiterbewegung. Als Sozialist verband er politische Agitation mit dem Kampf gegen soziale Not und wurde mehrfach verfolgt und verhaftet, bevor er schließlich in die USA auswanderte.

Anton Behr, Schil­lers Mit­strei­ter aus den Grün­dungs­ta­gen der öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie, cha­rak­te­ri­sier­te Schil­ler Seff in sei­nen Erin­ne­run­gen fol­gen­der­ma­ßen:

„Josef Schil­ler war einer der ers­ten Agi­ta­to­ren, wel­che die nord­böh­mi­sche Arbei­ter­be­we­gung in Fluss brach­ten. Er war revo­lu­tio­nä­rer Sozia­list und pro­le­ta­ri­scher Frei­den­ker. Er begann sei­ne poli­ti­sche Tätig­keit mit einem Gedicht, des­sen ers­te Stro­phe fol­gen­der­ma­ßen lau­tet:

Der Kampf beginnt, die Wor­te sind gefal­len,
Wir sind erwacht, wir sind zum Kampf bereit,
Und don­nernd mag’s von Land zu Lan­de schal­len:
Der Kampf beginnt für eine bes­se­re Zeit.

Im Jah­re 1870 ent­stand sein bekann­tes Gedicht Der Kon­fes­si­ons­lo­se, in wel­chem Schil­ler Josef den Gläu­bi­gen zuruft:

Euer Pries­ter lehrt euch dul­den, lei­den, tra­gen,
Mein Inne­res lehrt mich schaf­fen, rin­gen, wagen.“

Josef Schil­ler, der Schil­ler Seff, wur­de am 29. Juni 1846 im nord­böh­mi­schen Rei­chen­berg (Libe­rec) als Sohn armer Weber gebo­ren. Rei­chen­berg in Böh­men war ein füh­ren­des Zen­trum der indus­tri­el­len Ent­wick­lung der Öster­reich-Unga­ri­schen Mon­ar­chie. Die Mehr­heits­be­völ­ke­rung in Rei­chen­berg war deutsch­spra­chig, wie auch die Fami­lie Schil­ler. Nach dem frü­hen Tod des Vaters 1855 war der neun­jäh­ri­ge Seff gezwun­gen, in einer Tabak­fa­brik zu arbei­ten. Als 1864 die Mut­ter starb, wur­den die Kin­der getrennt, und Seff such­te Arbeit „in der Frem­de“ als Weber.

Trotz schlech­ter Schul­bil­dung ent­wi­ckel­te er bald lite­ra­ri­sches Talent und wur­de ab 1868 Anhän­ger der ers­ten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen in Böh­men, die nur mit gro­ßen Ein­schrän­kun­gen legal orga­ni­siert waren. Hier trug er bei Ver­samm­lun­gen eige­ne Gedich­te vor (u.a. sein bekann­tes­tes „Das Skla­ven­joch“). Bald war er enga­giert als poli­ti­scher Agi­ta­tor, Orga­ni­sa­tor und Jour­na­list. 1869 hei­ra­te­te er und hat­te gro­ße Mühe, sei­ne bald viel­köp­fi­ge Fami­lie aus mate­ri­el­ler Not her­aus­zu­hal­ten. 1870 kam es zu blu­ti­gen Zusam­men­stö­ßen bei Streiks und Demons­tra­tio­nen in Rei­chen­berg, die Schil­ler in sei­nen Erzäh­lun­gen „Maschi­nen-Rösi“ beschrieb.

1873 auf einer „schwar­zen Lis­te“ mit regio­na­lem Berufs­ver­bot belegt, war er gezwun­gen nach Aussig/Ústí nad Labem umzu­sie­deln, um in einer che­mi­schen Fabrik zu arbei­ten. Als Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift „Bren­nes­sel“ berich­te­te er dar­in über einen Arbeits­un­fall, wor­auf sei­ne Ent­las­sung erfolg­te. Er fand dar­auf­hin Arbeit im Berg­bau in Mod­lau. Nach wie­der­hol­ter Ent­las­sung ver­such­te er sich durch Laden­han­del und Hau­sie­ren zu ernäh­ren.

1874 nahm er als Dele­gier­ter am Grün­dungs­kon­gress der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­par­tei Öster­reichs in Baden bei Wien teil. Wegen behörd­li­chem Ver­bot wur­de der Kon­gress ins nahe Neu­dörfl ver­legt, im damals unga­ri­schen Lan­des­teil Bur­gen­land. Schil­ler fun­gier­te beim Kon­gress als Vize­vor­sit­zen­der. Anschlie­ßend erhielt er als noch immer Arbeits­lo­ser die Gele­gen­heit eini­ge Mona­te als Anstrei­cher in Mürz­zu­schlag (Stei­er­mark) zu arbei­ten und arbei­te­te auch in Dres­den. 1875 und end­gül­tig 1877 kehr­te er nach Rei­chen­berg zurück.

Ende der 1870er Jah­re wur­de Rei­chen­berg der Sitz der wich­tigs­ten zen­tra­len Insti­tu­tio­nen der öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie, deren Pres­se­or­ga­ne („Sozi­al­po­li­ti­sche Rund­schau“, „Der Volks­freund“, „Der Frei­geist“, u.a.) und Tagungs­ort der lega­len und ille­ga­len Par­tei­ta­ge. Schil­ler bereist von hier nahe­zu alle deutsch­spra­chi­gen böh­mi­schen Gebie­te als Red­ner. Er wird zum popu­lärs­ten Arbei­ter­dich­ter, geriet aber zuneh­mend in Wider­spruch zur Par­tei­bü­ro­kra­tie. 1879/1880 war er Her­aus­ge­ber der „Sozi­al­po­li­ti­schen Rund­schau“ und Mit­glied der Zen­t­ral­lei­tung der Öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie. Immer wie­der gab es Que­re­len mit der Par­tei­füh­rung. Seit 1879 setz­te zudem eine ver­schärf­te Sozia­lis­ten­ver­fol­gung in Öster­reich ein, mit Ver­eins­auf­lö­sun­gen, Zei­tungs­ver­bo­ten und die Ver­hän­gung zahl­rei­cher Haft­stra­fen gegen Sozi­al­de­mo­kra­ten und Gewerk­schaf­ter. Als Redak­teur der Zeit­schrift „Arbei­ter­freund“ wur­de Schil­ler zu einer zehn­mo­na­ti­gen Haft­stra­fe im Pra­ger Land­ge­richt wegen „Pres­se­ver­ge­hen“ ver­ur­teilt. Ins­ge­samt wur­de er in den 1880er Jah­ren zwölf Mal ver­haf­tet und muss­te ins­ge­samt drei Jah­re Haft­stra­fe ver­bü­ßen. Er schil­der­te die­se Haft­zeit in „Bil­der aus der Gefäng­nis­haft“ (1890).

Aber Schil­ler konn­te end­lich auch sei­ne ers­ten Gedicht­bän­de und Erzäh­lun­gen her­aus­ge­ben: Gedich­te (1880). Spä­ter folg­ten wei­te­re erfolg­rei­che Gedicht­bän­de „Aus­ge­wähl­te Gedich­te“ (1885), „Lus­ti­ge Gedich­te“ (1885), „Gedich­te“ (o.J., wahr­schein­lich 1885 aus dem Gefäng­nis), „Der Mensch im Tier­rei­che“ (1885), „Der Kampf der Wahr­heit mit Lüge und Unver­stand“ im Öster­rei­chi­schen Arbei­ter­ka­len­der (1885), – eine Ver­öf­fent­li­chung, wel­che ihm eine erneu­te Haft­stra­fe ein­brach­te, Bei­trä­ge in der Zeit­schrift „Der Radi­ka­le“ (Jahr­gän­ge 1883/1884), „Bil­der aus der Gefäng­nis­haft“ (1890 in der Zeit­schrift „Der Frei­geist“ und als Bro­schü­re im Selbst­ver­lag) sowie die „Faschings­zei­tun­gen“ „Maul­schel­le“ und „Spott­vo­gel“ (1891, 1893 und 1895).

Die Öster­rei­chi­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie spal­te­te sich in die­ser Zeit in „Gemä­ßig­te“ und „Radi­ka­le“ im gan­zen Gebiet der Donau­mon­ar­chie. Schil­ler wird mit Anton Behr und Franz König Her­aus­ge­ber des „Radi­ka­len“, des­sen Redak­teu­re aber alle ver­haf­tet wer­den. 1888 ver­ei­nig­ten sich die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Frak­tio­nen wie­der durch Initia­ti­ve des neu­en Par­tei­füh­rers Vik­tor Adler und durch die Grün­dung der „Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Öster­reichs“ auf dem Par­tei­tag in Hain­feld, nach­dem sich vor­her schon in Tei­len des Rei­ches die „Tsche­cho­slo­wa­ki­sche Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei“ in Ungarn wie­der ver­ei­nigt hat­te. 1890 wur­de die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Zeit­schrift „Frei­geist“ gegrün­det, her­aus­ge­ge­ben u.a. von Schil­ler, wel­che von da an die kom­men­den über zwan­zig Jah­re lang das füh­ren­de Arbei­ter­blatt Nord­böh­mens wer­den soll­te.

Schil­ler war 1891 noch ein­mal Dele­gier­ter beim Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kon­gress in Wien und dem ers­ten Öster­rei­chi­schen Tex­til­ar­bei­ter­kon­gress in Brünn/Brno. Nach 1892 führ­ten aller­dings die Dif­fe­ren­zen mit der Par­tei­füh­rung zu sei­nem Aus­schei­den aus dem „Frei­geist“ und 1894 zum Bruch mit der ört­li­chen Par­tei­or­ga­ni­sa­ti­on. Nach einer wei­te­ren zwei­mo­na­ti­gen Haft­stra­fe blieb dem mit­tel­lo­sen Schil­ler 1896 nur noch die Mög­lich­keit der Aus­wan­de­rung nach den USA. Dort ver­starb er in der Stadt Ger­ma­nia in Penn­syl­va­nia (USA) am 16. August 1897. 

In sei­ner Hei­mat blieb er aber noch lan­ge Zeit sehr popu­lär. Sei­ne Pro­sa beinhal­te­te auto­bio­gra­phi­sche Erzäh­lun­gen und Repor­ta­gen. Sei­ne äußerst weit ver­brei­te­ten Gedich­te waren auf­rüt­telnd-kämp­fe­risch, mit kraft­vol­ler Spra­che und teil­wei­se mit bal­la­den­haf­ten Zügen. Sie schil­der­ten das Elend des Arbei­ter­le­bens in rea­lis­ti­schen Bil­dern, waren größ­ten­teils aber auch von kräf­tig der­bem Humor. Eini­ge Sati­ren über Kapi­ta­lis­ten und Kle­ri­ker haben heu­te noch gro­ßen Unter­hal­tungs­wert. Unter den Mil­lio­nen Deutsch­spra­chi­gen der Arbei­ter­be­we­gung und den zahl­rei­chen Frei­den­kern Böh­mens blieb Schil­ler Seff, auch noch vie­le Jahr­zehn­te nach sei­nem Tod, leben­dig. Der 1887 gegrün­de­te „Ver­ein der Kon­fes­si­ons­lo­sen“, spä­ter „Ver­ein der Frei­den­ker“ mit sei­ner Zeit­schrift „Der Frei­den­ker“ wur­de direkt von Schil­ler eif­rig unter­stützt und ver­öf­fent­lich­te immer wie­der sei­ne Gedich­te. Der 1906 gegrün­de­te „Frei­den­ker­bund für Böh­men“ wur­de 1914 von den Öster­rei­chisch-Unga­ri­schen k.u.k.-Behörden wegen sei­ner Anti­kriegs­ein­stel­lung ver­bo­ten. 1919 wie­der gegrün­det als „Frei­den­ker­bund für die Tsche­cho­slo­wa­ki­sche Repu­blik“, mit dem Organ „Frei­er Gedan­ke“ für die deutsch­spra­chi­ge Bevöl­ke­rung (rund 30 % der Bevöl­ke­rung der neu gegrün­de­ten Tsche­cho­slo­wa­ki­schen Repu­blik – ČSR). Im über­wie­gend tsche­cho­slo­wa­kisch-spra­chi­gen Teil der ČSR bestand der mit­glie­der­star­ke „Svaz pro­le­tá­řs­kých bez­věrců“ („Ver­band der Kon­fes­si­ons­lo­sen“). Der böh­mi­sche „Bund pro­le­ta­ri­scher Frei­den­ker“ war 1925 der Anre­ger zur Grün­dungs­ver­samm­lung der inter­na­tio­nal täti­gen „Inter­na­tio­na­le pro­le­ta­ri­scher Frei­den­ker“ in Teplice/Teplitz, bei der deren ers­ter Vor­sit­zen­der der Phi­lo­soph Theo­dor Hart­wig (1872–1958) aus Brünn/Brno wur­de. – Die­se mit­glie­der­star­ken Frei­den­ker­ver­bän­de fan­den aller­dings ihr Ende durch Ver­bo­te unter der faschis­ti­schen Besat­zung und durf­ten sich auch nach 1945 nicht wie­der grün­den. Die deutsch­spra­chi­ge Bevöl­ke­rung wur­de zwangs­wei­se umge­sie­delt. Alles Grün­de, wes­halb Leben und Werk von Schil­ler Seff heu­te weit­ge­hend unbe­kannt geblie­ben ist.

Lite­ra­tur: Schil­ler Seff. Gedich­te und Tex­te von Josef Schil­ler (1846–1897), nord­böh­mi­scher Arbei­ter­dich­ter, Frei­den­ker und liber­tä­rer Sozia­list. Nach­wort zum deutsch-tsche­chi­schen Ver­hält­nis. Hrsg. von Hei­ner Jes­tra­bek, Reut­lin­gen 2018.

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