Anton Behr, Schillers Mitstreiter aus den Gründungstagen der österreichischen Sozialdemokratie, charakterisierte Schiller Seff in seinen Erinnerungen folgendermaßen:
„Josef Schiller war einer der ersten Agitatoren, welche die nordböhmische Arbeiterbewegung in Fluss brachten. Er war revolutionärer Sozialist und proletarischer Freidenker. Er begann seine politische Tätigkeit mit einem Gedicht, dessen erste Strophe folgendermaßen lautet:
Der Kampf beginnt, die Worte sind gefallen,
Wir sind erwacht, wir sind zum Kampf bereit,
Und donnernd mag’s von Land zu Lande schallen:
Der Kampf beginnt für eine bessere Zeit.
Im Jahre 1870 entstand sein bekanntes Gedicht Der Konfessionslose, in welchem Schiller Josef den Gläubigen zuruft:
Euer Priester lehrt euch dulden, leiden, tragen,
Mein Inneres lehrt mich schaffen, ringen, wagen.“
Josef Schiller, der Schiller Seff, wurde am 29. Juni 1846 im nordböhmischen Reichenberg (Liberec) als Sohn armer Weber geboren. Reichenberg in Böhmen war ein führendes Zentrum der industriellen Entwicklung der Österreich-Ungarischen Monarchie. Die Mehrheitsbevölkerung in Reichenberg war deutschsprachig, wie auch die Familie Schiller. Nach dem frühen Tod des Vaters 1855 war der neunjährige Seff gezwungen, in einer Tabakfabrik zu arbeiten. Als 1864 die Mutter starb, wurden die Kinder getrennt, und Seff suchte Arbeit „in der Fremde“ als Weber.
Trotz schlechter Schulbildung entwickelte er bald literarisches Talent und wurde ab 1868 Anhänger der ersten sozialdemokratischen Organisationen in Böhmen, die nur mit großen Einschränkungen legal organisiert waren. Hier trug er bei Versammlungen eigene Gedichte vor (u.a. sein bekanntestes „Das Sklavenjoch“). Bald war er engagiert als politischer Agitator, Organisator und Journalist. 1869 heiratete er und hatte große Mühe, seine bald vielköpfige Familie aus materieller Not herauszuhalten. 1870 kam es zu blutigen Zusammenstößen bei Streiks und Demonstrationen in Reichenberg, die Schiller in seinen Erzählungen „Maschinen-Rösi“ beschrieb.
1873 auf einer „schwarzen Liste“ mit regionalem Berufsverbot belegt, war er gezwungen nach Aussig/Ústí nad Labem umzusiedeln, um in einer chemischen Fabrik zu arbeiten. Als Herausgeber der Zeitschrift „Brennessel“ berichtete er darin über einen Arbeitsunfall, worauf seine Entlassung erfolgte. Er fand daraufhin Arbeit im Bergbau in Modlau. Nach wiederholter Entlassung versuchte er sich durch Ladenhandel und Hausieren zu ernähren.
1874 nahm er als Delegierter am Gründungskongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs in Baden bei Wien teil. Wegen behördlichem Verbot wurde der Kongress ins nahe Neudörfl verlegt, im damals ungarischen Landesteil Burgenland. Schiller fungierte beim Kongress als Vizevorsitzender. Anschließend erhielt er als noch immer Arbeitsloser die Gelegenheit einige Monate als Anstreicher in Mürzzuschlag (Steiermark) zu arbeiten und arbeitete auch in Dresden. 1875 und endgültig 1877 kehrte er nach Reichenberg zurück.
Ende der 1870er Jahre wurde Reichenberg der Sitz der wichtigsten zentralen Institutionen der österreichischen Sozialdemokratie, deren Presseorgane („Sozialpolitische Rundschau“, „Der Volksfreund“, „Der Freigeist“, u.a.) und Tagungsort der legalen und illegalen Parteitage. Schiller bereist von hier nahezu alle deutschsprachigen böhmischen Gebiete als Redner. Er wird zum populärsten Arbeiterdichter, geriet aber zunehmend in Widerspruch zur Parteibürokratie. 1879/1880 war er Herausgeber der „Sozialpolitischen Rundschau“ und Mitglied der Zentralleitung der Österreichischen Sozialdemokratie. Immer wieder gab es Querelen mit der Parteiführung. Seit 1879 setzte zudem eine verschärfte Sozialistenverfolgung in Österreich ein, mit Vereinsauflösungen, Zeitungsverboten und die Verhängung zahlreicher Haftstrafen gegen Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Als Redakteur der Zeitschrift „Arbeiterfreund“ wurde Schiller zu einer zehnmonatigen Haftstrafe im Prager Landgericht wegen „Pressevergehen“ verurteilt. Insgesamt wurde er in den 1880er Jahren zwölf Mal verhaftet und musste insgesamt drei Jahre Haftstrafe verbüßen. Er schilderte diese Haftzeit in „Bilder aus der Gefängnishaft“ (1890).
Aber Schiller konnte endlich auch seine ersten Gedichtbände und Erzählungen herausgeben: Gedichte (1880). Später folgten weitere erfolgreiche Gedichtbände „Ausgewählte Gedichte“ (1885), „Lustige Gedichte“ (1885), „Gedichte“ (o.J., wahrscheinlich 1885 aus dem Gefängnis), „Der Mensch im Tierreiche“ (1885), „Der Kampf der Wahrheit mit Lüge und Unverstand“ im Österreichischen Arbeiterkalender (1885), – eine Veröffentlichung, welche ihm eine erneute Haftstrafe einbrachte, Beiträge in der Zeitschrift „Der Radikale“ (Jahrgänge 1883/1884), „Bilder aus der Gefängnishaft“ (1890 in der Zeitschrift „Der Freigeist“ und als Broschüre im Selbstverlag) sowie die „Faschingszeitungen“ „Maulschelle“ und „Spottvogel“ (1891, 1893 und 1895).
Die Österreichische Sozialdemokratie spaltete sich in dieser Zeit in „Gemäßigte“ und „Radikale“ im ganzen Gebiet der Donaumonarchie. Schiller wird mit Anton Behr und Franz König Herausgeber des „Radikalen“, dessen Redakteure aber alle verhaftet werden. 1888 vereinigten sich die sozialdemokratischen Fraktionen wieder durch Initiative des neuen Parteiführers Viktor Adler und durch die Gründung der „Sozialdemokratischen Partei Österreichs“ auf dem Parteitag in Hainfeld, nachdem sich vorher schon in Teilen des Reiches die „Tschechoslowakische Sozialdemokratische Partei“ in Ungarn wieder vereinigt hatte. 1890 wurde die sozialdemokratische Zeitschrift „Freigeist“ gegründet, herausgegeben u.a. von Schiller, welche von da an die kommenden über zwanzig Jahre lang das führende Arbeiterblatt Nordböhmens werden sollte.
Schiller war 1891 noch einmal Delegierter beim Sozialdemokratischen Kongress in Wien und dem ersten Österreichischen Textilarbeiterkongress in Brünn/Brno. Nach 1892 führten allerdings die Differenzen mit der Parteiführung zu seinem Ausscheiden aus dem „Freigeist“ und 1894 zum Bruch mit der örtlichen Parteiorganisation. Nach einer weiteren zweimonatigen Haftstrafe blieb dem mittellosen Schiller 1896 nur noch die Möglichkeit der Auswanderung nach den USA. Dort verstarb er in der Stadt Germania in Pennsylvania (USA) am 16. August 1897.
In seiner Heimat blieb er aber noch lange Zeit sehr populär. Seine Prosa beinhaltete autobiographische Erzählungen und Reportagen. Seine äußerst weit verbreiteten Gedichte waren aufrüttelnd-kämpferisch, mit kraftvoller Sprache und teilweise mit balladenhaften Zügen. Sie schilderten das Elend des Arbeiterlebens in realistischen Bildern, waren größtenteils aber auch von kräftig derbem Humor. Einige Satiren über Kapitalisten und Kleriker haben heute noch großen Unterhaltungswert. Unter den Millionen Deutschsprachigen der Arbeiterbewegung und den zahlreichen Freidenkern Böhmens blieb Schiller Seff, auch noch viele Jahrzehnte nach seinem Tod, lebendig. Der 1887 gegründete „Verein der Konfessionslosen“, später „Verein der Freidenker“ mit seiner Zeitschrift „Der Freidenker“ wurde direkt von Schiller eifrig unterstützt und veröffentlichte immer wieder seine Gedichte. Der 1906 gegründete „Freidenkerbund für Böhmen“ wurde 1914 von den Österreichisch-Ungarischen k.u.k.-Behörden wegen seiner Antikriegseinstellung verboten. 1919 wieder gegründet als „Freidenkerbund für die Tschechoslowakische Republik“, mit dem Organ „Freier Gedanke“ für die deutschsprachige Bevölkerung (rund 30 % der Bevölkerung der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik – ČSR). Im überwiegend tschechoslowakisch-sprachigen Teil der ČSR bestand der mitgliederstarke „Svaz proletářských bezvěrců“ („Verband der Konfessionslosen“). Der böhmische „Bund proletarischer Freidenker“ war 1925 der Anreger zur Gründungsversammlung der international tätigen „Internationale proletarischer Freidenker“ in Teplice/Teplitz, bei der deren erster Vorsitzender der Philosoph Theodor Hartwig (1872–1958) aus Brünn/Brno wurde. – Diese mitgliederstarken Freidenkerverbände fanden allerdings ihr Ende durch Verbote unter der faschistischen Besatzung und durften sich auch nach 1945 nicht wieder gründen. Die deutschsprachige Bevölkerung wurde zwangsweise umgesiedelt. Alles Gründe, weshalb Leben und Werk von Schiller Seff heute weitgehend unbekannt geblieben ist.
Literatur: Schiller Seff. Gedichte und Texte von Josef Schiller (1846–1897), nordböhmischer Arbeiterdichter, Freidenker und libertärer Sozialist. Nachwort zum deutsch-tschechischen Verhältnis. Hrsg. von Heiner Jestrabek, Reutlingen 2018.



