Étienne Dolet (3. August 1509 – 3. August 1546)

Märtyrer des Freien Denkens

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Foto: privat
Am 3. August 1546 wurde der französische Renaissance-Humanist und Buchdrucker Étienne Dolet auf dem Place Maubert in Paris als „Ketzer“ verbrannt. Zusammen mit ihm wurden auch seine Bücher den Flammen übergeben. Es war sein 37. Geburtstag.

Éti­en­ne Dolet wur­de am 3. August 1509 in Orlé­ans gebo­ren. Als 17-Jäh­ri­ger ging er zum Stu­di­um ins ober­ita­lie­ni­sche Padua, einer damals eben­so frei­en wie gelehr­ten ita­lie­ni­schen Uni­ver­si­täts­stadt und einer Hoch­burg des Renais­sance-Huma­nis­mus. Vie­le der dor­ti­gen Gelehr­ten inter­pre­tie­ren die Phi­lo­so­phie bereits pan­the­is­tisch, mate­ria­lis­tisch und cice­ro­nia­nisch. Dolet nahm die­ses moder­ne Den­ken auf, wur­de selbst ein Gelehr­ter, der ins­be­son­de­re Cice­ros Wer­ke meis­ter­haft über­setz­te und publi­zier­te. Nach wei­te­ren Auf­ent­hal­ten in Ita­li­en kehr­te Dolet nach Frank­reich zurück und imma­tri­ku­lier­te sich an der Juris­ti­schen Fakul­tät im süd­fran­zö­si­schen Tou­lou­se. Tou­lou­se war als Grün­dungs­ort der Domi­ni­ka­ner bekannt – hier wirk­te bereits der Domi­ni­ka­ner Tho­mas von Aquin (um 1225–1274), der auch in der Tou­lou­ser Klos­ter­kir­che bestat­tet wur­de. Die Domi­ni­ka­ner in Tou­lou­se stell­ten die meis­ten fran­zö­si­schen Inqui­si­to­ren und waren berüch­tigt durch die dort erfolg­te Mis­sio­nie­rung und Unter­drü­ckung der um Tou­lou­se zuvor stark ver­brei­te­ten und popu­lä­ren Katha­rer-Bewe­gung. Die mas­sen­haf­te Unter­drü­ckung der des Ket­zer­tums Ver­däch­tig­ten stell­te hier einen Höhe­punkt in der sowie­so äußerst blu­ti­gen und bru­ta­len katho­li­schen Kri­mi­nal­ge­schich­te dar. In den 1530er Jah­ren begann in Tou­lou­se wie­der eine neue Wel­le, eine Jagd auf die pro­tes­tan­ti­sche (luthe­ri­sche) Ket­ze­rei. Behör­den und Inqui­si­ti­on betrie­ben eine ver­stärk­te Ver­fol­gung mit Säu­be­run­gen der Uni­ver­si­tät. Pro­fes­so­ren und Stu­den­ten wur­den ver­däch­tigt, dem Pro­tes­tan­tis­mus zu hul­di­gen. 1532 wur­de Pro­fes­sor Jean de Catur­ce zusam­men mit 22 ande­ren „Ket­zern“ bei leben­di­gem Leib ver­brannt. Der in Stu­den­ten­krei­sen akti­ve Dolet hielt Reden, in denen er die Rede­frei­heit for­der­te und die Ver­hält­nis­se kri­ti­sier­te, als „unbarm­her­zig, unge­bil­det, herb und bar­ba­risch“. Er kri­ti­sier­te die Fol­ter­me­tho­den und die Unter­drü­ckung der Gedan­ken­frei­heit. Um sich selbst vor der begin­nen­den Ver­fol­gung zu schüt­zen, flüch­te­te er 1534 aus Tou­lou­se und gelang­te nach Lyon. Hier fand Dolet, der in sei­nem Gepäck drei latei­ni­sche Manu­skrip­te mit­brach­te, eine Druck­ge­le­gen­heit bei dem groß­zü­gi­gen Sebas­ti­an Gry­phi­us, einem aus Reut­lin­gen stam­men­den deutsch-fran­zö­si­schen Buch­dru­cker und Huma­nis­ten. Bald erschie­nen die ers­ten Bücher Dolets, ins­be­son­de­re sei­ne kom­men­tier­ten Über­set­zun­gen Cice­ros. Dolet ver­stand sich dabei als ein Ver­tei­di­ger des kul­tu­rel­len Erbes der Anti­ke und des Frei­en Den­kens. Dolet trenn­te den Bereich der Phi­lo­so­phie von dem der Theo­lo­gie und posi­tio­nier­te sich auf der Sei­te des Fort­schritts, als eine „Säku­la­ri­sie­rung des Den­kens“. Sein umfang­rei­ches Werk Com­men­tai­res zur latei­ni­schen Spra­che war zudem im Stil eines Wör­ter­bu­ches ver­fasst und wur­de zu einem Stan­dard­werk der fran­zö­si­schen Renais­sance und der huma­nis­ti­schen Bil­dung.

Dolet konn­te sich in Lyon nie­der­las­sen, hei­ra­ten und einen eige­nen Ver­lag mit Dru­cke­rei grün­den, wobei ihm eine ehren­hal­ber erteil­te könig­li­che Druck­erlaub­nis dazu ver­half. In den fol­gen­den frucht­ba­ren Jah­ren erschie­nen 42 mus­ter­gül­ti­ge und druck­tech­nisch hoch­wer­tigs­te Wer­ke, die den fran­zö­si­schen Renais­sance-Huma­nis­mus deut­lich beflü­gel­ten, wie Bücher sei­nes Freun­des, des bekann­ten Dich­ters Clé­ment Marot (1496–1544), grie­chi­sche und latei­ni­sche Klas­si­ker, Tei­le des Roman­zy­klus Gar­gan­tua und Pan­ta­gruel von Fran­çois Rabelais (um 1494–1553) u.a. zeit­ge­nös­si­sche Publi­ka­tio­nen, wie auch reli­giö­se Tex­te und Dolets eige­ne Wer­ke. 

Doch die Inqui­si­ti­on gab kei­ne Ruhe und ließ Dolet wei­ter ver­fol­gen. 1542 wur­de er ver­haf­tet, vor dem Kir­chen­ge­richt in Lyon ver­ur­teilt, weil er ange­zeigt wur­de, „skan­da­lös, schis­ma­tisch, ket­ze­risch, ein Fau­len­zer und Ver­tei­di­ger der Ket­ze­rei und der Irr­tü­mer, die der öffent­li­chen Sache scha­den“ zu sein. Er wur­de dem welt­li­chen Hen­ker zur Hin­rich­tung über­ge­ben. Doch König Fran­çois I. begna­dig­te ihn, sodass er am 13. Okto­ber 1543 das Gefäng­nis der Con­cier­ge­rie in Paris ver­las­sen konn­te. Die Inqui­si­ti­on woll­te jedoch sei­nen Tod, nicht zuletzt, um ein Exem­pel zu sta­tu­ie­ren, denn Gewis­sens­frei­heit war für sie ein nicht tole­rier­ba­res „Ver­bre­chen“. Am 6. Janu­ar 1544 wur­de Dolet erneut inhaf­tiert, weil man ein Bün­del ver­bo­te­ner Bücher aus Genf gefun­den hat­te, wel­ches sei­nen Namen getra­gen haben soll. Dolet gelang es zu flie­hen. Auf der Flucht ver­fass­te er sei­ne Schrift Le Second Enfer („Die Zwei­te Höl­le“), zwölf Epis­teln in Vers­form, um beim König und den Behör­den für sei­ne Unschuld zu plä­die­ren.

Am 7. Sep­tem­ber wur­de er aber wie­der gefasst und erneut in der Con­cier­ge­rie ein­ge­lie­fert. Es folg­ten zwei Jah­re des Abwar­tens, denn man zöger­te an höchs­ter Stel­le, die Ent­schei­dung zu tref­fen, um den bekann­ten Huma­nis­ten zu töten. Dann befand das Pari­ser Gericht am 2. August 1546, dass Dolet „cou­pa­ble de blas­phè­me, de sédi­ti­on et d’exposition de liv­res inter­dits et dam­nés“ („der Blas­phe­mie, des Auf­ruhrs und der Ver­brei­tung ver­bo­te­ner und ver­damm­ter Bücher schul­dig sei.“) und ver­ur­teil­te ihn zur Fol­ter und zur Hin­rich­tung auf dem Place Mau­bert, wo er erdros­selt und am nächs­ten Tag, dem 3. August, zusam­men mit sei­nen Büchern an sei­nem 37. Geburts­tag ver­brannt wer­den soll­te.

Dolet war sich und sei­nen Wer­ten bis in den Tod hin­ein treu geblie­ben. Als Wis­sen­schaft­ler pfleg­te er die fran­zö­si­sche Spra­che und das klas­si­sche Latein. In sei­ner Zeit muss­te man vor­ge­ben ein katho­li­scher Christ zu sein, was er nach außen hin auch stets bekann­te. Er war auch kein heim­li­cher Befür­wor­ter der luthe­ri­schen oder cal­vi­nis­ti­schen Refor­ma­ti­on gewe­sen. Er lehn­te die­se ab, weil er auf­grund sei­ner „heid­ni­schen“ Bil­dung gleich­gül­tig gegen­über Dog­men und theo­lo­gi­schen Strei­tig­kei­ten war, und die­se sei­ner Mei­nung nach nur zu Unru­hen füh­ren muss­ten. Dies war in Sachen Reli­gi­on sein kon­for­mis­ti­sches, „cice­ro­nia­ni­sches“ und wenig christ­li­ches poli­ti­sches Glau­bens­be­kennt­nis. Er woll­te ledig­lich Into­le­ranz, Aber­glau­ben, Ver­fol­gung und Zen­sur nicht ertra­gen. Aber die­se Lau­heit wur­de in sei­ner Zeit nicht gedul­det. Mit Dolets Ermor­dung ende­te auch eine kur­ze Zeit der kul­tu­rel­len Blü­te der fran­zö­si­schen Renais­sance unter der Regent­schaft von König Fran­çois I. (1515 bis 1547), der an sei­nem Hof bedeu­ten­de ita­lie­ni­sche Künst­ler und Wis­sen­schaft­ler anzog, dar­un­ter auch Leo­nar­do da Vin­ci. Vie­le fran­zö­si­sche Huma­nis­ten erfuh­ren durch den König Unter­stüt­zung und Schutz, so auch Dolet. Fran­çois geriet aber unter den Ein­fluss katho­li­scher Eife­rer und auch die poli­ti­schen Inter­es­sen­la­gen hat­ten sich zu Unguns­ten der Huma­nis­ten ver­än­dert. Fran­çois I. ver­folg­te bald ande­re Inter­es­sen und unter­stütz­te ab 1534 ver­mehrt die Ver­fol­gung der Geg­ner des Katho­li­zis­mus. Nun begann wie­der eine Zeit des for­cier­ten Obsku­ran­tis­mus, ange­facht vor allem durch die Theo­lo­gen der Sor­bon­ne, die die Kon­trol­le über das geis­ti­ge Leben im Land ver­schärf­ten und dem Huma­nis­mus ein Ende set­zen woll­ten. Unter den zahl­rei­chen soge­nann­ten „Ket­zern“, die die Inqui­si­ti­on ver­bren­nen ließ, befan­den sich dann auch vie­le Huma­nis­ten.

Lite­ra­tur: Hei­ner Jes­tra­bek (Hrsg.): Éti­en­ne Dolet. Mär­ty­rer des Frei­en Den­kens. Leben und Werk. Cym­balum mun­di (Reut­lin­gen 2024, Ein­füh­rung, erst­ma­li­ge deutsch­spra­chi­ge, bear­bei­te­te und kom­men­tier­te Neu­her­aus­ga­be der Dolet-Bio­gra­phie von Richard Cop­ley Chris­tie, ergänzt um das sati­ri­sche und rät­sel­haf­te Cym­balum mun­di (1537) des Bona­ven­ture Des Périers.

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