Étienne Dolet wurde am 3. August 1509 in Orléans geboren. Als 17-Jähriger ging er zum Studium ins oberitalienische Padua, einer damals ebenso freien wie gelehrten italienischen Universitätsstadt und einer Hochburg des Renaissance-Humanismus. Viele der dortigen Gelehrten interpretieren die Philosophie bereits pantheistisch, materialistisch und ciceronianisch. Dolet nahm dieses moderne Denken auf, wurde selbst ein Gelehrter, der insbesondere Ciceros Werke meisterhaft übersetzte und publizierte. Nach weiteren Aufenthalten in Italien kehrte Dolet nach Frankreich zurück und immatrikulierte sich an der Juristischen Fakultät im südfranzösischen Toulouse. Toulouse war als Gründungsort der Dominikaner bekannt – hier wirkte bereits der Dominikaner Thomas von Aquin (um 1225–1274), der auch in der Toulouser Klosterkirche bestattet wurde. Die Dominikaner in Toulouse stellten die meisten französischen Inquisitoren und waren berüchtigt durch die dort erfolgte Missionierung und Unterdrückung der um Toulouse zuvor stark verbreiteten und populären Katharer-Bewegung. Die massenhafte Unterdrückung der des Ketzertums Verdächtigten stellte hier einen Höhepunkt in der sowieso äußerst blutigen und brutalen katholischen Kriminalgeschichte dar. In den 1530er Jahren begann in Toulouse wieder eine neue Welle, eine Jagd auf die protestantische (lutherische) Ketzerei. Behörden und Inquisition betrieben eine verstärkte Verfolgung mit Säuberungen der Universität. Professoren und Studenten wurden verdächtigt, dem Protestantismus zu huldigen. 1532 wurde Professor Jean de Caturce zusammen mit 22 anderen „Ketzern“ bei lebendigem Leib verbrannt. Der in Studentenkreisen aktive Dolet hielt Reden, in denen er die Redefreiheit forderte und die Verhältnisse kritisierte, als „unbarmherzig, ungebildet, herb und barbarisch“. Er kritisierte die Foltermethoden und die Unterdrückung der Gedankenfreiheit. Um sich selbst vor der beginnenden Verfolgung zu schützen, flüchtete er 1534 aus Toulouse und gelangte nach Lyon. Hier fand Dolet, der in seinem Gepäck drei lateinische Manuskripte mitbrachte, eine Druckgelegenheit bei dem großzügigen Sebastian Gryphius, einem aus Reutlingen stammenden deutsch-französischen Buchdrucker und Humanisten. Bald erschienen die ersten Bücher Dolets, insbesondere seine kommentierten Übersetzungen Ciceros. Dolet verstand sich dabei als ein Verteidiger des kulturellen Erbes der Antike und des Freien Denkens. Dolet trennte den Bereich der Philosophie von dem der Theologie und positionierte sich auf der Seite des Fortschritts, als eine „Säkularisierung des Denkens“. Sein umfangreiches Werk Commentaires zur lateinischen Sprache war zudem im Stil eines Wörterbuches verfasst und wurde zu einem Standardwerk der französischen Renaissance und der humanistischen Bildung.
Dolet konnte sich in Lyon niederlassen, heiraten und einen eigenen Verlag mit Druckerei gründen, wobei ihm eine ehrenhalber erteilte königliche Druckerlaubnis dazu verhalf. In den folgenden fruchtbaren Jahren erschienen 42 mustergültige und drucktechnisch hochwertigste Werke, die den französischen Renaissance-Humanismus deutlich beflügelten, wie Bücher seines Freundes, des bekannten Dichters Clément Marot (1496–1544), griechische und lateinische Klassiker, Teile des Romanzyklus Gargantua und Pantagruel von François Rabelais (um 1494–1553) u.a. zeitgenössische Publikationen, wie auch religiöse Texte und Dolets eigene Werke.
Doch die Inquisition gab keine Ruhe und ließ Dolet weiter verfolgen. 1542 wurde er verhaftet, vor dem Kirchengericht in Lyon verurteilt, weil er angezeigt wurde, „skandalös, schismatisch, ketzerisch, ein Faulenzer und Verteidiger der Ketzerei und der Irrtümer, die der öffentlichen Sache schaden“ zu sein. Er wurde dem weltlichen Henker zur Hinrichtung übergeben. Doch König François I. begnadigte ihn, sodass er am 13. Oktober 1543 das Gefängnis der Conciergerie in Paris verlassen konnte. Die Inquisition wollte jedoch seinen Tod, nicht zuletzt, um ein Exempel zu statuieren, denn Gewissensfreiheit war für sie ein nicht tolerierbares „Verbrechen“. Am 6. Januar 1544 wurde Dolet erneut inhaftiert, weil man ein Bündel verbotener Bücher aus Genf gefunden hatte, welches seinen Namen getragen haben soll. Dolet gelang es zu fliehen. Auf der Flucht verfasste er seine Schrift Le Second Enfer („Die Zweite Hölle“), zwölf Episteln in Versform, um beim König und den Behörden für seine Unschuld zu plädieren.
Am 7. September wurde er aber wieder gefasst und erneut in der Conciergerie eingeliefert. Es folgten zwei Jahre des Abwartens, denn man zögerte an höchster Stelle, die Entscheidung zu treffen, um den bekannten Humanisten zu töten. Dann befand das Pariser Gericht am 2. August 1546, dass Dolet „coupable de blasphème, de sédition et d’exposition de livres interdits et damnés“ („der Blasphemie, des Aufruhrs und der Verbreitung verbotener und verdammter Bücher schuldig sei.“) und verurteilte ihn zur Folter und zur Hinrichtung auf dem Place Maubert, wo er erdrosselt und am nächsten Tag, dem 3. August, zusammen mit seinen Büchern an seinem 37. Geburtstag verbrannt werden sollte.
Dolet war sich und seinen Werten bis in den Tod hinein treu geblieben. Als Wissenschaftler pflegte er die französische Sprache und das klassische Latein. In seiner Zeit musste man vorgeben ein katholischer Christ zu sein, was er nach außen hin auch stets bekannte. Er war auch kein heimlicher Befürworter der lutherischen oder calvinistischen Reformation gewesen. Er lehnte diese ab, weil er aufgrund seiner „heidnischen“ Bildung gleichgültig gegenüber Dogmen und theologischen Streitigkeiten war, und diese seiner Meinung nach nur zu Unruhen führen mussten. Dies war in Sachen Religion sein konformistisches, „ciceronianisches“ und wenig christliches politisches Glaubensbekenntnis. Er wollte lediglich Intoleranz, Aberglauben, Verfolgung und Zensur nicht ertragen. Aber diese Lauheit wurde in seiner Zeit nicht geduldet. Mit Dolets Ermordung endete auch eine kurze Zeit der kulturellen Blüte der französischen Renaissance unter der Regentschaft von König François I. (1515 bis 1547), der an seinem Hof bedeutende italienische Künstler und Wissenschaftler anzog, darunter auch Leonardo da Vinci. Viele französische Humanisten erfuhren durch den König Unterstützung und Schutz, so auch Dolet. François geriet aber unter den Einfluss katholischer Eiferer und auch die politischen Interessenlagen hatten sich zu Ungunsten der Humanisten verändert. François I. verfolgte bald andere Interessen und unterstützte ab 1534 vermehrt die Verfolgung der Gegner des Katholizismus. Nun begann wieder eine Zeit des forcierten Obskurantismus, angefacht vor allem durch die Theologen der Sorbonne, die die Kontrolle über das geistige Leben im Land verschärften und dem Humanismus ein Ende setzen wollten. Unter den zahlreichen sogenannten „Ketzern“, die die Inquisition verbrennen ließ, befanden sich dann auch viele Humanisten.
Literatur: Heiner Jestrabek (Hrsg.): Étienne Dolet. Märtyrer des Freien Denkens. Leben und Werk. Cymbalum mundi (Reutlingen 2024, Einführung, erstmalige deutschsprachige, bearbeitete und kommentierte Neuherausgabe der Dolet-Biographie von Richard Copley Christie, ergänzt um das satirische und rätselhafte Cymbalum mundi (1537) des Bonaventure Des Périers.



