Lily Braun (2. Juli 1865 – 9. August 1916)

Sozialistin adliger Herkunft, Freidenkerin und Frauenrechtlerin

| von
Evelin Frerk
"Illustrirte Zeitung", Nr. 3092; Leipzig, Berlin, 2. Oktober 1902
Am 9. August 2026 ist der 110. Todestag von Lily Braun, der von Geburt an adeligen Frauenrechtlerin und frühen Kritikerin der christlichen Kirche. Bereits vor ihrer Konfirmation äußerte sie offene Kritik an den naiven Bibelauslegungen und empfand die protestantischen Gottesdienste als langweilig und unverständlich. Sie glaubte nicht an diesen Gott.

Lily Brauns Mäd­chen­na­me Ame­lia Jen­ny Emi­lie Klot­hil­de Johan­na von Kret­sch­mann ver­weist auf ihre ade­li­ge Her­kunft. Sie ent­stamm­te einer preu­ßi­schen Offi­ziers­fa­mi­lie und einem pro­tes­tan­ti­schen Eltern­haus in Hal­ber­stadt.  Lily stand der christ­li­chen Reli­gi­on und den dog­ma­ti­schen Inhal­ten der Amts­kir­che schon in ihrer Jugend kri­tisch gegen­über. Bereits als 14-Jäh­ri­ge wei­ger­te sie sich, sich kon­fir­mie­ren zu las­sen, weil sie die christ­li­che Leh­re ablehn­te. Dem Pfar­rer über­reich­te sie ihr ‚Glau­bens­be­kennt­nis‘: „Ich glau­be nicht an die­sen Gott. Ich glau­be nicht, dass er in sechs Tagen die Welt geschaf­fen hat, dass er ihm zum Bil­de den Men­schen schuf. Ich glau­be der Wis­sen­schaft mehr als den unbe­kann­ten Fabel­er­zäh­lern des alten Tes­ta­ments. […] Die Kir­che und ihre Dog­men hal­te ich für mensch­li­che Ein­rich­tun­gen, denen ein frei­er Geist sich nicht zu beu­gen braucht. Soll­te den­noch die mir gelehr­te christ­li­che Reli­gi­on die wah­re sein, so hof­fe ich das mit der Zeit zu beken­nen“. Die Fami­lie reagier­te vol­ler Panik wegen des zu befürch­ten­den Skan­dals. Nie ver­zie­hen hat sie den Eltern, dass sie gezwun­gen wur­de, an der Kon­fir­ma­ti­on teil­zu­neh­men.  

Mitglied der Gesellschaft für Ethische Kultur

Die Ober­fläch­lich­keit des adli­gen Lebens mach­te ihr zu schaf­fen. Als 23-Jäh­ri­ge schrieb sie an ihre Kusi­ne: „…Ich arbei­te nicht nur nichts, ich lebe nicht ein­mal, son­dern wer­de gelebt“. Das soll­te sich ändern. Im Alter von 25 Jah­ren begann sie zu schrei­ben.  Ihr Vater war 1890 beim Kai­ser in Ungna­de gefal­len, aus der Armee „uneh­ren­haft“ ent­las­sen wor­den und die Fami­lie droh­te zu ver­ar­men. Sie beschloss, ihr Leben selbst in die Hand zu neh­men. Durch die Hei­rat mit Georg von Gizi­cky 1893 wur­de sie mit sozia­lis­ti­schen Theo­rien bekannt gemacht und füh­ren­den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Poli­ti­kern vor­ge­stellt. Von Gizy­cki war Mit­grün­der der Gesell­schaft für Ethi­sche Kul­tur. Durch sei­nen Ein­fluss erhoff­te sie die Befrei­ung von Dog­ma und Kir­che. Auch sie enga­gier­te sich inten­siv in der Gesell­schaft für Ethi­sche Kul­tur, arbei­te­te im Vor­stand und in der Zeit­schrift „Ethi­sche Kul­tur“ mit. Die Gesell­schaft ver­folg­te ein rein säku­la­res, huma­nis­ti­sches und an der Phi­lo­so­phie ori­en­tier­tes Kon­zept von Moral und Zusam­men­le­ben, unab­hän­gig von kirch­li­chen Dog­men. Zudem trat sie dem radi­ka­len Flü­gel der bür­ger­li­chen Frau­en­be­we­gung in Ber­lin bei. 1895 hielt sie eine viel­be­ach­te­te Rede zum Frau­en­wahl­recht. Im glei­chen Jahr gab sie als Lily von Gizy­cki den ers­ten Jahr­gang der Zeit­schrift „Die Frau­en­be­we­gung“ her­aus und wur­de Mit­glied des Ver­eins Frau­en­wohl. Auch war sie Grün­dungs­mit­glied des von Hele­ne Stö­cker initi­ier­ten Bund für Mut­ter­schutz.

Lily sitzt zwischen allen Stühlen

Mit ihrer eige­nen Fami­lie wie auch mit ihren ade­li­gen Stan­des­ge­nos­sIn­nen muss­te Lily Braun bre­chen, als sie, kurz nach dem Tod des ers­ten Man­nes, 1896 mit dem zwei­ten Mann Hein­rich Braun in die SPD ein­trat. Sie wur­de sogar ent­erbt. Die Kol­le­gin­nen aus der bür­ger­li­chen Frau­en­be­we­gung lehn­ten ihr sozi­al­de­mo­kra­ti­sches Enga­ge­ment ab. Die Par­tei­ge­nos­sIn­nen stan­den der ‚Sozia­lis­tin‘ mit dem adli­gen Hin­ter­grund, die ange­tre­ten war, die Pro­ble­me erwerbs­tä­ti­ger Frau­en zu unter­su­chen, von Anfang an miss­trau­isch gegen­über. Sie glaub­ten dazu allen Grund zu haben. Schließ­lich hat­te Lily Braun sich seit 1899 mit Hein­rich Braun im Revi­sio­nis­mus­streit – wie Edu­ard Bern­stein – für schritt­wei­se Refor­men ein­ge­setzt, anstatt bei der For­de­rung nach einer revo­lu­tio­nä­ren Ver­än­de­rung der Gesell­schaft zu blei­ben und mit­zu­hel­fen, den Klas­sen­kampf vor­an­zu­trei­ben. Hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen führ­te die bür­ger­li­che Sozi­al­re­for­me­rin mit der radi­ka­len sozia­lis­ti­schen Frau­en­recht­le­rin Cla­ra Zet­kin (1857 – 1933), vor allem, weil sie in ihrem 1901 erschie­ne­nen Buch „Die Frau­en­fra­ge“ prak­ti­sche Refor­men zur Unter­stüt­zung berufs­tä­ti­ger Frau­en und Müt­ter zum Bei­spiel durch genos­sen­schaft­li­che Kon­zep­te, wie Ein­kü­chen­häu­ser vor­schlug, ohne auf den für Cla­ra Zet­kin, Otti­lie Baa­der und ihre Weg­ge­fähr­tin­nen not­wen­di­gen Unter­schied zwi­schen bür­ger­li­cher und pro­le­ta­ri­scher Lebens­wei­se über­haupt nur ein­zu­ge­hen. Lilys femi­nis­ti­scher Ansatz stör­te die Sozia­lis­tin­nen erheb­lich. Auch ver­söhn­li­che Wor­te des Par­tei­vor­sit­zen­den August Bebel hal­fen nicht: Lily Braun woll­te sich nicht anpas­sen, Cla­ra Zet­kin kün­dig­te ihr dar­auf­hin die wei­te­re Mit­ar­beit an der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Frau­en­zeit­schrift „Die Gleich­heit“ und setzt sich oben­drein dafür ein, dass 1902 gegen Lily Braun ein Aus­schluss­ver­fah­ren aus der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Frau­en­or­ga­ni­sa­ti­on wegen angeb­li­cher Unzu­ver­läs­sig­keit ange­strebt wur­de. Das Ver­fah­ren wur­de zwar 1907 zu Lily Brauns Guns­ten ent­schie­den, den­noch zog sich die­se aus der Par­tei­ar­beit zurück und wid­me­te sich ganz ihren schrift­stel­le­ri­schen Arbei­ten.

Ihr Leben als abtrün­ni­ge Aris­to­kra­tin und unge­lieb­te Sozia­lis­tin, die sich „zwi­schen alle Stüh­le“ gesetzt hat­te und deren Anlie­gen die Zusam­men­ar­beit zwi­schen bür­ger­li­chen und pro­le­ta­ri­schen Frau­en­be­we­gun­gen war, schil­der­te sie in ihrem Buch „Memoi­ren einer Sozia­lis­tin“, das 1909 erschie­nen ist.

Als der Ers­te Welt­krieg sei­ne bedroh­li­chen Schat­ten warf, gehör­te sie zu den vor­be­halt­lo­sen Befür­wor­te­rin­nen des Krie­ges und kämpf­te gegen den Pazi­fis­mus. Sie ver­fiel der inner­halb der bür­ger­li­chen Frau­en­be­we­gung, aber auch unter etli­chen Sozi­al­de­mo­kra­tin­nen ver­brei­te­ten natio­na­len Begeis­te­rung, for­der­te zur ‚Frucht­bar­keit‘ auf und war stolz dar­auf, dass ihr ein­zi­ger Sohn, Otto Braun, sich als 17-Jäh­ri­ger frei­wil­lig als Sol­dat gemel­det hat­te. Dass er 1918 gefal­len ist, erleb­te sie nicht mehr, weil sie im Alter von 51 Jah­ren am 9. August 1916 auf dem Weg zum Post­amt, wo sie nach einem Brief ihres Soh­nes fra­gen woll­te, an einem Herz­schlag gestor­ben ist. Sie war in der Zwi­schen­zeit eine bekann­te Per­sön­lich­keit gewor­den.

Lite­ra­tur: 

  • Lily Braun: Memoi­ren einer Sozia­lis­tin, Leip­zig 1911.
  • Gise­la Notz: Lily Braun (1865 – 1916). Ver­fech­te­rin der Zusam­men­ar­beit zwi­schen bür­ger­li­cher und pro­le­ta­ri­scher Frau­en­be­we­gung, in: diess.(Hrsg.): Weg­be­rei­te­rin­nen. Berühm­te, bekann­te und zu Unrecht ver­ges­se­ne Frau­en aus der Geschich­te, Neu-Ulm 2020, S. 94–95.   
Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Ähnliche Beiträge

Treue_der_union_monumant_2009
Deutsche Freidenker in Texas gegen die Sklaverei
Sie starben für ihre Überzeugung
Warum riskierten deutsche Freidenker*innen in Texas im amerikanischen Bürgerkrieg ihr Leben? Michael Schmidt erzählt die kaum bekannte Geschichte von Menschen, die aus Überzeugung den Kampf für die Sklaverei verweigerten und dafür einen hohen Preis zahlten. Bis heute erinnert ein Denkmal an ihren Mut und ihr Eintreten für Freiheit und Menschlichkeit.
Beitrag lesen »
im-gefaengnis_cover_2d_150_rgb
"Im Gefängnis" von Patricia Thoma
Bildergeschichten über das Leben hinter Gittern
Wie lebt es sich hinter Gittern? Patricia Thoma eröffnet mit ihrem Buch "Im Gefängnis" eindrucksvolle Einblicke in den Alltag von Inhaftierten und ihren Familien. Thomas Schneider zeigt in seiner Rezension, warum das ungewöhnliche Werk nicht nur Vorurteile hinterfragt, sondern auch wertvolle Impulse für den Humanistischen Lebenskundeunterricht und Gespräche über Freiheit, Strafe und Resozialisierung bietet.
Beitrag lesen »
Krauss und Hilb, Stuttgart – Literarische Spuren in Esslingen, S. 65,
Marie Kurz (6. August 1826 – 26. Juni 1911)
Die „Rote Marie“ und ihre „Heidenkinder“
Vor 200 Jahren, am 6. August 1826, wurde die revolutionäre Dichterin und Freidenkerin Marie Kurz als Eva Maria Freiin von Brunnow in Ulm geboren. Die „Rote Marie“ des Königreichs Württemberg trat für soziale Gerechtigkeit ein und blieb ihren Überzeugungen ein Leben lang treu.
Beitrag lesen »
Nach oben scrollen