Bertolt Brecht (10. Februar 1898 – 14. August 1956)

Begründer des epischen Theaters und überzeugter Atheist

| von
Evelin Frerk
Am 14. August 2026 ist der 70. Todestag von Bertolt Brecht. Der weltberühmte Dramaturg wurde früh überzeugter Marxist. Er behauptete, wer religiös geworden sei, scheide als ernstzunehmender Künstler aus. 1933 flüchtete er vor den Nazis in die USA und galt dort als „feindlicher Ausländer“.

Ber­tolt Brecht wur­de am 10. Febru­ar 1898 im über­wie­gend katho­li­schen, schwä­bi­schen Augs­burg gebo­ren; der Vater war katho­lisch, die Mut­ter evan­ge­lisch. Die Eltern einig­ten sich dar­auf, dass die Kin­der evan­ge­lisch erzo­gen wer­den soll­ten. Am 20. März 1898 wur­de Ber­tolt in der ältes­ten Augs­bur­ger evan­ge­li­schen Kir­che, der Bar­fü­ßer­kir­che, getauft, wuchs in Augs­burg auf, besuch­te die Volks­schu­le und das Real­gym­na­si­um und angeb­lich jeden Sonn­tag den pro­tes­tan­ti­schen Got­tes­dienst, den er sich eben­so auf­merk­sam anhör­te wie den Reli­gi­ons­un­ter­richt in der Schu­le. Er erhielt Klavier‑, Gei­gen- und Gitar­ren­un­ter­richt, wobei ihn offen­sicht­lich ledig­lich der Gitar­ren­un­ter­richt inter­es­sier­te. 1912 wur­de er in der Bar­fü­ßer­kir­che kon­fir­miert.

Bereits in sei­nem Tage­buch von 1913 äußer­te er fun­da­men­ta­le Zwei­fel an der christ­li­chen Reli­gi­on. Als 15-Jäh­ri­ger schrieb er unter dem Pseud­onym Ber­told Eugen den Ein­ak­ter „Die Bibel“. Es war sein Erst­lings­dra­ma und wur­de in Heft 6 der Schü­ler­zei­tung „Die Ern­te“, deren Her­aus­ge­ber er und sein Freund Fritz Geh­wey­er waren, im Janu­ar 1914 ver­öf­fent­licht. Ein hal­bes Jahr spä­ter wur­de der Ers­te Welt­krieg los­ge­tre­ten. „Es reg­net Gra­na­ten“ oder „Der Him­mel dahin­ter ist blut­rot“ sind eini­ge Regie­an­wei­sun­gen, mit denen Bert­hold Eugen offen­bar sei­ne Ahnun­gen an den mör­de­ri­schen Wahn­sinn des Ers­ten Welt­krie­ges andeu­te­te. Klar arbei­te­te er in dem 15-minü­ti­gen Stück den Kon­flikt zwi­schen reli­giö­ser Pflicht und täti­ger Mensch­lich­keit her­aus. Das ist ein The­ma, das er auch in der spä­te­ren „Drei­gro­schen­oper“, in „Auf­stieg und Fall der Stadt Maha­go­n­ny“ oder in „Mut­ter Cou­ra­ge und ihre Kin­der“ wie­der auf­nahm. Seit Beginn des Ers­ten Welt­kriegs pro­du­zier­te er Gedich­te, Repor­ta­gen, Pro­sa­tex­te und Rezen­sio­nen in loka­len und regio­na­len Medi­en.

Die Bibel als wichtigstes Buch

In den meis­ten Tex­ten, die sich mit Ber­tolt Brechts Leben beschäf­ti­gen, wird erwähnt, dass die Bibel das Buch sei, das in sei­nem Leben den größ­ten Ein­druck hin­ter­ließ. Tat­säch­lich hat er vie­le Moti­ve in sei­nen Arbei­ten, zum Bei­spiel in der „Drei­gro­schen­oper“, der Bibel ent­lehnt. Brecht beschrieb die Bibel als „unver­gleich­lich schön, stark, aber ein böses Buch“. Angeb­lich hat ihn die from­me evan­ge­li­sche Mut­ter mit ihren bibli­schen Geschich­ten geprägt; nach man­chen Quel­len war es auch die Groß­mutter müt­ter­li­cher­seits. Rich­tig dürf­te sein, dass er die Bibel nicht als ‚Got­tes Wort‘, son­dern als Geschich­ten-Buch rezi­pier­te, das er als eine Fund­gru­be an Stof­fen, Men­schen­schick­sa­len und Men­schen­ty­pen für sei­ne eige­nen Wer­ke nutz­bar mach­te. Den ‚Kir­chen-Gott‘ lehn­te er eben­so ab wie die Kriegs­be­geis­te­rung der Kir­chen und deren poli­tisch-reak­tio­nä­re Kräf­te vor und nach 1919. Auch war ihm die Ver­trös­tung auf ein bes­se­res Jen­seits, durch die die Men­schen die Unzu­mut­bar­kei­ten des irdi­schen Lebens bes­ser ertra­gen soll­ten, zuwi­der.  

Erste Erfolge im Theater- und Literaturbetrieb

Ab 1917 imma­tri­ku­lier­te sich Ber­tolt Brecht an der Uni­ver­si­tät Mün­chen für Medi­zin und Natur­wis­sen­schaf­ten. Das Stu­di­um nahm er jedoch nicht ernst­haft auf, weil er lite­ra­risch arbei­ten woll­te. Nach Ende des Ers­ten Welt­krie­ges wur­de er im Zuge der Novem­ber-Revo­lu­ti­on Mit­glied des Augs­bur­ger Arbei­ter- und Sol­da­ten­ra­tes. Ers­te Thea­ter­er­fol­ge in Mün­chen führ­ten Brecht im Febru­ar 1920 zum ers­ten Mal nach Ber­lin. Bald konn­te er als Nach­wuchs­au­tor im Ber­li­ner Thea­ter- und Lite­ra­tur­be­trieb wei­te­re Erfol­ge ein­sam­meln. Das führ­te dazu, dass er im Sep­tem­ber 1924 end­gül­tig dort­hin zog, um als Dra­ma­turg zusam­men mit Carl Zuck­may­er für Max Rein­hardt am Deut­schen Thea­ter zu arbei­ten. Er poli­ti­sier­te sich zuse­hends, sym­pa­thi­sier­te mit den revo­lu­tio­nä­ren Zie­len der Kom­mu­nis­tIn­nen, beschäf­tig­te sich mit mar­xis­ti­scher Theo­rie, schrieb Lehr­stü­cke für Arbei­te­rIn­nen und ent­wi­ckel­te das Epi­sche Thea­ter. Sei­nen viel­leicht größ­ten Erfolg fei­er­te er am 31. August 1928 mit der „Drei­gro­schen­oper“ im Thea­ter am Schiff­bau­er­damm in Ber­lin.  Die Urauf­füh­rung der Oper „Auf­stieg und Fall der Stadt Maha­go­n­ny“ 1930 in Leip­zig ende­te als Thea­ter­skan­dal. 1931 ent­stand der heu­te noch sehens­wer­te und aktu­el­le Ton­film „Kuh­le Wam­pe“. Der Film wur­de 1932 von der Film­prüf­stel­le in Ber­lin wegen „kom­mu­nis­ti­scher Agi­ta­ti­on“ ver­bo­ten, zwei Mona­te spä­ter jedoch, nach gro­ßem öffent­li­chem Pro­test, in einer „ent­schärf­ten Fas­sung“ den­noch auf­ge­führt.  

Flucht ins Exil

Nach­dem die Nazi-Faschis­ten bereits ab 1930 begon­nen hat­ten, Brechts Auf­füh­run­gen vehe­ment zu stö­ren, und zu Beginn des Jah­res 1933 eine Auf­füh­rung von „Die Maß­nah­me“ durch die Poli­zei unter­bro­chen wor­den war, ver­ließ Brecht mit Hele­ne Weigel (1900–1971), sei­nen Kin­dern und Freun­dIn­nen am 28. Febru­ar 1933, einen Tag nach dem Reichs­tags­brand, Ber­lin. Die Grup­pe floh über Prag, Wien, Zürich vor den Nazi-Faschis­ten nach Däne­mark. Die meis­ten Gedich­te, die dort ent­stan­den sind, sind dem anti­fa­schis­ti­schen Kampf gewid­met.

Seit April 1933 stand Brecht auf der von Wolf­gang Herr­mann ver­fass­ten „Schwar­zen Lis­te“; des­halb wur­den sei­ne Bücher am 10. Mai 1933 von den Hit­ler­fa­schis­ten ver­brannt und am Tag dar­auf sei­ne gesam­ten Wer­ke ver­bo­ten. 1935 wur­de ihm die deut­sche Staats­bür­ger­schaft aberkannt. 1935/36 unter­nahm er eine Rei­se in die USA. 1939 über­sie­del­te Brecht wegen des auch in Däne­mark dro­hen­den Krie­ges nach Schwe­den und von da nach Finn­land. Nach­dem 1941 in Zürich das Anti­kriegs­stück „Mut­ter Cou­ra­ge und ihre Kin­der“ urauf­ge­führt wor­den war, ging er ins Exil in die USA, wo er als „feind­li­cher Aus­län­der“ vom Fede­ral Bureau of Inves­ti­ga­ti­on (FBI) über­wacht wur­de. Am Ende sei­ner Flucht­rou­te traf er in New York mit vie­len emi­grier­ten Intel­lek­tu­el­len zusam­men.

Rückkehr nach Europa

Bis zu sei­ner Rück­kehr nach Euro­pa im Jahr 1947 hat­te er vie­le Sta­tio­nen durch­lau­fen. Nach­dem 1947 das Stück „Gali­leo Gali­lei“ in Bever­ly Hills urauf­ge­führt wor­den war, wur­de Brecht vor das „Komi­tee für uname­ri­ka­ni­sche Umtrie­be“ in Washing­ton vor­ge­la­den und ver­hört. Man warf ihm vor, revo­lu­tio­nä­re Gedich­te, Stü­cke und wei­te­re Tex­te ver­fasst zu haben und in Kon­takt zur kom­mu­nis­ti­schen Par­tei zu ste­hen. Er reis­te unver­züg­lich aus den USA in die Schweiz aus. Dort ver­brach­te er zunächst ein Jahr in Zürich, bevor er 1948 nach Ost-Ber­lin zog. Mit Hele­ne Weigel als Inten­dan­tin grün­de­te er das Ber­li­ner Ensem­ble, das 1954 mit dem Thea­ter am Schiff­bau­er­damm eine fes­te Blei­be erhielt. In vie­len Auf­füh­run­gen von Brechts Stü­cken spiel­te Hele­ne Weigel die Haupt­rol­len. 1955 sprach Brecht auf der Tagung des Deut­schen Frie­dens­rats in Dres­den. Er über­gab dem Frie­dens­rat eine Peti­ti­on mit über 175.000 Unter­schrif­ten gegen die Pari­ser Ver­trä­ge, die die Auf­nah­me der BRD in das west­li­che Ver­tei­di­gungs­bünd­nis NATO vor­sa­hen.

Ber­tolt Brecht starb am 14. August 1956 in Ber­lin (DDR). Am 17. August wur­de er bei­gesetzt. Bei der Beer­di­gung, die unter gro­ßer Anteil­nah­me der Bevöl­ke­rung auf dem Doro­theen­fried­hof in der Chaus­see­stra­ße statt­fand, wur­de, wie er es sich gewünscht hat­te, nicht gespro­chen.  

Lite­ra­tur

  • Ber­told Brecht (1898–1956), in: Man­fred Ise­mey­er: Das säku­la­re Ber­lin. Ber­lin 2021, S. 46.
  • Hel­la Hertz­feldt: Hele­ne Weigel (1900–1971). Poli­tisch expo­nier­te Schau­spie­le­rin, in: Gise­la Notz (Hrsg.):  Weg­be­rei­te­rin­nen. Berühm­te, bekann­te und zu Unrecht ver­ges­se­ne Frau­en aus der Geschich­te, Neu-Ulm 2000, S. 280–281.
  • Ste­phen Par­ker: Ber­tolt Brecht. Eine Bio­gra­phie, Ber­lin 2026.
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