Die Wahlen in Sachsen-Anhalt

Lächelnd in den Widerstand

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Beitragsbild: Helena Lopes/Unsplash

Was, wenn Freude eine Form des Widerstands ist? Nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ist die Bestürzung groß. Gerade für Humanist*innen liegt darin eine Aufgabe: der Angst etwas entgegenzusetzen. Ein positives Bild von der Welt, ein gemeinsames Ziel und die Freude daran, gemeinsam etwas zu gestalten.

Vie­le Men­schen haben sich in den letz­ten Tagen zum Wahl­aus­gang in Sach­sen-Anhalt aus­ge­tauscht. In mei­nem Umfeld ging es um Bestür­zung, offe­ne Fra­gen und immer wie­der dar­um, was „wir” tun kön­nen.

Zunächst das Wich­tigs­te vor­weg: Wir soll­ten das Wahl­er­geb­nis in Sach­sen-Anhalt ernst neh­men. Es ist kei­ne Klei­nig­keit, wenn Men­schen nach der Macht grei­fen kön­nen, die unser Gesell­schafts­sys­tem abschaf­fen wol­len und die Grund­prin­zi­pi­en unse­res Zusam­men­le­bens infra­ge stel­len.

Chris­tia­ne Herr­mann hat auf humanismus.de das Ergeb­nis prä­zi­se ana­ly­siert – die Zah­len, die Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­te, die his­to­ri­schen Par­al­le­len, was 44,5 Pro­zent für die Demo­kra­tie bedeu­ten. Ich möch­te das hier nicht wie­der­ho­len.

Ich möch­te heu­te an uns appel­lie­ren, der Freu­de den Vor­zug zu geben. Nicht der Freu­de über den Wahl­sieg der „Natio­nal-Neo­li­be­ra­len“, wie Marc-Uwe Kling die AfD ger­ne nennt, son­dern viel­mehr zum Trotz und als ein Zei­chen des Wider­stands. Ich weiß, das mag nun selt­sam klin­gen, doch las­sen Sie es mich erklä­ren.

Beim Huma­nis­ti­schen Welt­kon­gress in Otta­wa stand in die­sem Som­mer ein The­ma im Mit­tel­punkt: Huma­nism as Resis­tance – Huma­nis­mus als Wider­stand. Humanist*innen aus aller Welt haben dort dar­über dis­ku­tiert, was die­ser Wider­stand bedeu­tet und wel­che For­men er anneh­men kann. Eine Form davon hat mich seit den Berich­ten der Teil­neh­men­den nicht los­ge­las­sen: „Joy“ as a kind of resis­tance. Also „Freu­de“ als eine Form des Wider­stands. Ich sehe in die­sem Gedan­ken eine Schön­heit, eine Wider­spens­tig­keit und auch die nöti­ge Beharr­lich­keit. In dem Gedan­ken allein ent­steht auch schon das rich­ti­ge Gefühl, sich der Angst zu stel­len und sich auf­zu­rich­ten.

Der Sozio­lo­ge Hart­mut Rosa hat in der „Zeit“ am Tag nach der Wahl etwas her­aus­ge­ar­bei­tet, das die­sen Gedan­ken gut ergänzt: Die Wahl­kampf­ver­an­stal­tun­gen der AfD beschreibt er als fröh­lich, aus­ge­las­sen, gar kar­ne­vals­ar­tig. Und die­se Fröh­lich­keit rüh­re daher, dass die AfD eine Art Hoff­nung ver­brei­te, eine Art Bewe­gungs­ge­fühl. Das Gefühl, dass sich etwas ver­än­dert und man Teil von etwas ist, das grö­ßer ist als man selbst.

Es liegt auf der Hand, dass Humanist*innen nur Par­tei­en nahe­ste­hen kön­nen, die die Wür­de des Men­schen und die Frei­heit als unver­han­del­bar anse­hen, oder anders gesagt: jene, die unse­re frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung aner­ken­nen und stüt­zen.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren stan­den vie­le die­ser demo­kra­ti­schen Par­tei­en zuneh­mend in der Rol­le der Ver­tei­di­gung. Das war ange­sichts der poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen oft nach­voll­zieh­bar. Gleich­zei­tig ent­stand dadurch stel­len­wei­se der Ein­druck, Poli­tik erschöp­fe sich im Ver­hin­dern des Schlimms­ten, wäh­rend posi­ti­ve Zukunfts­bil­der in den Hin­ter­grund rück­ten. Jedes Bünd­nis, so groß es auch war, wur­de geschmie­det, um dage­gen zu sein, zu ver­hin­dern. Die Pro­fi­le der demo­kra­tisch ori­en­tier­ten Par­tei­en ver­schwam­men zuneh­mend und die eige­nen Hand­lun­gen, sogar gan­ze Wahl­kämp­fe wur­den stra­te­gisch auf das Ziel aus­ge­rich­tet, den AfD‑Wahlsieg zu ver­hin­dern. So ver­lo­ren sie an Pro­fil, Unter­scheid­bar­keit und ver­moch­ten es auch sel­ten zu begeis­tern. Ich fra­ge Sie als Lesen­de: Wenn Sie selbst auf ein paar Ver­an­stal­tun­gen jener Par­tei­en waren, kön­nen Sie sich dort an kar­ne­vals­ar­ti­ge Stim­mung erin­nern? Wahr­schein­lich gehört so etwas der Ver­gan­gen­heit an. Die Schön­heit dar­in, gemein­sam etwas zu bewe­gen, ist ver­lo­ren gegan­gen.

Nun scheint die AfD tat­säch­lich Regie­rungs­ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. So schwer es fällt, sich vor­zu­stel­len, wel­che Grund­prin­zi­pi­en künf­tig in Zwei­fel gezo­gen oder gar abge­schafft wer­den. Es liegt dar­in auch die Chan­ce. Die Chan­ce der Pro­fi­lie­rung der Par­tei­en in der Oppo­si­ti­on. Die Chan­ce, zu zei­gen, wofür man steht, und damit die Men­schen zu begeis­tern. Das ist sicher kei­ne klei­ne Auf­ga­be und gewiss auch kei­ne schnel­le.

Und wenn wir uns ehr­lich machen, sind auch vie­le von uns einem Ver­hin­de­rungs­ge­dan­ken so sehr ver­fal­len, dass es in der Ver­gan­gen­heit auch uns mehr um das Abweh­ren ging, als etwas Posi­ti­ves zu gestal­ten. Meh­re­re Men­schen berich­te­ten mir auch in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von einer Schock­star­re, weil nichts zu hel­fen schien, gegen die Frech­hei­ten, die­se unver­hoh­le­nen Men­schen­ver­ach­tun­gen und gar offen­sicht­li­chen Lügen. Wir saßen teil­wei­se wie ein Kanin­chen vor der Schlan­ge.

Und genau hier liegt auch unse­re Auf­ga­be.

Denn Rosa zeigt auch, war­um die „Natio­nal-Neo­li­be­ra­len“ funk­tio­nie­ren: Sie nut­zen den Hass als Treib­stoff. Klar ist die­ser reich an Ener­gie. Doch die­ser macht auf lan­ge Sicht nicht glück­lich und erst recht gibt er kei­nen eige­nen Sinn. Er ent­kernt die Men­schen, die am Ende doch wie­der gute Men­schen sein wol­len. Damit zeigt er gleich­zei­tig, was huma­nis­ti­sche Kräf­te brau­chen und geben soll­ten: einen posi­ti­ven Grund, um Men­schen zu ver­sam­meln. Es braucht ein gemein­sa­mes posi­ti­ves Bild von der Welt, ein gemein­sa­mes Ziel, an dem alle mit­tun. Ein inne­res Bekennt­nis für etwas und nicht gegen etwas. Das ist es, was auf Dau­er trägt.

Genau hier gilt es, den Men­schen ein Ange­bot zu machen, mit einem posi­ti­ven Blick auf die Welt, mit einem kon­struk­ti­ven und ja, auch mit Freu­de und Lachen, in einem Land, in dem es poli­tisch dunk­ler wird.

Wir haben so vie­le welt­an­schau­li­che posi­tiv-huma­nis­ti­sche Ange­bo­te, von der Namens­FEI­ER über die Jugend­FEI­ER bis zur Trau­er­FEI­ER, in einer seel­sor­ge­ri­schen Lebens­be­glei­tung, einem von Selbst­be­stim­mung gepräg­ten Gespräch zur Pati­en­ten­ver­fü­gung genau­so wie ein Kin­der-Stra­ßen­fest oder im Huma­nis­ti­schen Lebens­kun­de­un­ter­richt. Und das sind nur eini­ge Bei­spie­le.

Das sind kei­ne abs­trak­ten Ange­bo­te. Dort begeg­nen sich Men­schen, dort ent­ste­hen Ver­trau­en, Gemein­schaft und das Gefühl, selbst etwas bewir­ken zu kön­nen. Genau dort beginnt eine wirk­sa­me Form des Wider­stands: nicht nur im Wider­spruch gegen Men­schen­feind­lich­keit, son­dern im akti­ven Auf­bau und Leben des­sen, was wir bewah­ren und stär­ken wol­len. Ein Wahl­er­folg muss nicht das Ziel sein, es geht dar­um, unse­re Mit­men­schen zu erwär­men.

Wenn in unse­ren Treff­punk­ten Men­schen zusam­men­kom­men und mit­ein­an­der lachen,

wenn die Eltern zu Trä­nen gerührt sind, wäh­rend ihr Kind sym­bo­lisch den Schritt in die Rei­he der Erwach­se­nen macht,

wenn man in schwie­ri­gen Zei­ten nicht allein ist, manch­mal still bei­sam­men­sitzt, wenn es nichts gibt, was man sagen kann, oder

wenn jun­ge Men­schen gemein­sam für Jugend­li­che eine Rei­se orga­ni­sie­ren

– dann ent­ste­hen Gemein­schaft, Gefühl und Kraft.

Wir kom­men aus unse­rer Schock­star­re und bewe­gen uns, blei­ben unbe­irrt. Und dabei wer­den wir gese­hen und errei­chen wei­te­re Men­schen. Das ist es, was wir tun kön­nen, jeder für sich und gemein­sam.

Also kurz und knapp: Wenn unser Tun zum Wider­stand wird, dann fül­len wir die­sen doch mit Freu­de. Und des­we­gen sage ich trotz die­ses zwei­fels­oh­ne trau­ri­gen Anlas­ses:

Lasst uns lächelnd in den Wider­stand gehen.

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