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Editorial von Ralf Schöppner

Sinnkunst, Lebenskunst

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Cover diesseits Ausgabe 132
Die neue Ausgabe der diesseits widmet sich der Kunst, der Kunstfreiheit und der Frage, was die Kunst für den Humanismus leisten kann – oder auch umgekehrt.

Lie­be Lese­rin­nen, lie­be Leser,

„Kunst“ wird im moder­nen Huma­nis­mus wenig beach­tet, so nicht nur der unschö­ne Schein: Im ein­schlä­gi­gen „Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe“ von 2016 fin­det sich kein Ein­trag, der in die­se Rich­tung weist, kein sol­cher Band in den Schrif­ten­rei­hen der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mien, und Huma­nis­ti­sche Por­träts wie von Chris­ta Wolf, Hein­rich Mann und Hein­rich Hei­ne sind eher Aus­nah­men. Ver­nach­läs­si­gung viel­leicht zu Recht, wenn man bei „Kunst“ vor­nehm­lich an die bil­den­de Kunst und den kunst­be­flis­se­nen Dün­kel eines bil­dungs­bür­ger­li­chen, klas­sen­spe­zi­fi­schen, ja zuwei­len abge­ho­be­nen Huma­nis­mus den­ken wür­de, der eine schwe­re Hypo­thek ist. Aber den­ken wir bei „Kunst“ auch nicht nur an ihre gesell­schaft­li­che Nütz­lich­keit: Nichts gegen poli­ti­sche Kunst, nichts gegen künst­le­ri­sche Inter­ven­tio­nen in inhu­ma­ne Zustän­de und Ver­hält­nis­se, viel aller­dings gegen die Reduk­ti­on oder auch nur den Pri­mär­fo­kus auf poli­ti­sche Kunst, weil „Kunst“ hier meist all­zu freud­los und ver­knif­fen daher­kommt.

Den­ken wir bei „Kunst“ bes­ser genau­so an Musik, nicht nur die klas­si­sche, an den Roman, nicht nur den Bil­dungs­ro­man, den­ken wir bes­ser auch an das Natur­schö­ne, die Land­schaft, die erfreut, oder an das Gesicht des ande­ren, das berührt. Den­ken wir bei Kunst nicht nur an Din­ge, deren Eigen­schaf­ten wir eine künst­le­ri­sche Rele­vanz zuschrei­ben. Den­ken wir an unse­re Bezie­hun­gen und den Aus­tausch mit uns selbst, der Welt, der Natur und den ande­ren, Kunst im Sin­ne von Ästhe­tik, ais­the­sis, Bewe­gung der Sin­ne, eine Gleich­zei­tig­keit von sich bewe­gen und bewegt wer­den, die sinn­li­che Auf­merk­sam­keit auf etwas rich­ten und zugleich schon davon ein­ge­nom­men wer­den. Eine spe­zi­fi­sche Art und Wei­se, Leben­dig­keit zu erfah­ren: ästhe­ti­sche Erfah­rung, oft über­deckt von den Beschäf­ti­gun­gen, Zer­streu­un­gen und Sor­gen des All­tags. Sehen, hören, tas­ten, rie­chen und schme­cken ohne den iden­ti­fi­zie­ren­den und hege­mo­nia­len Zugriff des Kogni­ti­ven.

„Wahr­heit ist kei­ne Eigen­schaft von Sät­zen, son­dern von Som­mer­ta­gen.“

Peter Slo­ter­di­jk

Der Phi­lo­soph ver­steht den Schrift­stel­ler nicht: Der uti­li­ta­ris­ti­sche Peter Sin­ger wirft dem erzäh­len­den John Max­well Coet­zee vor, er prä­sen­tie­re kei­ne eige­ne Posi­ti­on zur Fra­ge der Tier­rech­te, son­dern erzäh­le nur, wel­che unter­schied­li­chen Erfah­run­gen unter­schied­li­che Per­so­nen in ihrem Umgang mit Tie­ren machen. Coet­zee ver­wei­gert den Ges­tus des Behaup­tens und Bescheid­wis­sens, er zeigt dage­gen, wie es ver­schie­de­nen Men­schen sinn­lich-leib­lich ergeht, ihre huma­nen Ambi­va­len­zen, er bringt sei­ne Leser*innen gera­de damit auch in die Nähe des Lei­dens der Tie­re.

Beim Lesen eines Romans, dem Hören einer Musik oder dem Erken­nen eines Gesichts zu Luft­sprün­gen ver­führt oder zu Trä­nen gerührt wer­den. Was geschieht dort? Eine beson­de­re Tie­fe des mensch­li­chen Exis­tie­rens, eine beson­de­re Nähe zum Vibrie­ren des Lebens? Ästhe­ti­sche Erfah­rung zum einen als Genuss, als Fei­er des Lebens und sei­ner Mög­lich­kei­ten. Lebens­kunst: Dichter*in des eige­nen Lebens sein, mit ande­rem und ande­ren, viel­leicht auch manch­mal „nicht ganz dicht sein“. Künst­le­risch leben, mit Eigen­sinn, nicht gemäß ange­dien­ter All­ge­mein­hei­ten. Ästhe­ti­sche Erfah­rung zum ande­ren auch als beson­de­re Nähe zur trau­ri­gen und tra­gi­schen Sei­te des Lebens. Wer Musik wirk­lich hört, der hört zugleich schon ihr Auf­hö­ren. Wer einen Roman ver­schlingt, befürch­tet sein Ende. Wer ein Gesicht liebt, ahnt immer auch schon des­sen Ver­ge­hen. Sinn­kunst: Lebens­lust und Lebens­kraft noch dort emp­fin­den kön­nen, wo vie­les am Sinn nagt und ihn in Fra­ge stellt, und wenn es gar nicht anders geht: auch ohne einen umfas­sen­den Sinn des Lebens leben kön­nen.

Ich wün­sche Ihnen eine inspi­rie­ren­de Lek­tü­re!

Ihr Ralf Schöpp­ner
Geschäfts­füh­ren­der Direk­tor der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mien
Deutsch­land und Ber­lin-Bran­den­burg

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