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Freidenker*innen im Widerstand gegen die NS-Diktatur

Der „Rote Stoßtrupp”

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Der Humanist und Sozialist Ernst Fraenkel lebt und arbeitet seit 1926 in Berlin als Rechtsanwalt in Berlin.
Der Humanist und Sozialist Ernst Fraenkel lebt und arbeitet seit 1926 in Berlin als Rechtsanwalt in Berlin.
Der Deutsche Freidenkerverband der Weimarer Republik – eine der Vorgängerorganisationen des Humanistischen Verbandes – war Teil der Arbeiterbewegung. Diese trug die Hauptlast des Widerstands gegen die NS-Diktatur, entsprechend waren auch viele Freidenker*innen darin engagiert. Eine Widerstandsorganisation, in der Freidenker*innen eine wichtige Rolle spielten, nannte sich der „Rote Stoßtrupp“. Das Erstaunliche an dieser Gruppierung ist, dass sie sich von einem ersten Schlag durch die Gestapo im Dezember 1933 erholte und in der Folge bis zum Ende der NS-Herrschaft aktiv war und dabei unentdeckt blieb.

Ange­regt vom Jour­na­lis­ten Rudolf Küs­ter­mei­er for­miert sich im Juli 1932 in Ber­lin eine Grup­pe von Sozialdemokraten*innen, die mit der Poli­tik der SPD unzu­frie­den sind. Letzt­lich aus­schlag­ge­bend für die Grün­dung der Grup­pe ist die hilf­lo­se Reak­ti­on der SPD auf den „Preu­ßen­schlag“: die Ent­mach­tung der sozi­al­de­mo­kra­tisch geführ­ten preu­ßi­schen Regie­rung per Not­ver­ord­nung. Nach der Macht­über­nah­me durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten ent­steht aus der Grup­pe eine links­so­zia­lis­ti­sche Wider­stands­or­ga­ni­sa­ti­on, die sich der „Rote Stoß­trupp“ nennt. Sie umfasst cir­ca 500 über­wie­gend jun­gen Sozialdemokrat*innen, denen die Poli­tik der Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­be­we­gung gegen die Natio­nal­so­zia­lis­ten nicht kämp­fe­risch genug ist. Der Rote Stoß­trupp gibt die gleich­na­mi­ge ille­ga­le Zei­tung her­aus und zielt auf eine enge Zusam­men­ar­beit aller oppo­si­tio­nel­len Kräf­te. Er sucht nicht nur Kon­tak­te zu ande­ren lin­ken Grup­pen, son­dern auch zu Per­so­nen aus den bür­ger­li­chen Par­tei­en und selbst zu oppo­si­tio­nel­len Natio­nal­so­zia­lis­ten wie Otto Stras­ser. Schnell ent­wi­ckelt sich der Rote Stoß­trupp zu einer aus­ge­zeich­net ver­netz­ten Wider­stands­grup­pe. Zudem gelingt es ihm, in ver­schie­de­ne NS-Orga­ni­sa­tio­nen, dar­un­ter auch in der SS, Infor­man­ten ein­zu­schleu­sen.

In der ers­ten Pha­se liegt der Schwer­punkt auf der Her­stel­lung und dem Ver­trieb der Zei­tung; zwi­schen dem 28. April und dem 8. Novem­ber 1933 erschei­nen 26 Num­mern. Die Zen­tra­le befin­det sich in Ber­lin, der Rote Stoß­trupp unter­hält aber auch Grup­pen in ande­ren deut­schen Städ­ten. Im Novem­ber 1933 kommt die Gesta­po der Grup­pe auf die Spur und zer­schlägt vie­le ihrer Struk­tu­ren. Allein in Ber­lin fin­den 1934 vier Pro­zes­se mit 58 Ange­klag­ten statt. Die Füh­rungs­ebe­ne, der „Rote Stab“, muss sich vor dem neu­ge­schaf­fe­nen Volks­ge­richts­hof ver­ant­wor­ten.

Dort erhält der Anwalt Ernst Fraen­kel, der eigent­lich auf Arbeits­recht spe­zia­li­siert ist, aber als Sozia­list und Huma­nist vie­le ver­folg­te Sozi­al­de­mo­kra­ten und auch den Frei­den­ker­ver­band (DFV) ver­tritt, auf­grund sei­ner jüdi­schen Her­kunft kei­ne Zulas­sung. Fraen­kel reist nach Lon­don und Ams­ter­dam, um dort inter­na­tio­na­le, auch finan­zi­el­le Unter­stüt­zung für die Inhaf­tier­ten des Roten Stoß­trupps zu orga­ni­sie­ren. Er hat auch Kon­tak­te zu ande­ren Wider­stands­grup­pen, die über eine anwalt­li­che Ver­tre­tung hin­aus­ge­hen.

Nach­weis­lich sind 13 nament­lich bekann­te Mit­glie­der des DFV zu jener Zeit im Roten Stoß­trupp aktiv, alle sind auch Sozi­al­de­mo­kra­ten. Paul Diet­ze, Otto Eckert, Karl Fur­kert, Kurt Kauf­mann, Karl Mül­le, Hans Rakow und Wil­li Schwarz gehö­ren zu den in die­sem Zusam­men­hang Ver­ur­teil­ten. Ihre Stra­fen lie­gen zwi­schen einem Jahr Gefäng­nis und drei Jah­ren Zucht­haus. Paul Töp­fer wird frei­ge­spro­chen. Wil­helm Klu­ge war als Funk­tio­när des Reichs­ban­ners bereits im Juli 1933 ver­haf­tet wor­den und wird des­halb nicht wegen sei­ner Akti­vi­tä­ten für den Roten Stoß­trupp belangt. Hans Mar­tens, der als Kurier tätig war, ent­zieht sich im Dezem­ber 1933 sei­ner Ver­haf­tung durch Flucht nach Prag. Erich Lahn wird nicht ange­klagt. Das gilt auch für Char­lot­te See­man, Ange­stell­te beim DFV; ihre Rol­le erkennt die Gesta­po nicht. Rudolf Küs­ter­mei­er, der zu zehn Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt wird, bezeich­net See­man nach dem Ende der NS-Herr­schaft als eine sei­ner wich­tigs­ten und aktivs­ten Helfer*innen. Glei­ches gilt für Kurt Megel­in. Zwar ist er unter sei­nem Deck­na­men, Leh­mann, als Mit­glied des Roten Stabs ange­klagt, aber es gelingt der Gesta­po nicht, sei­ne Iden­ti­tät auf­zu­de­cken. Megel­in ist bis 1933 Bezirks­ge­schäfts­füh­rer des Bun­des der frei­en Schul­ge­sell­schaf­ten und Mit­glied des DFV. Nach der Ent­tar­nung und Ver­ur­tei­lung der meis­ten Mit­glie­der des Roten Stabs über­nimmt er die Lei­tung des Roten Stoß­trupps.

Nach der Enttarnung

Als Reak­ti­on auf die Ver­haf­tungs­wel­le vom Dezem­ber 1933 stellt Megel­in die Wider­stands­ak­ti­vi­tä­ten gänz­lich auf Kader­ar­beit um. Die Zeit­schrift wird bis min­des­tens 1935 noch unre­gel­mä­ßig wei­ter­ge­führt, dann ein­ge­stellt. In der Fol­ge geht es vor­wie­gend dar­um, Sand in das Getrie­be des NS-Staats zu streu­en. Dazu gehö­ren Des­in­for­ma­ti­on der Ermitt­lungs­be­hör­den, Unter­stüt­zung von Ver­ur­teil­ten und Aus­lands­ku­rier­diens­te. Zudem unter­hält die Grup­pe einen „Warn­dienst“. Die wei­ter­hin akti­ven Infor­man­ten in NS-Orga­ni­sa­tio­nen ermög­li­chen es, Mit­glie­der ver­schie­de­ner Wider­stands­grup­pen vor dro­hen­den Ver­haf­tun­gen zu war­ne. Auch gelingt es, Gesta­po­ak­ten zu ver­nich­ten. Ein „Schutz­dienst“ gewährt dar­über hin­aus Ver­folg­ten des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regimes Unter­schlupf.

Zu Megel­ins Mit­strei­tern gehört nun auch Richard Schrö­ter. Der ehe­ma­li­ge Rek­tor der 197. (welt­li­chen) Volks­schu­le in Prenz­lau­er Berg war als Bezirks­vor­sit­zen­der des Bun­des der Frei­en Schul­ge­sell­schaf­ten dort bis 1933 Megel­ins Part­ner. Die wich­tigs­ten Mitstreiter*innen von Megel­in aber sind sei­ne Ver­lob­te und spä­te­re Frau Else Megel­in und Otto Ost­row­ski, der spä­ter (1950 bis 1953) Vor­sit­zen­der des Ber­li­ner DFV wird.

Ost­row­ski ist bis zu sei­ner Abset­zung 1933 Bür­ger­meis­ter von Prenz­lau­er Berg. Nach einer Ver­haf­tung im März 1933 ent­zieht er sich zunächst der wei­te­ren Ver­fol­gung, indem er nach Dres­den aus­weicht. Zurück in Ber­lin schließt er sich dem von Megel­in reor­ga­ni­sier­ten Roten Stoß­trupp an. Wie auch Megel­in wech­selt er häu­fig sei­ne Woh­nun­gen, um der Auf­merk­sam­keit der Gesta­po zu ent­ge­hen. Das gelingt ihm, zuletzt mit Hil­fe des „Warn­diens­tes“. Als er erfährt, dass die Gesta­po nach dem Atten­tat des 20. Juli 1944 ehe­ma­li­ge Funk­ti­ons­trä­ger der Wei­ma­rer Repu­blik in „Schutz­haft“ nimmt, taucht er unter. Ost­row­ski ist auch ent­schei­dend dar­an betei­ligt, die jüdi­schen Frau­en Ella und ihre Toch­ter Inge Deutsch­kron, die spä­ter bekann­te Jour­na­lis­tin und Schrift­stel­le­rin, zu ver­ste­cken.

Der „Warn­dienst“ leis­tet Kurt Megel­in eben­falls gute Diens­te. Die Gehei­me Staats­po­li­zei hat ihn seit 1933 im Blick. Megel­in kommt immer wie­der in U‑Haft, aber ihm kann nie etwas nach­ge­wie­sen wer­den. Er ver­steht es meis­ter­haft, sei­ne Akti­vi­tä­ten zu ver­schlei­ern und die Gesta­po zu täu­schen. 1938 gelingt es dem „Warn­dienst“, Kurt Megel­ins Akte bei der Gesta­po ver­schwin­den zu las­sen. Dadurch ist es ihm mög­lich, sei­ne ille­ga­le poli­ti­sche Arbeit nun­mehr unbe­hel­ligt fort­füh­ren. Er arbei­tet jetzt als Refe­rent der „Reichs­grup­pe Ver­si­che­run­gen“ und kann damit eine umfang­rei­che Rei­se­tä­tig­keit recht­fer­ti­gen, die er zum Aus­bau und zur Pfle­ge von Kon­tak­ten zu diver­sen Wider­stands­krei­sen u.a. auch zu Tei­len der Ver­schwö­rer vom 20. Juli nutzt. Sei­ne Frau Else arbei­tet seit 1943 im Betrieb von Wil­helm Leu­sch­ner. Der ehe­ma­li­ge sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Gewerk­schafts­füh­rer koor­di­niert selbst diver­se Wider­stands­ak­ti­vi­tä­ten und ist von den Ver­schwö­rern des 20. Juli als Vize­kanz­ler vor­ge­se­hen. Wil­helm Leu­sch­ner wird im Sep­tem­ber 1944 hin­ge­rich­tet.

Die Überlebenden

Kurt Megel­in, sei­ne Frau Else, Otto Ost­row­ski und Richard Schrö­ter über­le­ben das NS-Regime. Das gilt auch für die ande­ren, frü­hen Mitstreiter*innen des Roten Stoß­trupps aus den Rei­hen des DFV, obwohl vie­le in der einen oder ande­ren Form nach ihrer Haft­ent­las­sung dem Wider­stand ver­bun­den geblie­ben sind. Gefähr­lich wird es für Wil­li Schwarz, einem der Mit­be­grün­der des Roten Stoß­trupps. 1939 von der Gesta­po ins KZ-Sach­sen­hau­sen ein­ge­wie­sen, gelingt ihm jedoch bei der Eva­ku­ie­rung des KZ Ende April 1945 auf dem Todes­marsch die Flucht.

Der Anwalt Ernst Fraen­kel war 1938 in die USA geflo­hen. 1951 kehrt er nach Deutsch­land zurück und wird Pro­fes­sor an der FU Ber­lin. Sein 1941 in den USA ent­stan­de­nes Werk, „Der Dop­pel­staat“ gilt bis heu­te als Stan­dard­werk über Poli­tik, Jus­tiz und Recht im NS-Herr­schafts­sys­tem.

Die Megel­ins, Ost­row­ski und Schrö­ter enga­gie­ren sich nach dem Ende der NS-Herr­schaft wie­der in der SPD. Ost­row­ski wird kurz­zei­tig Ber­li­ner Bür­ger­meis­ter, Schrö­ter Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter für Ber­lin. Vie­le der frei­den­ke­ri­schen Mitstreiter*innen aus der ers­ten Pha­se des Roten Stoß­trupps schlie­ßen sich dage­gen 1946 der SED an.

Ernst Fraen­kel, Else und Kurt Megel­in sowie Otto Ost­row­ski fin­den auch in der 2013 kon­zi­pier­ten Aus­stel­lung „Huma­nis­ten im Fokus – Zer­stör­te Viel­falt“ eine Wür­di­gung. Die Aus­stel­lung kann nach wie vor online abge­ru­fen wer­den unter: http://www.zerstoerte-vielfalt-humanismus.de/

Cover, Dennis Egginger-Gonzalez: Der Rote Stoßtrupp

Bei der Gedenk­stät­te Deut­scher Wider­stand ist ein umfang­rei­ches Buch über den Roten Stoß­trupp erschie­nen:
Den­nis Eggin­ger-Gon­za­lez: Der Rote Stoß­trupp. Eine frü­he links­so­zia­lis­ti­sche Wider­stands­grup­pe gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus. Lukas Ver­lag, Ber­lin 2018.

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