„Die Schamanin“ – Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle

Weltanschauung der Mittelsteinzeit

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Foto: Die Hoffotografen GmbH
Das Titelmotiv der Ausstellung „Die Schamanin“

Beitragsbild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Gestaltung: Klaus Pockrandt (Halle [Saale]

Das Grab von Bad Dürrenberg zählt zu den außergewöhnlichen Funden der europäischen Mittelsteinzeit. Die Ausstellung „Die Schamanin“ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle eröffnet einen Blick auf frühe Weltvorstellungen und wirft zugleich die Frage auf, wie schwierig es ist, vergangene Gesellschaften und ihre Weltbilder aus archäologischen Spuren zu erschließen.

1934 wur­de bei der Ver­le­gung eines Was­ser­rohrs im Kur­park von Bad Dür­ren­berg zufäl­lig eine his­to­ri­sche Grab­stät­te ent­deckt. Sie wur­de durch eine Not­gra­bung gesi­chert. Ihre archäo­lo­gi­sche Bedeu­tung wur­de nicht gleich erkannt. Die Fund­stät­te wird im Faschis­mus zunächst für das 4.000 Jah­re alte Grab eines männ­li­chen „Urari­ers” gehal­ten. Erst in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts erkennt man, dass es sich um das ca. 9.000 Jah­re alte Grab einer Frau han­delt.

2019 beschloss man, die Grab­stät­te erneut zu unter­su­chen. Hier­zu wur­de das Erd­reich um die Grab­stät­te her­um ein­ge­fro­ren und in zwei tief­ge­fro­re­nen Blö­cken zur Unter­su­chung ins archäo­lo­gi­sche Lan­des­mu­se­um Hal­le gebracht. Die Unter­su­chung dort brach­te eine Viel­zahl wei­te­rer Fund­stü­cke zu Tage. Die Aus­stel­lung im Lan­des­mu­se­um für Vor­ge­schich­te prä­sen­tiert damit erst­mals den voll­stän­di­gen Grab­fund und legt den Schwer­punkt auf die mit dem Grab­fund gege­be­ne Mög­lich­keit „Spu­ren frü­he­rer Welt­an­schau­un­gen in der Alt­stein­zeit” (so der Titel eines Auf­sat­zes von Mar­cel Weiß aus dem Aus­stel­lungs­ka­ta­log) auf­zu­fin­den.

Mensch­li­che Gesell­schaf­ten zeich­nen sich unter ande­rem dadurch aus, dass sie ein gesell­schaft­lich gepräg­tes Ver­ständ­nis ihrer Welt haben, also ihrer selbst in Bezie­hung zur sie umge­ben­den Natur. Die­ses Ver­ständ­nis nennt man Welt­an­schau­ung. In allen mensch­li­chen Gesell­schaf­ten gibt es eine oder meh­re­re Welt­an­schau­un­gen, die­se kön­nen pro­fan sein oder reli­gi­ös.

Sofern es schrift­li­che Über­lie­fe­run­gen gibt, sind wir aus die­sen zumeist über die Welt­an­schau­un­gen ver­gan­ge­ner Gesell­schaf­ten infor­miert. Sofern es die­se nicht gibt, kön­nen wir nur ver­su­chen, auf Grund­la­ge archäo­lo­gi­scher Quel­len das welt­an­schau­li­che Ver­ständ­nis ver­gan­ge­ner Gesell­schaf­ten zu erschlie­ßen. Vie­le archäo­lo­gi­sche Quel­len sind in die­ser Hin­sicht aber nicht beson­ders aus­sa­ge­kräf­tig. Der in der Aus­stel­lung „Die Scha­ma­nin” doku­men­tier­te Grab­fund in Bad Dür­ren­berg ist hier eine sel­te­ne Aus­nah­me. Das ca. 9.000 Jah­re alte, gut erhal­te­ne Grab einer in ihrer Grup­pe wich­ti­gen Frau, ermög­licht uns einen Blick zurück auf das Welt­ver­ständ­nis der Jäger und Samm­ler im Meso­li­thi­kum.

Selbst ein sol­cher Fund ist jedoch nicht ohne eine hohe Inter­pre­ta­ti­ons- und Über­tra­gungs­leis­tung deut­bar. Ob die Frau eine „Scha­ma­nin” war, wis­sen wir nicht. Sie war ohne Zwei­fel eine für ihre Grup­pe wich­ti­ge Per­son, sonst hät­te man ein solch auf­wen­di­ges Grab mit einer Viel­zahl von Bei­ga­ben nicht ange­legt. Dass sie eine „Scha­ma­nin” war, kann man dem Grab nicht unmit­tel­bar ent­neh­men. Der Schamanismus/Animismus ist uns aus Jäger- und Samm­ler­grup­pen in den sibi­ri­schen Gebie­ten zwi­schen dem heu­ti­gen Russ­land und Chi­na aus dem 19. Jahr­hun­dert bekannt. In die­sem Gebiet haben sich sol­che Gesell­schaf­ten bis in die Neu­zeit hin­ein gehal­ten und ihre Welt­an­schau­ung tra­diert. Als Russ­land und Chi­na im 19. Jahr­hun­dert began­nen, die­se Gebie­te für sich zu erschlie­ßen, hat man die­se Jäger- und Samm­ler­ge­sell­schaft erforscht und ihre Welt­an­schau­ung doku­men­tiert. Auf die­sem Wis­sen um den Animismus/Schamanismus beruht die Inter­pre­ta­ti­on, dass auch die Frau in der Grab­stät­te bei Bad Dür­ren­berg in ihrer Gesell­schaft die Funk­ti­on einer Scha­ma­nin aus­üb­te.

Die Aus­stel­lung bet­tet den Fund von Bad Dür­ren­berg in wei­te­re archäo­lo­gi­sche Fun­de ein. Gezeigt wird neben dem Grab aus Bad Dür­ren­berg unter ande­rem die Doku­men­ta­ti­on einer ande­ren mit­tel­stein­zeit­li­chen Grab­stel­le aus der Hila­zon Trach­tit-Höh­le in Isra­el, sowie die Doku­men­ta­tio­nen des Animismus/Schamanismus in Sibi­ri­en aus dem 19. Jahr­hun­dert. Hier wer­den damals gesam­mel­te Scha­ma­nen­ge­wän­der und ande­re ritu­el­le Gegen­stän­de sowie Fotos und auch Film­auf­nah­men scha­ma­ni­scher Prak­ti­ken gezeigt. Die Aus­stel­lungs­ma­cher kon­tex­tua­li­sie­ren den Fund so und zie­hen dar­aus die Plau­si­bi­li­tät für ihre The­se, es hand­le sich bei der bestat­te­ten Frau um eine Scha­ma­nin.

Der Ani­mis­mus ist eine monis­ti­sche Welt­an­schau­ung, die von einer ein­heit­li­chen Welt aus­geht, in der alles belebt ist. Die Gestir­ne, die Pflan­zen, die Tie­re sind in glei­cher Wei­se belebt wie die Men­schen. Die­se ein­heit­li­che beleb­te Welt teilt sich in zwei oder drei Ebe­nen auf – obe­re, mitt­le­re und unte­re Welt –, die von­ein­an­der abge­grenzt sind, deren Gren­zen aber unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen von bestimm­ten Indi­vi­du­en über­schrit­ten wer­den kön­nen. Die­se Fähig­keit hat der Scha­ma­ne. Er erfüllt für die Jäger- und Samm­ler­ge­sell­schaf­ten eine wich­ti­ge Funk­ti­on, da er mit den ande­ren Lebe­we­sen in den ande­ren Ebe­nen der Welt in Kon­takt tre­ten kann und – ver­ein­facht gesagt – so zu einem har­mo­ni­schen Zusam­men­le­ben aller Wesen bei­tra­gen kann.

Wer sich für die Welt­an­schau­un­gen ver­gan­ge­ner Gesell­schaf­ten und das Ver­hält­nis von gesell­schaft­li­cher Pra­xis und welt­an­schau­li­cher Auf­fas­sung inter­es­siert, dem sei die Aus­stel­lung emp­foh­len.

Aller­dings krankt die Aus­stel­lung dar­an, dass sich ihre Macher nicht dar­auf beschränkt haben, eine his­to­ri­sche Welt­an­schau­ung zu doku­men­tie­ren, son­dern krampf­haft bemüht sind, die Scha­ma­nin zu aktua­li­sie­ren und an heu­ti­ge welt­an­schau­li­che Kon­zep­te unmit­tel­bar anzu­schlie­ßen. Das führt lei­der zu Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen.

Zum ers­ten ist der Animismus/Schamanismus kei­ne Reli­gi­on, denn er kennt weder ein Jen­seits noch Göt­ter. Es ist eine pro­fa­ne, monis­ti­sche Welt­an­schau­ung.

Zum zwei­ten ist die Scha­ma­nin nicht »spi­ri­tu­ell«. Spi­ri­tua­li­tät ist eine indi­vi­dua­li­sier­te Form von Reli­gio­si­tät, die im Zuge der Wei­ter­ent­wick­lung des bür­ger­li­chen Indi­vi­du­ums im 19. Jahr­hun­dert über­haupt erst ent­steht und die wesent­lich auf einem pri­va­ten Zugang zu jen­sei­ti­gen Instan­zen beruht. Eine sol­che Indi­vi­dua­li­tät gibt es in Jäger- und Samm­ler­ge­mein­schaf­ten nicht. Der Scha­ma­ne oder die Scha­ma­nin erfüllt eine sozia­le Funk­ti­on. Sie wird von der Grup­pe aus­ge­wählt und beauf­tragt, für sie zu han­deln. Das ist das Gegen­teil von Spi­ri­tua­li­tät.

Die Scha­ma­nin war auch nicht vor dem Foto­ter­min für die Aus­stel­lung noch eben im Kos­me­tik­stu­dio. Genau so sieht das in der Aus­stel­lung gezeig­te, künst­lich gene­rier­te Bild von ihr aber aus; obwohl die Aus­stel­lungs­ma­cher dar­auf hin­wei­sen, dass die Frau einen Wir­bel­de­fekt hat­te, der zu einer ent­stell­ten Mimik führ­te und auch das Gra­bungs­bild ein ver­zerr­tes Gesicht zeigt.

Auch war die Scha­ma­nin weder eine mäch­ti­ge Per­son – dar­über weiß man nichts, der Scha­ma­ne ist nicht mäch­tig, er erfüllt eine wich­ti­ge sozia­le Funk­ti­on übt aber kei­ne Macht über die ande­ren Mit­glie­der sei­ner Grup­pe aus – noch war die Scha­ma­nin über 300 Jah­re bekannt. Letz­te­res schlie­ßen die Aus­stel­lungs­ma­cher dar­aus, dass in der Nähe des Gra­bes spä­ter ritu­el­le Gegen­stän­de ver­gra­ben wur­den. In einer Aus­stel­lungs­in­for­ma­ti­on wird für deren Datie­rung ein Zeit­raum zwi­schen 300 und 750 Jah­ren nach dem Grab der Scha­ma­nin ange­ge­ben. Die Aus­stel­lungs­ma­cher neh­men in den wei­te­ren Tex­ten durch­gän­gig den frühst­mög­li­chen Zeit­raum. Selbst das ist unwahr­schein­lich. In einer Kul­tur ohne Schrift erscheint es aus­ge­schlos­sen, dass die Erin­ne­rung an eine bestimm­te Per­son über 10 Gene­ra­tio­nen tra­diert wird. Viel wahr­schein­li­cher ist, dass der Ort des Gra­bes eine ritu­el­le Bedeu­tung hat­te, denn man begräbt eine Scha­ma­nin nicht irgend­wo. Und eine sol­che ört­li­che Spe­zi­fik – der Lage am Was­ser, einer Quel­le, eines Bau­mes … – kann über Jahr­hun­der­te bestehen blei­ben.

Die­se Fehl­dar­stel­lun­gen und Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen die­nen anschei­nend den Aus­stel­lungs­ma­chern dazu, die Scha­ma­nin als eine mög­lichst attrak­ti­ve, wich­ti­ge, mäch­ti­ge und bedeu­ten­de Per­son dar­zu­stel­len. Glaubt man wirk­lich mit sol­chen bil­li­gen Mar­ke­ting­tricks – zu denen wohl auch die durch­gän­gig schumm­ri­ge Prä­sen­ta­ti­on der Objek­te zählt – mehr Besu­cher in die Aus­stel­lung locken zu kön­nen?

Ich fin­de das ärger­lich. War­um kann man etwas Frem­des nicht ein­fach als Frem­des ste­hen las­sen? Wie­so glaubt man nicht, dass die Besu­cher der Aus­stel­lung bereit sind, sich dar­auf ein­zu­las­sen, das Frem­de als Frem­des zu erfah­ren? – und dann dar­in doch etwas Bekann­tes wie­der­zu­fin­den, näm­lich das Bedürf­nis sich in sei­ner Welt zu ori­en­tie­ren.

Und sehen kann man dann auch, dass die­se Ori­en­tie­rung sich an die eige­ne gesell­schaft­li­che Pra­xis anschließt, weil sie anders nicht taug­lich wäre. Jede Welt­an­schau­ung ist die Welt­an­schau­ung ihrer Gesell­schaft und bin­det die eige­ne gesell­schaft­li­che Pra­xis in ein stim­mi­ges Gesamt­bild ein. Wenn man das erkennt, lehrt uns die Aus­stel­lung über die Welt­an­schau­ung der Mit­tel­stein­zeit auch etwas über uns. Das klar zu machen, haben die Aus­stel­lungs­ma­cher lei­der ver­fehlt.

Die Aus­stel­lung läuft noch bis zum 01. Novem­ber die­ses Jah­res. Der sehr infor­ma­ti­ve Kata­log – Die Scha­ma­nin, Hal­le 2026, Hirm­er Ver­lag – ist in der Aus­stel­lung oder im Buch­han­del erhält­lich.

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