1934 wurde bei der Verlegung eines Wasserrohrs im Kurpark von Bad Dürrenberg zufällig eine historische Grabstätte entdeckt. Sie wurde durch eine Notgrabung gesichert. Ihre archäologische Bedeutung wurde nicht gleich erkannt. Die Fundstätte wird im Faschismus zunächst für das 4.000 Jahre alte Grab eines männlichen „Urariers” gehalten. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkennt man, dass es sich um das ca. 9.000 Jahre alte Grab einer Frau handelt.
2019 beschloss man, die Grabstätte erneut zu untersuchen. Hierzu wurde das Erdreich um die Grabstätte herum eingefroren und in zwei tiefgefrorenen Blöcken zur Untersuchung ins archäologische Landesmuseum Halle gebracht. Die Untersuchung dort brachte eine Vielzahl weiterer Fundstücke zu Tage. Die Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte präsentiert damit erstmals den vollständigen Grabfund und legt den Schwerpunkt auf die mit dem Grabfund gegebene Möglichkeit „Spuren früherer Weltanschauungen in der Altsteinzeit” (so der Titel eines Aufsatzes von Marcel Weiß aus dem Ausstellungskatalog) aufzufinden.
Menschliche Gesellschaften zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie ein gesellschaftlich geprägtes Verständnis ihrer Welt haben, also ihrer selbst in Beziehung zur sie umgebenden Natur. Dieses Verständnis nennt man Weltanschauung. In allen menschlichen Gesellschaften gibt es eine oder mehrere Weltanschauungen, diese können profan sein oder religiös.
Sofern es schriftliche Überlieferungen gibt, sind wir aus diesen zumeist über die Weltanschauungen vergangener Gesellschaften informiert. Sofern es diese nicht gibt, können wir nur versuchen, auf Grundlage archäologischer Quellen das weltanschauliche Verständnis vergangener Gesellschaften zu erschließen. Viele archäologische Quellen sind in dieser Hinsicht aber nicht besonders aussagekräftig. Der in der Ausstellung „Die Schamanin” dokumentierte Grabfund in Bad Dürrenberg ist hier eine seltene Ausnahme. Das ca. 9.000 Jahre alte, gut erhaltene Grab einer in ihrer Gruppe wichtigen Frau, ermöglicht uns einen Blick zurück auf das Weltverständnis der Jäger und Sammler im Mesolithikum.
Selbst ein solcher Fund ist jedoch nicht ohne eine hohe Interpretations- und Übertragungsleistung deutbar. Ob die Frau eine „Schamanin” war, wissen wir nicht. Sie war ohne Zweifel eine für ihre Gruppe wichtige Person, sonst hätte man ein solch aufwendiges Grab mit einer Vielzahl von Beigaben nicht angelegt. Dass sie eine „Schamanin” war, kann man dem Grab nicht unmittelbar entnehmen. Der Schamanismus/Animismus ist uns aus Jäger- und Sammlergruppen in den sibirischen Gebieten zwischen dem heutigen Russland und China aus dem 19. Jahrhundert bekannt. In diesem Gebiet haben sich solche Gesellschaften bis in die Neuzeit hinein gehalten und ihre Weltanschauung tradiert. Als Russland und China im 19. Jahrhundert begannen, diese Gebiete für sich zu erschließen, hat man diese Jäger- und Sammlergesellschaft erforscht und ihre Weltanschauung dokumentiert. Auf diesem Wissen um den Animismus/Schamanismus beruht die Interpretation, dass auch die Frau in der Grabstätte bei Bad Dürrenberg in ihrer Gesellschaft die Funktion einer Schamanin ausübte.
Die Ausstellung bettet den Fund von Bad Dürrenberg in weitere archäologische Funde ein. Gezeigt wird neben dem Grab aus Bad Dürrenberg unter anderem die Dokumentation einer anderen mittelsteinzeitlichen Grabstelle aus der Hilazon Trachtit-Höhle in Israel, sowie die Dokumentationen des Animismus/Schamanismus in Sibirien aus dem 19. Jahrhundert. Hier werden damals gesammelte Schamanengewänder und andere rituelle Gegenstände sowie Fotos und auch Filmaufnahmen schamanischer Praktiken gezeigt. Die Ausstellungsmacher kontextualisieren den Fund so und ziehen daraus die Plausibilität für ihre These, es handle sich bei der bestatteten Frau um eine Schamanin.
Der Animismus ist eine monistische Weltanschauung, die von einer einheitlichen Welt ausgeht, in der alles belebt ist. Die Gestirne, die Pflanzen, die Tiere sind in gleicher Weise belebt wie die Menschen. Diese einheitliche belebte Welt teilt sich in zwei oder drei Ebenen auf – obere, mittlere und untere Welt –, die voneinander abgegrenzt sind, deren Grenzen aber unter bestimmten Voraussetzungen von bestimmten Individuen überschritten werden können. Diese Fähigkeit hat der Schamane. Er erfüllt für die Jäger- und Sammlergesellschaften eine wichtige Funktion, da er mit den anderen Lebewesen in den anderen Ebenen der Welt in Kontakt treten kann und – vereinfacht gesagt – so zu einem harmonischen Zusammenleben aller Wesen beitragen kann.
Wer sich für die Weltanschauungen vergangener Gesellschaften und das Verhältnis von gesellschaftlicher Praxis und weltanschaulicher Auffassung interessiert, dem sei die Ausstellung empfohlen.
Allerdings krankt die Ausstellung daran, dass sich ihre Macher nicht darauf beschränkt haben, eine historische Weltanschauung zu dokumentieren, sondern krampfhaft bemüht sind, die Schamanin zu aktualisieren und an heutige weltanschauliche Konzepte unmittelbar anzuschließen. Das führt leider zu Fehlinterpretationen.
Zum ersten ist der Animismus/Schamanismus keine Religion, denn er kennt weder ein Jenseits noch Götter. Es ist eine profane, monistische Weltanschauung.
Zum zweiten ist die Schamanin nicht »spirituell«. Spiritualität ist eine individualisierte Form von Religiosität, die im Zuge der Weiterentwicklung des bürgerlichen Individuums im 19. Jahrhundert überhaupt erst entsteht und die wesentlich auf einem privaten Zugang zu jenseitigen Instanzen beruht. Eine solche Individualität gibt es in Jäger- und Sammlergemeinschaften nicht. Der Schamane oder die Schamanin erfüllt eine soziale Funktion. Sie wird von der Gruppe ausgewählt und beauftragt, für sie zu handeln. Das ist das Gegenteil von Spiritualität.
Die Schamanin war auch nicht vor dem Fototermin für die Ausstellung noch eben im Kosmetikstudio. Genau so sieht das in der Ausstellung gezeigte, künstlich generierte Bild von ihr aber aus; obwohl die Ausstellungsmacher darauf hinweisen, dass die Frau einen Wirbeldefekt hatte, der zu einer entstellten Mimik führte und auch das Grabungsbild ein verzerrtes Gesicht zeigt.
Auch war die Schamanin weder eine mächtige Person – darüber weiß man nichts, der Schamane ist nicht mächtig, er erfüllt eine wichtige soziale Funktion übt aber keine Macht über die anderen Mitglieder seiner Gruppe aus – noch war die Schamanin über 300 Jahre bekannt. Letzteres schließen die Ausstellungsmacher daraus, dass in der Nähe des Grabes später rituelle Gegenstände vergraben wurden. In einer Ausstellungsinformation wird für deren Datierung ein Zeitraum zwischen 300 und 750 Jahren nach dem Grab der Schamanin angegeben. Die Ausstellungsmacher nehmen in den weiteren Texten durchgängig den frühstmöglichen Zeitraum. Selbst das ist unwahrscheinlich. In einer Kultur ohne Schrift erscheint es ausgeschlossen, dass die Erinnerung an eine bestimmte Person über 10 Generationen tradiert wird. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Ort des Grabes eine rituelle Bedeutung hatte, denn man begräbt eine Schamanin nicht irgendwo. Und eine solche örtliche Spezifik – der Lage am Wasser, einer Quelle, eines Baumes … – kann über Jahrhunderte bestehen bleiben.
Diese Fehldarstellungen und Fehlinterpretationen dienen anscheinend den Ausstellungsmachern dazu, die Schamanin als eine möglichst attraktive, wichtige, mächtige und bedeutende Person darzustellen. Glaubt man wirklich mit solchen billigen Marketingtricks – zu denen wohl auch die durchgängig schummrige Präsentation der Objekte zählt – mehr Besucher in die Ausstellung locken zu können?
Ich finde das ärgerlich. Warum kann man etwas Fremdes nicht einfach als Fremdes stehen lassen? Wieso glaubt man nicht, dass die Besucher der Ausstellung bereit sind, sich darauf einzulassen, das Fremde als Fremdes zu erfahren? – und dann darin doch etwas Bekanntes wiederzufinden, nämlich das Bedürfnis sich in seiner Welt zu orientieren.
Und sehen kann man dann auch, dass diese Orientierung sich an die eigene gesellschaftliche Praxis anschließt, weil sie anders nicht tauglich wäre. Jede Weltanschauung ist die Weltanschauung ihrer Gesellschaft und bindet die eigene gesellschaftliche Praxis in ein stimmiges Gesamtbild ein. Wenn man das erkennt, lehrt uns die Ausstellung über die Weltanschauung der Mittelsteinzeit auch etwas über uns. Das klar zu machen, haben die Ausstellungsmacher leider verfehlt.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 01. November dieses Jahres. Der sehr informative Katalog – Die Schamanin, Halle 2026, Hirmer Verlag – ist in der Ausstellung oder im Buchhandel erhältlich.



