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Humanists at Risk

Wer hilft bedrohten Humanist*innen?

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Team des weltweiten Schutzprogramms Humanists at Risk
Team des weltweiten Schutzprogramms Humanists at Risk

Beitragsbild: Humanists International

Viele Menschen mit weltlicher Lebenseinstellung werden in anderen Ländern wegen ihrer Anschauungen verfolgt. Oftmals werden sie von Behörden und religiösen Gruppen angegriffen, weil sie Religion für sich selbst ablehnen oder offen humanistische Werte vertreten. Um den Verfolgten zu helfen, betreibt Humanists International ein eigenes Schutzprogramm: Humanists at Risk.

Auf der gan­zen Welt gibt es Men­schen, die eine huma­nis­ti­sche oder athe­is­ti­sche Grund­hal­tung ver­tre­ten. Doch vie­le die­ser Men­schen sind gezwun­gen, ein Leben im Ver­bor­ge­nen zu füh­ren. Tre­ten sie offen als nicht­re­li­gi­ös in Erschei­nung, dro­hen Job­ver­lust, Dis­kri­mi­nie­rung, gesell­schaft­li­che oder fami­liä­re Äch­tung und nicht sel­ten auch gewalt­tä­ti­ge Über­grif­fe. In acht Län­dern gel­ten zudem Geset­ze, die nicht­re­li­giö­se Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit Gefäng­nis oder Tod bestra­fen. Das sind die vom Isla­mis­mus gepräg­ten Staa­ten Mau­re­ta­ni­en, Paki­stan, Iran, Afgha­ni­stan, Soma­lia, Sau­di-Ara­bi­en, Nige­ria und Bru­nei.

Der inter­na­tio­na­le Dach­ver­band Huma­nists Inter­na­tio­nal, dem auch der HVD ange­hört, hilft die­sen ver­folg­ten Men­schen. Das welt­wei­te Schutz­pro­gramm nennt sich Huma­nists at Risk. Seit April 2020 wird es im schot­ti­schen Glas­gow von Emma Wadsworth-Jones koor­di­niert. Wadsworth-Jones ver­fügt über Mas­ter­ab­schlüs­se in Psy­cho­lo­gie, ver­glei­chen­der Poli­tik­wis­sen­schaft (mit Bezug zu Latein­ame­ri­ka) sowie über sie­ben Jah­re Erfah­rung als Fall­ma­na­ge­rin bei der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on PEN Inter­na­tio­nal.

Sachverstand und geschulte Kommunikation sind die Grundvoraussetzungen für kompetente Hilfe

Kor­rek­tes Län­der­wis­sen und eine geschul­te zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on sind unab­ding­bar, um Men­schen, die teils trau­ma­ti­siert sind, vor ihrem indi­vi­du­el­len kul­tu­rel­len Hin­ter­grund hel­fen zu kön­nen. Wadsworth-Jones ist dafür qua­li­fi­ziert. Jeder Fall, der sie erreicht, wird von ihr gewis­sen­haft geprüft in Bezug auf die tat­säch­li­che gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Situa­ti­on der Betrof­fe­nen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Ein sol­cher Arbeits­auf­wand ist jedoch not­wen­dig, um Gefähr­dungs­si­tua­tio­nen kor­rekt ein­schät­zen und prio­ri­sie­ren zu kön­nen. Letzt­lich geht es um Men­schen­le­ben.

Spricht Wadsworth-Jones mit den Hil­fe­su­chen­den, geht es ihr jedoch erst ein­mal dar­um, »jene Men­schen, die so lan­ge ihre wah­re Lebens­hal­tung ver­bor­gen haben, füh­len zu las­sen, dass sie Teil von etwas sind.« Außer­dem sei es wich­tig, den betrof­fe­nen Men­schen die Kon­trol­le über die Ver­bes­se­rung ihrer eige­nen Sicher­heit zu geben. Es gehe dar­um, einen infor­mier­ten Kon­sens mit den Hil­fe­su­chen­den zu erlan­gen und auf­recht­zu­er­hal­ten; denn das erlang­te Sicher­heits­ge­fühl muss in Ein­klang mit der tat­säch­li­chen Gefähr­dungs­si­tua­ti­on ste­hen. Doch durch die Bewe­gun­gen, die die Hil­fe anstößt, aber auch durch Ein­flüs­se von außen (zum Bei­spiel in Kri­sen­ge­bie­ten) ändert sich die Sach­la­ge stän­dig. Nur der kom­pe­ten­te Umgang mit Fak­ten und eine geschul­te zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on schaf­fen das not­wen­di­ge Ver­trau­en. Das­sel­be gilt für die Kom­mu­ni­ka­ti­on nach außen. »Wenn wir bei Regie­rungs­ver­tre­tern oder der UN inter­ve­nie­ren, müs­sen wir sicher sein, dass die Infor­ma­tio­nen, die wir bereit­stel­len, akku­rat sind«, erklärt Wadsworth-Jones.

Wir können uns die Drastik einiger Fälle kaum vorstellen

Auf der Web­sei­te von Huma­nists at Risk, die über humanists.international zu errei­chen ist, sind Fäl­le von ver­folg­ten Men­schen doku­men­tiert, die als Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten in der Öffent­lich­keit ste­hen. Dazu gehört der Kura­tor und Dich­ter Ashraf Fayadh, der in Sau­di-Ara­bi­en für die Kunst- und Mei­nungs­frei­heit ein­tritt. Fayadh wur­de im Novem­ber 2015 des Abfalls vom Glau­ben für schul­dig befun­den. Er habe athe­is­ti­sche und blas­phe­mi­sche Ver­se in sei­nem Gedicht­band »Ins­truc­tions Within« ver­fasst. Dar­auf soll­te ihm der Kopf mit einem Schwert abge­schla­gen wer­den. Im Febru­ar 2016 wur­de sein Todes­ur­teil umge­wan­delt zu einer acht­jäh­ri­gen Gefäng­nis­stra­fe, die mit zusätz­li­chen 800 Peit­schen­hie­ben ein­her­geht. Seit 2015 enga­giert sich Huma­nists Inter­na­tio­nal für Fayadh. Die Orga­ni­sa­ti­on hat sei­nen Fall mehr­fach vor dem UN-Men­schen­rechts­aus­schuss the­ma­ti­siert.

Bild: Huma­nists Inter­na­tio­nal

Sie wol­len das Schutz­pro­gramm Huma­nists At Risk unter­stüt­zen? Spen­den kön­nen über die Web­sei­te geleis­tet wer­den: hmnts.in/donation-humanists-at-risk

Ein ande­rer Fall spielt sich in Sri Lan­ka ab. Dort lebt der Akti­vist Rish­vin Ismath. Er ist Prä­si­dent des Zen­tral­rats der dor­ti­gen Ex-Mus­li­me. Weil er sich offen zu sei­nem Athe­is­mus bekennt, dro­hen ihm isla­mis­ti­sche Mord­an­schlä­ge. Des­halb muss er sich ver­steckt hal­ten. Huma­nists at Risk steht in stän­di­gem Kon­takt zu Ismath und unter­stützt ihn auch finan­zi­ell.

Auch Ami­na Ahmed lebt in Furcht. Sie ist die Frau von Muba­rak Bala, dem Prä­si­den­ten der Huma­nist Asso­cia­ti­on of Nige­ria. Bala ist seit 28. April 2020 wegen Anstif­tung zum öffent­li­chen Auf­ruhr in Haft, weil er sich in sozia­len Medi­en blas­phe­misch geäu­ßert haben soll. Ahmed wur­de dabei oft im Unkla­ren dar­über gelas­sen, ob und unter wel­chen Bedin­gun­gen ihr Mann noch lebt. Die ers­ten 15 Mona­te befand sich Bala in Haft, ohne dass über­haupt Ankla­ge gegen ihn erho­ben wur­de. Zuletzt wur­de eine für Okto­ber 2021 ange­setz­te Anhö­rung auf Dezem­ber des­sel­ben Jah­res ver­tagt.

Muba­rak Bala lei­det nach mona­te­lan­ger Haft inzwi­schen an gesund­heit­li­chen Pro­ble­men, zudem sei er laut sei­ner Frau zuneh­mend trau­ma­ti­siert. Bala habe das gemein­sa­me Baby seit der Inhaf­tie­rung erst drei­mal zu Gesicht bekom­men. »Wenn er frei­ge­las­sen wird«, erklärt die jun­ge Frau, »wer­den wir von hier weg­ge­hen.« Sie fühlt sich mit ihrer Fami­lie nicht sicher. »Wir wol­len nur noch hei­len.«

Huma­nists at Risk hilft aber nicht nur Men­schen, die in der Öffent­lich­keit ste­hen. In den ers­ten zwei Mona­ten nach dem Fall Kabuls am 15. August hat das Schutz­pro­gramm allein 39 Anfra­gen aus Afgha­ni­stan erhal­ten.

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