Gertrud Hanna (22. Juni 1876 – 26. Januar 1944)

Die Lage der Arbeiterinnen verbessern

| von
Evelin Frerk
Vor 150 Jahren, am 22. Juni 1876, wurde Gertrud Hanna geboren. Als engagierte Gewerkschafterin kämpfte sie in verschiedenen Funktionen für bessere Arbeitsbedingungen von Frauen. Früh warnte sie vor den Nationalsozialisten, deren Herrschaft sie nicht überlebte.

Ger­trud Han­na wur­de 1876 als drit­te Toch­ter einer Ber­li­ner Arbei­ter­fa­mi­lie gebo­ren. Ihre Kind­heit wird als freud­los bezeich­net. „Die Mut­ter war in Armut und Sor­ge sehr hart gewor­den, zu hart für ein so wei­ches und lie­be­be­dürf­ti­ges Kind, das die Lieb­lo­sig­keit viel stär­ker als den leib­li­chen Hun­ger emp­fand. Vom Vater schien Ger­truds Erin­ne­rung wenig bewahrt zu haben, sie sprach kaum von ihm.“ Das schrieb Marie Juchacz, eine Freun­din und Genos­sin Ger­trud Han­nas, in ihrem Buch mit dem Titel: „Sie leb­ten für eine bes­se­re Welt“. Und sie schloss dar­aus, dass es die Kind­heits­er­leb­nis­se waren, die zu Han­nas spä­te­ren „tie­fen Schwer­mut“ geführt haben. Ger­trud war arm und muss­te sich mit 14 Jah­ren ihren Lebens­un­ter­halt selbst ver­die­nen. Das war für Arbei­ter­töch­ter noch lan­ge fast selbst­ver­ständ­lich. Wie vie­le ande­re konn­te Ger­trud kei­ne Berufs­aus­bil­dung machen, an eine höhe­re Schu­le oder gar Stu­di­um war nicht zu den­ken. Wahr­schein­lich hat­te sie Glück, dass ein Ber­li­ner Buch­dru­cker sie 1890 als Hilfs­ar­bei­te­rin ein­stell­te. 1890 war auch des­halb ein wich­ti­ges Jahr, weil Bis­marcks Sozia­lis­ten­ge­setz, das poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten der enga­gier­ten Arbei­ter­schaft seit 1878 ver­bo­ten hat­te, außer Kraft gesetzt wur­de. Ger­trud Han­na konn­te also dem frei­ge­werk­schaft­li­chen Ver­band der Buch- und Stein­dru­cke­rei-Hilfs­ar­bei­ter und Arbei­te­rin­nen bei­tre­ten. Der Bei­tritt allein reich­te ihr frei­lich nicht, sie wur­de akti­ve Gewerk­schaf­te­rin und Ber­li­ner Vor­stands­mit­glied der von Pau­la Thie­de gelei­te­ten Orga­ni­sa­ti­on.

Von der Hilfsarbeiterin zur hauptberuflichen Gewerkschaftssekretärin

Im Jahr 1907 wech­sel­te Ger­trud Han­na von ihrer Tätig­keit als Hilfs­ar­bei­te­rin im Buch­dru­cke­rei­ge­wer­be zur ent­lohn­ten Sekre­tä­rin des Ber­li­ner Arbei­te­rin­nen-Komi­tees. Bis zum Berufs­ver­bot im Nazi-Faschis­mus konn­te sie sich haupt­be­ruf­lich dafür ein­set­zen, die Lage der Arbei­te­rin­nen zu ver­bes­sern. 1908, als die Frau­en sich par­tei­po­li­tisch orga­ni­sie­ren durf­ten, trat sie in die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei (SPD) ein und nahm an den Par­tei­ta­gen teil. Zu die­ser Zeit dürf­te sie auch aus der christ­li­chen Kir­che aus­ge­tre­ten sein, denn sie bezeich­ne­te sich als Dis­si­den­tin. Bereits 1909 – sie war gera­de 33 Jah­re alt – wur­de sie Lei­te­rin des Arbei­te­rin­nen­se­kre­ta­ri­ats der frei­en Gewerk­schaf­ten (ADGB). Ein Amt, das sie bis zum Ver­bot der Gewerk­schaf­ten 1933 inne­hat­te.

Zur Zeit des Ers­ten Welt­krie­ges wirkt sie im Aus­schuss für Frau­en­ar­beit wäh­rend des Krie­ges mit. Ab 1916 war sie die Haupt­schrift­lei­te­rin der neu gegrün­de­te Gewerk­schaft­li­che Frau­en­zei­tung, spä­ter arbei­te­te sie an der Zeit­schrift Die Arbei­ter­wohl­fahrt mit.

Der Kampf um das Frauenwahlrecht

Von den Bio­gra­fie­schrei­be­rIn­nen wenig beach­tet, ist Han­nas Bei­trag zum Kampf um das Frau­en­wahl­recht. Bei der II. Inter­na­tio­na­len Sozia­lis­ti­schen Frau­en­kon­fe­renz am 26. und 27. August 1910 in Kopen­ha­gen brach­te Cla­ra Zet­kin gemein­sam mit Ger­trud Han­na in deren Funk­ti­on als Lei­te­rin des Frau­en­se­kre­ta­ri­ats beim ADGB die Durch­füh­rung eines Frau­en­tags zur Abstim­mung, „der in ers­ter Linie der Agi­ta­ti­on für das Frau­en­wahl­recht“ die­nen soll­te. Der Antrag wur­de ein­stim­mig ange­nom­men. Es war gera­de die­ser Schul­ter­schluss zwi­schen der SPD-Poli­ti­ke­rin und der Gewerk­schafts­po­li­ti­ke­rin, der für den wei­te­ren Ver­lauf des Inter­na­tio­na­len Frau­en­tags und den Erfolg der Durch­set­zung des Frau­en­wahl­rechts nach dem Ers­ten Welt­krieg aus­schlag­ge­bend war. Bei­de haben das Frau­en­wahl­recht in den Zusam­men­hang mit der „gan­zen Frau­en­fra­ge“ gestellt. Dazu gehör­ten Arbei­te­rin­nen­schutz, sozia­le Für­sor­ge für Mut­ter und Kind, die Gleich­be­hand­lung von ledi­gen Müt­tern, die Bereit­stel­lung von Kin­der­krip­pen und Kin­der­gär­ten und die inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät. Alles The­men, die von bei­den ver­tre­ten wur­den. Das unter­schied sie von der radi­ka­len bür­ger­li­chen Frau­en­be­we­gung, die glaub­te, mit dem Frau­en­wahl­recht hät­ten sie die Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en durch­ge­setzt.

Dem Beschluss von Kopen­ha­gen schlos­sen sich in Deutsch­land sowohl der Par­tei­vor­stand der SPD als auch der ADGB an. In einem Brief von Ger­trud Han­na vom 30. Janu­ar 1911 an die Gewerk­schafts­pres­se heißt es u.a.: „Die Gene­ral­kom­mis­si­on ist in gemein­schaft­li­cher Sit­zung mit dem Par­tei­vor­stand dem Beschluß der inter­na­tio­na­len sozia­lis­ti­schen Frau­en­kon­fe­renz in Kopen­ha­gen bei­getre­ten, in jedem Jahr an einem Tag Demons­tra­ti­ons­ver­samm­lun­gen zuguns­ten der For­de­rung auf Erzwin­gung des all­ge­mei­nen Frau­en­wahl­rechts zu ver­an­stal­ten.“ In einem Auf­ruf an die Pres­se erklär­te sie, „daß die­ser Tag zu einer Mas­sen­kund­ge­bung zuguns­ten des Frau­en­wahl­rechts“ wer­den soll­te, an dem „kei­ne Arbei­te­rin […] den Ver­samm­lun­gen fern­blei­ben“ dür­fe. Das Flug­blatt, das 1911 zur Teil­nah­me an den 3

Ver­an­stal­tun­gen des Frau­en­ta­ges mit der For­de­rung: „Her mit dem Frau­en-Wahl­recht!“ auf­rief, wur­de in einer Auf­la­ge von zwei­ein­halb Mil­lio­nen Exem­pla­ren gedruckt und ver­teilt.

Der ers­te Inter­na­tio­na­le Frau­en­tag wur­de ein vol­ler Erfolg. In Deutsch­land nah­men ca. eine Mil­li­on in SPD und Gewerk­schaf­ten orga­ni­sier­te Frau­en (und auch weni­ge Män­ner) aber auch vie­le nicht orga­ni­sier­te, an den Ver­an­stal­tun­gen und Demons­tra­tio­nen für sozia­le und poli­ti­sche Gleich­be­rech­ti­gung aller Frau­en teil. Der inter­na­tio­na­le Frau­en­tag erleb­te seit­dem Höhen und Tie­fen. Aktu­ell wird er (fast) welt­weit gefei­ert. Mit der Erklä­rung des Rates der Volks­be­auf­trag­ten vom 12. 11. 1918 wur­de die For­de­rung der Frau­en nach dem all­ge­mei­nen akti­ven und pas­si­ven Wahl­recht „für alle männ­li­chen und weib­li­chen Per­so­nen“ durch­ge­setzt.

Als Gewerkschafterin in der Politik

1919 begann auch Ger­trud Han­nas poli­ti­sche Kar­rie­re. Auf der ers­ten SPD-Frau­en­kon­fe­renz nach Kriegs­en­de bekam sie das Refe­rat Frau­en­ar­beit und Frau­en­schutz über­tra­gen. Sie wur­de Mit­glied im Haupt­aus­schuss der neu gegrün­de­ten Arbei­ter­wohl­fahrt und der ver­fas­sung­ge­ben­den preu­ßi­schen Lan­des­ver­samm­lung und zog im glei­chen Jahr in den Preu­ßi­schen Land­tag ein, dem sie bis 1933 ange­hör­te. In den fol­gen­den Jah­ren arbei­te­te sie uner­müd­lich. Bei SPD- und Gewerk­schafts­ver­an­stal­tun­gen hielt sie zahl­rei­che viel­be­ach­te­te Refe­ra­te, auch bei inter­na­tio­na­len Kon­fe­ren­zen, wie zum Bei­spiel 1927 bei der Gewerk­schaft­li­chen Frau­en­kon­fe­renz in Paris. Im glei­chen Jahr bekräf­tig­te sie wäh­rend einer Rede anläss­lich der Reichs­frau­en­kon­fe­renz der SPD in Kiel die Inter­es­sen­gleich­heit zwi­schen SPD und Gewerk­schaf­ten, vor allem, wenn es dar­um ging, bes­se­re Lebens­be­din­gun­gen für alle Men­schen zu schaf­fen. In ihrer par­la­men­ta­ri­schen Arbeit ging es in ers­ter Linie um The­men wie Heim­ar­beit, Mut­ter­schutz, Gewer­be­auf­sicht, beruf­li­che Bil­dung und Wei­ter­bil­dung, Arbeits­ver­mitt­lung und, vor allem in den spä­te­ren Jah­ren auch um Arbeits­lo­sen­für­sor­ge.

Scharf wand­te sie sich gegen die Het­ze, berufs­tä­ti­ge Frau­en als „Dop­pel­ver­die­ner“ zu dif­fa­mie­ren, um die Erwerbs­ar­beit der ver­hei­ra­te­ten Frau­en zu unter­bin­den. Sie nann­te die­ses Vor­ha­ben „undurch­dacht, unzweck­mä­ßig und unso­zi­al“ und ver­wies dar­auf, dass das nicht den Grund­sät­zen des ADGB ent­sprach, der glei­che Rech­te für bei­de Geschlech­ter auf sei­ne Fah­nen geschrie­ben hat­te. Der Paro­le etli­cher bür­ger­li­cher Frau­en, die den beson­de­ren sozi­al­po­li­ti­schen Schutz für Frau­en ver­war­fen, weil er den Anspruch auf Gleich­be­rech­ti­gung nicht genügt, moch­te sie auf­grund ihrer eige­nen Hilfs­ar­bei­te­rin­nen­er­fah­rung aller­dings nicht fol­gen. Obwohl – oder gera­de weil – sie aus den ärms­ten Schich­ten stamm­te und sich ihr Wis­sen auto­di­dak­tisch ange­eig­net hat­te, konn­te sie den Argu­men­ten der bür­ger­li­chen Frau­en kom­pe­tent und sach­lich ent­ge­gen­tre­ten. Unmiss­ver­ständ­lich setz­te sich Ger­trud Han­na auch dafür ein, dass in der preu­ßi­schen Ver­wal­tung erfah­re­ne Arbei­te­rIn­nen selbst – und nicht etwa Außen­ste­hen­de wie z.B. bür­ger­li­che Frau­en mit Abschlüs­sen in Sozi­al­be­ru­fen – mit den ent­spre­chen­den Auf­ga­ben betraut wur­den.

Wie vie­le Sozia­lis­tin­nen ihrer Gene­ra­ti­on woll­te sie nicht als Frau­en­recht­le­rin gel­ten. Inner­halb von Par­tei und Gewerk­schaf­ten ver­trat sie eine eher refor­mis­ti­sche Posi­ti­on. Das Recht der Frau­en auf Erwerbs­ar­beit und die Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter woll­te sie Sei­te an Sei­te mit den Män­nern erkämp­fen. Sie als „nicht kämp­fe­risch“ zu bezeich­nen, wird jedoch ihren viel­fäl­ti­gen Akti­vi­tä­ten nicht gerecht. In der preu­ßi­schen Lan­des­po­li­tik war sie eine her­aus­ra­gen­de Ver­tre­te­rin einer sowohl klas­sen­po­li­tisch wie geschlech­ter­po­li­tisch gefass­ten, prak­tisch ori­en­tier­ten Poli­tik des Ein­sat­zes zur Ver­bes­se­rung der gewerb­li­chen Arbeit und damit auch der Lebens­be­din­gun­gen von Arbei­te­rin­nen.

Das bittere Ende der aufrechten Politikerin

Nach der Macht­über­tra­gung an die Nazi­fa­schis­ten 1933, die Zer­schla­gung der Gewerk­schaf­ten und das Ver­bot der SPD war Ger­trud Han­na all ihrer Auf­ga­ben und ihrer Exis­tenz­grund­la­ge beraubt. Sie stand vor dem Nichts. Zusam­men mit einer ihrer bei­den Schwes­tern zog sie sich in ihre Woh­nung in Ber­lin-Hasel­horst ins „Pri­va­te“ zurück und hielt sich müh­se­lig mit Flick­ar­bei­ten über Was­ser. Sie wur­de offen­sicht­lich mit Ver­hö­ren durch die Gesta­po gequält und man woll­te sie auch zwin­gen, in der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Volks­wohl­fahrt mit­zu­ar­bei­ten. Das ver­kraf­te­te sie nicht. Gemein­sam mit ihrer Schwes­ter zog sie es am 26. Febru­ar 1944 vor, sich vom Leben zu ver­ab­schie­den.

Am 8. Okto­ber 2021 wur­de vor ihrem ehe­ma­li­gen Wohn­ort ein Stol­per­stein für sie und ihre Schwes­ter Emma Anto­nie ver­legt.

Lite­ra­tur:

Jana Hoff­mann: Han­na, Ger­trud (1876–1944) „Anwäl­tin der erwerbs­tä­ti­gen Frau­en“, in: Sieg­fried Mil­ke (Hrsg.): Gewerk­schaf­te­rin­nen im NS-Staat, S. 164–176.

Gise­la Notz: Der Inter­na­tio­na­le Frau­en­tag und die Gewerk­schaf­ten: Geschichte(n) – Tra­di­ti­on und Aktua­li­tät, Ber­lin: ver.di 2011.

Gise­la Notz: Ger­trud Han­na (1876–1944). Gewerk­schaf­te­rin für das Recht der Frau­en auf Erwerb, in: diess.: Weg­be­rei­te­rin­nen. Berühm­te, bekann­te und zu Unrecht ver­ges­se­ne Frau­en aus der Geschich­te, Neu-Ulm 2020, S. 144–145.

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