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Dr. Keerthi Bollineni im Interview

Indische Frauenorganisation VMM: „Frauen in Notlagen brauchen kein Mitleid, sondern Mitgefühl“

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Die Initiative "Mahila Mitra" der indischen Organisation VMM.
Die Initiative "Mahila Mitra" der indischen Organisation VMM.

Beitragsbild: Vasavya Mahila Mandali

Für eine Konferenz zum Thema der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen reiste Keerthi Bollineni im Sommer 2019 zunächst nach Bonn und später auch nach Berlin, um dort in Austausch mit säkulären und Frauenrechtsorganisationen zu treten. In diesem Rahmen besuchte sie auch den Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg. Die diesseits-Redaktion nutzte die Chance, um mit Keerthi Bollineni über Frauenrechte in Indien, die Ziele ihrer Organisation und ihren persönlichen Hintergrund zu sprechen.

Ihre Organisation Vasavya Mahila Mandali feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum. In welchen Bereichen ist VMM aktiv?

Wir haben Pro­gram­me für Frau­en in ins­ge­samt fünf Berei­chen: Gesund­heit und Ernäh­rung, Qua­li­fi­zie­rung und Exis­tenz­grund­la­gen, Bil­dung, Men­schen­rech­te und Umwelt­schutz. Wir bera­ten Frau­en in Not­la­gen oder in Situa­tio­nen der Ver­än­de­rung, zum Bei­spiel bei einer Schei­dung oder Ver­witwung. Letzt­lich bie­ten wir Zuflucht und Unter­stüt­zung für alle Frau­en, in jedem Alter und jeder Lebens­la­ge – und auch für auch deren Kin­der.

Das Wich­tigs­te ist, dass die Frau­en wis­sen, dass sie ein Sicher­heits­netz haben, dass sie nicht auf sich allein gestellt sind. Sie brau­chen kein Mit­leid, son­dern Mit­ge­fühl. Wir behan­deln sie mit Respekt, stär­ken ihr Selbst­be­wusst­sein und ermäch­ti­gen sie, für sich selbst zu sor­gen.

Wie sehen diese Programme zur Stärkung von Frauen aus?

In einem der Pro­gram­me geht es vor allem dar­um, mit­ein­an­der zu spre­chen. Wich­tig ist es, Frau­en dar­in zu bestär­ken, selbst ihre Stim­me zu erhe­ben. Vie­le Frau­en wer­den mit Gewalt kon­fron­tiert, in ihrer Ehe, in ihrer Fami­lie. Unser Leit­spruch ist: „No silence for vio­lence“ („Kein Schwei­gen gegen­über Gewalt“). Es geht dar­um, den Frau­en das Selbst­be­wusst­sein dafür zu geben, ihr Schwei­gen zu bre­chen. Andern­falls wer­den sie noch viel grö­ße­re Qua­len erle­ben.

Ich weiß das aus eige­ner Erfah­rung. Ich wur­de im Alter von 28 Wit­we, mit 36 habe ich wie­der gehei­ra­tet – und in den fol­gen­den Jah­ren sehr viel Gewalt erfah­ren. Erst nach sie­ben Jah­ren habe ich mein Schwei­gen dar­über gebro­chen. Aber war­um hat­te ich – als Päd­ago­gin und Akti­vis­tin – geschwie­gen, hat­te so lan­ge Geduld und Tole­ranz für das Ver­hal­ten mei­nes Ehe­man­nes?

Was war denn der Grund dafür?

Es gibt in Indi­en kein unter­stüt­zen­des Sys­tem für Frau­en, die sol­cher Gewalt aus­ge­setzt sind. Die Fami­lie oder die Nach­bar­schaft sind kei­ne Unter­stüt­zung, son­dern sie raten den Betrof­fe­nen oft, dass die­se sich fügen sol­len: „Du wirst dich schon dar­an anpas­sen.“ Wir ver­su­chen ein Sys­tem zu eta­blie­ren, das Frau­en genau die­se Unter­stüt­zung bie­tet.

Keerthi BollineniBild: Vasa­vya Mahi­la Man­da­li

Dr. Keer­t­hi Bol­li­neni (63) stammt aus Vija­ya­wa­da, Indi­en. Sie pro­mo­vier­te an der indi­schen Andhra Uni­ver­si­ty in Sozia­ler Arbeit und hat ein Diplom in Sozi­al­ent­wick­lungs­stu­di­en der kana­di­schen StFX Uni­ver­si­ty. Sie ist eine Enke­lin von Gora, der das Athe­is­ti­sche Zen­trum in Indi­en grün­de­te.

Sie gehen sehr offen damit um, dass Sie selbst häusliche Gewalt erlebt haben.

Ich bin eine star­ke Per­son, trotz­dem hat es viel Kraft gekos­tet, mich als Frau zu outen, die in ihrer Ehe Gewalt erfah­ren hat. Letzt­lich haben mich die vie­len Frau­en, die mir – stets in heim­li­cher Art und mit gesenk­ter Stim­me – von ihren Pro­ble­men berich­te­ten, dazu gebracht, offen zu spre­chen. Die­se Frau­en glau­ben oft, dass sie allein mit ihrem Pro­blem daste­hen und dass jemand wie ich nicht wis­sen und ver­ste­hen kann, wie es ihnen geht. Wenn ich ihnen jedoch von mei­ner eige­nen Scham, der erleb­ten Gewalt und dem Miss­brauch erzäh­le, hilft ihnen das auf eine Art, Zuver­sicht zu schöp­fen, dass sie eben­falls wie­der auf die Bei­ne kom­men kön­nen. Unse­re Initia­ti­ve „Mahi­la Mitra“ unter­stützt sie dabei.

Was bedeutet der Name „Mahila Mitra“ und worum geht es bei der Initiative?

Mahi­la bedeu­tet Frau, Mitra bedeu­tet Freund. „Mahi­la Mitra“ ist eine Initia­ti­ve, die ein Bewusst­sein dafür schafft, dass Miss­brauch und Gewalt nicht nor­mal sind – und nicht nor­mal sein dür­fen. Wir arbei­ten seit Janu­ar 2017 mit der Poli­zei der Stadt Vija­ya­wa­da, Frau­en und Män­nern aus der Gemein­de sowie Bil­dungs­ein­rich­tun­gen zusam­men, um gegen geschlech­ter­ba­sier­te Gewalt vor­zu­ge­hen.

Wie genau sieht diese Zusammenarbeit aus?

Zum Bei­spiel wird die Poli­zei von uns in Gen­der-Sen­si­bi­li­tät geschult. Das ist sehr wich­tig, denn wenn die Mit­ar­bei­ten­den der Poli­zei nicht geschlech­ter­sen­si­bel arbei­ten, dann wer­den sich Frau­en in Not nicht an sie wen­den. Wir haben das gro­ße Glück, dass der Poli­zei­prä­si­dent, der eng mit uns zusam­men­ar­bei­tet, über­zeugt ist, dass die Auf­ga­be der Poli­zei nicht nur dar­in besteht, Ver­bre­chen auf­zu­klä­ren, son­dern auch Prä­ven­ti­on zu betrei­ben. Das ist essen­zi­ell, denn in Indi­en gibt es ein enor­mes Pro­blem bezüg­lich sexu­el­ler Gewalt und Beläs­ti­gung gegen­über Frau­en, vor allem jun­ge Män­ner wer­den zu Tätern. Wenn nun die Poli­zei jun­ge Män­ner, oft Jugend­li­che, auf den Stra­ßen auf­greift, die Frau­en beläs­ti­gen, dann wer­den die­se zu unse­rer Orga­ni­sa­ti­on gebracht. Unser Gedan­ke dahin­ter ist, sie nicht zu bestra­fen, son­dern sie viel­mehr zu refor­mie­ren, zu trans­for­mie­ren.

Und wie kann so eine Transformation gelingen?

Wir spre­chen mit den jun­gen Män­nern, in Ein­zel­be­ra­tun­gen und in der Grup­pe, ver­mit­teln ihnen Wer­te, fra­gen danach, was zu ihrem Ver­hal­ten geführt hat. Wir spre­chen aber auch mit ihnen über ihre eige­nen Zie­le im Leben und wie sie die­se errei­chen kön­nen. Wir sind sehr erfolg­reich damit: Seit dem Start der Initia­ti­ve gab es etwa 4.000 sol­cher Bera­tun­gen – und kei­ne Wie­der­ho­lungs­tä­ter.

Aber wir den­ken noch wei­ter. Wir wol­len die­se jun­gen Men­schen selbst zu „Ver­än­de­rern“ machen – zu Mul­ti­pli­ka­to­ren für den gesell­schaft­li­chen Wan­del. Wich­tig ist, dass wir auch Män­ner über­zeu­gen, dass Gewalt gegen­über Frau­en falsch ist. Es ist nicht allein an den Frau­en, hier­für zu kämp­fen. Wir müs­sen die Jun­gen und Män­ner dabei ein­schlie­ßen. Des­we­gen ist auch ein rele­van­ter Pro­zent­satz inner­halb der Initia­ti­ve männ­lich. Frau­en­rech­te sind Men­schen­rech­te, das ist ganz essen­zi­ell.

Die indische Gesellschaft scheint jedoch vor allem in Bezug auf Frauenrechte stark in der Vergangenheit verhaftet.

Ja, bis vor 20 oder 30 Jah­ren war es so, dass Frau­en Män­nern in wirt­schaft­li­cher Hin­sicht oder in Bezug auf Bil­dung stets nach­stan­den. Män­ner waren sozu­sa­gen „von jeher“ über­le­gen. Nun jedoch bewe­gen sich Frau­en immer wei­ter nach oben, sie kom­men auf Augen­hö­he mit den Män­nern. Die­se sind aller­dings nicht in der Lage, das zu akzep­tie­ren. In der Denk­wei­se der Män­ner – und auch in der eini­ger Frau­en – herrscht noch immer das Patri­ar­chat. Es gelingt uns gesell­schaft­lich nicht, ein Bewusst­sein und eine Poli­tik zu ent­wi­ckeln, die die­sen Ver­än­de­run­gen gerecht wer­den und einen Wan­del her­bei­füh­ren hin­sicht­lich der fest­ge­fah­re­nen Ein­stel­lun­gen und Denk­wei­sen des Patri­ar­chats. Und das führt zum Kon­flikt.

Was braucht es, um diesen Konflikt zu lösen?

Wir müs­sen Mög­lich­kei­ten schaf­fen, um Frau­en zu ermäch­ti­gen – wirt­schaft­lich, sozi­al und poli­tisch. Aber, und das ist sehr wich­tig: Wenn wir von der Ermäch­ti­gung von Frau­en spre­chen, müs­sen wir immer auch die Jun­gen und Män­ner mit ein­be­zie­hen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die­ses Inter­view wur­de ursprüng­lich auf Eng­lisch geführt und anschlie­ßend ins Deut­sche über­setzt.

Vasavya Mahila Mandali (VMM)

Vasa­vya Mahi­la Man­da­li (VMM) wur­de 1969 als säku­la­re Not-for-Pro­fit-Orga­ni­sa­ti­on im indi­schen Bun­des­staat Andhra Pra­desh gegrün­det, wo sie Frau­en, Kin­der und Fami­li­en in schwie­ri­gen Situa­tio­nen för­dert und sie zur Selbst­hil­fe befä­higt. Die Visi­on der Orga­ni­sa­ti­on ist der Auf­bau einer nach­hal­ti­ge­ren Zivil­ge­sell­schaft in Indi­en.

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