Partnerschaft für Demokratie

„Demokratieförderung kann auch im Kleinen wirken“

Johanna Seeger

Beitragsbild: Konstantin Börner

Der HVD Nordbrandenburg ist Träger der externen Fach- und Koordinierungsstelle der Partnerschaft für Demokratie der Stadt Bernau und erste Anlaufstelle für die Förderung demokratiestärkender Projekte. Mit Johanna Seeger vom HVD Nordbrandenburg wir über die Wichtigkeit der lokalen Demokratiestärkung gesprochen.

Johanna, was genau sind eure Aufgaben in der Fach- und Koordinierungsstelle der Partnerschaft für Demokratie in Bernau?

Die Auf­ga­ben der Fach- und Koor­di­nie­rungs­stel­le, kurz KuF, rei­chen von der Antrags­be­ra­tung für eine finan­zi­el­le För­de­rung bis zur Umset­zung der jähr­li­chen Demo­kra­tie­kon­fe­renz. Dar­über hin­aus spielt Ver­net­zung eine ent­schei­den­de Rol­le. Als ers­te Ansprech­per­son in der KuF agie­re ich in ver­schie­de­nen Netz­wer­ken, um unter­schied­li­che zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteur*innen vor Ort und ganz Bran­den­burg zusam­men­zu­brin­gen. Plop­pen aktu­el­le loka­le Pro­blem­la­gen auf, zum Bei­spiel rechts­extre­mis­ti­sche Schmie­re­rei­en im Stra­ßen­bild, wer­den wir auch selbst aktiv und set­zen mit Work­shops oder öffent­lich­keits­wirk­sa­men Aktio­nen men­schen­feind­li­chen Ein­stel­lun­gen etwas ent­ge­gen. Zu unse­rer Arbeit gehört außer­dem die Eta­blie­rung eines Jugend­fo­rums, um Jugend­be­tei­li­gung vor Ort zu för­dern. Zur Umset­zung ihrer eige­nen Ideen und Pro­jek­te steht Jugend­li­chen extra ein Jugend­fond zur Ver­fü­gung. Aktu­ell läuft hier bei uns das Pilot­pro­jekt „Jugend­fo­rum on Tour“, wo wir von Jugend­li­chen gut fre­quen­tier­te Orte auf­su­chen und Pro­jekt­ideen sam­meln.

Die Partnerschaft für Demokratie in Bernau ist Teil des Bundesprogramms Demokratie leben!. Was sind die generellen Ziele des Programms?

Demo­kra­tie ist nicht selbst­ver­ständ­lich und bedarf kon­ti­nu­ier­li­cher Arbeit, um die­se zu erhal­ten. Demo­kra­tie leben! setzt genau da an und för­dert seit 2015 zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment und ein bun­tes Mit­ein­an­der, um demo­kra­tie- und men­schen­feind­li­chen Bestre­bun­gen in der Gesell­schaft ent­ge­gen­zu­ste­hen. Die Kern­zie­le sind dabei: Demo­kra­tie för­dern, Viel­falt gestal­ten und Rechts­extre­mis­mus vor­beu­gen.

Das vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend geför­der­te Pro­gramm Demo­kra­tie leben! wur­de 2015 initi­iert. In Ber­nau gibt es seit 2019 die Part­ner­schaft für Demo­kra­tie, die gemein­sam gebil­det wird von der Fach- und Koor­di­nie­rungs­stel­le, dem feder­füh­ren­den Amt der Stadt, dem Begleit­aus­schuss und dem Jugend­fo­rum. Die För­der­hö­he pro Pro­jekt beträgt maxi­mal 5.000 Euro.

Welche Projekte werden im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie in Bernau gefördert?

Es gibt jedes Jahr meh­re­re Aus­schrei­bungs­run­den. Unse­re Hand­lungs­fel­der, wie die Stär­kung des Demo­kra­tie­ge­dan­kens, aktiv sein gegen Rechts­extre­mis­mus, Demo­kra­tie­bil­dung in Kitas und Schu­len oder die Kin­der- und Jugend­be­tei­li­gung, sind dabei Ori­en­tie­rungs­punk­te für die Antrags­stel­len­den. Gibt es aku­ten, loka­len Hand­lungs­be­darf zu einem spe­zi­el­len The­ma, bei­spiels­wei­se neu­en Bestre­bun­gen in der Reichs­bür­ger­be­we­gung, wer­den Antrags­stel­len­de auch expli­zit auf­ge­ru­fen, dazu Pro­jek­te ein­zu­rei­chen. 

Warum ist die Förderung solcher Projekte wichtig für eine starke Demokratie? Was können sie aus deiner Sicht leisten?

Die­se Pro­jek­te sind Teil der loka­len Demo­kra­tie­stär­kung. Jedes Pro­jekt wirkt qua­si wie ein Puz­zle­teil. Tat­säch­lich liegt die Beto­nung der Fra­ge auf „För­de­rung“. Vie­le gemein­nüt­zi­gen Ver­ei­ne oder Orga­ni­sa­tio­nen machen unent­behr­li­che Arbeit in der poli­ti­schen Bil­dung etc., aber kön­nen Pro­jekt­ideen auf Grund feh­len­den Gel­des nicht umset­zen. Hier kann die Part­ner­schaft für Demo­kra­tie mit dem Akti­ons- und Initia­tiv­fonds wei­ter­hel­fen.

Toll fin­den wir es auch, wenn wir Pro­jek­te von Ver­ei­nen för­dern kön­nen, die man auf den ers­ten Blick viel­leicht erst­mal nicht mit Demo­kra­tie­för­de­rung in Ver­bin­dung bringt. So durf­ten wir letz­tes Jahr den Bas­ket­ball­ver­ein SSV Lok mit ihrem Herbst­camp finan­zi­ell unter­stüt­zen. Da ging es aber nicht nur um Bas­ket­ball­trai­ning, son­dern die teil­neh­men­den Kin­der haben dort gemein­sam die Regeln erar­bei­tet und es gab jeden Tag Gesprächs- und Dis­kus­si­ons­run­den zu ver­schie­de­nen Begrif­fen wie „Frei­heit“ oder „Gemein­schaft“. Außer­dem wur­de zusam­men mit den Kin­dern zu Kon­flikt­lö­sungs­stra­te­gien gear­bei­tet. Hier zeigt sich eben, dass Demo­kra­tie­för­de­rung auch im Klei­nen wir­ken kann.

Die Projekte erhalten ja nicht nur Geld aus dem Fördertopf, richtig? Was tut ihr als Fach- und Koordinierungsstelle außerdem, um sie zu unterstützen und Demokratie zu stärken?

Das ist rich­tig, wird ein Pro­jekt bewil­ligt, ste­he ich als Ansprech­per­son für Fra­gen rund um das Pro­jekt wei­ter­hin zur Ver­fü­gung. Da wir als Part­ner­schaft im direk­ten Bezug zur Stadt Ber­nau ste­hen, ist dies häu­fig hilf­reich für die Anmie­tung von Räum­lich­kei­ten, Anfra­gen beim Ord­nungs­amt etc. Die KuF unter­stützt somit in der Umset­zung der Pla­nung bei Bedarf, als auch inhalt­lich, wenn der Trä­ger noch auf der Suche nach Referent*innen für einen Work­shop ist. Außer­dem ist es unser Anlie­gen, zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteu­re unter­ein­an­der zu ver­net­zen.

Bild: Kon­stan­tin Bör­ner

Johan­na See­ger (*1988) absol­vier­te eine Aus­bil­dung zur Erzie­he­rin und stu­dier­te ange­wand­te Poli­tik­wis­sen­schaf­ten sowie Ost­eu­ro­pa­stu­di­en mit dem Schwer­punkt Poli­tik. Sie ist ers­te Ansprech­per­son der Fach- und Koor­di­nie­rungs­stel­le und ver­ant­wort­lich für die Pro­jekt­ko­or­di­na­ti­on der Part­ner­schaft für Demo­kra­tie Ber­nau.

Kannst du mir ein, zwei Beispiele nennen von Projekten, die bereits durch euch gefördert wurden und die du besonders interessant und wirksam fandest?

Was mir hier spon­tan ein­fällt, ist unser Pilot­pro­jekt „Jugend­fo­rum on Tour“, bei dem es dar­um geht, an die Lieb­lings­or­te von Jugend­li­chen zu gehen, Pro­jekt­ideen zu sam­meln und dann Jugend­li­chen finan­zi­el­le Mit­tel zur Umset­zung ihrer eige­nen Ideen zur Ver­fü­gung zu stel­len. Span­nend fin­de ich ganz ein­fach die Ziel­grup­pe und ihr sehr ver­schie­de­nes Her­an­ge­hen an Pro­blem­la­gen, als es bei­spiels­wei­se bei Erwach­se­nen der Fall ist. Die Wich­tig­keit sehe ich dar­in, dass Jugend­li­che Selbst­wirk­sam­keit erfah­ren, ihre eige­ne Stadt mit­ge­stal­ten und ver­än­dern kön­nen und eine Stim­me bekom­men. Wir sind hier noch sehr gespannt, wie es wei­ter geht.

Ein wei­te­res Pro­jekt, was ich in der Pla­nung und Umset­zung sehr span­nend fand, war der zwei­tei­li­ge Polit­brunch von der Agen­tur Ehren­amt. Hier wur­den an zwei Sonn­ta­gen ins Rat­haus ein­ge­la­den, um bri­san­te The­men auf dem Podi­um und im Publi­kums­ge­spräch zu dis­ku­tie­ren. Da dies im direk­ten Vor­feld der Bun­des­tags­wah­len statt­fand, waren auch die direk­ten Abge­ord­ne­ten des Wahl­krei­ses vor Ort. Die­se konn­ten dann mit Fra­gen gelö­chert wer­den. Im Nach­gang wur­de von vie­len Teil­neh­men­den – auch dem Bür­ger­meis­ter – der Wunsch geäu­ßert, die­ses Gesprächs­for­mat zu aktu­el­len The­men auf­recht zu hal­ten. Die­se Form der Nach­hal­tig­keit wäre natür­lich wün­schens­wert.

Wie kam es überhaupt dazu, dass der HVD Nordbrandenburg hier als Koordinierungsstelle wesentlicher Akteur der Partnerschaft für Demokratie wurde? Und inwiefern identifiziert ihr euch mit dem Projekt?

Im Jahr 2018 wur­den wir von der Stadt­ver­wal­tung Ber­nau über das Pro­jekt infor­miert und gefragt, ob wir uns die Trä­ger­schaft der Koor­di­nie­rungs- und Fach­stel­le vor­stel­len kön­nen. Hin­ter­grund dafür war, dass die Stadt von Anfang an den Fokus auf die Betei­li­gung von Kin­dern und Jugend­li­chen rich­ten woll­te – und wir im Bereich der Kin­der- und Jugend­ar­beit bereits seit vie­len Jah­ren ein zuver­läs­si­ger und kom­pe­ten­ter Part­ner für die Stadt sind. Und da uns die Betei­li­gung von Kin­dern und Jugend­li­chen schon immer ein gro­ßes Anlie­gen war und im Regio­nal­ver­band gelebt wird, haben wir gern zuge­sagt. Doch auch dar­über hin­aus fin­den wir, dass die För­de­rung eines demo­kra­ti­schen und fried­li­chen Mit­ein­an­ders in der Stadt Ber­nau sehr gut zu unse­rer Arbeit in der Stadt und zum Huma­nis­mus passt.

Danke für das Interview, Johanna!

Inhalt teilen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Ähnliche Beiträge

Nach oben scrollen