Dr. Angelika Königseder im Gespräch

Die Ursprünge des Antisemitismus

Beitragsbild: Yoav Aziz/unsplash

Antisemitismus ist ein Konstrukt, für das es keine reale Grundlage gibt. Dennoch hält es sich hartnäckig in den Köpfen und tritt heute wieder verstärkt zutage. Ein Gespräch über die Ursprünge der Judenfeindlichkeit mit Dr. Angelika Königseder, Historikerin am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin.

Nach dem Hamas-Angriff auf israe­li­sche Fami­li­en am 7. Okto­ber 2023 ist jüdi­sche Leben auch in Deutsch­land wie­der stär­ker gefähr­det. Allein in den ers­ten 33 Tagen nach den Mas­sa­kern wur­den 994 anti­se­mi­ti­sche Vor­fäl­le vom Bun­des­ver­band der Recher­che- und Infor­ma­ti­ons­stel­len Anti­se­mi­tis­mus e. V. (RIAS) ver­zeich­net. „Das sind 29 Vor­fäl­le am Tag und somit ein Anstieg von 320 Pro­zent zum Vor­jah­res­durch­schnitt“, erklärt eine Spre­che­rin. Auch das BKA äußert sich: „Mit Stand 08.01.2024 wur­den im Kon­text des aktu­el­len Nah­ost-Kon­flikts rund 3.000 poli­tisch moti­vier­te Straf­ta­ten gemel­det.“ Davon habe man rund 1.300 als anti­se­mi­tisch ein­ge­stuft.

Frau Dr. Königseder, lassen Sie uns über die Ursprünge von Antisemitismus sprechen.

Allen Vor­ur­tei­len ist erst ein­mal ganz all­ge­mein zu eigen, dass ihnen kei­ne logi­sche Argu­men­ta­ti­on zugrun­de liegt. In Bezug auf den Anti­se­mi­tis­mus liegt die ent­schei­den­de Wur­zel aber in der Kol­li­si­on der Reli­gio­nen. Dass sich das Chris­ten­tum aus dem Juden­tum ent­wi­ckelt hat und die jüdi­sche Bevöl­ke­rung sich wei­ger­te, die neue christ­li­che Reli­gi­on mit Jesus als dem Mes­si­as anzu­neh­men, ist die Basis aller anti­jü­di­schen Vor­ur­tei­le. Damit ver­bun­den ist der christ­li­che Vor­wurf des Got­tes­mords. Hier wird dem jüdi­schen Volk für die Kreu­zi­gung des Jesus von Naza­reth eine Kol­lek­tiv­schuld zuge­wie­sen. Heu­te ist das ein wenig in den Hin­ter­grund gerückt. Doch die­ses und ande­re reli­gi­ös tra­dier­ten Vor­ur­tei­le sind nie ganz ver­schwun­den. Sie sind nur anders ver­packt. Man fin­det ins­be­son­de­re den Vor­wurf des Ritu­al­mords – los­ge­löst von der christ­li­chen Fun­die­rung – im isla­mis­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus. 

Die Forderung eines vom jüdischen Staat befreiten Palästina spiegelt dieses Motiv der Kollektivschuld und die Forderung nach Vernichtung des jüdischen Volks. Doch ein gängiges Stereotyp ist auch der Jude als „Wucherer“, dem Geldgier nachgesagt wird. Daraus speisen sich bis heute Verschwörungstheorien, in denen Juden für die angeblich geheime Lenkung der Welt verantwortlich gemacht werden.

Das beginnt bereits mit dem soge­nann­ten Judas­lohn. Gemeint ist der Judas, der Chris­tus für ein paar Sil­ber­lin­ge ver­ra­ten hat. Seit dem Mit­tel­al­ter waren Juden aus nahe­zu allen hand­werk­li­chen und land­wirt­schaft­li­chen Beru­fen aus­ge­schlos­sen. Sie durf­ten nicht Mit­glied in Zünf­ten und Gil­den wer­den, was die Vor­aus­set­zung für die Aus­übung die­ser Beru­fe war, und auch kei­nen Grund erwer­ben. Gleich­zei­tig hat die christ­li­che Kir­che immer wie­der den Chris­ten Geld­ver­leih und Zins­ver­leih ver­bo­ten. Des­halb gab es vie­le jüdi­sche Geld­ver­lei­her. Dar­aus kon­stru­ier­ten Anti­se­mi­ten dann eine angeb­li­che Affi­ni­tät von Juden zu Geld. Die­ses Vor­ur­teil ist über­all ver­brei­tet und eines der Haupt­cha­rak­te­ris­ti­ka von Anti­se­mi­tis­mus. 

Ein weiteres Klischee ist das des jüdischen Intellektuellen, das mit „Verschlagenheit” aufgeladen ist. Wie ist das entstanden? 

Auch hier ist es so: Man drängt die Juden dadurch, dass man sie aus­schließt, erst in einen gewis­sen Bereich und macht ihnen dies dann zum Vor­wurf. Neh­men Sie zum Bei­spiel den schon in der Wei­ma­rer Repu­blik häu­fig instru­men­ta­li­sier­ten Vor­wurf, Juden sei­en im Anwalts­be­ruf stark über­re­prä­sen­tiert. Das stimm­te, aber nur, weil ihnen die staat­li­chen Lauf­bah­nen, näm­lich die des Rich­ters und Staats­an­walts lan­ge nicht offen­stan­den. Nur des­halb kam es zu einer star­ken Reprä­sen­tanz von Juden, die in frei­en Beru­fen tätig sind. 

Gleich­zei­tig hat Bil­dung im Juden­tum einen hohen Stel­len­wert. Das ist so, weil die Juden über lan­ge Zeit über­all in Euro­pa ein nur gedul­de­tes Dasein fris­te­ten. Sie durf­ten sich zwar ansie­deln und auch das nicht immer, aber nur gegen hohe Steu­ern. Und in Zei­ten von Kri­sen wur­den sie regel­mä­ßig wie­der ver­trie­ben, weil man sie für die­se Kri­sen ver­ant­wort­lich gemacht hat. Das Ein­zi­ge, was man dabei immer mit­neh­men kann, ist Bil­dung. 

Zu den derzeitigen Krisen zählt der aktuelle Nahost-Konflikt. Auf Seiten der Palästinenser und bei in Deutschland lebenden Muslimen treten teils extreme antijüdische Haltungen zutage – auch bei Menschen, von denen ich es nie erwartet hätte. Aus welchen Quellen speisen die sich? 

Es gibt eine Men­ge Vor­ur­tei­le, die aus dem christ­li­chen Anti­ju­da­is­mus und seit dem 19. Jahr­hun­dert im ras­sis­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus ent­stan­den sind und Ein­gang in den isla­mis­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus gefun­den haben. Man fin­det zum Bei­spiel das Ritu­al­mord­mo­tiv über­ra­schend häu­fig bei ara­bi­schen Kari­ka­tu­ren; denn schon im Mit­tel­al­ter wur­de den Juden fälsch­li­cher­wei­se vor­ge­wor­fen, christ­li­che Kin­der für ihre jüdi­schen Ritua­le zu töten. Dabei hat die jüdi­sche Reli­gi­on über­haupt kei­nen Zugang zu die­sen gan­zen Blut­the­men. Dahin­ter stan­den oft hand­fes­te mate­ri­el­le Inter­es­sen. Sol­che Anschul­di­gun­gen sind in Umlauf gebracht wor­den, um jüdi­sche Geld­ver­lei­her oder Juden, die eine star­ke wirt­schaft­li­cher Posi­ti­on inne­hat­ten, zu dis­kre­di­tie­ren und zu ver­trei­ben, damit man sei­ne Schul­den los­wur­de. Sie sind auch ent­stan­den, weil die Mehr­heits­ge­sell­schaft einen Sün­den­bock für die Erklä­rung von Kri­sen brauch­te. Ähn­lich ver­hält es sich mit dem Vor­wurf des Brun­nen­ver­gif­tens, der zur­zeit der Pest auf­kam. Wenn man dar­über nach­denkt, ist es völ­lig absurd; denn die Juden muss­ten ja aus den­sel­ben Brun­nen ihr Was­ser holen. 

Kon­sti­tu­tiv für den Anti­se­mi­tis­mus ist das Kon­strukt­haf­te. Es ist die Vor­stel­lung und sind die Bil­der, die sich Anti­se­mi­ten von angeb­li­chen Jüdin­nen und Juden bis heu­te machen. Mit real leben­den jüdi­schen Men­schen hat die­ses Bild nichts zu tun. Cha­rak­te­ris­tisch für den Anti­se­mi­tis­mus ist zudem, dass er in kri­sen­haf­ten Zei­ten auf­lebt, wenn Erklä­run­gen für kom­ple­xe, schwer ver­ständ­li­che Erschei­nun­gen gesucht wer­den. Wir haben das auch wäh­rend der Coro­na-Zeit erlebt. Wir waren durch Covid mit einer undurch­sich­ti­gen, beängs­ti­gen­den Situa­ti­on kon­fron­tiert. Und auf der Suche nach Erklä­rung benö­tigt man einen Sün­den­bock, ist anfäl­lig für Irra­tio­na­les und greift auf das lang tra­dier­te anti­se­mi­ti­sche Res­sen­ti­ment zurück. 

Dass die­se Mus­ter und Feind­bil­der in unser aller Den­ken so ein­ge­fräst sind und unge­fragt über­nom­men wer­den, egal wie absurd und abstrus sie sind, macht den Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus so schwie­rig. 

Was kann man dagegen tun? 

Wenn ich das wüss­te, hät­ten wir ein gro­ßes Pro­blem weni­ger. Es ist eben ein Cha­rak­te­ris­ti­kum von Vor­ur­tei­len, dass die sich so beharr­lich in den Köp­fen hal­ten. Ich den­ke, außer Auf­klä­rung und Bil­dungs­ar­beit kann man nicht viel tun. Man muss reagie­ren auf anti­se­mi­ti­sche Vor­ur­tei­le und nicht ein­fach schwei­gen, wenn die im pri­va­ten Kreis oder anders­wo geäu­ßert wer­den, indem man ein­fach nur fragt: Woher hast du das denn? – Wenn man dem dann nach­geht, wird sich zei­gen, dass es kei­ne rea­le Grund­la­ge für der­ar­ti­ge Behaup­tun­gen gibt. Anti­se­mi­tis­mus ist ein Kon­strukt. 

Wenn es nun durch Bil­dungs­ar­beit gelingt, den kon­strukt­haf­ten Cha­rak­ter des Anti­se­mi­tis­mus zu ver­deut­li­chen, sei­ne Funk­ti­on zu hin­ter­fra­gen und deut­lich zu machen, dass Anti­se­mi­tis­mus immer auch ein Angriff auf uns alle, auf unse­re Demo­kra­tie, unse­ren Lebens­stil, unse­re Frei­heit ist, dann wäre schon viel gewon­nen.

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