Ein Mensch betritt die Burchardi-Kirche und lauscht. Zu hören ist kein Konzert im üblichen Sinn. Keine Melodie, die einen trägt. Nur ein stehender Klang. Seit 2001 läuft hier John Cages Orgelstück ORGAN²/ASLSP – „As Slow as Possible“. Es soll bis 2640 dauern. Ganze 639 Jahre. Weit länger als ein Menschenleben.
Cage selbst hat diese Halberstädter Aufführung nicht mehr erlebt. Aber sie führt eine Frage weiter, die sein Werk schon zu Lebzeiten bestimmte. Am berühmtesten wurde sie in 4′33″, jenem Stück von 1952, in dem der Pianist keinen Ton spielt. Es ist nicht einfach „Stille“. Stattdessen wird hörbar: der Raum, der Wind, leise Geräusche als Zeugen des Lebens, eine Welt, die man sonst überhört.
Hineingestellt in Klang und Zeit
4′33″ und ORGAN²/ASLSP sind sehr verschieden. Das eine dauert vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden, das andere 639 Jahre. Und doch stellen beide dieselbe Gewohnheit infrage: dass ein Kunstwerk vor allem das ist, was ein Mensch herstellt und ein Publikum nur konsumiert. Bei 4′33″ wird der Raum zum Klangkörper. In Halberstadt wird die Zeit zum Instrument. In beiden Fällen werde ich als empfindender Mensch hineingestellt in das Leben, das sich im Kunstwerk abbildet. Man kann sich dem kaum entziehen.
Die Pointe: Niemand wird das Halberstädter Stück je ganz hören. Niemand, der seinen Beginn erlebt hat, wird sein Ende erleben. Die Menschen, die heute die Orgel pflegen, arbeiten für andere, die noch nicht einmal geboren sind. Darin liegt eine leise Idee von Nachhaltigkeit: etwas respektvoll zu behandeln, obwohl es nicht mit uns endet. Eine weite Akzeptanz des Daseins über den eigenen Tod hinaus. Und nicht zuletzt mag sogar ein Schuss Optimismus aufscheinen.
Eine Art säkulare Andacht
Dass dieses Stück in einer ehemaligen Kirche erklingt, wirkt fast zu passend. Ein Jenseitsversprechen spielt hier keine Rolle. Und doch hat der Besuch etwas Andächtiges. Man steht in einem Raum, der älter ist als das eigene Leben, und hört einen Klang, der die eigene Lebenszeit überdauern wird. Das kann bescheiden machen.
Cages Kunst wollte Räume öffnen, in denen wir eine andere Erfahrung mit unseren Sinnen machen. Anders wahrnehmen. Anders hören. Stille war für ihn nicht leer. Klang war für ihn etwas, das uns in einen weiten Raum stellt, in dem wir nicht alles kontrollieren. Gerade so wird das eigene Dasein umso intensiver erfahrbar.
Eine ganz diesseitige, humanistische Lebenskunst zeichnet sich darin ab. Gerade nicht in der Hoffnung auf ein anderes Leben, sondern im Ernstnehmen dieses einen. Wir sind endlich. Wir kommen zu spät, gehen zu früh, verpassen fast alles. Doch das Leben geht weiter. Auch wenn der nächste Akkord lange nach uns erklingt. Darin liegt ein ganz unsentimentaler, realistischer Blick auf das Menschsein. Wir sind begrenzt, fehlbar, vergänglich. Wir können nicht alles kontrollieren. Cages ORGAN²/ASLSP lädt dazu ein, nicht alles besitzen, nicht alles verstehen, nicht alles zu Ende bringen zu müssen. Das nimmt der Zumutung des Unvollendeten ihre Schärfe. Sie mag sogar zu einer freundlichen Melancholie werden, die uns mit dem Leben verbindet, wie es ist. Und zu einer Haltung, für das nach uns Kommende Sorge zu tragen und lebensdienliche Spuren zu legen in die Zeit hinein, die uns überdauert.
In Halberstadt tritt man irgendwann wieder raus in den eigenen Alltag. Was bleibt, ist der Klang – und die Gewissheit, dass das Leben weitergeht.



