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Tierethik

Homo animali lupus est – eine philosophisch-humanistische Perspektive auf Tierethik

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Beitragsbild: istock.com/Wirestock

Der ethische Umgang mit Tieren stellt ein menschliches Problem dar, nämlich eine Herausforderung an die eigene Haltung, die Immanuel Kant als „sittliche“ gekennzeichnet hat. Dorothea Winter geht der Frage nach, wie die ethische Haltung Tieren gegenüber unter humanistischen Aspekten auszugestalten sei.

Tie­re haben kei­ne Ethik. War­um? Weil Ethik das vor­aus­setzt, was im Faust – sin­ni­ger­wei­se durch Mephis­to – mit den Wor­ten cha­rak­te­ri­siert wird: „Eri­tis sicut Deus, sci­en­tes bonum et malum“. Anders aus­ge­drückt: Ethik setzt das Unter­schei­dungs­ver­mö­gen zwi­schen gut und schlecht vor­aus. Dar­aus folgt, dass Ethik und ethi­sche Pro­ble­me genu­in mensch­lich sind, weil nur dem Men­schen die­ses Unter­schei­dungs­ver­mö­gen zuge­spro­chen wird.

Doch was bedeu­tet die­se Prä­mis­se für die Tier­ethik? Vor allem eines, näm­lich dass der ethi­sche Umgang mit Tie­ren ein mensch­li­ches Pro­blem dar­stellt, näm­lich eine Her­aus­for­de­rung an sei­ne eige­ne Hal­tung, die Imma­nu­el Kant als „sitt­li­che“ gekenn­zeich­net hat. Der Fra­ge, wie die­se „Sitt­lich­keit“, also die ethi­sche Hal­tung Tie­ren gegen­über, unter huma­nis­ti­schen Aspek­ten aus­zu­ge­stal­ten sei, soll hier nach­ge­gan­gen wer­den.

Vor­aus­schi­ckend sol­len zunächst grob jene drei Grund­po­si­tio­nen zwi­schen Mensch und Tier vor­ge­stellt wer­den, die sich im Lau­fe der His­to­rie eta­bliert haben.

In der ers­ten Posi­ti­on wird von einer kla­ren hier­ar­chi­schen Ord­nung aus­ge­gan­gen, bei der eine uti­li­ta­ris­ti­sche Zweck­ge­bun­den­heit des Tie­res ange­nom­men wird. Die­se Unter­ord­nung des Tie­res wird bei­spiels­wei­se aus der For­mu­lie­rung der Gene­sis abge­lei­tet, wo von einem „Unter­tan Machen“ der Erde gespro­chen wird und die in der bun­des­deut­schen Rechts­auf­fas­sung ihren Nie­der­schlag gefun­den hat, wo im § 90a BGB die Stel­lung des Tie­res wie folgt defi­niert wird: „Tie­re sind kei­ne Sachen. Sie wer­den durch beson­de­re Geset­ze geschützt. Auf sie sind die für Sachen gel­ten­den Vor­schrif­ten ent­spre­chend anzu­wen­den, soweit nicht etwas ande­res bestimmt ist.“ Die­se ers­te Posi­ti­on fasst das Tier kurz gesagt als für den Men­schen nütz­li­ches Objekt auf.

In die­sem Sin­ne stel­len auch für Kant Tie­re ledig­lich ein Mit­tel zum Zweck dar, ohne selbst Zweck zu sein. Daher fol­gert er, dass der Mensch Tie­ren gegen­über kei­ne direk­ten Pflich­ten habe, son­dern ledig­lich indi­rek­te Pflich­ten, die sich aus unse­ren Pflich­ten gegen­über ande­ren Men­schen erge­ben. Obwohl Tie­re des­halb kei­ne Rech­te im mora­li­schen Sin­ne haben, soll­te der Mensch den­noch mit­füh­lend und respekt­voll mit ihnen umge­hen, um sei­ne eige­ne mora­li­sche Inte­gri­tät zu wah­ren.

Die zwei­te Posi­ti­on steht im deut­li­chen Gegen­satz zu der ers­ten, da hier das Tier eine reli­giö­se oder spi­ri­tu­el­le Erhö­hung erfährt, die es über den Men­schen stellt. Die­se Posi­ti­on umfasst nicht alle Tie­re, son­dern es wer­den je ein­zel­ne Tier­ar­ten aus­ge­wählt. Die­se Erhö­hung ist ent­we­der der reli­giö­sen Ansicht geschul­det, dass gewis­se Tie­re bestimm­te Göt­ter selbst dar­stel­len oder in ande­rer Wei­se reprä­sen­tie­ren oder als Reinkar­na­tio­nen von Ahnen oder ande­ren Men­schen gedeu­tet wer­den. So nimmt etwa das Kro­ko­dil im Alten Ägyp­ten oder die Kuh im Hin­du­is­mus eine „gesell­schaft­li­che Stel­lung“ ein, die bei­de sakro­sankt wer­den las­sen. Im Bud­dhis­mus und ande­ren spi­ri­tu­el­len Phi­lo­so­phien und Reli­gio­nen wird etwa die Ach­tung vor dem Tier damit begrün­det, dass in Tie­ren mensch­li­che See­len reinkar­niert wer­den. 

In der drit­ten Posi­ti­on wird die Ani­ma­li­tät von Mensch und Tier betont: Der Mensch als zoon logon echon bzw. ani­mal ratio­na­le bleibt trotz sei­ner Ver­nunft­fä­hig­keit letzt­lich auch nur ein Tier von vie­len. Die­se Posi­ti­on wird nicht zuletzt durch die For­schungs­er­geb­nis­se der Gene­tik bestärkt, die eine bis in die Neu­zeit kaum für mög­lich gehal­te­ne Über­ein­stim­mung zwi­schen Men­schen und Tie­ren ans Licht gebracht hat.

Dass die­se drei Posi­tio­nen nur bedingt in Über­ein­stim­mung zu brin­gen sind, liegt auf der Hand. Dass in Ethik, Gesell­schaft und Kul­tur über die­se drei Grund­po­si­tio­nen hin­aus noch eine unüber­schau­ba­re Men­ge von Zwi­schen­po­si­tio­nen dis­ku­tiert wer­den, zwingt uns die Gret­chen­fra­ge auf: Wie hal­ten wir es huma­nis­tisch mit der Tier­ethik?

Die Ant­wort lässt sich kurz und knapp zusam­men­fas­sen: Nenn mir Dein Men­schen­bild und ich sage Dir Dei­ne ethi­sche Ein­stel­lung zu Tie­ren! Eine huma­nis­ti­sche Tier­ethik rekur­riert des­halb auf ein huma­nis­ti­sches Men­schen­bild.

Da wir hier dar­auf ver­zich­ten wol­len, die­ses huma­nis­ti­sche Men­schen­bild in exten­so aus­zu­brei­ten, grei­fen wir für unse­re Zwe­cke argu­men­ta­tiv auf fol­gen­den Syl­lo­gis­mus zurück – schließ­lich erfreut sich die­se Schluss­form nicht grund­los einer gewis­sen phi­lo­so­phi­schen Beliebt­heit:

(P1)     Huma­nis­mus ist durch die Con­di­tio huma­na bestimmt.

(P2)     Die Con­di­tio huma­na rekur­riert auf mensch­li­che Ver­nunft.

(K)       Ein huma­nis­ti­scher Umgang mit Tie­ren wäre ein ver­nünf­ti­ger.

Doch wie ist das genau zu ver­ste­hen? Grund­sätz­lich sieht der Huma­nis­mus in der mensch­li­chen Ver­nunft ein zen­tra­les, wenn nicht das wich­tigs­te Merk­mal des­sen, was den Men­schen als Men­schen aus­macht. Men­schen haben des­halb die Ver­ant­wor­tung, sich ver­nünf­tig gegen­über ande­ren Men­schen, der Umwelt und auch Tie­ren zu ver­hal­ten. Weil die­se Ver­ant­wor­tung ihrem eige­nen Wesen ent­springt, ihrem Anspruch an sich selbst, ver­nünf­tig zu sein. Aber wie kann die­ser ver­nünf­ti­ge und des­halb huma­nis­ti­sche Umgang mit Tie­ren aus­se­hen?

Dass Tie­re als Teil des Öko­sys­tems die­ser Erde eine funk­tio­nel­le Not­wen­dig­keit für die Exis­tenz des Men­schen und der Welt dar­stel­len, wird uns Men­schen in Zei­ten der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und ihren Fol­gen immer deut­li­cher bewusst. Damit ist der Zweck von Tie­ren unum­strit­ten. Aber eine ethisch-huma­nis­ti­sche Begrün­dung des Umgangs mit Tie­ren muss über rei­ne Zweck­mä­ßig­keit hin­aus gedacht wer­den.

Ein ver­nünf­ti­ger Umgang mit Tie­ren besteht des­halb dar­in, das Tier­wohl im Blick zu behal­ten. Das impli­ziert, Tie­re nicht zu beein­träch­ti­gen, etwa zu quä­len oder grund­los zu töten, die Tier­hal­tung so aus­zu­ge­stal­ten, dass sie wei­test­ge­hend dem Tier­wohl ent­spricht und gleich­zei­tig einer „ver­mensch­li­chen­den“ und damit der adäqua­ten Lebens­form des Tie­res zuwi­der­lau­fen­de Ver­ein­nah­mung von Tie­ren ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Die­sen theo­re­ti­schen For­de­run­gen stimmt ver­mut­lich jeder grund­sätz­lich zu. Das Pro­blem liegt aber auch hier wie­der ein­mal in der prak­ti­schen Umset­zung. Die schei­tert regel­mä­ßig vor allem an zwei Fak­to­ren: man­geln­der Ein­sichts­fä­hig­keit auf per­sön­li­cher Ebe­ne und kapi­ta­lis­ti­schem Gewinn­stre­ben auf gesamt­ge­sell­schaft­li­cher, wirt­schaft­li­cher und kul­tu­rel­ler Ebe­ne.

Eine huma­nis­tisch-ethi­sche Gegen­po­si­ti­on wäre dem­nach eine sol­che, die einen ver­nünf­ti­gen Umgang mit Tie­ren in den Vor­der­grund rückt, d. h. den Lebens­raum von Tie­ren schüt­zen, die Arten­viel­falt gewähr­leis­ten und Tie­re nicht zum mensch­li­chen Zweck- und Ver­gnü­gungs­ob­jekt degra­die­ren möch­te. Das reicht dabei von Hus­ky-Hal­tung in einer 1‑Zimmerwohnung in Süd­spa­ni­en bis hin zu Mas­sen­tier­hal­tung von Schwei­nen in Nie­der­sach­sen. Bei­des wäre nicht mit der Ver­nunft und damit den huma­nis­ti­schen Wer­ten in Ein­klang zu brin­gen.

Einen ver­nünf­ti­gen Umgang mit Tie­ren gebie­tet also nicht nur eine huma­nis­ti­sche Tier­ethik, son­dern auch – und zu die­ser Ein­sicht soll­te jeder Mensch befä­higt sein – mensch­li­cher Eigen­nutz. Es ist heu­te Bin­sen­weis­heit, dass die mensch­li­che Exis­tenz vom Dasein der Tie­re abhängt. Albert Ein­stein soll die­sen Zusam­men­hang dras­tisch so for­mu­liert haben: „Wenn die Bie­ne ein­mal von der Erde ver­schwin­det, hat der Mensch nur noch vier Jah­re zu leben.“

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1 Kommentar zu „Homo animali lupus est – eine philosophisch-humanistische Perspektive auf Tierethik“

  1. Ein gelun­ge­ner, sehr instruk­ti­ver Arti­kel, der eini­ge der belieb­tes­ten Dis­kus­sio­nen gekonnt zusam­men­fasst. Tier­ethik umfasst natür­lich noch viel mehr, aber man muss sich auf einen Aspekt kon­zen­trie­ren kön­nen.

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