Auch bei dem aktuellen, durch den Irankrieg verursachten Thema „Spritpreisentlastung für Pendler“ schlage ich vor, Lösungen bitte sofort auf das richtige Gleis zu setzen. Richtung Energiesparen, erneuerbare Energien, Klimaschutz und suffizienzorientierte Wirtschaft.
Wir müssen endlich wegkommen von der Denke, dass Ökologie nur etwas für Betuchte ist. Und der Staat muss mit gutem Beispiel und vernünftigen Rahmengesetzen vorangehen, nicht mit der Gießkanne alle gleichmäßig mit geborgtem Geld beglücken. Das Mindeste ist, dass er zielgenaue Hilfen für Menschen mit kleineren Einkommen in ländlichen Räumen, die aufs Auto angewiesen sind, durch richtungsweisende ökologische Reformen flankiert und ergänzt.
Tempo 113 klingt absichtlich schräg, basiert allerdings auf Ratio und persönlicher Erfahrung des Autors: 113 km/h (präzise: 112,65408) entsprechen 70 Meilen pro Stunde, der Höchstgeschwindigkeit auf den Autobahnen im schönen England. Ein entspanntes, sicheres, leiseres, energieeffizientes Tempo!
Die politische Unvernunft treibt ja zurzeit – vorsichtig formuliert – erstaunliche Blüten. Ich meine gar nicht nur Mister T. und die dramatische Weltlage, sondern auch die hiesige Politik.
In meiner Kindheit in den 1960ern war noch Sparsamkeit angesagt – wie jahrtausendelang in den 95 % weniger wohlhabenden Schichten. Auch wenn meine Eltern am Wirtschaftswunder teilhatten, brachten wir die Schuhe zum Schuster. Alltagsgegenstände wurden pfleglich behandelt und repariert, Essensreste aufbewahrt und Gummibänder gesammelt. Sonntags ging es – der Messgang konnte innovativ auch am Vorabend absolviert werden – zünftig raus in die Natur zum Wandern – allerdings nicht ganz ökologisch korrekt: Die Anfahrt ins Sauerland erfolgte mit dem Auto. Dort wurden wir angehalten, nicht die Landschaft mit Müll zu „verschandeln“; „Bütterken“ wurden mitgebracht.
Um 1970 wurde es liberaler und zugleich materiell großzügiger – bis zur ersten Ölkrise 1973. Ich entsinne mich gut an die autofreien Sonntage und die besinnlichen Herbstspaziergänge über die freien Straßen. Gemeckert haben nur wenige.
Wegmarken der Ökologiedebatte waren dann der Bericht des Club of Rome 1975 und die Havarie des ukrainischen Kernkraftwerks in Tschernobyl. Die Grünen versuchten, Schritt für Schritt, ökologisches Bewusstsein und Praxis in die Politik zu tragen. Auch die SPD, die bisher soziale Verbesserungen, technischen Fortschritt und Wachstum immer zusammen dachte, nahm Umweltschutz, Ökologie und Nachhaltigkeit in ihr Programm auf; bei Teilen der CDU musste man eigentlich nur an den konservativen Naturschutzgedanken anknüpfen.
Heute reibe ich mir die Augen: Haben wir denn nichts dazugelernt? In den Schulen wird BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) großgeschrieben. Aber die Energie- und Autolobby meint ungestraft, sie könnte das Rad der Geschichte zurückdrehen. Und die Regierung hört scheinbar nur auf sie. Ein Trauerspiel!
An Schildbürgerstreiche grenzt der aktuelle Tankrabatt für die Folgen des Irankrieges, der natürlich – Überraschung! – die Gewinnspanne der Mineralölkonzerne vergrößert, sowie die Tausend-Euro-Prämie, die von den Arbeitgebern aufgebracht werden sollte – egal, ob sie Spielraum haben oder nicht. Gut, dass der Bundesrat diese Farce nicht abgesegnet hat.
Immerhin wird jetzt eine Senkung der Einkommenssteuer, vor allem für kleine und mittlere Einkommen, diskutiert – die sowieso überfällig und sozial gerecht ist, aber mit den Aufgaben „Energiesicherheit“ und „sozialverträgliches Energiesparen“ direkt nichts zu tun hat. Die Lücke darf allerdings nicht mit einer Mehrwertsteuererhöhung gefüllt werden; hier sind jetzt die Reichen dran. Ein Skandal, dass Kanzler Merz, selbst Millionär, hier blockiert.
Warum nicht endlich mal – innerhalb der Energie- und Verkehrspolitik – das Naheliegende tun? Ein Tempolimit auf der Autobahn wird seit Jahrzehnten diskutiert; eine breite Mehrheit der Bürger*innen ist dafür. In vielen Nachbarländern funktioniert es reibungslos, spart Sprit und entspannt den Verkehr – was auch sozialpsychologisch in unserer gereizten Ellbogengesellschaft dringend notwendig ist.
Diskutieren kann man über die Höhe. Deshalb mein Vorschlag: Tempo 113 auf der Autobahn. Das erzeugt Aufmerksamkeit und zuerst einmal eine kognitive Dissonanz („Sind die denn jetzt total bekloppt?“). Bei Licht besehen folgt der Vorschlag jedoch best English practice, profitiert vom – seit dem Brexit leider leicht degenerierten – pragmatischen, unideologischen Image der Engländer und bildet einen guten Kompromiss zwischen den Modellen „Tempo 100“ oder „120 km/h“. Etwas mehr als die Mitte. Ein klassischer Kompromiss. Nicht rigoros und „grün gängelnd“, sondern moderat. Und psychologisch genau andersherum als derzeit üblich: auf den ersten Blick unausgegoren, auf den zweiten sehr plausibel. Steter Tropfen höhlt den Stein; stetes Sparen und sich Bescheiden an der richtigen Stelle fördert das notwendige Umdenken zu einer suffizienzorientierten Wirtschaft.
Diese einfache Lösung könnte ein wichtiger Beitrag zu einer vernünftigen Neuorientierung und Entideologisierung nicht nur der Energie‑, Verkehrs- und Klimapolitik sein.
Das „Sahnehäubchen“ wäre eine eher symbolische Senkung des Preises für das Deutschlandticket: vielleicht auf 56,50 €? Genau die Hälfte von der Tempozahl 113? Das wäre auch erst einmal eine kuriose Zahl. Sie könnte aber zeigen, dass erstens auch der Staat scharf rechnen sollte, ja, muss (nicht nur die kleinen Leute bei Netto), und dass zweitens viele kleinere Maßnahmen, die intelligent an den richtigen Stellen ansetzen und in die richtige Richtung gehen, das Blatt wenden könnten. Ökologisch, fiskalisch und zum Wohle der Allgemeinheit.



